Mit der einen Hälfte von Mrs. Greenbird im Gespräch

30 Minuten mit Sarah Nücken

Foto:  Greenbird Records
Foto: Greenbird Records

von

Gert Holle

Freitag, 12. April 2019. Happy Release Day. Pünktlich um 18:30 Uhr klingelt mein Telefon. „Hallo, hier ist Sarah von Mrs. Greenbird.“  -  Ich erkenne sofort ihre unverwechselbare Stimme, die genauso wie in ihren Liedern klingt. Hoch, glockenklar – wie ich mir die aufgehende Sonne vorstelle, wenn Sie in Tönen gemalt wäre. Und eigentlich könnte jetzt „Long Time No See“ im Hintergrund spielen, der erste Song vom neuen Album „Dark Waters“, das just an diesem Tag herausgekommen ist. Nein, wir haben uns vorher noch nie gesehen oder gesprochen, aber sofort ist ein Vertrautheit da. Wir reden über das neue Album, die bevorstehende Tournee.

 

Zunächst beglückwünsche ich Sarah zu ihrem, wie ich finde, sehr ansprechenden und gelungenen Album. Es müsse doch für sie und Steffen, dem Mann an ihrer Seite, musikalisch, aber auch im Leben, ein ganz besonderer Tag sein? Nach so langer Zeit der Kreativität, der Arbeit ist „Dark Waters“ nun auf dem Markt. „Ja, ich habe die Nacht kaum geschlafen. Ich war richtig nervös. Aber heute haben wir schon einige Termine gehabt, da war nicht einmal Zeit, eine Kleinigkeit zu essen.“ Gerade hätten sie noch einen Auftritt in einem großen Kölner Elektromarkt absolviert. Sie konnte sich abseilen und nun habe sie ein stilles Eckchen im Erfrischungsraum gefunden, damit wir in aller Ruhe telefonieren können. Klar, das gehört zum Geschäft, aber dennoch habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich lasse ein weiteres Kompliment einfließen: „Die letzten Tage hatte ich schon Gelegenheit, mir das Album anzuhören. Es läuft permanent hoch und runter, so begeistert bin ich. Und je öfter ich höre, umso mehr Schätze entdecke ich in den Songs. „Wir haben Erinnerungen wie Kostbarkeiten im Sand vergraben“, so heißt eine Zeile sinngemäß im Lied „One Day in June“, dass schon im letzten Juni als Appetitanreger für das neue Album veröffentlicht worden war. Und ohne Übertreibung, es sind wirklich kleine Schätze, die es zu entdecken gilt.

 „Seid Ihr musikalisch zu euren Wurzeln zurückgekehrt, nachdem euer letztes Album „Postcards“, immerhin schon fünf Jahre her, in Nashville aufgenommen und von einem sehr großen Label betreut worden war?“, will ich wissen. Und Sarah erinnert sich: „Es war sicher die schönste Zeit in unserem Leben bislang. Die Zusammenarbeit mit absoluten Profis, in einer fantastischen Umgebung. Doch es gab auch einen gewissen Druck. Die Songs wurden teils musikalisch fett unterlegt und manchmal klang es für uns nicht so, wie wir uns das ursprünglich vorgestellt hatten.“ – „Mein Gefühl ist, dass ihr musikalisch angekommen seid. In „The Simple Things“ singt ihr davon, dass man das Einfache im Leben manchmal vergisst: „I’ve lost my feet, I’ve lost my arms, I’ve lost my head. I’ve tried to find me …“. – “Das stimmt“, sagt Sarah,“ wir haben jetzt in der Instrumentierung ein wenig reduziert.“ Tatsächlich tut es den Songs gut, ohne den Schlagzeugbackground auszukommen. Die zarte Stimme von Sarah kommt so noch besser zur Geltung. Und Steffen hat bei Liedern wie „Dark Waters“ oder „Midnight Rose“  die Gelegenheit, wundervolle Gitarrensoli einzubauen, wobei er in seinem virtuosen Spiel an Mark Knopfler erinnert.

Neugierig will ich wissen, wie es zu dem Song „1965“ gekommen ist. „Warum sehnt ihr euch in eine Zeit zurück, in der ihr noch gar nicht geboren wart?“ – Nein, darum würde es gar nicht gehen, klärt sie mich auf. „Direkt in der Nähe unserer Wohnung in Köln-Nippes saßen oft Ingrid und Hartmut auf einer Bank vor dem Kiosk und philosophierten darüber, dass früher alles viel besser war, was aber eigentlich nicht stimmt.“

 

„Einige Songs haben Passagen, die einem haften bleiben, beispielsweise in „Careless Heart“ das wiederkehrende „da da da dab da“. Setzt ihr solche Effekte bewusst ein?“ – Sarah erzählt, dass sie ihre Musik aus dem Bauch heraus komponieren. Das sei alles weniger Kopfsache. „Wir schreiben auch nicht die Noten auf. Lediglich Akkorde zum Text. So sind wir im Entstehungsprozess flexibel.“

 

Ob sie ein Lieblingslied auf dem Album habe? „Ganz eindeutig der Titelsong Dark Waters“, antwortet sie. „Ja, fast mystisch kommt er daher. Überhaupt, in den Texten finden sich zahlreiche Bezüge zur Natur: Wasser, Meer, Flut.  Anstöße zum Träumen.“ – Wenn man mitten in der Stadt lebt, sehnt man sich nach Natur. Da muss man auch gar nicht so weit wegfahren.“ Sie erzählt von ihrem letzten gemeinsamen Sommerurlaub in der Nähe von Schwerin. Nahe am Wald haben sie gewohnt, das nächste Haus über 200 Meter entfernt. Natur pur.  Ein Ort zum Wohlfühlen für Mrs. Greenbird und ihre beiden Australian Shepherds namens Fritte und Floppy.  „Es ist schön, wenn sich das Publikum auch für die Texte interessiert.“, freut sich Sarah.

 

Nach den Erfahrungen mit „Postcards“ machen sie nun musikalisch fast alles selbst. Die Lieder in Eigenregie geschrieben, aufgenommen, produziert. Mit „Greenbird  Records" die Gründung eines eigenen Labels. Vielleicht klingt deshalb alles so harmonisch. Und der eine oder andere Part bleibt einem im Ohr. „Als ich heute Morgen aufwachte“, erzähle ich, „hatte ich die Melodie von „Learn How To Love You“ mit dazugehörigen Worten im Kopf. „Love is patient, love is kind“. Klar, ein Theologe wie ich merkt natürlich gleich die Anlehnung an den ersten Korintherbrief, Kapitel 13. „Habt Ihr das bewusst so gemacht?“ – „Wir wollten unbedingt ein Liebeslied schreiben. Aber eigentlich ist ja zu diesem Thema schon so Vieles gesungen worden. So kam uns tatsächlich der Bibeltext in den Sinn, den wir aber noch weitergeführt haben. Was ist nach vielen Jahren des Zusammenseins? Wie geht es mit der Liebe weiter? Deshalb: „I will learn how to love you again.”

 

Fast wie von selbst schließt sich die Frage an, welchen Bezug Sarah und Steffen zum Glauben haben. „Spielt Spiritualität für euch eine Rolle?“ – Ich erfahre, dass Sarah landeskirchlich getauft ist, dass sie aber mittlerweile Mitglied einer Freikirche sei. „Steffen ist in einer Freikirche groß geworden. Ja, Glauben hat für uns eine große Bedeutung. Glaube ist eine Kraftquelle.“ Und in Sichtweite ihrer Wohnung liegt die Kölner Kulturkirche, wo sie im Zuge ihrer am Dienstag (16. April) beginnenden Tournee zu Gast sein werden (29. April). „Wir haben Beziehungen zu dem dortigen Pastor, der zugleich als Manager der Kulturkirche tätig ist.“

 

Über 30 Konzerte wird Mrs. Greenbird im April, Mai, August und in der Zeit vom 23. Oktober bis zum 7. Dezember geben. „Was erwartet die Zuhörer?“ – „Steffen wird mehrere Gitarren dabei haben. Zur Verstärkung wird ein Freund mitkommen, der, ebenfalls Gitarre spielend, Steffen das eine oder andere Solo ermöglicht. Ich werde ein bisschen mit Bongos und Rasseln die Songs  rhythmisch untermalen. Also ähnlich abgespeckt, wie auf dem Album.“

 

„Habt ihr schon eure Koffer gepackt?“, möchte ich noch wissen und erfahre, dass dazu bislang keine Zeit war. „Das wird wahrscheinlich erst Montagabend passieren.“

 

„Liebe Sarah, ich habe neben mir ein paar CDs liegen: Katie Melua, Emmylou Harris, Schiller, Van Morrison „Duets“. Welche würdest Du Dir auf eure Reise mitnehmen?“ – Und ganz spontan, aber bestimmt antwortet sie: „Emmylou Harris“. Und so endet unser Gespräch nach 30 Minuten mit einem Versprechen: „Am 24. April  werde ich euer Konzert in Darmstadt  besuchen und  dir die Emmylou Harris-CD als Dank für unser Gespräch mitbringen. Ich wünsche euch bis dahin einen guten Tourneeauftakt in Hamburg und eine tolle Resonanz auf Deep Waters. Tschüss.“ – Und Sarah verabschiedet sich mit: „Vielen Dank für das kurzweilige Gespräch.“

Mrs. Greenbird "Dark Waters" Tour Daten 2019

16.04.19 Hamburg, Gruenspan  
17.04.19 Kiel, Kulturforum
18.04.19 Cuxhaven, Captain Ahab's Culture Club 
20.04.19 Hoyerswerda, Speicher1
21.04.19 Hoyerswerda, Speicher1 (Zusatzkonzert)
23.04.19 Hannover, Pavillon 
24.04.19 Darmstadt, Centralstation 
26.04.19 Zwickau, Alter Gasometer
27.04.19 Westhofen, Gut Leben am Morstein
29.04.19 Köln, Kulturkirche
03.05.19 Worbswede, Music Hall 
09.05.19 München, Zehner
09.08.19 Xanten, Amphitheater
10.08.19 Ludwigsburg, Kulturgarten Eichen 

23.10.19 Aschaffenburg, Colossal
24.10.19 Karlsruhe, Tempel
25.10.19 Wiltingen, Winzerkeller
29.10.19 Jena, Volksbad
30.10.19 Dresden, Scheune
31.10.19 Leipzig, Moritzbastei
02.11.19 Hildesheim, Bischofmühle
03.11.19 Goltzow, Zickengang
09.11.19 Gaggenau, KlagBühne
10.11.19 AT-Götzis, Kulturbühne
14.11.19 Münster, Hot Jazz Club
16.11.19 Klötze, Klub Drömlig
26.11.19 Unna, Lindenbrauerei
27.11.19 Bielefeldt, Bunker Ulmenwall
28.11.19 Göttingen, Nörgelbuff
06.12.19 Eckernförde, Carls Eventlocation
07.12.19 Bremen, KITO

 


 

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Autor: Gert Holle - 13.04.2019

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