Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis - 15.9.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle


 

Textlesung: Mt. 6, 1 - 4

 

Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

 

Liebe Gemeinde!

 

Dreimal ist hier von "Almosen" die Rede. Wir sagen heute meist Opfer oder Spende dazu. Ich möchte aber einmal ganz bewusst dieses alte, ungebräuchliche Wort benutzen: Almosen. Denn es heißt, wenn wir seinen Wortursprung im Griechischen suchen: "Barmherzigkeit, Erbarmen". Und ich finde, damit sind wir dem Sinn dieser Worte aus der Bergpredigt schon sehr nah! Es geht eben nicht um unser frommes Selbstbewusstsein, das gern "opfern" möchte, vielleicht gar, um Gottes Wohlgefallen dafür zurückzuerhalten. Und es geht nicht um die Haltung des Kaufmanns, der eine Spende gibt, um sie dann dem Steuerberater anzugeben, dass der sie - natürlich mit einer Spendenquittung belegt - von der Steuer absetzt. Nein: "Wenn du aber Almosen gibst...", sagt Jesus. Und indem er das sagt, meint er ein Herz, das um des anderen Willen schenkt, ohne jede Berechnung, nicht um irgendetwas für sich selbst damit zu gewinnen, sondern nur, dass ein anderer etwas davon hat, sich freut, glücklicher wird und besser leben kann.

 

Mir kam dazu eine Geschichte in den Sinn, die ganz wunderbar zeigt, wie das ist, wie es sein soll, wenn wir anderen geben, mit ihnen teilen. Sie zeigt auch, was der Unterschied ist zwischen Opfer oder Spende und einem echten "Almosen".

 

Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war unverheiratet und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten das Feld zusammen und streuten zusammen den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleichgroße Stöße: für jeden einen Stoß Garben. Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der Ältere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht. Er stand auf und nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein.

 

In der gleichen Nacht nun, eine geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen? Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise hinüber zu dem Stoß des Älteren.

 

Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Brüder, und jeder war erstaunt, dass die Garbenstöße die gleichen waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte darüber zum anderen ein Wort. In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe. Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach: Heilig ist mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen!

 

Nicht wahr, eine schöne Geschichte? Sie kann unser Herz rühren - und das soll sie ja auch, denn es geht heute um "Almosen" - "Barm-herzig-keit", das "Erbarmen unseres Herzens" eben.

 

Und es ist wirklich alles darin, was uns Jesus empfiehlt: "Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden..." Heimlich, in der Nacht machen sich die Brüder daran, einer des anderen Garben zu vermehren. Niemand soll es sehen, der Bruder nicht, die Leute schon gar nicht. "Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun... damit sie von den Leuten gepriesen werden..." Nein, sie sprechen auch nicht darüber. Es liegt ihnen nicht daran, dass sie gelobt werden, dass öffentlich bekannt wird, wie gut sie es mit ihrem Bruder meinen, denn diese "...haben ihren Lohn schon gehabt."

 

Ich glaube, wir können da mitgehen. Wir kennen gewiss alle Menschen, deren wichtigstes Anliegen es ist, dass man doch auch gebührend würdigt, wenn sie sich engagieren, wie sie sich in der Gemeinde, dem Verein oder auch in ihrer Nachbarschaft, ihrer Familie einsetzen. Sie tun, was sie tun, damit man ihnen dann aber auch dankt. Und wenn gar etwas über sie in der Zeitung steht, dann sind sie am Ziel ihrer Wünsche. Und wirklich: Das scheint uns dann aber auch Lohn genug zu sein!

 

Trotzdem, wir wollen nicht zu gering von diesen Menschen denken: Sie tun wenigstens überhaupt etwas. Durch sie wird anderen Menschen geholfen - und denen, die Hilfe erfahren wird es wohl oft gar nicht wichtig sein, was die Motive dafür sind. Und es gibt ja wahrhaftig auch genug Zeitgenossen - und es sind auch Christen darunter - die sich nicht übernehmen, ja, sehr zurückhalten, wenn es um Beistand und Nächstenliebe geht.

 

Wie gesagt, soweit können sie sicher mitgehen. Aber stimmt denn auch das?: "Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten."

 

Was war denn etwa bei den zwei Brüdern die "Vergeltung" ihrer guten Taten, einer am anderen? - Vielleicht würden wir hier antworten, was wir - so weltlich diese Zeit auch sein mag - immer (noch) zuerst denken: Sie werden ihren Lohn wohl einmal im Himmel bekommen!

 

Aber ich glaube, auch von einem anderen Lohn, einem in dieser Welt, erzählt uns die Geschichte: "... jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe."

 

Liebe Gemeinde, denken wir nicht zu gering davon! Das ist vielmehr das Schönste, das Größte, was uns widerfahren kann, wenn wir uns füreinander in herzlicher Liebe öffnen! Wenn wir dann sehen dürfen, wie unser Mitmensch sich freut, wie dankbar er ist, wie sein Gesicht zu glänzen beginnt und es in seinen Augen glitzert... Das ist ein großer, ein reicher Lohn! Da wird uns gut vergolten. Das ist mehr, als wenn wir beim Vereinsabend den Beifall der Menge erhalten, oder unsere Spende für die Diakoniestation in der Zeitung erwähnt wird. Und ich behaupte: Wir sehnen uns tief in unserem Herzen viel mehr nach einer solchen "Vergeltung" unserer Liebe, als der kurzen öffentlichen Beachtung, die doch morgen schon wieder vergessen ist. Denn die Liebe, die wir gern, nicht des Lohnes wegen, einem Mitmenschen schenken, die bleibt, die kommt auch zurück und die wächst sogar noch im hin und her der Liebe, sie verdoppelt und vervielfältigt sich in allen Herzen, die an ihr beteiligt sind und von ihr entfacht werden.

 

"...sie umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe." Vielleicht wird Gott ja auch noch einmal in seiner Ewigkeit unsere Taten der Liebe belohnen. Aber diese Momente der Freude, des Dankes und der innigen Zuneigung sind allemal schon ein Stück Himmel auf Erden und wer sie einmal erleben durfte, wird das Gefühl, das er da empfunden hat, sein Leben lang nicht mehr vergessen. Und er wird immer wieder gern so handeln, dass aus Liebe geschwisterliche Hilfe entsteht, herzliche Zuneigung und innige Verbundenheit.

 

Aber es gibt sogar eine weitere "Vergeltung", davon spricht die Geschichte am Ende: "Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach: Heilig ist mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen!" Ich glaube fest, dass wir im Geben von echten "Almosen", wenn wir einander wirklich unsere "Barm-herzig-keit" schenken und unsere geschwisterliche Liebe zuwenden, schon in dieser Welt ein Stück des Reiches Gottes bauen. Denn wo diese Liebe ist, da ist Gott. Und ich glaube auch, dass einmal in Gottes Himmel nur dieses eine Gesetz gelten wird: Die herzliche, geschwisterliche Liebe! Wo wir diesem Gesetz schon hier und heute zur Geltung verhelfen, da wird auch Gott selbst sein.

 

Lasst uns Gottes Gesetz der Liebe, lasst uns dem Reich Gottes mitten in dieser Welt auf die Spur kommen, indem wir einander gern und von Herzen echte "Almosen" schenken: "Barm-herzig-keit" und Liebe, die bei unseren Nächsten wieder Erbarmen und Liebe wecken will und ein Stück des Himmels auf die Erde holt. AMEN

 

(Liedvorschlag nach der Predigt: Wenn das Brot, das wir teilen...EG 632)

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 18.082019

     


Predigt am 14. Sonntag. nach Trinitatis - 22.9.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle


 

Textlesung: 1. Mos. 28, 10 - 19

 

Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.

 

Liebe Gemeinde!

 

Ich denke mir, ein Wort aus dieser Geschichte ist jetzt bei uns besonders gut haften geblieben. Es ist auch ein Wort, das oft als Taufspruch ausgewählt wird. Ich meine dieses: "Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten überall, wo du hinziehst." Ein schöner Vers ist das. Eine Verheißung an Jakob, aber auch an uns. Und es ist ein anstößiger Satz! Genau genommen: Ein starkes Stück! Das muss ich erklären.

 

Wissen sie, dieser Jakob, dem Gott hier seine Führung zusagt, das ist derselbe, der noch am Vortag seinen Vater und seinen Bruder über's Ohr gehauen hat, und zwar in ganz unverschämter Weise. Die Jüngeren unter uns, ja, vielleicht auch die Älteren, erinnern sich noch an die Geschichten aus dem Kindergottesdienst: Der Bruder dieses Jakob heißt Esau, der Vater ist Isaak. Zuerst war da die Sache mit der Linsensuppe: Jakob hatte sich einmal Linsen bereitet. Der Bruder kam hungrig wie ein Wolf von der Jagd nach Hause. "Gib mir von der Suppe", sagt er. Und der gerissene Jakob antwortet: "Wenn du mir dafür dein Erstgeburtsrecht verkaufst, sollst du die Linsen haben." Erstgeburtsrecht - das bedeutete die ganze Erbschaft, die Nachfolge im Familienvorstand, wenn der Vater starb und schließlich bekam man den väterlichen Segen - und der war das wichtigste.

 

Esau verzichtet auf all das - für die paar Linsen. Und Jahre später kommt dann Jakobs größte Schurkerei: Als der Vater Isaak im Sterben liegt, will er noch einmal gut essen. Er schickt Esau los, dass er ein Stück Wild schießt, um es ihm dann zuzubereiten. Dann will er Esau segnen und ihm die Erbschaft übergeben. Aber während der große Bruder auf der Jagd ist, schleicht sich Jakob zum Vater, tut, als wäre er der Bruder, hängt sich Felle über die Arme, um den blinden Vater glauben zu machen, er sei der behaarte Esau. Er verstellt die Stimme, bringt dem Vater ein Böcklein aus seiner Herde, der isst und segnet Jakob, den falschen Sohn.

 

Was geschieht, als Esau von der Jagd zurückkehrt, kann man sich denken, selbst wenn man die Geschichte nicht kennt: Die Wut des Betrogenen kennt keine Grenzen. Er will dem jüngeren Bruder ans Leben. Jakob muss fliehen. Unterwegs zu seinem Onkel Laban, wo er warten will, bis der Zorn des Bruders verraucht ist, kommt er nach Bethel. Dort hat er den Traum von der Himmelsleiter. Dort spricht Gott zu ihm: "Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten überall, wo du hinziehst."

 

Diesen Betrüger Jakob, meint Gott mit seiner Verheißung. Einen, der den Vater getäuscht und die Erbschaft erschlichen hat. Darum sagte ich, dieser Vers ist anstößig und ein starkes Stück. Wird hier nicht die Liederlichkeit gelobt? Soll man's denn nun genauso machen wie dieser Jakob?

 

Liebe Gemeinde, nicht genug damit: Die Bibel hat viele anstößige Geschichten. Gerade Jesus hat einige erzählt, bei denen man nur den Kopf schütteln kann. Denken wir nur: Wie gut kommt bei ihm der verlorene Sohn weg, der sein ganzes Erbteil durchgebracht hat; mit Freuden umarmt ihn der Vater und nimmt ihn wieder bei sich auf. Oder erinnern wir uns an die Arbeiter im Weinberg: Wie kann denn der Weinbergbesitzer denen, die nur eine Stunde gearbeitet haben, den vollen Tageslohn auszahlen? Ist das denn den anderen gegenüber gerecht? Und was Jesus tut und wie er sich verhält, ist ja auch nicht besser: Mit dem Zöllner Zachäus isst er am selben Tisch. Eine Ehebrecherin spricht er frei. Die Tische von ehrenwerten Kaufleuten stößt er um und vertreibt sie aus den Tempel. Und schließlich lobt er die Verschwendung: "Schafft euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!"

 

Was soll man denn zu alledem sagen? Sollen wir uns nur darüber aufregen? Sollen wir vor den Kopf gestoßen werden? - Ich glaube, ein bisschen schon. Die Geschichten der Bibel gehen oft nicht so glatt, nicht so wie wir's erwarten. Vielleicht ist das ja auch gut so?

 

Stellen wir uns einmal vor, die Arbeiter im Weinberg hätten alle den Lohn empfangen, der ihnen nach ihrer Arbeitszeit zustand. - Kein Mensch hätte die Sache interessant gefunden und die Geschichte wäre wohl kaum bis heute überliefert worden. Oder nehmen wir den missratenen Sohn, der sein Erbe durchgebracht hat: Wenn der Vater ihm einen Tritt verpassen würde und ihn für immer fortjagte, dann hätte Jesus so erzählt, wie's jedermann erwartet. - Dann wäre die Geschichte aber auch langweilig und bestimmt nicht 2000 Jahre lang weitergesagt und erhalten worden.

 

Was möchte uns aber dieses anstößige Wort an Jakob sagen: "Siehe, ich bin mit dir..."? Erst einmal sicher das: Ja, es ist unglaublich. Ja, dieser Jakob ist ein Betrüger. Ja, verdient hat er es nicht, dass ich, Gott, ihn segne, ihn behüten will und ihn beschütze. Eigentlich gebührte ihm, dass er seinem Bruder in die Hände fällt, dass der ihn gründlich bestraft, dass er ihm heimzahlt, was er ihm angetan hat. So würden wir's erwarten. So würde es unserer Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit entsprechen. - Aber so würde es uns halt auch keinen Anstoß geben, nicht wahr? Und das wäre doch schade! Denn kommt hier nicht unvergleichlich klar zum Ausdruck, was unser Gott für ein Gott ist? Sein Segen, seine Liebe zu uns Menschen ist nicht davon abhängig, ob wir sie verdient haben! Unser Gott will keine Leute, die vor ihm auf dem Bauch kriechen, um seine Hilfe zu erlangen. Bei unserem Gott stimmt dieses ganze Lohndenken nicht, in das wir so verstrickt sind: Wenn du rechtschaffen, gut, fromm und fleißig bist, dann bekommst du auch ein gutes, schönes, glückliches und erfülltes Leben. So nicht! Vielmehr: genau umgekehrt! "Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten..." Dich, der du's ganz und gar nicht verdient hast, dich, der nicht gut und fromm war, dich, der Betrug, Bosheit und Schuld auf sich geladen hat. Ich, dein Gott, komme dir entgegen, wer immer du bist, was immer du vorher warst, wie immer du bis heute zu mir gestanden hast. Ich, dein Gott, schenke dir heute einen neuen Anfang. Es soll vergangen sein, was gestern war. Ich mache heute den ersten Schritt mit dir, ich schenke dir meinen Segen, meine Führung, meine Hilfe...

 

Ich glaube, das ist der Anstoß dieses Wortes. Es braucht wohl schon ein so starkes Stück wie den Segen Gottes für einen Betrüger wie Jakob. Hätten wir sonst begriffen, wie's dieser Gott mit uns meint? Dass er uns segnet, ohne dass wir es verdient hätten, dass er bei uns ist mit seinem Beistand, selbst wenn wir bis heute nie nach ihm gefragt haben, dass er uns liebt, selbst wenn wir bis zu diesem Tag in Schuld und Bosheit verstrickt sind. Ich bin Gott dankbar für seine zuvorkommende Art. Und ich bin dankbar für dieses anstößige Wort an Jakob. Wie könnte denn besser deutlich werden, dass Gott nicht unser Wohlverhalten belohnt, sondern uns mit Segen, Begleitung und Liebe entgegenkommt? Wie könnte denn klarer werden, dass wir bei Gott nichts verdienen können, als wenn er hier einem Tunichtgut seine Führung und seinen Beistand verheißt?

 

Wer wir auch sind, wie wir auch bisher von Gott und seiner Sache gedacht haben, wie wir auch bis jetzt mit ihm stehen und gestanden haben - heute kommt Gott uns entgegen! Jedem und jeder von uns sagt er ganz persönlich: "Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten überall, wo du hinziehst!" AMEN

 

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 18.08.2019