Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis - 17.6.2018

Foto: Thomas Philipp
Foto: Thomas Philipp

 

 

Textlesung: 1. Jh. 1, 5 - 2, 6

 

Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Vielleicht hätte ich mich um diesen Text drücken sollen, der uns zu predigen vorgeschlagen ist? "Sünde" - das ist ein heikles Thema! Wer mag davon hören?

 

Aber nun verbietet ja der Text selbst, sich um ihn herumzumogeln: "Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns." Wollen wir jetzt so tun, als hätten wir's nicht gehört? Wollen wir uns vormachen, es gäbe unter uns keine Sünde? Dann verfallen wir diesem Urteil: "Selbstbetrug", "die Wahrheit ist nicht in uns!" Ich glaube, das wollen wir auch nicht! Denken wir also über uns nach: Sprechen wir von der "Sünde".

 

Wir tun es ungern. Die Einzelbeichte, in der einer dem anderen seine persönliche Schuld bekennt, führt ein Schattendasein. Kürzlich fragte ein Konfirmand seinen Pfarrer, als über die Sakramente der katholischen Kirche gesprochen wurde: "Gibt es bei uns eigentlich auch ein Beichte?" Der Pfarrer musste mit Ja antworten, dachte aber bei sich: "Wie wenig wird das doch in Anspruch genommen!" Er erzählte den Konfirmanden dann etwas über die gemeinsame Beichte beim Abendmahl, wenn sich die ganze Gemeinde mit einem Ja zu ihrer Schuld bekennt und dann losgesprochen wird. Aber das ist doch etwas anderes: bei einem vielstimmigen Ja mitsprechen oder vor den Ohren eines anderen Menschen über die eigenen Sünden zu reden. Da wird's schwierig! Da haben wir Hemmungen.

 

Warum ist das so? Warum - bei dir und mir ganz persönlich? Wie würden wir antworten? ---

 

Einer weist vielleicht auf den Geist dieser Zeit: Alles ist doch nur Fassade! Es zählt, was einer rein äußerlich darstellt, sein Haus, sein Auto, seine Position, sein Ansehen bei den Leuten, sein Besitz, sein Bankkonto... Was du an inneren Werten mitbringst, interessiert doch keinen. Wenn's nur nach außen hin stimmt und alles proper ausschaut. Wie soll man denn da auf die Idee kommen, von seiner Sünde zu sprechen? Soll man denn aufdecken, dass etwas an uns nicht in Ordnung ist und dem äußeren Schein widerspricht?

 

Ein zweiter deutet vielleicht auf religiöse Gruppen, die fast von nichts anderem reden als von Sünde. Vielleicht hat man ihn so viel und oft auf seine Sünden festgenagelt, dass er irgendwann die Gnade Gottes nicht mehr sehen konnte? Warum soll ich selbst auch noch davon reden, wie rettungslos schlecht ich bin?

 

Ein dritter versucht's von der anderen Seite: Christus ist doch für unsere Sünden gestorben. Also zählt unsere Schuld doch nicht mehr. Warum sollten wir Sünden bekennen, die durch Christi Opfer schon vergeben sind?

 

Eines steht aber fest: Wie immer wir reden, was immer wir uns an Ausflüchten einfallen lassen, uns alle quält unvergebene Schuld vor Gott und den Menschen! Der eine spürt das, wenn er mit angstvollem Herzen, mit äußerster seelischer Pein zum Abendmahl geht - und selbst da nicht froh werden kann. Ein anderer reibt sich auf damit - vielleicht seit Jahren - zu verbergen, was ihn belastet, was ihm die Tage vergällt und was er so gern loswürde.

 

Dabei scheint es doch so einfach: "Wenn wir unsre Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt..." Aber es ist nicht einfach! Am "Bekennen" hängt es bei uns. Und am Er-kennen der eigenen Schuld, denn es heißt weiter: "Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner..." Wie kommen wir hier weiter?

 

Johannes, der uns diese Worte geschrieben hat, ist auch Seelsorger. Er haut uns das nicht bloß um die Ohren - er hilft uns auch, dass wir's befolgen können: "Wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, der gerecht ist." Wir dürfen also davon ausgehen: Einer hat für uns bezahlt, gut gemacht - unser Schuldschein hängt an seinem Kreuz, was immer unsere Sünde ist. - Uns bleibt zweierlei zu tun: Erkennen und Bekennen!

 

Warum sollst du dich nicht zu deiner Schuld stellen können - für die Jesus doch bezahlt hat? Warum sollst du nicht ja zu dir sagen können, wenn du nicht - noch nicht - mit Gott im Reinen bist? Warum hat Gott denn seinen Sohn gesandt und leiden und sterben lassen, wenn nicht um deinetwillen: Weil du Sünder bist!?

 

Wenn du diesen Jesus dort am Kreuz hängen siehst, für dich und deine Schuld, fällt es dann wirklich noch so schwer, das zu erkennen und zu bekennen: "Ja, ich bin ein Sünder!?" Du darfst ja doch gleich hinzufügen: Aber Jesus macht mich gerecht vor Gott!

 

Und da sind wir beim Bekennen: Waren das nicht auch für sie die wichtigsten Gespräche in der Gemeinde, wenn wir uns gegenseitig unsere Schuld bekannt haben? Das fing vielleicht so an: Du, bei mir ist da etwas nicht in Ordnung... Oder so: Weißt du, was mich schon lange bedrückt...?

 

Auch wir selbst haben schon so gesprochen. Keine Spur von Peinlichkeit kam da auf. Der Gesprächspartner war uns ja vertraut. Was soll daran auch peinlich sein, wenn Christen wie Christen reden? Jeder weiß doch für sich selbst: Ich bin auch kein großer Glaubensheld; ich habe auch meine kleinen und großen Fehler! Darum bin ich - wie mein Mitmensch - auf Vergebung angewiesen, eben ein Sünder wie alle Menschen.

 

Jetzt mag einer denken: Das sind doch Sternstunden, wo wir - auch in der christlichen Gemeinde - solche "tiefen" Gespräche führen. Zugegeben: Die Erfahrungen, die wir machen, sind vielleicht nicht ermutigend. Noch nicht. Aber es liegt auch an uns selbst, ob wir und unsere Umgebung uns immer mehr zur bekennenden Gemeinde entwickeln, die auch über das reden kann, was sie quält und belastet und die so herauskommt aus der Oberflächlichkeit. Die Schuld, die ich nicht ausgesprochen habe, bleibt ja doch bedrückend. Wenn ich sie nur immer verberge, ist sie ja nicht wirklich beseitigt. Ich selbst muss und kann das Gefängnis der Sünde aufbrechen. Mit Gottes Hilfe.

 

Das Gebet ist so eine Möglichkeit: "Herr, mein Gott, ich bekenne vor dir, wo ich heute gesündigt habe in Worten und Werken..." Aber eben auch das Gespräch untereinander: "Wie geht's?", fragt uns einer. Warum nicht einmal so antworten: "Im Augenblick nicht so gut. Mich belastet da eine Sache sehr, wenn du ein wenig Zeit hast, würde ich dir gern davon erzählen." Ich weiß, da melden sich bei vielen Vorbehalte: "Aber, man kann doch nicht so einfach..." - "Wer weiß, was der andere damit macht?" - "Soll ich etwa vor andren Leuten...?"

 

Aber gibt es nicht auch genug Menschen, mit denen wir tagtäglich umgehen, die unser Vertrauen verdient hätten? Nur - wir machen halt nie den Anfang! Selbst vor unserem Ehepartner scheuen wir uns ja, über quälende Schuld offen zu reden!

 

Noch einmal, liebe Gemeinde, es gibt für einen Christen keinen Grund, nicht zu seiner Sünde zu stehen. Wir sind alle Sünder und keiner - auch nicht einer! - hat das Recht, sich zu überheben und auf andere herabzublicken. Darum ist Jesus Christus in die Welt gekommen. Für jeden von uns. Wir müssen seitdem nicht mehr bei unserer Sünde stehenbleiben. Wir dürfen - um Christi willen - Gottes vergebender Liebe gewiss sein. Wir können unsere Schuld erkennen und bekennen - vor Gott und den Menschen. Und wir sollten endlich damit beginnen!

 

Dann aber bleibt uns nur noch eines zu tun: Gott für seine Vergebung zu danken, mit unseren Worten, Taten, mit unserem ganzen Leben!

 

Wenn jemand sündigt, so hat er einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. AMEN.

 

 

 


Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Thomas Philipp - 13.06.2018

     


Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis - 24.6.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textlesung: 1. Petr. 3, 8 - 17

 

Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn "wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun" (Psalm 34,13-17). Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

"Seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort..."

 

Ach, wäre das schön! Aber so ist es nicht. Im Gegenteil. Wenn wir einmal hinschauen, was Menschen an Schuld auf sich geladen haben im Laufe der Geschichte: Das Meer von Blut, der Ozean von Tränen, die Grausamkeit! Und oft mit dem Kreuz auf der Fahne! Da führt eine breite Blutspur durch die Jahrhunderte. Über die Heidenmission, oft nicht mit Wasser allein, sondern mit dem Schwert durchgeführt. Über den 30jährigen Krieg, der die Bevölkerung Europas - auch im Namen der Religion - in manchen Landstrichen bis auf 5 % dezimiert hat. Über die großen Kriege unseres Jahrhunderts mit Millionen Toten, Vergasten, Gefolterten und Verjagten... Bis hin zu den Kriegs- und Krisengebieten unserer Tage, dem Morden und Brandschatzen allenthalben.

 

Und immer wieder sind es doch auch gläubige Menschen, angebliche Christen, die zutiefst mit verstrickt sind in das Leid und die Trauer anderer. Die selbst foltern, verjagen, töten, Geiseln nehmen, Waffen herstellen oder mit ihnen ihre Geschäfte machen.

 

"Seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort..." Ach, wenn es nur das wäre, woran es hapert: Dass wir nicht "mitleidig" wären oder "brüderlich" genug. Aber es geht, weiß Gott, um Schuld anderer Größenordnung! Manchmal meint man doch, wenn man die Nachrichten auch nur eines Tages hört und sieht, Gott könnte das nicht mehr länger dulden, er müsste endlich dreinschlagen und dem ein Ende machen, was da alles verübt wird und auch denen, die es verüben.

 

Aber bevor wir uns nun vielleicht doch mit einem Seufzer in unserer Bank zurücklehnen und denken: Gemessen daran sind wir ja nicht so schlecht, möchte ich noch das hinzufügen: Einmal geschieht auch in unserer Nähe sehr viel Böses, oft müssen wir es leiden, oft sind wir aber auch die, durch die andere leiden müssen, schwere Stunden oder großen seelischen Schaden haben. Zum andern wissen wir doch: Schon wer seinen Bruder oder seine Schwester einen Narren nennt, ist nach den Worten unseres Herrn "des höllischen Feuers schuldig"! - Wie gut fühlen wir uns noch, wenn wir das ernst nehmen? Und schließlich müssen und wollen wir doch auch darüber hinaus kommen! Das kann doch wohl nicht unser Alibi sein, dass wir nun auf die Bosheit anderer, die übergroße Schuld zu allen Zeiten der Weltgeschichte weisen und sprechen: Warum soll ich denn da noch bei der Wahrheit bleiben, nicht meinen eigenen Vorteil suchen, den geraden Weg gehen, wo ein krummer Weg mehr Gewinn verspricht? Ich glaube, so können wir nicht sein. Wenigstens wir möchten doch aufrichtig bleiben. Wenigstens an uns sollen die Mitmenschen einen Halt und einen echten Nächsten finden. Wenigstens du willst in Jesu Spur bleiben. Wenigstens ich will einer sein, an dem Gott Freude hat.

 

Aber da ist auch wieder die andere Seite: Es kann schon den Mut nehmen, tagtäglich sehen zu müssen, wie skrupellos Zeitgenossen über das Leid und manchmal die Leichen anderer hinweggehen. Nicht dass uns das dazu führt, nun auch rücksichtslos und gemein zu werden, aber es kann uns leicht unwichtig und gleichgültig erscheinen, ob wir nun gut und christlich oder schlecht und gottlos handeln. Dann fragen wir vielleicht: "Was kann denn ich schon ausrichten - bei aller Bosheit unserer Tage!?"

 

Vor dem Hintergrund dieser Gedanken ist mir ein anderer Vers aus dem Predigttext für heute wichtig geworden: "Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet!" Mögen es auch vielleicht nur wenige sein, die in unserer Zeit der Sache Gottes treu bleiben, ihr Tun wird von Gott gesehen! Mag die Schar der Gläubigen auch abnehmen, umso wichtiger wird es doch, was sie von Gott reden und wie sie aus ihrem Glauben heraus handeln. Es ist ja gerade umgekehrt, wie wir zuerst denken: Was die echten Christen in der Welt tun und lassen, wird nicht immer unwichtiger, je kleiner ihre Zahl ist, sondern immer bedeutsamer!

 

Und da fiel mir wie eine Illustration zu diesen Worten die Geschichte von "Abrahams Fürbitte für Sodom" (1. Mose 18) ein. Wir haben sie ja vorhin als Schriftlesung gehört. Diese uralte Erzählung beginnt mit einem Zwiegespräch zwischen Gott und Abraham. Abraham bittet Gott, ob er die sündige Stadt Sodom nicht um der 50 Gerechten willen verschonen könnte, die vielleicht in ihren Mauern wohnen? Gott sagt es zu. Dann bittet Abraham für 40 Gerechte, die es vielleicht nur sind, dann für 30. Immer wieder gibt Gott nach. Ja, er lässt sich - sozusagen - auf 10 Gerechte herunterhandeln. Wir wissen, dass die Stadt doch zerstört wurde. Es waren also nicht einmal 10 Gerechte in ihr zu finden. Aber es geht um etwas anderes: Gott hätte die Stadt verschont, wären es auch nur 10 Gerechte gewesen, die in ihr wohnten. Wir können also nicht mehr sagen: Was bedeutet das schon, ob ich nun noch bei Gottes Sache bleibe, ob ich mich nun noch um das Gute und Rechte bemühe, ob ich noch meinem Glauben entsprechend lebe? Alles ist vielleicht daran gelegen! Ja, mit der Geschichte von Sodom können wir sagen: Das bin vielleicht gerade ich, um dessentwillen Gott auch den Menschen in meiner Umgebung noch Zeit lässt! Nur weil es in diesen Tagen noch die paar guten Menschen gibt, vertilgt Gott nicht die ganze Menschheit von der Erde.

 

Wem das jetzt nun doch zu hoch gegriffen ist, dem halte ich entgegen: "Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet!" Es sind nicht die Großen, die Mächtigen, die Gewaltigen, die Reichen an Geld und Einfluss, derentwegen Gott die Weltgeschichte noch weiterlaufen lässt. Es sind - meiner festen Überzeugung nach - die Wenigen, die Kleinen, die Geringen - aber Gerechten! - um derentwillen Gott noch kein Feuer regnen und sein Gericht noch nicht über uns kommen lässt.

 

Und bei "Gebet" fällt mir noch etwas ein, was ich immer wieder gerne denke: Ob es nicht wirklich die Beter sind, die vielen anderen, die das gar nicht wissen oder auch nur ahnen, das Leben erhalten und damit die immer neue Möglichkeit, doch noch zu Gott zu finden!? Wie Abraham für Sodom treten sie für die Mitmenschen ein, die selbst nicht mehr beten, nicht mehr glauben, nicht mehr die Sache Gottes hochhalten! Und wer weiß, vielleicht gab es ja auch in unserem Leben Zeiten, über die uns nur das Gebet anderer gebracht hat. Hätte alles an uns gelegen, an unserem Verhalten und Verdienst, wir wären untergegangen - wie Sodom. Wie alle Menschen vor Gott ihr Leben Jesus Christus verdanken und seinem Opfer am Kreuz, so verdanken wir vielleicht unser Leben der Fürbitte und der Fürsprache unserer Mitmenschen. Und wir verdanken ihnen damit, was wir heute sind, unseren Glauben, was aus uns einmal wird, unsere ewige Zukunft.

 

"Seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort... Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet!"

 

Nein, es ist ganz und gar nicht unwichtig, ob wir uns noch bemühen, brüderlich und barmherzig zu sein! Daran hängt vielleicht die Welt und dass auf dieser Erde doch noch Menschen leben dürfen. Laut genug schreit ja das Blut und das Leid von Milliarden Opfern und gewaltsam Getöteten zu Gott. Milliarden und Abermilliarden Gründe gibt es für Gottes Zorn - zwischen Golgatha und Ausschwitz. Aber Gott sei Dank: Gott sieht die Gerechten. Er hört ihr Gebet. Welch ungeheure Macht ist ihnen gegeben! Welche Verantwortung! AMEN.

 


Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle- 14.06.2018