Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis - 16.7.2017

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

 

Textlesung: Jh. 1, 35 - 42

 

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

So ein bisschen fragt man sich schon bei diesen Versen, was denn ihr "religiöser Nährwert" sein soll. So habe ich auch recht lange vor diesem Text gesessen, ohne dass mir aufgegangen wäre, was er uns vielleicht sagen möchte. Aber dann habe ich doch etwas gefunden, das kann uns schon eine gute, wichtige Botschaft für unser Leben ausrichten. Ich meine dies: "Wir haben den Messias gefunden!" So sagt Andreas zu seinem Bruder, der uns als Petrus bekannt ist. Und wenig später dann spricht Jesus zu diesem Bruder des Andreas: "Du bist Simon; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels." Und "Fels" wiederum heißt nichts anderes als "Petrus" - und das ist ja sein Name geworden.

 

Ich weiß nicht, ob ich da vielleicht ein bisschen zu viel hineinlege, aber könnten wir jetzt nicht sagen: Auch wir müssen in unserem Leben den "Messias", den "Gesalbten" oder den "Christus" finden, dann können auch wir zu einem "Kephas", einem "Petrus", also einem "Felsen" werden? - Aber das sind bis jetzt nur Worte und Wortspiele, was könnte das in unserem Leben heißen?

 

Oft wird ja etwas deutlicher, wenn wir es sozusagen einmal von der anderen Seite her betrachten. So erkennen wir vielleicht erst, wenn wir krank werden, wie gut und dankenswert das doch gewesen ist, gesund zu sein. Oder wenn uns ein Mensch verlassen hat, wissen wir erst so ganz, wie sehr wir ihn geliebt haben und was wir an ihm hatten. So wollen wir jetzt auch zuerst einmal ein Leben betrachten, das den Messias Jesus Christus (noch) nicht gefunden hat:

 

Ein Mann, er ist heute 45 Jahre alt, ist als Kind getauft worden, wie die meisten Christen. Mit 14 wurde er konfirmiert, wie fast alle; und er gehört auch zur Kirche, wie immer noch die Mehrheit der Menschen in unserem Land. Aber irgendwie ist die Verbindung mit Gott und mit Jesus Christus nach der Konfirmation abgerissen. Er fand das damals nicht verkehrt, was der Pfarrer in der Konfirmandenstunde erzählt hat, aber so richtig begeistern konnte es ihn auch nicht. Und vor allem: Es war ihm in den kommenden Jahren einfach nicht wichtig. Es spielte für ihn keine Rolle in seinem Beruf und in seiner Freizeit und im privaten, persönlichen Leben eigentlich auch nicht. Gewiss hat er seine zwei Kinder taufen lassen und konfirmiert wurden sie auch - aber alles, was die religiöse Erziehung anbelangt, hat er immer gern der Frau, den Lehrern in der Schule und dem Herrn Pfarrer überlassen.

 

Heute also ist er 45! Nach den Jahren, in denen er das Häuschen gebaut und an seiner beruflichen Karriere gearbeitet hat, ist jetzt eine gewisse Ruhe in sein Leben gekommen. Manchmal empfindet er das allerdings mehr als Stillstand. Er ist da, wo er immer hinkommen wollte. Er hat erreicht, was seine Ziele im Leben waren. Sicher, Teneriffa hätte er immer gern mal besucht - aber das wird er wohl in den nächsten Jahren nachholen können, jetzt, da die Kinder auf eigenen Füßen stehen. Aber sonst? Was kommt noch? Was sollte er noch machen? Vor allem: Wie könnte er das Gefühl der Leere aus seinem Kopf, seinem Herzen und seinen Tagen verbannen? Denn wirklich, das empfindet er in letzter Zeit immer deutlicher, irgendetwas fehlt ihm! Ist das vielleicht der Sinn bei allem, was er tut und die Freude an allem, was er heute genießen darf und erreicht hat?

 

Bis jetzt kann er diese Gedanken und Gefühle immer noch im Zaum und in Grenzen halten, aber er spürt es jeden Tag mehr: Lange kann er nicht mehr so weitermachen! Er braucht einen Inhalt für sein Leben! Er will wissen, wofür er da ist! Er möchte klare Aufgaben und Ziele. Es quält ihn immer wieder und immer stärker die Frage: Was ist mein Auftrag im Leben? Wer braucht mich...noch? Wem - außer meiner Frau - bin ich nötig, so dass ich ihm fehlen würde, wenn ich nicht mehr da wäre?

 

Liebe Gemeinde, wir wollen das jetzt einmal nicht oberflächlich mit der "Krise in der Mitte des Lebens" bezeichnen und dann leichthin abtun, als wäre das Problem, wenn wir ihm einen Namen gegeben haben, auch schon gelöst. Nein, das Benennen allein hilft gar nichts, denn diese Gedanken sind denen, die sie haben, ja doch eine große Not. Diese quälende Suche nach Sinn, Halt und Mitte des Lebens, gibt es ja wirklich, und sie kann alles Schöne, alle Freude und alles Glück unserer Tage überlagern und in den Hintergrund drängen! Und dann: Vielleicht haben wir uns ja selbst in diesem Mann und seinen Gefühlen wiedererkannt, auch wenn wir noch jünger oder schon älter sind als er? Dann wollen wir erst recht wissen, wie ihm, wie uns zu helfen wäre?

 

Warum soll ich darum herumreden? Die Auskunft, die uns hier gegeben wird, ist doch klar und deutlich: Wir müssen in unserem Leben den "Messias", den "Christus" finden, dann können auch wir zu einem "Petrus", also einem "Felsen" werden! Wie aber könnte das geschehen - bei dem Mann, über den ich eben erzählt habe?

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Seine Lage ist nicht verzweifelt und schon gar nicht aussichtslos! Er hat viele Möglichkeiten! Zuerst fällt mir ein, dass er vielleicht wieder einmal beten könnte! Das Gebet ist ja für Menschen, die schon Erfahrung mit ihm haben, eine immer wieder ganz erstaunliche Sache und eine große Hilfe bei allem, was sie bedrückt und ihnen Kummer macht. Unser Mann wird beim ersten Mal gewiss nicht gleich zu der Sache kommen können, um die es ihm am meisten geht, aber warum sollte er nicht vielleicht so beginnen: "Lieber Gott, wie viele Jahre ist das eigentlich her, dass ich nicht mehr mit dir gesprochen habe. Ich bin ganz aus der Übung, aber hilf mir doch, dass ich wieder zu dir finden kann, wieder Vertrauen zu dir kriegen und etwas mehr in deine Nähe kommen kann. Und verzeih' mir doch, dass ich so lange nicht nach dir gefragt habe, und schenk mir einen neuen Anfang."

 

Beim nächsten Händefalten geht es schon leichter. Und er kann vielleicht auch schon davon sprechen, dass er den Sinn in seinem Leben vermisst und so gern wüsste, wo er gebraucht wird und was seine Aufgabe sein könnte in den kommenden Jahren. Ich bin ganz sicher, dass er nicht ohne Antwort bleiben wird! Jedes Beten wird erhört! Nicht immer so, wie wir's denken und uns wünschen, aber es wird erhört!

 

Und der Gottesdienst fällt mir natürlich noch ein! Da könnte der Mann auch wieder in Beziehung kommen mit Gottes guter Botschaft und mit ihm selbst, der Mittelpunkt all unseres Feierns, Verkündigens und Hörens in der Kirche ist! Der Schritt über die Kirchenschwelle ist auch nur beim ersten oder zweiten Mal schwierig. Man denkt da wohl auch zu sehr darüber nach, was denn die Leute meinen und reden mögen, wenn wir auf einmal in die Kirche kommen. Aber ist das nicht eigentlich völlig gleichgültig, was Menschen davon halten und wie sie davon sprechen? Wenn dabei doch vielleicht der neue Beginn mit Gott auf dem Spiel steht und eine gute Wende unseres Lebens, Glück, Freude, erfüllende Aufgaben. Wir, die vielleicht ein bisschen mehr als andere den Weg in dieses Gotteshaus finden, müssen uns ja allemal sagen, dass es auch nicht unser Verdienst ist, wenn wir gern hier sind, sondern Gottes Geschenk, der uns hierher gerufen und bis heute in seiner Nähe gehalten hat! Da werden wir es doch nicht anderen schwer machen, die noch nicht so weit sind!

 

Auch beim Gottesdienst glaube ich auf jeden Fall, dass er nach ein paar Mal schon für sich selbst spricht und wirbt! Das war noch immer so, dass wir sehr bald auch schätzen lernen, was wir hier als Sinn und Botschaft, als Auftrag und Ansporn mit nach Hause nehmen können.

 

Und auch die Gemeinschaft mit anderen Christen könnte dem Mann, von dem ich erzählt habe, helfen - und uns anderen genauso: Mit anderen Menschen, denen die Sache Gottes wichtig ist, treffen wir am Besten in der Gemeinde zusammen! Und eben nicht nur beim Gottesdienst am Sonntag, auch beim Bibelkreis, im Frauenabend, im Kirchenchor oder wo sonst wir uns zum Hören auf Gottes Wort, zu Gebet, Gesang, Spiel oder zu fröhlichem Miteinander versammeln. Und bei alledem ist immer nur das erste Mal ein (kleines) Problem: Wenn wir nicht wissen, was uns erwartet. Wenn wir denken, man könnte uns vielleicht groß anschauen und sich wundern, dass ausgerechnet wir... Vielleicht aber werden wir auch staunen! - wenn es nämlich ganz anders ist, als wir dachten, wenn wir gleich herzlich aufgenommen werden und sich alle freuen, dass wir (endlich) gekommen sind!?

 

So - und vielleicht noch durch manche andere Möglichkeit, die Gott uns schenkt - kann der Mann, von dem ich gesprochen habe und können auch wir anderen in unserem Leben Jesus Christus finden und zu einem "Petrus" werden, einem "Felsen", der stark und fest bei dem ist und bleiben kann, was Gottes Sache in dieser Welt vollbringen will: Menschen mit sich verbinden in Gebet und Gemeinschaft, Menschen bewegen, dass sie einander helfen und stützen, Menschen Aufgaben und Aufträge geben, dass sie Sinn in ihrem Leben finden und wissen, wofür sie da sind und wer sie braucht.

 

Ich wünsche dem Mann, der bis heute auf der Suche nach dem wahren Glück, nach Erfüllung und Freude ist, dass er Jesus Christus in seinem Leben entdeckt, ihm nachfolgen kann und unbeirrbar und fest wie ein Felsen seinen Halt, die Mitte seiner Tage und seine ganze Zukunft auf ihn gründet. Uns anderen wünsche ich das auch! AMEN

 

******************************Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Archiv

 


Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis - 23.7.2017

Foto: Archiv
Foto: Archiv

 

 

 


Textlesung:
5. Mose 7, 6 - 12

 

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Das ist heute gar nicht so einfach, diese Verse für uns zum Sprechen zu bringen. Da gibt's ja gleich einige Einwände, die wir vorbringen könnten: Zum Beispiel, dass dieser Text gar nicht für uns bestimmt war, ist schon der erste Einwand. Denn wie alt sind diese Verse doch! Bestimmt über 3000 Jahre sind vergangen, seit Gott sein Volk so angesprochen hat.

 

Und dann eben dies: Es ist sein Volk, "Israel", das Gott hier meint. Das Volk Abrahams, Isaacs und Jakobs. Das Volk des Alten Testaments, und des Bundes, von dem ja in dieser Geschichte erzählt wird.

 

Das stärkste Argument dagegen, dass uns dieser Text gilt, liegt allerdings in seinem Inhalt: Wo wäre denn das Verhältnis Gottes zu uns so eng, dass er wirklich mit uns lebte, uns durch die Wüsten unserer Tage begleitete und überhaupt eine so enge Beziehung mit uns hätte und einen Umgang, wie hier beschrieben, mit uns pflegte?: Dass er wirklich einen Bund mit uns schließt, wie es unter Menschen üblich ist. Dass er seine Menschen aus der Gefangenschaft führt, dass er liebt und schwört und vergilt und überhaupt so viele Züge hat, wie Menschen sie haben? Ist Gott wirklich so - und dann: Kann und darf man überhaupt so von ihm reden?

 

So ganz einfach wollen wir es uns jetzt nicht machen, dass wir sagen: Das ist doch ein alttestamentlicher Gott, von dem wir hier hören. Wir beziehen uns doch auf Jesus Christus und wir haben doch den neuen Bund, das Neue Testament. - Ich muss eigentlich immer eher staunen - und auch heute wieder! - wie sehr dieser Gott des Alten Testaments doch schon die Züge des Vaters Jesu Christi trägt!

 

Aber lassen Sie uns doch einen Augenblick einfach einmal so tun, als wären das doch Worte an uns. Legen wir alle Vorbehalte einen Moment beiseite und sehen wir, was diese Verse uns dann sagen könnten:

 

Du bist Gott heilig, sagen uns diese Verse. Gott hat dich erwählt. Du gehörst Gott. Er hat dich zu seinem Eigentum bestimmt. - Ich muss dabei an meine Taufe denken. Ich weiß nicht, ob sie Ihnen auch einfällt. Aber das liegt heute - an diesem 6. Sonntag nach Trinitatis - ja nicht so fern. Heute drehen sich schließlich alle Texte, alle Gebete, alle Lieder irgendwie um die Taufe.

 

Ich höre also: Ich bin von Gott erwählt. Ich bin ihm heilig. Und ich spüre auf einmal, wie ich aufatme und die angstvollen Gedanken, die mir doch auch immer wieder im Kopf herumgehen, verfliegen. Ich gehöre Gott! Er hat über mir seinen Anspruch und seinen Segen gesagt. Es kann mir in meinem Leben viel begegnen, aber doch nichts, was diesen Segen wirkungslos machen kann. Gottes Segen wird mich hindurchtragen durch alle dunklen Täler meiner Zeit, durch die Wüsten meiner Jahre und wird mir dann Kraft und Mut geben, wenn es steil wird und ich schwach werde. Und dieser Gott wird mich nie verlassen und mich nicht an das Vergessen, nicht an Tod und Teufel verlieren. Ich gehöre ihm - ewig!

 

Aber es geht weiter in diesen Versen und den Gedanken, die sie uns sagen: Nicht hat der Herr dich angenommen, weil du größer wärest als andere Menschen, sondern weil er dich geliebt hat. Ist das nicht, als würde Paulus hier sprechen, der damit die Predigt Jesu zusammenfasst: Aus Gnade seid ihr gerettet worden und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es! (Eph. 2,8) Ich höre also auch hier schon, dass ich keine Verdienste vorzuweisen habe vor Gott, dass mich nichts, gar nichts würdig macht vor ihm, groß, ansehnlich oder auch nur rechtschaffen. Wir sind allzumal Sünder, sagt Paulus. Du bist im Gegenteil das kleinste unter den Völkern, lesen wir bei Mose. Es ist Gottes freier Gnadenwille, wenn er uns annimmt. Wir haben nichts geleistet und wir können nichts leisten. Alle unsere Gaben kommen ja doch von Gott her. Unser ist nichts. Ein Recht - gibt es nicht. Einen Anspruch - haben wir nicht. Ein Mensch verdient nichts, gar nichts - außer dem einen: Jesus Christus.

 

Aber lesen wir weiter in diesen uralten Versen: Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und erlöst von der Knechtschaft... Hier wird es jetzt vielleicht für manche unter uns schwierig. Das war ja schon vorhin die Frage: Führt uns Gott wirklich? Befreit er uns, greift er überhaupt so deutlich in unser Leben ein? Handelt er an uns, so dass wir es spüren können?

 

Mir kamen dazu zwei Dinge in den Sinn, das erste ist persönlich, das zweite hat mit uns allen zu tun: Immer einmal abends, wenn ich nach einem Arbeitstag zur Ruhe und mir die Erinnerungen an frühere Zeiten meines Lebens in den Sinn kommen, entstehen in meinem Kopf solche Gedanken: Gab es für mich nicht schon Zeiten, in denen ich unsicher war, ob für mich die Zukunft gut wird, ob ich meinen Platz im Leben finde und ob ich mein Auskommen und einen lieben Partner haben werde. Und jetzt, heute, darf ich so vieles von dem genießen, was ich mir einmal gewünscht und ersehnt habe. Und vor diesem Hintergrund, muss ich zu mir selbst sagen: Vergiss nicht, dass es auch hätte anders kommen können. Vergiss nicht wie viele nicht haben und nie haben werden, was du hast!

 

Das zweite, was mir einfällt, ist eine Erfahrung, die ich schon häufig mit anderen Menschen in meiner Umgebung gemacht habe. Dutzende von Beispielen wüsste ich, aber ein paar mögen genügen Ich will Sie dazu etwas fragen: Wissen Sie noch, was Sie da haben, wenn es hier im Ort eine Kirche gibt und einen Gottesdienst - jeden Sonntag - in dem Sie Kraft schöpfen dürfen und Trost erhalten? Und unsere Kirche dient uns auch für unsere Trauerfeiern, die wir in ihr geschützt vor Sonne und Wind, Regen und Kälte halten dürfen. Und es sind dann auch nur ein paar Schritte zum Friedhof. Und wissen Sie noch, was Sie da haben, wenn in manchen Straßen noch die Nachbarschaft funktioniert, die Gemeinschaft noch lebt, einer nach dem andern fragt und sieht und einfach einmal zu Besuch kommt?

 

Was ich damit sagen will ist sicher deutlich: Alles, wirklich alles wird uns mit der Zeit ganz selbstverständlich. Wir merken es oft gar nicht mehr, wie wir die größten Gaben dann achtlos und vor allem ohne Dank hinnehmen, als wären sie nichts. Und manchmal ist es dann so, dass wir die Geschenke unseres Lebens erst dann wieder würdigen können, ja, überhaupt wahrnehmen, wenn sie uns genommen wurden.

 

Und genauso auch hier: Gott hat dich aus der Knechtschaft herausgeführt! Nehmen wir dieses Wort doch jetzt als die Beschreibung unseres Lebens: Frei sind wir. Reich sind wir. Unser Auskommen haben wir und großen Wohlstand! So viele gute Gaben sind in unseren Händen! Frieden haben wir! Durch Gesetze ist unser Leben, unser Leib und unsere Habe geschützt. Freude wird uns täglich geschenkt, und auch leidlich gesund sind wir doch - gesünder jedenfalls als manche Mitmenschen. Haben wir da nicht die "mächtige Hand" Gottes erfahren? Von wo soll das alles denn sonst herkommen, wenn nicht von ihm? Nur: Vielleicht ist es ja schon längst klein geworden für unsere Augen, unbedeutend und nicht der Beachtung wert - weil wir es ja schon gar nicht mehr anders kennen!?

 

Liebe Gemeinde, nein, ich kann nichts Altes, Überholtes und nichts, was für uns nicht gemeint wäre, in diesen Versen entdecken! Wie in unsere Zeit gesprochen höre ich diese Worte. Direkt an dich und mich gerichtet sagen sie uns:

 

Ich habe mit dir bei deiner Taufe einen Bund geschlossen. Du bist mir heilig. Ich habe dich erwählt. Du bist mir unendlich wertvoll! Aber nicht weil du so groß oder würdig wärest! Allein weil ich dich lieb habe. Ich habe dich aus der Knechtschaft geführt in die Freiheit meiner Kinder! Ich versorge dich noch täglich mit allem, was du zum Leben brauchst. Das will ich tun bis ins Alter - ja, bis in Ewigkeit.

 

Ist es vor dieser großen, unverdienten Verheißung Gottes nun zu viel verlangt, wenn wir zum Einschlagen aufgefordert werden?: So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten.

 

Wie werden wir uns verhalten? Nehmen wir seinen Bund an - heute neu? AMEN

 

*************************

Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Archiv - 4.07.2017