Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis - 15.7.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textlesung: Phil. 2, 1 - 4

 

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

da möchte man sich schon gern andere Worte suchen, über die man predigt! Das mag ja bei den Philippern so gewesen sein, aber bei uns - da stimmt das doch einfach nicht: Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit... Ich weiß es wohl, gern wollen wir das nicht hören. Wir blenden am Sonntag ja auch meist aus, wie wir die Woche über leben und was wir so erleben müssen. Aber ganz ehrlich: Wo ist denn da "Ermahnung in Christus"? Wo haben wir denn "Gemeinschaft des Geistes" und "Barmherzigkeit"? Allenfalls die "Liebe" spielt doch in unserem Alltag eine mehr oder weniger große Rolle, aber selbst die ist hier anders gemeint, nämlich als Liebe Jesu Christi, die uns bewegt und füreinander aufschließt! Und wo - wenn wir ehrlich sind! - erfahren wir diese Liebe denn in unserem Leben, außer eben dass wir von ihr in einer Predigt hören - wie jetzt?

 

Aber das geht auch noch so weiter: ...macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Fällt uns das nicht schon in unseren Partnerschaften und Ehen schwer? Haben wir nicht unsere rechte Mühe damit in der Familie? Und da sollen wir sogar noch in der Gemeinde einen Sinn und die einende Liebe Jesu haben?

 

Und der Gipfel dieser Forderungen ist ja wohl dies: Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. Wirklich: Wie aus einer anderen Welt erscheinen uns diese Empfehlungen!

 

Was tun wir also jetzt damit? Legen wir diese Worte beiseite und sagen: Sie sprechen nicht zu uns, nehmen unsere Situation nicht auf, überfordern uns und bringen uns daher nicht weiter? -

 

Es gibt noch einen anderen Weg, den möchte ich uns jetzt zeigen:

 

Irgendwie wünschen wir uns das doch, was diese Worte beschreiben. So müsste es sein! Ein Geist unter uns, Liebe Jesu Christi, Erbarmen miteinander, Demut, Uneigennützigkeit, Dienst einer für den anderen. Und was wir uns wünschen, ja, vielleicht ersehnen, das werden wir doch auch gerne fördern, dafür wollen wir doch gewiss auch etwas tun?! Und - wie so oft - es kann und muss ja auch bei uns anfangen, dass Liebe, Barmherzigkeit und Demut unter uns einziehen! Von selbst kommt das nicht, nur weil wir davon hören und uns vielleicht danach sehnen! Einer, eine muss anfangen. Warum nicht wir?

 

Achten wir also noch einmal auf diese Worte. Gehen wir ihnen entlang und fragen wir uns, was sie für uns ganz persönlich bedeuten könnten und wie wir sie in unserem Leben befördern und erfüllen können:

 

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit...

 

Wie schwer fällt uns das, einander zu ermahnen! Und wie viele ausgewachsene Gemeinheiten tun die Menschen - auch in unserer Nähe! - einander an. Aber warum sagen wir dem Ehebrecher nicht, wie unmöglich wir sein Verhalten finden, seiner Frau, seinen Kindern gegenüber? Haben wir Angst, dass er uns fragt, was uns das denn angeht und ob wir meinen, dass wir besser wären? Warum stellen wir die Schwätzerin nicht zur Rede, die immer nur böse Gerüchte über andere verbreitet, von denen wir wissen, dass sie nicht wahr sind? Fürchten wir, sie könnte auch über uns schlecht zu reden beginnen? Wenn wir aber schweigen, wird vielleicht auch kein anderer den Mund aufbekommen! Wenn wir nicht einmal allen Mut zusammennehmen, wird vielleicht nie aufhören, was doch böse ist und Menschen kränkt und ihnen wehtut! Ich glaube, "Ermahnung in Christus" finge damit an, dass wir einmal die Folgen für uns selbst beiseitelassen und sagen, was gesagt werden muss und tun, was wir um Christi willen tun müssen!

 

Und da merken wir es doch jetzt: Das wären schon erste Schritte auf dem Weg zum "Trost der Liebe", zur "Gemeinschaft des Geistes", zu "herzlicher Liebe und Barmherzigkeit"! Denn das würde gewiss die Menschen trösten, die unter der Bosheit und der Untreue, dem Geschwätz und der üblen Nachrede anderer leiden, wenn sie an uns erfahren könnten: Da macht einer den Mund auf. Da gibt es eine, die findet nicht in Ordnung, was mir angetan wird! Ich meine überhaupt, wir vergessen meist oder zu oft die Opfer! Wir sehen vielleicht noch den, der anderen dunkle Stunden bereitet oder sogar ihr Leben zerstört, wir wenden unsere Aufmerksamkeit denen zu, die über andere Böses erzählen und ihren Ruf schädigen. Was die aber mitmachen, die Bosheit, Untreue oder schlechtes Geschwätz selbst erleiden müssen, scheint uns nicht so sehr zu interessieren! Denn interessierten uns diese Menschen, dann würden wir mit ihnen fühlen. Und fühlten wir mir ihnen, dann müssten wir uns zu ihnen stellen und für sie eintreten! Da entstünde dann neben dem "Trost der Liebe" auch "Gemeinschaft im Geist" und andere könnten etwas von "herzlicher Liebe und Barmherzigkeit" an uns spüren.

 

Liebe Gemeinde, wenn wir erst einmal so weit gekommen sind auf dem Weg, dann sind auch diese Empfehlungen und dass wir ihnen entsprechen nur noch ein paar Schritte weiter: Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

 

Ist das nicht ein wunderbarer Gedanke, dass wir in unserer Gemeinde, aber auch in unserem Zusammenleben als Mitmenschen, Kollegen, Nachbarn oder auch Mitbürger im selben Dorf (in derselben Stadt/demselben Stadtviertel) mit gemeinsamem Bemühen den "Eigennutz" eindämmen? Wir wissen es doch ganz tief in unserem Herzen, dass eine Freude, an der auch andere teilhaben, noch viel größer und schöner wird. Und wir freuen uns selbst doch auch viel mehr an dem, wovon auch andere noch etwas abbekommen! Beispiele? Mir fallen dazu die Familienfeste früherer Zeit ein, an denen ganz selbstverständlich auch die Nachbarn, die man nicht hatte einladen können, ein paar Stück Kuchen gebracht bekamen. Und ich denke an den Brauch, dass wir, wenn uns ein Kind geboren worden ist, am Arbeitsplatz oder in unserem Verein den anderen aus lauter Freude "einen ausgeben"! Aber auch mit anderen Gaben, die wir haben, gehen wir gern zu anderen, dass sie sich mit daran freuen: Wenn wir gut reimen können, dann helfen wir ihnen beim Geburtstagsgedicht für den Vater. Wenn wir handwerklich geschickt sind, dann machen wir des Nachbars Gartenzaun zu einem Blickfang und Augenweide. Und bei alledem spielt einmal das Geld überhaupt keine Rolle! Aus Freude tun wir das - zur Freude!

 

Und die "eitle Ehre"? Die ist im Grunde ja auch nicht so wichtig, dass wir sie unbedingt haben müssten! Meist trennt sie uns ja auch mehr von den Menschen, als dass sie uns zusammenschließt! Es ist doch viel schöner, dass die Menschen uns einfach gern haben, unsere Nähe suchen und unsere Meinung gelten lassen und hören wollen, als dass sie uns hofieren und am Ende noch unterwürfig die Ehre geben! Wärme muss zu spüren sein zwischen den Menschen! Wohl muss uns sein, wenn wir beisammen sitzen. Eine Gemeinschaft wollen wir sein, in der jede und jeder zählt und man sagen kann, was man denkt und wie man fühlt.

 

Mit der "Demut" freilich, ist es schon wieder schwieriger! Wie das schon klingt! Wie aus uralter, lange versunkener Zeit! Dabei ist damit eigentlich nichts anderes gemeint, als dass wir den anderen wertschätzen wie uns selbst! Dass wir die Mitmenschen ansehen und achten, wie wir selbst angesehen und geachtet werden wollen. Gut, ein wenig geht es hier noch darüber hinaus, wenn es heißt: "...in Demut achte einer den andern höher als sich selbst". Aber auch das ist nicht so schwer! Was vergebe ich mir denn, wenn ich mich erst ein wenig zurücknehme? Und was kann ich gewinnen? Wenn ich etwa den anderen angehört habe, kann ich ja immer noch tun, was ich für richtig halte! Vielleicht aber bin ich auch durch ihn über mich selbst und mein verkehrtes Urteil hinausgekommen, habe etwas gelernt und bin an Erfahrung reicher geworden! - Das kann die Demut vollbringen!

 

"Jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient." Ich glaube fest, das wird uns am Ende ganz selbstverständlich sein! Wenn wir erst erlebt haben, dass uns die gegenseitige Ermahnung zum Segen wird, dass wir mit der Liebe Jesu trösten können und Trost erfahren, dass Gemeinschaft und Gemeinde entsteht, wo geschwisterliche Liebe und Barmherzigkeit regieren, wenn wir erst gesehen haben wie gut es ist, wenn auch andere sich mit uns freuen und wir einander ehren und hochachten, dann sind wir schon mittendrin: Wir werden auch danach schauen, dass andere Glück empfinden können, dass ihr Leben reicher wird, schöner... Und unser eigenes Leben wird wie von selbst auch erfüllter und bunter und wir werden glücklicher und zufriedener sein.

 

Wollen wir nicht diesen Weg beschreiten, an dessen Ende auch für uns selbst Glück und Zufriedenheit stehen? Wir sind heute dazu eingeladen! So beginnt dieser Weg: Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit... AMEN  

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 14.06.2018

     


Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis - 22.7.2018

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Folgt demnächst ...

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle -14.06.2018