Predigt am Karfreitag - 30.3.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Es ist nicht einfach am Karfreitag zu predigen. Da sind Gedanken vorgegeben, über die wir nachdenken sollen und nachdenken müssen, die wir aber gern vermeiden. Da geht es um Sünde und Schuld, um Schmerzen, Leid und Tod... Wer hört davon schon gern?

 

Andererseits sind wir ja nun am Karfreitag in unsere Kirche gekommen. Ich kann das nicht anders verstehen, als dass wir uns also doch diesen dunklen, unangenehmen Gedanken aussetzen wollen. Wer heute „nur" zum Abendmahl wollte, der hätte sicher bis zu einer anderen Gelegenheit gewartet.

 

Hören wir also den Predigttext zu diesem Karfreitag. Er steht im Hebräerbrief im 9. Kapitel:

 

Textlesung: Hebr. 9, 15. 26b - 28

 

Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen, sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an. Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

 

Da sind wir ja nun bestätigt: Das war wirklich ein Karfreitagstext! Da war alles drin: Sünde, Opfer, Leiden, Tod... Alle die wenig angenehmen Gedanken. Aber es war auch noch etwas anderes zu hören - am Ende dieser Verse, das weist schon hinüber nach Ostern: Vom Wiederkommen Jesu und vom Heil...

 

Aber der Reihe nach: Ob wir nicht einmal diese Verse durchgehen und uns auch auf die weniger schönen Dinge einlassen? Wir würden damit sozusagen eine Geschichte des Heils entwerfen, das Gott uns schenken möchte, und wir würden vielleicht seinem Erlösungsplan mit den Menschen auf die Spur kommen. Denn es sind sehr grundlegende, sehr große Worte, die wir eben gelesen haben. Sie sind allerdings auch sehr lehrhaft und wenig plastisch und praktisch. Ich möchte darum diese Heilsgeschichte der Menschheit in eine Geschichte der Erlösung eines Menschen verwandeln. Vielleicht beginnen da diese großen Worte deutlicher mit uns zu reden. Dieser Mensch, von dem ich jetzt spreche, könntest du sein....oder ich...

 

Der Mensch, dessen Geschichte ich erzähle, ist noch sehr jung. 13 oder 14 vielleicht. Ja, lassen wir ihn demnächst konfirmiert werden. Er hat Glück gehabt, dieser junge Mensch. Schon die Mutter hat ihm in der Kindheit von Gott gesprochen. Die Feste der Kirche wurden auch zu Hause, in der Familie gestaltet und gefeiert und nicht nur als Tage zum Ausschlafen und Faulenzen begangen. Und an seinem Bett wurde abends gebetet. Damit hat er ein gewisses Urvertrauen eingepflanzt bekommen: Er weiß seitdem, dass eine gütige Macht über ihm ist, dass er behütet und geführt durchs Leben gehen darf. Gute Voraussetzungen also, die dieser junge Mensch mitbringt. Glück gehabt - wie gesagt - denn das ist heute selten.

 

Unser junger Mensch weiß also in seinem Herzen, noch bevor ihm einer die Dinge des Glaubens für den Kopf erklärt hat, dass wir vom Vertrauen leben und leben können. Er hat erfahren, dass es nicht auf irgendwelche Leistungen ankommt, die er selbst erbringt. Er hat erlebt, dass er ohne jedes persönliche Verdienst geliebt wird, ernährt, beschützt und umsorgt. Seine Seele hat Gott kennengelernt als den Vater, bei dem wir geborgen sind, in dessen Nähe uns nichts fehlt und nichts geschehen kann. Welch einen großen Schatz bringt dieser junge Mensch schon mit in seinen Konfirmandenunterricht!

 

Dort bekommt nun dieses noch ganz unausgeprägte Wissen um Gott und den Glauben seine Form und seine Ausprägung. Er begreift nun auch mit dem Kopf, was sein Herz schon immer gespürt hat. Er hört (wie wir es heute Morgen gehört haben!): Jesus Christus ist das Opfer für die Sünde, die Übertretungen der Menschen. An ihm sucht Gott heim, was wir an Frevel, an Bosheit und Schuld anrichten und auf uns laden. Es gibt für uns also nichts zu verdienen, nichts vorzuweisen, nichts, auf das wir pochen könnten, wenn wir im Gebet vor Gott treten, nichts, was irgendwelchen Lohn verdient hätte. Lohn gebührt allein Jesus Christus, der unschuldig für andere den Tod gelitten hat. Unser Vertrauen kann sich also nicht auf unser eigenes Handeln und Verdienen richten, sondern allein auf das, was Gott uns mit seinem Sohn geschenkt hat und uns im Glauben zurechnet.

 

Aber es kommt so doch auch noch etwas neu zu dem, was der junge Mensch immer schon in seinem Inneren gewusst hat: Eben dass dieser Jesus Christus auch die Sünde vergibt, auch die Schuld aufhebt und die Strafe dafür, und dass dieser durch sein Opfer den Tod, für uns besiegt hat. Davon hat er in seiner Kindheit noch nichts geahnt. Denn die Kindheit ist ja eine noch recht „unschuldige" Zeit. Jetzt aber muss er es hören, lernen und hoffentlich verstehen! Denn wenn der Mensch älter wird, wächst er hinaus aus der Unschuld der ersten Jahre. Die Versuchung kommt. Die Wünsche. Die Begierde nach Besitz, nach Macht und Geld. Der Neid, der Geiz, die Ichsucht... Jetzt mag im Herzen dieses jungen Menschen noch das Wissen hinzutreten: Selbst wo du Schuld auf dich lädst, selbst wo böse Taten und Gedanken von dir ausgehen, auch wenn du Gott und den Menschen mit deinem Reden und Handeln Kummer machst - es gibt Vergebung, du darfst immer wieder neu anfangen. Und es gibt Erlösung: Am Ende des Lebens - das Leben! Um Christi willen!

 

Das alles „weiß" jetzt unser junger Christ: Mit dem Vertrauen auf Gott, wie es schon in der Kindheit gewachsen ist, kann man leben. Mit dem Vertrauen auf Christus, den Sohn Gottes, kann man selbst in Schuld und Verfehlung neu beginnen. Dieses Vertrauen reicht über den Tod und das Sterben hinaus. Wenn Gott mich einmal fragt, worauf ich mich verlassen habe in der Zeit in dieser Welt, dann darf ich auf den Gekreuzigten weisen und sagen: Auf ihn allein. Und wenn er mich fragt, warum ich das Leben der Ewigkeit geschenkt haben möchte, dann soll ich sprechen: Um seinetwillen!

 

Liebe Gemeinde am Karfreitag!

 

Soweit ist unser junger Mensch jetzt. Bis dahin ist seine Geschichte des Glaubens heute gediehen. Weiter kann ich nicht erzählen. Weiter können wir nur vermuten und wünschen, hoffen und beten. Aber auch das kann und will ich ganz plastisch und praktisch tun. Vielleicht wird das Leben dieses jungen Menschen einen glücklichen, geraden Verlauf nehmen. Wünschen wir ihm dann, dass er nie vergisst, wer ihm alles gegeben hat, was er an guten Gaben mitbringt und wer ihm täglich neu alles schenkt, was er zum Leben nötig hat. Und hoffen wir für ihn, dass er nie übermütig wird, nie stolz und anmaßend und irgendwann meint, er könnte sein Leben selbst machen und was er hätte, wäre „verdient" und nur der rechte „Lohn für seine Mühe", sein Schaffen und Schuften. Und wünschen wir ihm schließlich auch das: Die Demut bei allem, was er redet, denkt und tut, dass er auch seine Schwächen einsehen, seine Fehler erkennen und seine Sünde vor Gott Schuld nennen kann.

 

Denn so - und nur so - würde in seinem Leben erfüllt, was uns die Verse für diesen Karfreitag nahebringen wollten: „Christus ist einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil."

 

Hoffen und wünschen wir für unseren jungen Menschen, dass er nie vergisst, warum Jesus Christus in diese Welt kam. Hoffen und beten wir, dass er nicht aufhört, auf den zu warten, der wiederkommen wird, denen, die ihn nicht verlassen haben und das Vertrauen auf ihn allein nicht haben fahren lassen, das Heil und das Leben in Ewigkeit zu schenken.

 

Liebe Gemeinde, hoffen, wünschen und beten wir aber auch für uns selbst, denn - wie gesagt - die Geschichte, die ich erzählt habe, war auch deine und meine. So will Gott uns erlösen: Durch das Opfer Jesu Christi am Kreuz will er die Sünde wegnehmen... Wie sehr wünsche ich uns, dass wir unser Vertrauen allein darauf setzen! Wie sehr hoffe ich, dass wir allein auf diesen Jesus Christus bauen und warten - bis er wiederkommt! AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 20.03.2018

     


Predigt am Ostersonntag - 1.4.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Bestimmt sind wir an diesem Ostermorgen auch hierhergekommen, ein wenig Osterfreude zu finden. Alle Lieder und Lesungen heute sprechen ja von ihr. Nur: Ob wir sie dann auch gleich fühlen können? Werden wir denn froh, nur weil uns heute Morgen einer zuruft: „Freuet euch!" Wird unser Leben neu, bloß weil es heute heißt: „Der Herr ist auferstanden!"

 

Die Fröhlichkeit hat es schwer bei uns. Sie sucht einen Weg zu unserem Herzen. Sie kommt aber nicht durch: Da sind so viele trübe Gedanken aufgetürmt. Da liegen noch die Steine der Trauer und der Resignation vor den Gräbern unserer Hoffnungslosigkeit und Angst. Der Herr mag auferstanden sein - wir noch nicht. Er mag die Gruft verlassen haben - unsere Freude liegt noch unbewegt und kalt da. Wer erlöst sie? Wer ruft sie heraus aus der Starre und dem Dunkel unseres Herzens?

 

Heute sind uns für die Predigt ein paar wunderschöne Verse verordnet. Ein Stück aus dem Alten Testament. Der Lobgesang der Hanna. Auch sie singt von Freude. Sie hatte Gott um ein Kind gebeten - und er hat es ihr geschenkt. Nun lobt sie Gott und dankt ihm voller Glück! Aber was sie singt, spricht nicht nur von Freude und Fröhlichkeit. Es zeigt auch, wie Freude in eine Seele kommt. Wie ihr Keim gelegt wird und sie wachsen kann. Und wie sie schließlich hervorbricht aus dem Gefängnis, in dem wir sie in unserem Inneren verschlossen haben. Hören wir auf den Lobgesang der Hanna. Und achten wir darauf, wie in ihm die Freude entsteht und groß wird.

 

Textlesung: 1. Sam. 2, 1 - 2. 6 - 8a

 

Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.

 

Haben Sie das gespürt: Wie hier die Freude zu tun hat mit dem, was war und was nun ist? Hanna singt so fröhlich, weil sie unfruchtbar war und nun Mutter geworden ist. Sie hat erlebt, dass böse Lästerzungen sie geschmäht haben - und jetzt müssen alle staunen. Sie musste sich schämen - es galt ja als eine Strafe Gottes damals, keine Kinder zu haben - nun kann sie den Kopf hoch tragen. Sie war wie tot gewesen in ihrer Schande - jetzt ist sie lebendig geworden, kann rühmen und jauchzen. Sie fühlte sich wie die Ärmste der Frauen - nun ist sie reich und gesegnet. Sie lag im Staub ihres Kummers - nun ist sie emporgehoben ans Licht und in die Sonne. Die Freude Hannas kommt aus der Erinnerung. Ihre Fröhlichkeit sieht, was gewesen - und was jetzt ist. Der Boden, auf dem hier ein frohes Herz wachsen kann, ist, dass ein Mensch sieht und wahrnimmt, was ihm geschenkt wurde, was aus seinen Befürchtungen geworden ist, wie seine Ängste guten Erfahrungen weichen mussten. - Wie steht das bei uns? Ob hier eine Spur zur Freude führt?

 

Vielleicht gibt es da ja heute bei uns ganz persönliche Erlebnisse der letzten Zeit: Einer war lange krank und es geht jetzt wieder aufwärts. Eine musste durch Wochen tiefer Depression und jetzt kann sie wieder lächeln. Und noch einer hat sich Sorgen machen müssen, um die Gesundheit oder das Leben eines lieben Menschen, und nun ist doch wieder Hoffnung. Ganz gewiss sind viele heute Morgen hier, die ganz unten waren in den vergangenen Wochen und Monaten - aber sie wurden emporgehoben aus dem Dunkel, heraufgezogen ans Licht, befreit aus dumpfen Befürchtungen und Ängsten. - Das sehen, das wahrnehmen, könnte die Freude keimen lassen!

 

Aber wir dürfen auch auf unser Leben insgesamt schauen. Müssen Sie nicht auch manchmal so denken: Warum eigentlich bin ich auf dieser Seite des Globus geboren worden? Hätte es nicht auch ganz anders sein können? Warum hatte ich diese Eltern, die mir die Kindheit bieten konnten, die ich hatte? Dass ich eine Schule besuchen durfte - welches Glück! Dass ich eine Ausbildung haben konnte - wie gut! Dass ich einen Arbeitsplatz habe, diesem Menschen begegnet bin, den ich liebe und der mit mir lebt, dass ich Kinder habe, Enkel, Freunde, gute Nachbarn...alles, alles Gründe zum Danken! Alles Gnade! Das könnte doch auch ganz anders sein. - Das erkennen, das nicht nur einen kurzen Gedanken lang in sich aufnehmen, nein, von daher zu leben, zu loben und zu danken...das wäre die Freude in unserem Herzen. Da würde sie wachsen, Früchte tragen, unser ganzes Leben durchziehen und verwandeln.

 

Aber das Wichtigste steht noch aus: Da gibt es doch auch jene unter uns, die sich noch an eine Zeit in ihrem Leben erinnern können, da sie der Sache Gottes, dem Glauben an ihn und dem Vertrauen auf ihn nicht so nah waren wie heute. Gewiss: Ohne Zweifel sind wir auch heute nicht. Es gibt die Stunden, in denen uns alles dunkel erscheint und wir uns fragen, warum uns Gott das schickt, das auferlegt, er, den wir doch den lieben Gott nennen, den gütigen Vater seiner Menschen. Aber da müssen wir auch wieder die andere Seite sehen: Der wunderbare Augenblick, wenn nach einer durchwachten Nacht plötzlich wieder die Hoffnung da ist. Wenn wir eine Geborgenheit spüren nach den Tagen voller Hetze und Unruhe und wissen nicht woher. Dieses unvergleichliche Gefühl im Leben - und noch im schwersten Leben - bewahrt zu sein, beschützt und erlöst für die Ewigkeit.

 

Ist das nicht ein unermessliches Geschenk, glauben zu dürfen!? Kennen wir nicht viele, die es nicht können. Wissen wir nicht, wie sie im Grunde daran leiden, selbst wo sie spotten und lästern?

 

Aber es gibt unter uns auch die anderen, die in den Glauben der Christen schon ganz früh haben hineinwachsen dürfen. Sie werden es sich schwerer vorstellen können, wie das wäre, ohne das Geländer des Glaubens, an dem sie heute und schon allezeit gehen. Aber man kann es sich vorstellen! Schauen wir doch nur, wie viele Menschen - ganz in unserer Nähe - nicht beschenkt sind mit dem Vertrauen zu Gott, von dem wir schon seit unserer Kindheit leben und zehren. Wie muss das sein: Kein Ohr zu kennen, das mich in meinem Gebet hört. Kein Herz zu wissen, an das ich mich flüchten kann, wenn die Angst groß und mein Mut klein wird. Keine Aussicht haben auf ein „Drüben", auf ein anderes, besseres Leben, in dem alles zur Vollendung kommt und meine Fragen Antwort finden. Keine Hoffnung haben, keinen Glauben. Nur das kalte Nichts vor Augen. Das sehen, das einen Moment denken und sich zu Herzen nehmen, müsste die Freude in uns fördern und befreien.

 

Sind wir nicht alle zusammen und jeder auf seine eigene Weise begnadete, mit Geschenken Gottes überhäufte Leute. Kommen wir nicht alle her von einer Zeit oder einem Leben, in dem das nicht - noch nicht - so war? Gleichen wir also nicht der Hanna, die da singt, ja, singen muss:

 

„Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse."

 

Ich wünsche uns, dass wir das aus einem reichen, fröhlichen Herzen aufnehmen und mitsprechen können. Dann haben wir die Osterfreude gefunden. Dann haben wir auch die Auferstehung Jesu Christi erfahren. Dann nämlich ist er auferstanden aus den Gräbern der Resignation, Mutlosigkeit und Angst zur österlichen Freude - nicht damals, sondern heute, nicht irgendwo, sondern mitten in uns! AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 20.03.2018

     


Predigt am Ostermontag - 2.4.2018


 

(Der vorgesehene Text dient nur zur Einstimmung - Der Text zur Predigt ist der Wochenspruch zum Osterfest: Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Offb. 1, 18)

 

 

Textlesung: 1. Kor. 15, 50 – 58

 

Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit. Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus! Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Neulich ist das geschehen: Ein kleines Mädchen hat bei der Oma geklagt. Sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen und immerzu weinen müssen. Sie habe ein Bild von dem Herrn Jesus gesehen, wie er gekreuzigt werde. Die Oma versuchte das Kind zu trösten: Heute läge der Herr Jesus schon ganz friedlich im Grab und morgen würde er auferstehen und ganz gesund und fröhlich sein. Sie solle nicht mehr weinen.

 

Wer von uns hat am vergangenen Freitag wie ein Kind geweint, als er die Sterbensgeschichte Jesu hörte, hier in der Kirche? Wem von uns ist das denn wirklich ganz nahegegangen in den letzten Tagen: Dieser Tod aller Tode, dieses furchtbare Leiden, diese tiefste Verlassenheit...? Das geht immer ein bisschen schnell zu Ende mit dem Karfreitag. Ganz ehrlich: Das ist ja auch alles ein bisschen lästig und beschämend, denn sind wir nicht selbst viel zu sehr drin in der Leidensgeschichte - mehr als uns angenehm sein kann? Etwa als die unbeteiligten Gaffer am Rande der Marterstraße...als jene, die so gedankenlos das „Kreuzige" mitschreien...als Jünger, die in panischer Angst davonlaufen...

 

So gesehen ist es gut, dass so schnell Ostern kommt. Ein bisschen ist das wie im Fernsehen: Eben noch Matthäuspassion, Jesus am Kreuz... Fünf Minuten später sind wir schon mitten im Krimi oder den Lottozahlen. Die Welt ist wieder in Ordnung. Und wir singen heute hier fröhliche Osterlieder.

 

Liebe Gemeinde, ich möchte gern, dass wir es uns nicht so einfach machen. Ich möchte gern, dass wir begreifen, warum selbst die Ostergeschichte, die wir vorhin am Altar gehört haben, eigentlich nur von Furcht und Erschrecken redet. Diese tapferen Frauen - viel tapferer als die davongelaufenen Männer - hatten ja nun wahrlich genug von den letzten drei Tagen und Nächten! Ich denke mir, wenn sie jetzt zum Grab kommen bewegt sie nur der eine Gedanke: Nun ist es gut! Die schreckliche Geschichte hat ein Ende, es gibt weiter nichts zu fürchten. Und Jesus? Der hat es überstanden! Er hat seinen Frieden, seine gellenden Schreie, als man ihn zu Tode quälte, sind verhallt. Es ist endlich Ruhe! Er ist tot. Vergangen. Vorbei. - Würden Sie bei einem geliebten Menschen anders reagieren, wenn er endlich ausgelitten hat?

 

Es ist aber nicht vorbei. Das Grab ist leer. Und Jesus sagt: „Ich war tot und bin lebendig!" Das ist der totale Einbruch in unser Denken. Da wird unsere Vorstellungswelt auf den Kopf gestellt. Aus ist's mit dem ehernen Ablauf von Werden und Vergehen, Geborenwerden und Sterben. Ich war tot!!!! Tot sind wir alle, wenn es soweit ist. Das Herz hört auf zu schlagen, das Blut gerinnt, die Hirnströme erlöschen, der Leib verfault, zerfällt. Aber der Herr spricht gegen alle Gesetze der Natur und der Erfahrung: Mein Tod ist vergangen, ich bin lebendig - ich war tot, jawohl, ich war.... Kein Scheintod! Wie die Mörder zu seiner Seite ist er schrecklich verendet. Die Soldaten haben sich nach Vorschrift auch von seinem Tod überzeugt, sie haben ihm in die Seite gestochen und mit einem Knüppel gegen die Beine geschlagen. Sicher haben sie auch dienstliche Meldung darüber gemacht. Aber Christus sagt dem allen ins Gesicht: „Ich war tot, doch nun lebe ich…" und er fügt auch noch hinzu: „...von Ewigkeit zu Ewigkeit...", also ohne alles Ende. Dieses Leben ist endgültig, der komplette Sieg über den Tod, die Überwindung des Schreckens...für immer!

 

Was machen wir nun damit? Wie gehen wir mit dieser Botschaft um?

 

Jetzt kommen die Wissenschaftler daher: Es kann aber doch nicht sein! Das spottet doch all unseren Kenntnissen der natürlichen Ordnung! Dann kommen die Neunmalklugen: Es war eine Vision von ein paar hysterischen Frauen. Auch die Spötter müssen noch etwas loswerden: Das Ganze war ein Trick, jahrelang geübt... Aber eines vergessen sie alle: Die Männer und Frauen, die Jesus zurückließ, diese verstörten, ängstlichen Kreaturen, denen mit seinem Tod die Welt eingestürzt war, die haben das doch selbst nicht erwartet. Ihre Hoffnung war nach dem Tod ihres Herrn auf den Nullpunkt gesunken. Was bringt die Wende? Sie haben den lebendigen Christus erfahren. Sie haben erlebt, dass der letzte Schrei des gemarterten Herrn eben doch nicht sein letztes Wort war. Sie müssen es erlebt haben, erkläre mir sonst einer, wie sich das Christentum über die letzten 2000 Jahre hinweg hätte halten können. Sie haben davon gelebt, dass er mitten unter ihnen war, eben nicht im Tod geblieben, sondern lebendig. Sie empfingen seine Kraft, wurden seine Gemeinde, erfüllten seinen Auftrag, trieben seine Sache voran und das war nicht die Sache eines Toten!

 

Ich gehe heute einmal soweit: Mir persönlich ist das völlig gleichgültig, wie das mit der Auferstehung vor sich gegangen ist, wie das möglich war, wer den Stein von der Graböffnung gewälzt hat... Das ist mir wichtig und nur das: Sein Wort: „Ich war tot, doch nun lebe ich!" Das geht mich an - bis heute. Das betrifft mich. Das kann ich überprüfen, dafür gibt's Zeugen und Zeugnisse: Die erste Gemeinde, die Kirche, der Glaube an ihn, das Handeln jedes einzelnen von uns, dem Christus begegnet ist. Leben wir von einem Toten? Die Gemeinde wäre tot, er wäre tot, vergessen, seine Worte zerstoben in alle Winde, gälte nicht diese Wahrheit: Ich lebe in alle Ewigkeit! Das ist mit keiner wissenschaftlichen Formel fassbar, aber ich wiederhole: Das ist die Wahrheit, so hautnah wie das Holz dieser Kanzel, wie das Papier dieser Blätter, wie die Luft, die wir atmen...

 

Aber wo ist er, den wir nicht sehen und der doch lebt?

 

Wir sollten nicht lächeln über die altmodische Erklärung die unsere evangelischen Väter aufgeschrieben haben: „Im Wort und im Sakrament!" Jawohl, dort ist er, nicht nur sicherlich, aber auch. Und dort ist er uns gewiss verheißen. Im Wort: Man muss nur lesen können und das richtige Buch haben - die Bibel - und Jesus ist in deinem Zimmer, redet mit dir, tröstet dich, mahnt dich, ermutigt dich, mehr als die meisten Menschen, die du sehen kannst...und im Sakrament: In Brot und Wein, so einfach...zu schmecken, zu fühlen über die Jahrtausende, freilich: man muss hingehen, dorthin, wo sein Mahl gereicht wird. Aber er ist noch anderswo: Im Kind, im Mann und in der Frau neben dir. Ja, auch da! Das hat er hundertmal gesagt durch alle Evangelien. Ihn sehen wir nicht, aber den Nächsten sehen wir, einzeln, in Gruppen, in Massen, gehetzt, getrieben, verfolgt, getötet wie er... Der Lebendige weist uns an die Lebenden, nicht an die Toten. So ist er ein Lebender für uns von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Aber ist das alles? Müssen wir nicht auch von unserem Tod, von unseren Toten reden? Wie hieß es vorhin? Ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt. Der Herr, der seinen Tod hinter sich hat, ist auch der Herr unseres Todes. Wer die Schlüssel hat, der ist auch der Herr des Hauses, auch des finsteren Hauses von Milliarden Toten. Er hat auch den Schlüssel der Tür, die sich hinter dir schließt, wenn dein Herz einmal zu schlagen aufhört. Auch für dich und mich kann nur wahr werden, was er für sich selbst gesagt hat: Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, ohne Ziel und Ende.

 

Noch einmal: Wissenschaftlich fassbar ist das nicht, aber es ist erfahrbar und glaubbar! Das haben uns nicht nur über die Jahrhunderte Generationen von Menschen, die Christen waren, vorgeglaubt, vorgelebt und vorgestorben...das ist auch der einzige Trost im Leben und im Sterben, an den wir uns halten können und der uns hält. Und dann: Wie viele von uns wären in einem Leben voll Schmerz, Kummer, Leid und Verzweiflung längst untergegangen, wenn sie das nicht mit absoluter Sicherheit wüssten: Die Tränen, die Sorgen, die Zweifel und die Schmerzen, die mir mein Schicksal bestimmt, sind im Sterben und neuen Leben meines Herrn Jesus Christus aufgefangen, verwandelt, überwunden...

 

Doch, es war schon ein guter Trost, den die Oma vor Tagen ihrem Enkelkind gesagt hat: Heute läge der Herr Jesus schon ganz friedlich im Grab und morgen würde er auferstehen und ganz gesund und fröhlich sein. Sie solle nicht mehr weinen. Dem Kind hat das sicher auch genügt. Für uns Große will ich zu diesen tröstlichen Gedanken noch den anderen hinzufügen: Nicht nur er steht auf. Mit ihm bin auch ich, bist auch du auferstanden. „Es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden." Auch wir werden einmal leben - wie unser Herr lebt! Das ist die Osterbotschaft. Diesen Glauben wollen wir festhalten. Diesen Glauben soll uns keiner rauben! AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Archiv - 20.03.2018