Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis - 1.9.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle


 

Textlesung: Lk. 7, 36 - 50

 

Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es! Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben. Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt? Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

 

Liebe Gemeinde,
wer ist denn nun eigentlich die Hauptperson in dieser Geschichte - außer Jesus? Ist das etwa dieser kleinliche Pharisäer, der die Liebe Jesu so wenig begreift, wie ein Blinder die Farbe Rot oder die Weite einer Sommerlandschaft? Warum hören wir so viel von ihm, von seiner Frage: "Weiß Jesus denn nicht...?", und wie er die Frau einschätzt: "Diese ist doch eine Sünderin!" und von Jesu Geschichte für diesen Menschen: "Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner..." Ja, rechtfertigt sich Jesus nicht fast mit dieser Geschichte, warum er so freundlich zu der Frau ist. Hat er das nötig? Warum erfahren wir nichts darüber, wie die Frau sich gefreut hat, wie sie wahrscheinlich überglücklich nach Hause gegangen ist, wie ihr Leben einen neuen Anfang bekommen hat und sie selbst ein ganz anderer Mensch wurde...

 

Sie spüren: Ich ärgere mich an diesen Versen. Ich ärgere mich an diesem Denken des Pharisäers, an seinem Verhalten, an seiner engherzigen Sicht. Er hat weiß Gott nichts begriffen. Und ich fürchte, er hat auch Jesus nicht verstanden, wenn der ihm von den zwei Schuldnern erzählt.

 

Liebe Gemeinde, verstehen wir diese Geschichte?

 

Gewiss, wir würden wie der Pharisäer Simon antworten: "Am meisten lieben wird ihn der Schuldner, dem er am meisten geschenkt hat!" Aber ziehen wir die Konsequenzen daraus? Beziehen wir das auf die Frau, der Jesus so viele Sünden erlassen hat? Und beziehen wir das auf uns, die wir dem Schuldner im Grunde die Güte des Gläubigers nicht gönnen? Und das wichtigste: Freuen wir uns mit, wenn Jesus dieser Frau so viel Schuld vergibt? - Ich fürchte, wir tun es nicht. Ja, vielleicht werden wir gar am Ende auch zu der Frage kommen, in der das kleinliche Denken der Gäste am Tisch des Pharisäers gipfelt: "Kann dieser Jesus denn überhaupt Sünden vergeben?"

 

Ja, ich ärgere mich an diesen Versen. Sicher auch darum, weil sie so wahr sind. Und nicht zuletzt deshalb, weil sie auch mir persönlich einen Spiegel vorhalten, der auch meine hochgezogenen Augenbrauen zeigt und mein enges Herz. - Aber ich verstehe jetzt, warum diese Verse den Pharisäer in den Mittelpunkt stellen, auch wenn er eigentlich nicht die Hauptperson ist: Er hat es dennoch in der Hand, ob die Frau zur dauerhaften Freude darüber findet, dass ihr verziehen ist. An seinem abschätzigen oder ermutigenden Blick wird es bald liegen, ob sie nun ein anderer Mensch werden kann. Wenn er sie weiter als Sünderin und von oben herab behandelt, dann wird die Kraft der Vergebung in ihrem Leben nicht lange vorhalten. Und spinnen wir diese Gedanken noch ein wenig weiter: Wenn sie bald wieder in neue Sünde fällt, wird er mit die Schuld daran haben. Auch wenn er dann sicher sagen wird: "Das habe ich doch gleich gewusst. Die ist so und die bleibt so!" Er ist mitschuldig an ihrer neuen Sünde!

 

Was hat das nun aber mit uns zu tun? - Schuld und Sünde haben wir in unseren Tagen ja in den Winkel gedrängt, den religiösen Winkel. Darüber spricht man nicht. Das sind so Dinge, die sind ein oder zweimal im Jahr dran, wenn wir zum Abendmahl gehen und uns dort Vergebung zusprechen lassen. Aber bitte nur in der großen Gemeinde. So wenig persönlich wie möglich. Die Einzelbeichte, in der die Sünden wirklich beim Namen genannt werden, überlassen wir gern unseren katholischen Schwestern und Brüdern. - Für heute erwähne ich das nur am Rande. Aber es ist gewiss so, dass wir auch in unseren Tagen Zeuge dabei werden, dass einer oder einem vergeben wird von Menschen, aber auch von Gott. Eine sicher verständliche Zurückhaltung legt uns dann auf, dass wir die Sünde, die da vielleicht verziehen wurde, nicht ansprechen. Aber unsere Blicke treffen die Menschen. Unser Denken steht uns auch im Gesicht geschrieben. Und ob wir uns mit ihnen freuen - das merken sie!

 

Aber konkret: Ich habe schon einige Male erlebt, erleben dürfen, dass Menschen zu Gott gefunden haben. Wir können sagen: Da ist ihnen die Schuld eines gottlosen Lebens geschenkt worden. Sie durften neu mit Gott anfangen. Er hat sie angenommen und ihnen gesagt, dass er sie liebhat. Es ist genau das geschehen, was in den Predigtversen heute und in eigentlich allen Predigten die wir hören den Menschen als das Evangelium nahe gebracht wird. Vielleicht spricht solch ein Mensch nun auch von dem, was er mit Gott erlebt hat? Vielleicht sehen wir ihn im Gottesdienst hier in der Kirche, wo er doch früher nie zu sehen war? Vielleicht traut er sich auch in den Bibelkreis der Gemeinde oder er fährt auf der Gemeindefahrt mit? Und da wird es auch für uns interessant: Wie begegnen wir diesem Menschen? Wie nehmen wir ihn auf? Was muss er in unseren Augen lesen? Wie kritisch oder wie freundlich schauen wir ihn an? Ist uns die Freude oder der Hochmut ins Gesicht geschrieben? Geben unsere Stirnfalten Zeugnis von unserer Skepsis? Kann unser Lächeln ermutigen?

 

Es ist doch sicher nicht schwer für uns einzusehen, dass von unserem Denken, Reden und Verhalten viel abhängt. Vielleicht findet ein Mensch durch uns auch den Anschluss an die Leute des Herrn, der ihm vergeben hat. Dann wird es ihm gewiss leichter fallen, auch fest auf der Spur Jesu zu bleiben und den neu eingeschlagenen Weg und die neue Richtung einzuhalten. Oder es stößt ihn ab, was er an uns und mit uns erleben muss. Dann wird er vielleicht das gerade neu begonnene Leben wieder aufgeben. Gerade am Anfang ist einer ja dabei noch unsicher und braucht Hilfe und Ermutigung.

 

Und natürlich - längst haben wir das ja gemerkt - hat die Sache noch eine andere Seite, die betrifft uns fast noch mehr: Jesus hat dem Pharisäer ja mit seiner Geschichte bestimmt auch deutlich machen wollen; dass auch sein Leben nicht frei von Schuld ist, dass auch er Gottes Güte und Vergebung braucht und auch er allen Grund hätte, sich über Gottes Liebe zu ihm zu freuen. Ob er das sehen kann? Liebe Gemeinde, ob wir das sehen können? Wahrscheinlich wird es uns noch schwerer fallen, die eigene Sünde zu erkennen und uns über ihre Vergebung zu freuen, als mit anderen über den Erlass ihrer Schuld. Darum führt gerade von hier aus der einzige Weg dahin, dass der Pharisäer die Rolle in der Geschichte Jesu bekommt, die ihm zusteht: Er muss wahrnehmen, wieviel er selbst täglich an Schuld und Sünde aufhäuft. Er muss begreifen, dass er nicht weniger als die Frau, die Bezeichnung "Sünder" verdient hat. Und da wir diesem Pharisäer so sehr gleichen, will ich es für uns noch einmal sagen: Wer immer wir sind, ob wir nun lange schon an Gottes Hand gehen oder erst kurze Zeit, wir haben denen nichts voraus, die dazu vielleicht gerade jetzt erst zu ihm gekommen sind! Sünde ist Sünde. Schuld ist Schuld. Und selbst der, dem vielleicht wirklich nur wenig erlassen ist, braucht doch die Vergebung Gottes. Und immer - unser ganzes Leben lang - täglich neu, muss uns vergeben werden. Denn wir sind Sünder, das ist wahr. Und wir bleiben es, solange wir atmen.

 

Der Pharisäer muss die Hauptrolle abgeben! Es ist in dieser Geschichte und in der Nähe Jesu kein Platz für sein Denken und Dünken. Da ist nur Raum für die Freude! Die Freude der Sünderin über ihren neuen Anfang im Leben. Die Freude aller Menschen, denen Gott Schuld geschenkt hat. Und da soll auch Raum sein für die Mitfreude: Eine Frau ist zu Gott gekommen. Ein Mensch ist losgeworden, was ihn gequält hat. Einer hat die frohe Botschaft Jesu gehört und aufgenommen.

 

Wollen wir nun wirklich - wie der Pharisäer - mit Fingern zeigen, andere Sünder nennen und hochmütigen Gedanken nachhängen? - Ich wünsche uns, dass wir über Gottes Güte gegenüber uns selbst von Herzen froh sind und uns auch mit anderen freuen und so mithelfen, dass noch immer mehr Menschen zu Gott finden und bei ihm von ihrer Schuld frei werden. AMEN

 

 

 

*******************

Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle -6.08.2019

     


Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis - 8.09.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textlesung: Mk. 8, 22 - 26

 

Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre. Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas? Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen. Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, so dass er alles scharf sehen konnte. Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!

 

 

Bei aller Hochachtung für Jesus - was geht uns diese Geschichte eigentlich an? Sind wir blind? - Nun gut, vielleicht muss der eine oder die andere von uns eine Brille tragen. Die Augen mancher älteren Leute sind ein wenig trübe - das kommt mit den Jahren. Manchmal schwächt auch der Star unser Augenlicht. Aber "blind" sind wir nicht. Im Gegenteil: Wir sehen eigentlich recht gut und sind Gott dankbar dafür. Was soll uns also diese Geschichte?

 

Überhaupt seltsam, was uns da erzählt wird: Jesus nimmt den Blinden "bei der Hand und führt ihn hinaus vor das Dorf" - also dorthin, wo es ganz einsam ist und menschenleer. Aber was geschieht, als er dem Blinden "Speichel auf die Augen getan" und "die Hand aufgelegt hat"? Er sieht Menschen umhergehen, als sähe er Bäume! Ja, wo kamen denn, bitteschön, die Menschen her, draußen vor dem Dorf, in der Einöde? -

 

Ob uns das nicht auf den Gedanken bringen soll, dass hier noch eine ganz andere Blindheit gemeint ist - gar nicht die der Augen, sondern die des Herzens? Und gar nicht für die Farben und die Dinge, sondern für die Menschen?

 

Sagen wir nicht auch von hartherzigen Zeitgenossen: "Sie sind blind für ihre Mitmenschen!" Sprechen wir nicht oft so: "Sie hatte keine Augen für die Not ihrer Nachbarin!" - "Er wollte nicht sehen, wie sehr sein Nächster leiden musste." - Doch, das gibt es: Dass unser Auge klar ist - und wir doch nicht sehen. Dass unser Blick ungetrübt ist - und wir doch nicht erkennen, was der andere braucht, wie einsam er ist, was er sich wünscht, worüber er traurig ist und wonach er sich sehnt.

 

Ob uns diese Geschichte nicht etwas über diese "Blindheit des Herzens" sagen will? Ob es nicht darum heißt - nachdem Jesus ihm die Hand aufgelegt hat: "Er sah die Menschen, als sähe er Bäume umhergehen"? Der Blinde konnte sie wohl vorher nicht sehen. Er schaute wohl immer nur auf sich und das Eigene, blieb mit den "Augen seines Herzens" immer bei sich selbst, konnte sich nicht lösen von seinem Weg, seinen Interessen, seinem Wohl und seinen Wünschen. Das erste, was er bei Jesus lernt, ist, "die Menschen sehen", undeutlich zwar, schemenhaft, grob wie Bäume - aber doch: die Menschen! Ob es darum nicht vielleicht doch unsere Geschichte sein könnte, die uns heute erzählt wird? Ob wir nicht auch auf diese Weise "blind" sind, in unserem Herzen, für die Menschen?

 

Ich kann unseren Einwand jetzt geradezu hören: Aber das stimmt ja gar nicht! Wir sehen doch, wie manche unserer Mitmenschen leiden müssen! Das geht uns doch nah, wie freudlos schon viele Kinder aufwachsen müssen. Und wir hören wohl den Schrei nach Brot, wie er in der Dritten Welt laut wird. Und um die Not so vieler Menschen in unserer Nähe wissen wir wohl. Wer könnte denn seine Augen verschließen, wenn sein Nachbar Hilfe braucht oder sein Kollege unverschuldet in schwere Zeit gerät? Wer könnte das denn? Und wie einsam viele Alte sind! Und wie sehr sich mancher sehnt, dass einmal einer nach ihm schaut, ihn besucht, eine Stunde Zeit übrig hat...

 

Nein, wir sind nicht blind! Wir sehen das alles! Wir spüren die Nöte und hören die Rufe um Hilfe...

 

Aber wie weit reicht unsere Liebe? - Wer setzt sein "Sehen" um in Handeln, dass er das Leid in seiner Umgebung mitträgt, geduldig mit unter dem Kreuz bleibt, das einem anderen aufgelegt ist? Und wer wirkt und kämpft auch nur für ein einziges Kind in dieser Welt, das nicht sein eigenes ist, dass es eine Lebenschance bekommt, sich fröhlich und frei von der Last seiner Herkunft entwickeln kann, nicht den Weg gehen muss, den ihm Geburt, Klasse oder Hautfarbe vorgezeichnet haben? Wer weiß mehr zu tun, als an Heiligabend in der Kirche einen größeren Geldschein auf den Sammelteller zu legen, wenn uns angesichts der Hungerbäuche in Äthiopien oder Indien allzu laut das Gewissen schlägt? Bei wem wird aus Mitgefühl, das er empfindet, tätiges, beharrliches Helfen - vielleicht über Wochen und Monate, solange halt, bis der Hilflose seine Sache wieder selbst in die Hand nehmen kann? Wer geht hin zu der Alten, die nicht seine Mutter ist, nur weil er weiß, wie schrecklich allein sie oft ist? Wer opfert Zeit für einen Besuch, der ihm nichts bringt, "nur" einem anderen ein wenig Glück und Freude schenkt? Wessen "Sehen" bekommt Beine und Hände? Wem wachsen die guten Gedanken zu guten Taten? Wer kann mehr als mitleiden und - vielleicht mit feuchten Augen - mitempfinden? Wen treiben die Augen des Herzens auch zum Handeln - und das mit Ausdauer, mit unermüdlichem Einsatz, mit fröhlichem Mut und guten Ideen?

 

Zugegeben: Ganz blind ist unser Herz nicht - wir "sehen die Menschen", ihre Bedürfnisse und ihr Leid, ihre Sehnsucht und wie einsam sie sind. Die Augen in unserem Kopf sind gut, gut genug, dass sie das alles wahrnehmen und erkennen - und was wir "sehen" geht auch hinein in unser Herz und weckt dort Gefühl und Mitleid - aber es kommt von dort nicht zurück in Hilfe, in Taten an den Mitmenschen, im Teilen von Geld und Gut, von Freude und unserer Zeit...

 

Es ist wohl doch unsere Geschichte, die wir heute hören, wenn es heißt: "Er sah die Menschen wie Bäume umhergehen..." Menschen sind keine Bäume! Menschen brauchen unsere Wärme und Zuwendung, sie haben Liebe nötig, sie fühlen, hoffen und leiden...und wir spüren und sehen es!

 

So geht unsere Geschichte weiter: "Jesus legte ihm abermals die Hände auf die Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, so dass er alles scharf sehen konnte."

 

Liebe Gemeinde, vielleicht ist es das, was auch uns fehlt: Dass Jesus uns heute wieder die Hände auflegt und unsere "Augen" heilt, dass sie mehr können, als "sehen"... Es ist zu wenig, die Menschen wie Bäume wahrzunehmen! Es ist nicht genug, nur zu erkennen und zu spüren. Jesus muss auch uns "zurechtbringen" und unsere Augen "schärfen", dass aus ihrem Sehen Taten werden, die den Menschen wirklich dienen.

 

Den Blinden damals hat man zu Jesus geführt, dass er ihn anrühre. Wir wollen uns selbst aufmachen zu ihm und ihn im Gebet bitten: "Herr, leg' uns die Hand auf, mach' uns heil und unsere Augen scharf, dass uns die Not unserer Nächsten nicht nur schmerzt und nahegeht, sondern unsere Füße und Hände bewegt. Herr, lass unser Sehen zu Taten werden, unser Wahrnehmen zur Hilfe, unser Erkennen zum Handeln. Herr, nimm uns an der Hand, bring' uns zurecht - mach' uns gesund!"

 

Von dem Blinden damals heißt es: Er sah deutlich; Jesus heilte ihn, dass er alles scharf sehen konnte: Die Menschen, wie sie fühlen und leiden - und was er für sie tun konnte. Die Menschen, wie einsam und allein sie waren - und dass sie gerade auf ihn warten. Die Menschen, was ihnen fehlt und was ihnen wehtut - und dass er ihnen viel geben kann.

 

Ich bitte Jesus, dass er auch uns heute anrührt und zurechtbringt, dass wir sehen - und handeln!

 

Mag sein, dass wir morgen endlich den Besuch machen, den wir seit Wochen vor uns herschieben. Mag sein, dass wir in den nächsten Tagen zu unserem Ehepartner das lösende Wort sagen oder zu einer Geste des Verzeihens finden. Vielleicht werden wir doch einmal so mutig, dass wir unserem Nachbarn demnächst unsere Dienste anbieten - er ist doch schon so alt und kann sich nicht mehr selbst putzen und einkaufen. Oder wir nehmen uns ein Patenkind aus der Dritten Welt, das wir mit 50 Euro im Monat unterstützen. (Ihr Pfarrer, ihre Pfarrerin weiß, was sie dazu tun müssen!)
Noch viel mehr und noch ganz anderes kann geschehen, wenn Jesus uns die Hände auflegt. Wir werden lernen, die Menschen - nicht wie "Bäume" - zu sehen, sondern wie fühlende, leidende und oftmals wartende Schwestern und Brüder.

 

Doch: Die Geschichte von der "Heilung eines Blinden" ist auch unsere Geschichte!

 

Schenke uns Gott, dass sie auch für uns so ausgeht: "Er sah deutlich und wurde wieder zurechtgebracht." AMEN

 

*******************

Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle -6.08.2019