Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis - 7.7.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Die Frage: "Kann ein Mensch sich ändern?", hat mich - und gewiss viele von ihnen - schon sehr beschäftigt. Bleiben wir wandlungsfähig - auch wenn wir älter werden? Sind wir irgendwann in jeder Beziehung "fertig" und so, wie wir dann auch sterben werden - oder besteht für jeden und jede die Chance, sich zu verändern, ein neues Leben zu beginnen, ein ganz anderer Mensch zu werden.

 

Letzten Endes geht es hier um die Frage: Hat die frohe Botschaft, hat der Glaube an Jesus Christus die Kraft, dich und mich neu zu machen? Oder leben wir so vor uns hin, im immer gleichen Trott, ohne allzu große Bosheit, aber auch ohne besondere Höhepunkte im Tun des Guten, eben immer so weiter, bis der Tod uns fasst?

 

Wenn es so wäre, müssten wir Pfarrerinnen und Pfarrer uns ja fragen: "Warum predige ich dann eigentlich?" Das Wort Gottes dringt ja doch nicht durch zu den Leuten, geschweige denn, dass es sich einer zu Herzen nimmt und sich um ein anderes Leben bemüht.

 

Sie spüren wohl jetzt auch, die Frage hat's in sich: "Können wir uns ändern?"

 

Ich musste da an so viele Geschichten der Bibel denken, die davon erzählen, wie Menschen mit Jesus zu tun bekommen: Die Ehebrecherin, die er vor der Steinigung rettet, der blinde Bartimäus, dem Jesus das Augenlicht schenkt, Zachäus, mit dem er Tischgemeinschaft hat... Bleiben diese Menschen nach der Begegnung mit Jesus, was und wie sie immer waren? Wird die Frau bald schon wieder in den Armen eines anderen Mannes ertappt? Wird Bartimäus vergessen, wer ihn heilte und was er ihm schuldet? Kann der Zöllner den guten Vorsätzen treu bleiben, die er im Angesicht Jesu fasst? Wir wissen es nicht. Aber: Dürfen wir nicht einmal an einer solchen Geschichte weiterspinnen? Mal sehen wie das ausgeht, was draus wird. Ich glaube, Zachäus eignet sich für diesen Versuch! Ja, wählen wir Zachäus und hören wir seine Geschichte. Sie ist der Predigttext zu diesem Sonntag:

 

Textlesung: Lk. 19, 1 - 10

 

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

 

Liebe Gemeinde, zurück zu unserer Frage: Kann ein Mensch sich ändern? - Was hatte Zachäus versprochen?: Ich werde die Hälfte meines Besitzes den Armen geben und wenn ich jemand betrogen habe, so will ich ihm das Vierfache zurückgeben! Große Worte! Nun ja, Jesus sitzt ihm gegenüber, da versteigt man sich schon mal zu so etwas! Aber wie sieht's am andern Morgen aus? Jesus ist weitergezogen. Zachäus ist wieder allein. Alles beim Alten? - Wir müssen staunen: Zachäus hat ein großes Schild gemalt. Das hängt über seiner Zollstation. Da stehen die Zollgebühren drauf, genau was offiziell festgelegt ist. Jetzt kann er nicht mehr nehmen, als recht ist. Und freundlich sieht er aus, der kleine Zöllner. Er scheint es immer noch gut vorzuhaben! In der Nähe hat sich ein kleiner Menschenauflauf gebildet. Sie tuscheln miteinander, stecken die Köpfe zusammen; hin und wieder weist einer mit der Hand herüber zu Zachäus. Endlich kommen sie selbst. Eine ganze Gruppe von Leuten schart sich um den Zöllner, blickt misstrauisch, einer spricht ihn an: Was ist los mit dir? Das kennt man doch gar nicht von dir. Du nimmst nur noch die offiziellen Sätze und die auch nur von denen, die sich's leisten können - arme Leute lässt du frei durchziehen... Was ist denn geschehen?

 

Da erzählt Zachäus nun seine Geschichte: Dass Jesus bei ihm war, ausgerechnet bei ihm, dass ihn dieser Mann sehr beeindruckt hat und er nun alles wieder gut machen will, was er den Menschen je angetan, wo er sie betrogen und übervorteilt hat.

 

Die Leute blicken verständnislos. Einer meint: Du hast wohl gestern zu viel getrunken? Andere kichern oder lachen gar. Als die Leute nun auseinanderlaufen bilden sich überall in der Stadt kleine Grüppchen. Nach und nach erfährt jeder, was los ist. Überall Kopfschütteln. Überall Gelächter. Dass der Oberzöllner Zachäus Geld herschenkt, dass er ein anderer werden will, das ist wirklich nicht zu fassen. Das kann doch nicht wahr sein!

 

Mittags stellen sich die anderen Zöllner von Jericho ein. Sie beschimpfen Zachäus: Du machst uns die Preise kaputt und verdirbst uns das Geschäft. Wenn das erst überall im Land herumerzählt wird, was du hier machst, dann können wir unsere Zollstationen zumachen. Alle werden nur noch durch dein Tor in die Stadt ziehen, um Geld zu sparen. Wir werden uns das nicht gefallen lassen! Überleg dir die Sache. Wir kommen heute Abend wieder, dann schaffen wir klare Verhältnisse, so oder so!

 

Und um das Maß voll zu machen: Der Zöllner könnte auch zu Hause Schwierigkeiten bekommen: Seine Frau hat auch von den neuen Gepflogenheiten an der Zollstation ihres Mannes gehört, von der Senkung der Zölle - und fürchtet jetzt um den bisherigen Lebensstandard der Familie. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn wir uns vorstellen, dass auch sie Zachäus Vorwürfe macht: "Du verspielst alles, was wir uns aufgebaut haben, unser Haus, unser gutes Leben, unsere Alterssicherung... Alles wegen diesem hergelaufenen Wanderprediger gestern Abend, wegen diesem Jesus."

 

Vielleicht haben wir schon Ähnliches erlebt!? Wir hatten es so gut vor, wir wollten wirklich ganz neu anfangen, so wie Jesus es uns vorgemacht hat, ein Leben in seiner Spur. Aber die Menschen machen's einem so schwer, ziehen alles ins Lächerliche, geben uns keine Chance: "Hast du schon gehört, der soundso ist jetzt fromm geworden!" - "Die geht jetzt sogar in die Kirche - da hat man sie sonst nicht mal Weihnachten gesehen!" - "Ob der noch ganz bei Trost ist?" - Schwer ist das, wenn sich einer ändern will, sehr schwer!

 

Und das Geschwätz der Leute ist nicht einmal das einzige Problem: Wir sind so vergesslich - auch den Vorsätzen gegenüber. Kaum ist die Bibel zugeschlagen, deren Wort uns eben noch so angerührt hat, da ist auch schon die Wirkung verpufft. Am Tag nach der Zeltmission, wo wir Tränen über uns selbst geweint haben, hat uns die Gewohnheit und das Alltägliche wieder im Griff; es geht weiter wie vorher. Kaum hat der Pfarrer "Amen" gesagt, verfliegen die guten Gedanken und Pläne wie Blütenblätter im Wind. Das Vergessen beginnt oft schon beim Lied nach der Predigt.

 

Und denken wir an unsere Trägheit! Der fällt noch der Rest unserer Vorsätze zum Opfer: Am Sonntag geht's zur Kirche. - Der Wunsch auszuschlafen war schließlich doch stärker! Ab Morgen lese ich täglich in der Bibel. - Fernsehen strengt doch weniger an als lesen!
Es scheint jetzt wirklich, als müssten wir sagen: Nein, der Mensch kann sich nicht ändern. Zachäus nicht - und wir auch nicht! Ist wirklich alles so hoffnungslos?

 

Ich will mich damit nicht abfinden! (Ich kann es auch nicht, sonst müsste ich heute auch meinen Talar an den Nagel hängen.) Nein, ich will nicht glauben, dass Jesus unmögliche Dinge von den Menschen verlangt. Von Zachäus nicht - und von uns auch nicht. Aber er verlangt schon etwas: "Verkaufe, was du zu viel hast und gib's den Armen!" - (Uns kommt das Almosen für "Brot für die Welt" von Heiligabend in den Sinn - war das angemessen?) Haltet Frieden und liebet eure Feinde! - (Ich muss an so viele denken, die nicht einmal mit ihren Nachbarn auskommen.) Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist! - (Wenn uns nicht einmal die kleine Besserung gelingt - wie sollen wir vor dieser Forderung jetzt nicht verzweifeln?) Noch einmal: Können wir uns ändern?
Zurück zu Zachäus und seiner Geschichte. Die Leute lachen über ihn. Die andern Zöllner setzen ihn unter Druck. Selbst die Frau ist ihm gram.

 

Ich denke mir, am späten Nachmittag des bewussten Tages hat Zachäus Besuch. Er wollte gerade resignieren und aufgeben: "Ich hatte es ja wirklich vor, mich zu bessern, aber die Leute! Sie geben mir keine Chance!" In diesem Augenblick kommt der Besuch. Es ist Bartimäus, der Mann, der blind war und durch Jesus sehen gelernt hat. Er beginnt ein Gespräch mit dem Zöllner: "Du kennst mich sicher nicht", sagt er, "aber ich habe schon viel von dir gehört! Schon in der Zeit, als ich noch blind war. Man erfährt viel, weißt du, wenn man nicht sehen kann. Und vom Oberzöllner Zachäus habe ich so manches gehört. Seit gestern Abend bist du in Schwierigkeiten?"

 

Zachäus nickt. Es dauert einige Zeit, bis er die Sprache wiedergefunden hat: "Wer bist du?" fragt er endlich. Der andere stellt sich vor: "Ich heiße Bartimäus, du hast bestimmt von dem Blinden gehört, der in der Nähe der Stadt am Straßenrand sitzt, das bin ich. Oder vielmehr: das war ich. Seit Jesus bei mir vorbeigekommen ist, kann ich nämlich sehen. Bei dir ist er auch eingekehrt, habe ich gehört."

 

Von da an läuft das Gespräch, zwischen den beiden wie eine Unterhaltung zwischen Vertrauten. Zachäus erzählt dem Bartimäus von seinen Schwierigkeiten mit den guten Vorsätzen. Bartimäus scheint sich über alles schon Gedanken gemacht zu haben. Manches ist ihm aus eigener Erfahrung geläufig. Auch ihm misstrauten die Leute; einige sagen, er habe seine Blindheit nur gespielt und die Heilung wäre jetzt nur vorgetäuscht. Anderen war er einfach unheimlich. Jedenfalls scheint Bartimäus mit solchen Problemen besser umgehen zu können als der Zöllner. "Weißt du", meint jetzt Zachäus, "nach diesem Erlebnis mit Jesus gestern Abend kann ich einfach nicht mehr so weitermachen wie bisher. Ich will alles gut machen, mich ändern, aber die Leute lassen mich nicht. Sie wollen mich so haben, wie ich immer war."

 

Und jetzt antwortet Bartimäus: "Denk doch mal, Zöllner, du bist ja auch so anders als bisher. Sie verstehen dich nicht mehr. Das macht die Leute unsicher. Sie finden sich nicht mehr zurecht. Ich glaube, du bist jetzt stärker als sie, auch wenn du es nicht weißt. Die Leute spüren das! Überleg' mal: Sie haben nicht erlebt, was du erlebt hast mit Jesus, ihnen fehlt deine Erfahrung, ihnen fehlt das, was dich verändert hat. Du weißt viel mehr als sie und deshalb kannst du ihnen weiter entgegenkommen als sie dir! Du kannst sie verstehen, weil du in ihrer Lage warst, aber sie sind nie in die Lage gekommen, in der du jetzt bist. Deshalb können sie dich nicht vorstehen. Sie sind noch in dem Gefängnis, aus dem du freigekommen bist. Was wissen sie von deiner Freiheit!? Du musst Geduld mit ihnen haben. Du musst gütig zu ihnen sein. Ja, sei barmherzig mit ihnen, wie Jesus barmherzig mit uns war!"

 

"Dann wäre es so", sagt Zachäus nach einer Weile langsam, "dass sie mich nicht freilassen und der sein lassen, der ich sein möchte, weil sie noch gefangen und noch nicht befreit sind? Dann stünde ihnen noch bevor, was ich erlebt habe, die Zusage: Heute hat Gott dich mit deiner ganzen Familie angenommen?" - "So wird es wohl sein", sagt Bartimäus.

 

Wie ging's nun später weiter in der Zachäusgeschichte? Vielleicht hörten die Leute nach ein paar Tagen von selbst auf mit dem Lästern und Tratschen. Vielleicht gelang ihm auch mit den anderen Zöllnern eine Einigung. Vielleicht konnte er sie gar bewegen, ihrerseits die Zölle zu senken und verzichtete dafür auf ihre Abgaben, die ihm als Oberzöllner von ihnen zustanden, so dass sie keine finanziellen Einbußen erlitten. Vielleicht ließ sich nach und nach auch die Frau für die neue Lebens- und Verhaltensweise begeistern, wenn sie ihn wirklich liebte? -

 

Auf jeden Fall begann und tat Zachäus künftig alles aus dem Bewusstsein: Diese andern haben nicht erlebt, was ich mit Jesus erlebt habe! Sie sind noch gefangen im Gefängnis, aus dem er mich befreit hat. Ich muss Geduld mit ihnen haben!

 

Hilft uns das nicht auch? - Du möchtest dich ändern. Das Wort des Evangeliums hat dich getroffen, Jesu Botschaft hat dich angesprochen. Du fasst Vorsätze. Dieses und jenes soll anders werden bei dir, denn vor seinem Wort kann nicht alles beim alten bleiben!

 

Aber es gibt Widerstände. Du wirst zur Zielscheibe ihres Spottes. Man tuschelt und zeigt mit Fingern, man lacht und schneidet dich. Jetzt kannst du die Flinte ins Korn werfen und aufgeben, noch ehe du richtig begonnen hast. Jetzt kannst du die Trägheit siegen lassen und die Sache deiner Vergesslichkeit überantworten. - Oder du kannst dranbleiben, wie der Zachäus meiner Geschichte: Das war ihm klar geworden: Die Leute verstehen dich nicht mehr. Du bist anders, als sie dich immer kannten. Das macht sie unsicher. Du hast erlebt, was sie nie erlebten. Du hast erfahren, was sie nicht begreifen können, die Zusage Gottes für dich persönlich: Heute habe ich dich und deine ganze Familie angenommen! Die andern sitzen noch in Gefängnis, aus dem du freigekommen bist. Habe Geduld mit ihnen. Sei gütig zu ihnen und barmherzig.

 

Ich glaube, so kann es uns gelingen, dass unsere Vorsätze wahr werden. So können wir uns ändern.- So werden wir uns ändern, wie Zachäus. AMEN  

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 18.06.2019


Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis  -  14.7.2019

Foto: Archiv
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Textlesung: Joh. 8, 3 - 11

 

Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

 

Liebe Gemeinde,

 

daß die Geschichte wohl anders verlaufen wäre, wenn es sich um einen Ehebrecher gehandelt hätte, soll uns heute nicht beschäftigen. Wahrscheinlich wäre die Geschichte dann gar nicht erzählt worden, denn die damalige Männergesellschaft hätte im umgekehrten Fall kaum Anstoß an einer Treulosigkeit genommen. Wir wollen einmal auf das achten, was Jesus tut und sagt. Wenn es auch nicht sehr viel ist, er verhält sich nicht nur sehr geschickt, er lehrt uns auch den rechten Umgang mit der Schuld - der anderen und unserer eigenen.

 

Das weiß er gleich: Sie wollen ihm eine Falle stellen. Wenn er ablehnt, die Frau zu steinigen, dann stellt er sich über Mose und das Gesetz. Andererseits ist es für Jesus, den Heiland und Menschenfreund, ja auch ganz unmöglich, einer Steinigung zuzustimmen. - Er schweigt und er wird dabei nachgedacht haben. Dann aber weiß er, was er sagen muss: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" Der Erfolg ist durchschlagend: Einer nach dem anderen trollt sich schweigend. Sie sind wohl in sich gegangen, mussten erkennen, dass sie auch manche Sünde begangen haben und jeder Stein, den sie werfen, auch sie selbst treffen könnte. - Aber Jesu Wort ist noch viel tiefer! Es hat nicht nur den oberflächlichen Sinn, dass die Männer über sich selbst erschrecken und ins Nachdenken kommen; es sagt auch etwas über das Recht, die Schuld anderer heimzusuchen - und wer allein dieses Recht hat. Denn gibt es wohl einen Menschen, der ohne Sünde ist? Darf also irgend einer oder eine den ersten Stein werfen? Und um es ganz deutlich auszusprechen: Steht nicht Gott allein zu, unsere Schuld Schuld zu nennen und - wenn er das will - zu bestrafen?

 

Es hat zu allen Zeiten auch solche gegeben, die Anstoß an dieser Geschichte genommen haben. Wohlgemerkt nicht so, wie es von Jesu Antwort beabsichtigt ist! Nein, über Jesus selbst haben sich die Leute aufgeregt und geärgert: Heißt er eine Sünderin hier nicht eigentlich gerecht? Fördert er nicht die Liederlichkeit. Verharmlost er nicht die Schuld des Ehebruchs? Ja, gibt er nicht Anlass für alle Hörer und Leser dieser Geschichte, die Sünde nicht so ernst zu nehmen und vielleicht sogar munter drauflos zu sündigen - am Ende noch mit Jesu Wort als Alibi und Entschuldigung auf den Lippen: "So verdamme ich dich auch nicht"?

 

Liebe Gemeinde, solche Gedanken, wenn sie uns jetzt beschäftigen, zeigen eines ganz deutlich: Wir schlagen uns erst einmal ganz selbstverständlich auf die Seite der Ankläger, wir sind unter denen zu finden, die hier die Frau vor Jesus zerren. Jetzt stehen wir da und warten darauf, daß Jesus sie verurteilt. Und dann sind wir - wenn wir ehrlich sind - vielleicht auch nicht zufrieden mit diesem Wort: "Wer unter euch ohne Sünde ist..." Denn wie bei den Männern damals, so ist auch unser Denken und Dünken bestimmt von einer "Gerechtigkeit", die jedem zumißt, was seine Taten wert sind oder was wir meinen, das sie verdient haben. Damals hieß das: Eine Frau, die die Ehe bricht, muß gesteinigt werden. Heute heißt es vielleicht: Wer vor Gott schuldig wird, muß angemessen bestraft werden. Und damals wie heute gilt: Jede Sünde fordert ihre Strafe. - Damit aber gerade wollte Jesus aufräumen! Dieses Denken ist für ihn überholt - seit er in die Welt kam und seit Gott in ihm und durch ihn eine neue Gerechtigkeit verkündigt und schafft.

 

Wir wollen uns dieser Gerechtigkeit einmal nähern, indem wir uns auf die andere Seite begeben. Wir hören ja nicht sehr viel über die Frau, die sie beim Ehebruch ertappt haben. Aber wir können uns vorstellen, dass eine ganze Menge in ihrem Herzen und in ihrem Kopf vorgeht.

 

Bemerkenswert ist schon einmal, dass sie nichts leugnet, nichts abstreitet, nichts zu erklären versucht und sich auch nicht wehrt, als sie es in Jesu Hand legen, ob sie gesteinigt wird. Halten wir also fest: Sie weiß, dass sie schuldig ist! - Dass hier der Ehebruch oder irgendwelche anderen Sünden gefördert würden, davon kann schon einmal keine Rede sein. Die Frau steht zu ihrer Sünde. Vielleicht bereut sie ihre Tat sogar?

 

Und sie erwartet auch Strafe! Vielleicht hätte sie später, wenn die Männer die Steine aufgehoben hätten, gejammert und um Gnade gefleht. Aber jetzt schweigt sie. Sie weiß, was sie verdient hat. Sie weiß, was geschehen wird, geschehen muss... Und sie wird große Angst gehabt haben. Ja, vielleicht ist sie verstummt, weil ihr Furcht und Verzweiflung die Kehle abschnüren? - So können wir aus dieser Geschichte bestimmt nicht lesen, Jesus habe die Lässigkeit und die Liederlichkeit im Umgang mit der Sünde unterstützt!

 

Bleiben wir noch weiter auf der Seite dieser Frau: Sie sieht einen nach dem anderen schweigend davongehen. Das Unerwartete geschieht! Niemals hätte sie geglaubt, daß sie davonkommt, noch einmal das Leben geschenkt bekommt. Aber so ist es! Die Ankläger verlassen den Ort. Und mit ihnen weicht die Angst, die schreckliche Drohung des Todes, die Strafe... - Aber es weicht doch nicht die Schuld! Immer noch und immer weiter weiß die Frau doch ganz genau: Ich hätte fast den Tod erleiden müssen! Das wäre recht und meiner Tat angemessen gewesen nach dem Gesetz... Aber ich bin davongekommen, ich bin frei, ich habe Barmherzigkeit, Gnade erfahren! - Wird ein solcher Mensch nun weiter "drauflossündigen" und die Schuld nicht ernstnehmen? Oder wird er nicht vielmehr mit Tränen der Freude in den Augen vor sich selbst und vor Gott schwören, nie wieder zu tun, was ihn zum Sünder hat werden lassen?

 

Liebe Gemeinde, jetzt, jetzt erst hört die Frau aus Jesu Mund: "So verdamme ich dich auch nicht!" Hier wird kein verantwortungsloser Mensch bestätigt, der bei nächster Gelegenheit wieder leichthin Schuld auf sich lädt. Hier wird nicht von außen entschuldigt oder gerechtfertigt. Jesus spricht nur aus, was schon geschehen ist: Die Frau wird nicht verdammt, weder von Menschen, noch von Gott. Sie hat ihre Schuld gesehen, angenommen, getragen und bereut. Sie hat Gottes Erbarmen erlebt und seine Vergebung empfangen. Nun darf sie kein Mensch mehr bestrafen. - Die Ankläger müssen mit ihrem Verzicht auf die Steinigung nur nachvollziehen, was Gott schon beschlossen hat: Die Frau hat Gnade vor ihm gefunden, nun darf kein Mensch sie mehr verurteilen. Überhaupt ist unsere Sünde, die wir vor Gottes Gebot und Gesetz auf uns laden, immer zuerst eine Sache, die Menschen mit Gott entzweit und sie vor ihm schuldig macht. Und Gott will eben nicht in menschliche Hände geben, zu ahnden, heimzusuchen, zu bestrafen. Er will, wenn den Menschen ihre Schuld leid ist, barmherzig sein, verzeihen und neues Leben schenken. Es wäre gut, wenn wir anderen ihm dabei nicht im Wege stünden, wenn er den Menschen vergibt und ihre Füße auf neuen, weiten Raum stellt.

 

Aber noch einmal wollen wir uns in die Frau versetzen, die hier soviel Erbarmen erfährt: Hätte man sie gesteinigt, alles wäre zu Ende gewesen. Aber auch eine mildere Strafe kann doch nicht so viel erreichen wie die Barmherzigkeit! Wenn eine schlechte Tat die angemessene Sühne nach sich zieht, dann ist im Augenblick der Strafe, die Entwicklung an einen Schlusspunkt gekommen. Vielleicht fällt der Mensch in neue Schuld, muss wieder Strafe leiden, um dann wieder zu sündigen... Ganz anders, wenn er Gnade erfährt: Wird einer, dem die erwartete Strafe geschenkt wird, nicht dankbar sein. Und wird er aus dieser Dankbarkeit heraus sich nicht bemühen, die Güte dessen, der ihm die Strafe erlassen hat, zu rechtfertigen? - Um es so zu sagen: Die Frau, die beim Ehebruch ertappt worden ist, die ihre Schuld nicht geleugnet und die den Tod erwartet hat, die wird so schnell nicht wieder wegen einer Sünde vor Jesus erscheinen müssen! Ihr wird es ernst sein damit, wenn Jesus sagt: "Sündige hinfort nicht mehr!" - Wir anderen haben keinen Grund, ihr noch weiter vorzuhalten, was Gott ihr vergeben hat. Und schon gar keinen Grund haben wir, daran zu zweifeln, daß sie sich künftig bemüht, sich von der Sünde fernzuhalten.

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 18.06.2019