Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis - 21.7.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute ist uns ein Predigttext verordnet, da kann einem Hören und Sehen vergehen! Bestimmt werden einige nicht glauben können, dass er überhaupt in der Bibel steht. Und schon gar nicht würde man solche Worte von Jesus erwarten! Und "frohe Botschaft" ist das schon gar nicht! Aber lassen wir uns diese Worte Jesu einmal sagen:

 

 

Textlesung: Lk. 14, 25 - 33

 

Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann's nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann's nicht ausführen? Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.

 

Habe ich zu viel versprochen? Ist das nicht fast unglaublich? Wir sollen unseren "Vater hassen", die Mutter und die Geschwister dazu! Wir sollen uns selbst verachten und wir sollen uns von allem lossagen, was wir haben! Anders können wir nicht Jesu Jünger sein? Wer kann das fassen?

 

Und noch mehr: Wer kann dann ein Jünger Jesu werden? Man meint fast, Jesus wollte die Menschen abschrecken, dass sie nur ja nicht in seine Nachfolge treten! Warum bloß? Wollte er sie warnen, dass sie nicht meinen, es wäre so leicht, in seiner Nähe zu leben? Wahrscheinlich! Aber warum lässt er sie nicht erst einmal mit sich ziehen? Sie werden doch bald selbst merken, dass ein Leben mit ihm nicht so einfach ist! Was wäre dabei, wenn sie sich später wieder von ihm abwenden, nachdem sie ihre Erfahrungen mit der Nachfolge gemacht haben? Muss er sie gleich so hart abweisen? "Ihr müsst euch hassen...!" Nein, von Evangelium spürt man da nichts!

 

Was waren das wohl für Menschen, die hier mit Jesus gegangen sind? Wem redet er denn so scharf von dem, was seine Jünger mitbringen müssen? - Ich denke mir, diese Leute hatten ihn predigen hören. Sie hatten die eine oder andere Heilung erlebt. Vielleicht hatten sie auch gesehen oder davon erzählt bekommen, dass dieser Jesus sogar Tote auferweckt hat! Jetzt möchten sie bei ihm bleiben oder wenigstens noch ein Stück mit ihm gehen. Vielleicht würde er ja noch andere Menschen gesund machen? So etwas sieht man ja gern! Das ist doch immer wieder eine kleine Sensation; das lässt man sich doch nicht entgehen! Das unterbricht den sicher oft eintönigen Alltag der Menschen - damals.

 

Dass es auch etwas kostet, bei diesem Jesus zu sein, daran hatten sie sicher nicht gedacht! Nein, sie wollten von Jesus etwas bekommen: Eine Hilfe für sich selbst, eine Heilung, über die man staunen und raunen kann, eine Wundertat, die man noch nie erlebt hat! Bestimmt hatte keiner sich überlegt, dass er vielleicht nicht nur Gaffer und Zuschauer sein sollte! Wem war das wohl klar, dass Jesus nicht nur Hörer, sondern Zeugen und Täter seiner Worte brauchte? - Ja, ich glaube wir ahnen jetzt, was das für Menschen waren, die da hinter ihm herliefen: Innerlich ziemlich unbeteiligte Leute, die nur etwas fürs Auge suchten und etwas zum drüber Schwätzen, eben bloße Zuschauer, die aber nicht hineingezogen werden wollen! Jetzt verstehen wir die harten Worte schon ein wenig besser: Wenn ihr nicht bereit seid, alles aufzugeben und euch und eure Familie zu hassen, dann geht lieber zu einem anderen! Und wenn ihr doch kommt, dann überschlagt bitte sehr genau, was es euch bringt und was ihr einsetzt! Das Leben mit mir ist kein Zuckerlecken! Es besteht nicht aus Heilungen und Wundern. Ihr müsst vielmehr mit Verachtung und Schande, mit Leid und Schmerzen rechnen. Ihr werdet nichts daran verdienen, im Gegenteil: Ihr müsst von der Hand in den Mund leben und habt nicht, wo ihr das Haupt hinlegt. Ich warne euch ausdrücklich: Gebt nichts darauf, was ihr an mir seht und erlebt habt - das Schwere, was euch in meiner Nachfolge blüht, wird alles weit übersteigen, was ihr euch ausmalt! Euch erwartet Schmach und Hohn, Leiden und schließlich der Tod. Ihr werdet euch einmal wünschen, ihr hättet mich nie gekannt! So ist das mit mir! Das ist der Weg hinter mir her! Überlegt euch gut, ob ihr ihn betretet! -

 

Und vielleicht verstehen wir jetzt auch das ein wenig, wenn Jesus von Hass und Entsagung spricht: Man muss schon sich und alles um sich herum hassen, um gern einzutauschen, was er uns verheißt! Nur einer, der sich und sein bisheriges Leben verachtet, wird freiwillig das Leben auf sich nehmen, das ein Jünger Jesu führen muss! Nur einem, der innerlich frei geblieben ist von den Sachen und dem Besitz, die ihn umgeben, wird es überhaupt möglich sein, die Armut Jesu zu ertragen!

 

So sind diese Worte Jesu eigentlich keine Aufforderung zum Hass auf den Vater und sich selbst. Er will auch nicht erreichen, dass wir uns und unsere Schwestern und Brüder verachten oder alles Irdische für Dreck halten... Er fragt nur, ob es so bestellt ist bei den Leuten, die hier hinter ihm herlaufen: Hasst ihr euch und eure Habe - dann werdet ihr meinen Weg teilen können! Verachtet ihr alles, was bisher euer Leben war - dann wird euch mein Los nicht schrecken. Seid ihr so weit, dass ihr keine Freude mehr an allem habt, woran die Menschen dieser Welt ihr Herz hängen - dann seid ihr recht für die Nachfolge!

 

Jetzt, da wir diese Gedanken und Worte über die Jüngerschaft gehört und bedacht haben, ist uns gewiss etwas deutlich geworden: Das meint ja nicht nur die Menschen damals! Jesus würde uns wohl ganz genauso ansprechen, wenn wir ihn fragten: Können wir mit dir gehen? Das heißt, ein wenig anders würde er wohl doch reden, er ist ja nicht mehr als Mensch unter uns. Vielleicht müssten wir uns von ihm das anhören:

 

Habt ihr genug von all den falschen Götzen, an die ihr euer Herz gehängt habt? Der Luxus, der euch umgibt, die fragliche Sicherheit eures Bankkontos und der Lebensversicherung, der Traum von der ewigen Jugend und der Hoffnung, das Leben könnte immer nur Glück bieten? Wenn ihr endlich durchschaut, dass dies alles nur Ersatz ist, Wunschdenken und Illusion - dann seid ihr bei mir richtig! Ihr müsst das satt haben! Ihr müsst vor Hunger nach wirklichem Leben vergehen! Ihr müsst vielleicht sogar begriffen haben, dass euch die liebsten Menschen oft nur Falschgeld für bare Münze andrehen! Dann seid ihr soweit - meine Jünger zu werden! Glaubt mir, die Leute lügen, die euch weiß machen wollen, das Leben könnte immer nur schön sein! Es gibt Leid und es gibt Krankheit und ihr müsst den Tod bestehen am Ende! Keiner kann euch das ersparen! Was ihr bei mir lernen könnt, ist: Mit mir durch Krankheit, Leiden und Tod hindurchzugehen - ins Leben! Aber das liegt in einer anderen Welt! Nehmt euer Kreuz auf die Schultern, dann werdet ihr spüren, dass ich mit euch trage; aber legt es euch auf, denn es muss weggetragen werden, um es zu überwinden!

 

Kommt vor allem heraus aus der Zuschauerrolle! Meine Sache ist nicht der feierliche Gottesdienst in der Kirche, jedenfalls ist das nicht alles! Ich will euch nicht zuerst etwas für den Glanz in euren Augen bieten, sondern ich brauche euch für den Dienst an den Menschen. Es gibt ja so viel Elend! Lasst euch den Kerzenschimmer und den Weihrauch nicht genug sein! Rafft meinen Leib und mein Blut bei meinem Mahl nicht nur für euch selbst an euch, sondern lasst euch dadurch mit allen leidenden Mitmenschen zu meinem Leib zusammenschließen! Habt teil an ihrer Not! Lasst euch ihren Kummer nahegehen! Lindert ihre Schmerzen, wo immer ihr könnt! Dann seid ihr bei denen, für die ich in die Welt gekommen bin! Wenn ihr meine Jünger sein wollt, dann ist da euer Platz! Wo der Herr ist, da sollen die Knechte und Mägde auch sein! Und noch etwas: Überlegt euch - um Gottes Willen - gut, ob ihr dieses Leben auch durchstehen könnt! Ihr baut ja auch keinen Turm, um dann nach dem ersten Stockwerk aufzuhören! Es wird euch selbst schaden, wenn ihr erst Ja schreit, und dann nicht dabeibleiben könnt! Das ist schändlich und schmachvoll! Ihr zieht damit den Spott der Mitmenschen auf euch. Sie werden sagen: "Der will doch ein Christ sein, nun seht doch, wie der lebt und was der tut - als Christ!" Ja, ihr werdet so auch meiner Sache mehr Schaden zufügen, als ihr mir nützt! Wenn ihr euch erst mit meinem Namen schmückt und brüstet, dann aber jämmerlich versagt, dann bleibt das auch an mir hängen! Darum noch einmal: Wägt alles gut ab, bevor ihr mit mir geht! Ist euer Hunger nach dem wirklichen Leben groß genug? Verachtet ihr alles, was ihr bisher wart und hattet so sehr, dass ihr es leicht wegwerfen könnt? Ist euer Hass auf euch selbst und wie ihr immer gewesen seid so kräftig, dass ihr den harten Weg an meiner Seite bis ans Ziel gehen könnt? Es wird ein schwerer Weg, verlasst euch darauf! Ich habe es euch gesagt!

 

Liebe Gemeinde!
Wie werden wir antworten? Wie war unsere Stellung zu Jesus bisher? Wie ist sie jetzt und wie wird sie sein? Sind wir bereit, wirklich seine Jünger zu werden? Bleiben wir lieber bloß Zuschauer unterwegs, wenn er mit dem Wunder einer Heilung oder ein paar feierlichen Worten vorbeikommt? Sicher ist: Jesus braucht Jüngerinnen und Jünger! Ohne Täter seines Wortes kann er nichts tun, ohne echte Nachfolger wird sein Evangelium nicht weitergesagt und weitergelebt. Er braucht uns - heute mehr denn je! Sind wir bereit? Überlegen wir gut - dann aber gehen wir den Weg, den unser Herr gegangen ist! Es wird ein schwerer Weg, aber ER ist bei uns. AMEN

 

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 9.07.2019

     


Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis - 28.7.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textlesung: Jes. 43, 1 - 7

 

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt, weil du in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist und weil ich dich liebhabe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Dieser Sonntag ist seit alters ein Gedenktag für die Taufe. Und zur Taufe passen die Worte des Propheten auch sehr gut. Besonders schön ist der erste Vers; der ist auch noch der Wochenspruch für diesen Sonntag: „So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein!"

 

Nicht wahr, ein gutes Wort, und wunderbar passend zur besonderen Widmung dieses Sonntags: Denn seit wir getauft sind, müssen wir uns ja nicht fürchten. Seit wir getauft sind, weiß Gott unseren Namen. Seit wir getauft sind, gehören wir ihm und er hat uns erlöst.

 

Aber - so schön und richtig das alles ist - zunächst bleiben es nur Worte. Wie gewinnen sie wirklich Einfluss auf uns? Wie kann unsere Taufe also (wieder) kräftig werden in unserem Leben? Wie verändern uns diese guten Worte und machen uns fröhlicher oder mutiger: Fürchte dich nicht...?

 

Ich will ihnen etwas erzählen, eine wahre Geschichte, sie spielt in einem kirchlichen Freizeitenheim im Erzgebirge. Dieses Heim gehört der landeskirchlichen Gemeinschaft von Sachsen. Das Haus ist, nachdem es vor Jahrzehnten schon als Mühle ausgedient hatte - lange vor der Wende - ein christliches Haus geworden, in dem meist kirchliche Freizeitgruppen ein Wochenende, ein paar Tage oder auch zwei oder drei Wochen verbringen. Die Gästezimmer sind in diesem Haus nummeriert wie in anderen Heimen auch. (Selbst die „13" ist dabei, die man anderswo vermisst!) Nur hat man den Zimmern dort - zusätzlich zu den Zahlen - auch noch Namen gegeben, Namen von christlichen Tugenden wie Treue, Freude, Sanftmut, Frieden, Keuschheit… Außen an den Türen sind kleine Holzschildchen angebracht, auf denen die jeweilige Tugend in dunkelbrauner Schrift eingebrannt ist.

 

In diesem Haus hatte ein Pfarrer vor Jahren die Familienfreizeit seiner Gemeinde. Als er jedem am Anfang seinen Raum zugeteilt hat, musste er natürlich in erster Linie auf die Bettenzahl der Räume achten und ob sie etwa auch für Gehbehinderte leicht erreichbar waren. Keinesfalls aber - das hat der Pfarrer später den Freizeitern versichert - hat er dem einen oder anderen eine bestimmte Tugend zugewiesen, um vielleicht damit zu sagen: „Dir würde ein bisschen mehr Sanftmut oder Wahrheit guttun." Die Freizeitteilnehmer wussten also, dass die Zimmernamen mehr oder weniger zufällig verteilt worden waren. Trotzdem: Die Bewohner der Zimmer haben den Pfarrer dann doch gefragt, warum sie gerade diesen oder jenen Namen an ihrer Tür lesen konnten! Und auch der Pfarrer selbst hat lange darüber nachdenken müssen, ob es nicht vielleicht doch einen höheren Sinn haben konnte, was da an den Türen stand. Die Tugend an seiner Tür zum Beispiel war die „Besonnenheit". Mehr als einmal hat er überlegt, ob ihm das nicht wirklich fehlt oder ob er sich hierin nicht wenigstens noch vervollkommnen müsste. Mit der Bewohnerin des Zimmers „Sanftmut" hat er ein Gespräch darüber geführt, inwieweit sie wohl diese Eigenschaft nötig hat und auch sie meinte dann lachend, dass sie wohl noch eine gute Portion davon vertrüge. Andere wieder konnten weniger mit ihrer Tugend anfangen oder sie gefiel ihnen auch überhaupt nicht.

 

In jedem Fall aber sind damals die Freizeitteilnehmer nicht an den Namen ihrer Zimmer vorbeigekommen. Sie mussten sich mit ihnen auseinandersetzen, ob sie nun wollten oder nicht. Diese Namen waren sozusagen in den 14 Freizeittagen über ihrem Leben ausgerufen: „Bemühe dich um Treue!", hieß dieser Ruf vielleicht. Oder: „Sei ein bisschen besonnener, friedfertiger, fröhlicher!" Oder auch: „Denke an die Gnade, von der du lebst und gib sie als Barmherzigkeit an deine Mitmenschen weiter." Vielleicht zehnmal täglich sind die Freizeitteilnehmer ja durch die Tür mit der entsprechenden Aufschrift hindurchgegangen - klar, dass so das Auge immer wieder auf das Wort auf dem Schild gefallen ist: Liebe, Sanftmut, Treue, Zucht... Der Pfarrer jedenfalls hat am Ende der Freizeittage betont, dass er wohl sein Leben lang nicht mehr vergessen wird, dass ihn seine Tür damals so oft zur Besonnenheit gemahnt hat! Und - so fügte er lachend hinzu - er bemühe sich immer noch darum!

 

Liebe Gemeinde, was haben die Schilder an den Türen eines Freizeitheims im Erzgebirge mit der Taufe zu tun und mit dem Vers: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst"?

 

Ich glaube, über uns allen, die wir getauft sind, ist auch so ein Name ausgerufen. Nicht nur einer für 14 Tage oder eine begrenzte Zeit, sondern für unser ganzes Leben. Da steht also an der Tür unseres Lebens ein Wort von Gott. Ich buchstabiere es als: „Du bist getauft!" Oder auch: „Du bist Gottes Kind!" Andere lesen es wieder anders, aber es bleibt am Ende dasselbe. An unser aller Tür steht: Dass uns Gott geschaffen hat, dass wir ihm gehören, dass wir uns nicht fürchten müssen, dass wir bei ihm einen Namen haben, dass er uns erlöst hat... Und es ist alles so wie bei den Türschildchen im Haus dort im Erzgebirge: Wir finden das Wort über unserem Leben schon vor, wir können es nur wahrnehmen und vielleicht annehmen, dass es an unserer Tür steht: „Getauft, Gottes Kind".

 

Und auch das ist bei uns genauso wie in diesem Heim im Erzgebirge: Das mag uns gefallen oder nicht, mag uns anspornen, dass wir dem Namen über uns gerecht werden, oder wir lehnen uns dagegen auf. Vielleicht beglückt es uns ja auch zu wissen, dass wir Gott gehören? Oder wir meinen - in unserem menschlichen Übermut - das machte uns unfrei und wir könnten uns nun selbst nicht mehr so recht entfalten? Und schließlich ist auch das ähnlich wie bei den Türschildern im Freizeitheim: Täglich kommen wir mehrfach an diesem Wort vorbei, immer wieder fällt unser Auge ja doch darauf...müsste darauf fallen: Getauft - du gehörst zu Gott - wie lieb hat er dich, wie beschenkt er dich mit Brot und einem Zuhause, mit Menschen, die in deiner Nähe sind und mit 1000 guten Gaben. Und dass du „Gottes Kind" bist, kannst du an der Liebe ablesen, mit der dich Gott überschüttet, an den Talenten, die er dir mitgegeben hat, an jeder Bewahrung, die dir widerfährt, an deiner Lebensgeschichte bis heute, deinem Hab und Gut, allen Geschenken seiner Güte.

 

Gewiss, daran kann man auch mit verschlossenen Augen vorübergehen, wie an der „Treue", der „Gnade" und der „Liebe" auf den Türschildern der alten Mühle. Aber es steht da geschrieben! Es meint uns, und ist die Verheißung für unser Leben. Und wenn wir's beachten, dann kann es kräftig und bedeutsam für uns werden: „Getauft, Gottes Kind..."

 

Eins allerdings ist anders als bei den Türschildern im Freizeitenheim: Es ist nämlich ganz sicher kein Zufall, dass Gott uns ausgerechnet dieses Wort an die Tür unseres Lebens geschrieben hat! Im Gegenteil! Das war die festeste (und beste!) Absicht. Davon soll und davon darf jeder in seinem Leben ausgehen: „Ich bin getauft. Gott hat mich geschaffen. Ich bin erlöst. Ich muss mich nicht fürchten. Ich habe einen Namen bei Gott." Wenn wir uns darauf einmal einlassen, dass solche Worte an unserer Lebenstür geschrieben stehen, vielleicht gehen wir dann nicht mit geschlossenen Augen oder abgewandtem Blick an diesen Worten vorbei, sondern lassen sie uns sagen, lassen uns von ihnen verwandeln, täglich neu und versuchen ihnen in unserem Reden und Handeln, unserem Denken, Glauben, Lieben und Hoffen immer mehr zu entsprechen?

 

Das steht ein für alle Mal an der Tür unseres Lebens: So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein! AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle -28.05.2019