Predigt zum Sonntag Rogate - 26.05.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Rogate! Liebe Gemeinde! Betet! - So heißt dieser Sonntag heute. Betet!, als wenn das so einfach wäre! Wir haben so viele Fragen zum Beten: "Wie machen wir's richtig? Dürfen wir Gott für uns persönlich bitten? Weiß er nicht viel besser, was wir brauchen? Kann ich auch ohne zu beten ein Christ sein? Gehört nicht auch Lob und Dank ins Gebet hinein? Gott kennt und weiß doch alles - warum dann überhaupt noch beten?" Fragen über Fragen. Und jeder von uns hat noch seine eigenen Probleme mit dem Gebet.

 

Ich wünschte mir für diesen Sonntag, dass heute keine und keiner von hier weggeht, ohne dass ihr oder ihm auf seine Fragen zum Beten wenigstens eine Antwort gegeben wurde. Ich wünschte mir, dass es in diesem Gottesdienst gelingt, uns ein bisschen mehr zu Menschen zu machen, die beten können. Denn was soll sonst der Aufruf, den wir im Namen dieses Sonntags hören: Rogate! Betet!

 

Ich will uns ein Stück aus der Bergpredigt lesen. Es ist der für diesen Sonntag vorgeschlagene Predigttext. So spricht Jesus vom Beten:

 

Textverlesung: Mt. 6,(5-6) 7-13 (14-15)

 

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Wie beten wir richtig? Wie will Gott unser Gebet haben? Ich finde, hier gibt Jesus Antwort, auf viele unserer Fragen: Wir sollen keine Heuchler sein, die mit frommem Niederschlagen der Augendeckel öffentliche Gebete verrichten. Beten ist offenbar etwas, bei dem Zurückhaltung geboten ist, eher eine Herzensangelegenheit, eine Sache für das "Kämmerlein", wo ich mit Gott allein bin. Ich denke mir, Jesus hat das den Menschen sagen wollen, die eine Schau aus dem Beten machten. Sie sagten ellenlange Psalmen laut wie am Schnürchen herunter und wollten dafür die Anerkennung durch die Menge: "Ist der aber fromm! Kann die aber beten!" Jesus richtet diesen Leuten nun aus: Ihr habt euren Lohn dahin. Ihr habt - was euer Beten wert ist - schon erhalten: Eben die Anerkennung, das Staunen, das Lob der Menschen, denen ihr euer Beten zur Schau stellt. Mehr dürft ihr nicht erwarten! Solche Gebete erhört Gott nicht, denn sie sind ja nicht um der Erhörung, sondern um des Beifalls der Menge willen gesprochen.

 

Wir sollen aber durchaus mit einem "Lohn" des Betens rechnen, denn "dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten." Warum soll sich denn auch Gott, den wir "Vater" nennen, nicht freuen, wenn seine Kinder zu ihm kommen mit ihren Sorgen, ihren Wünschen, ihren Bitten und - hoffentlich - auch mit ihrem Lob und ihrem Dank?! Und warum soll er aus dieser Freude heraus nicht auch belohnen, dass einer sich an ihn wendet? Wir werden jetzt gewiss nicht zu ihm beten, um diesen Lohn zu bekommen. Aber ist es nicht schön zu wissen, dass der Vater im Himmel rechtes Beten auch mit Güte vergelten will? Hier ist sicher noch nicht gemeint, dass Gott uns erfüllt, worum wir ihn bitten. Das ist eine andere Sache. Aber schon dass wir ihn bitten, soll seinen Lohn bekommen. Ich muss hier sagen, ich habe solchen "Lohn" des Betens schon oft gespürt: Und wenn ich im Gebet - angesichts einer Aufgabe, die mir große Angst machte - nur ruhiger geworden bin. War das kein Lohn? Oder das: Ist es nicht schon sehr tröstlich, etwas, das mich bewegt, umtreibt und beschäftigt, Gott gesagt, dem Vater anvertraut zu haben? Ist das nicht auch "Lohn"? Viele hier sind auch schon so belohnt worden, wenn sie sich im Gebet an Gott gewandt haben. Ich stehe da sicher nicht allein.

 

Und wir sollen es kurz machen mit unseren Gebeten, nicht "plappern wie die Heiden". Wie groß ist die Versuchung bei Gott mit vielen Worten durchsetzen zu wollen, was eigentlich unser Wille ist! Wir sollen Gott nicht zu bereden versuchen, wie wir's mit den Mitmenschen halten. Bei Meinesgleichen mag das stimmen: "Den krieg' ich schon herum, wenn ich nur lange genug auf ihn einrede!" - Bei Gott erreiche ich damit nichts. Nicht die vielen Worte gelten vor ihm, sondern die Einsicht, dass er ja auch einen Willen hat, allemal weitsichtiger, größer und besser als mein eigener. (Die kürzeste Bitte an Gott, den Vater, der es gut mit mir meint und der doch besser weiß, was mir not ist, hat uns Jesus im Vaterunser gelehrt: Dein Wille geschehe! Drei Wörtchen nur, aber - wenn sie ernsthaft gemeint sind - liegt der ganze Sinn allen rechten Betens darin: Ich gebe mich voll Vertrauen in Gottes Hand, er tue mit mir, was er will! Dein Wille geschehe - drei Wörter nur, aber sie gehören ans Ende eines jeden Gebetes, wenigstens in Gedanken.)

 

Und wir sollen Vertrauen haben: "Euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe denn ihr ihn bittet." Wohlgemerkt, "was ihr bedürfet", nicht was ihr "wünscht"! Das ist zweierlei! Ich wünschte mir als Kind immer, einmal reich zu sein, einmal berühmt zu werden; einmal im Licht der Öffentlichkeit zu stehen... Dessen "bedurft" habe ich nicht, das weiß ich heute. Vielmehr: Ich hätte heute gar nichts anderes werden wollen, als ich nun geworden bin! Und doch: Wie sehr habe ich's mir einmal gewünscht! Und sie? Haben sie nicht auch eine andere Lebensentwicklung genommen, als sie sich's einmal erträumten und in ihren Wünschen ausmalten? Und war es nicht gut so, wie es kam? -

 

Wir sollen Vertrauen haben! Gott weiß, was wir wirklich brauchen - noch ehe wir zu ihm beten. Deshalb ist nun nicht jedes Gebet eigentlich sinnlos: "Gott kennt ja doch schon den besten Weg für mich; warum also noch bitten?" - Gott hört durchaus unsere Wünsche. Er erfüllt sie aber nicht alle. Sollte uns der "Vater" im Himmel denn erfüllen, was uns ins Unglück führt? - gegen sein besseres Wissen? Aber sagen wir sie ihm ruhig - unsere Wünsche! Es kann dann im Gebet geschehen - und haben sie's nicht auch schon erlebt - dass Gott uns seinen Willen zeigt und uns Antwort gibt auf unsere Wünsche und wir begreifen: Sein Wille ist besser für mich!

 

"Der Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe denn ihr ihn bittet" - Mir wird über diesem Wort noch etwas anderes klar: "Bitten" und "Wünschen" sind vielleicht gar nicht das wichtigste an unserem Beten. Könnte denn nicht auch Loben und Danken, Preisen und Rühmen der Inhalt unserer Gebete sein? Freuen wir uns denn nicht auch daran, wenn man uns hin und wieder auch einmal Dankeschön sagt? Sollte Gott sich nicht auch über dankbare Kinder freuen? Ja, nehmen wir doch auch da einmal ernst, dass wir vom himmlischen "Vater" reden. Der Vater hat ganz gewiss Freude daran, wenn wir "Danke" sagen, denn er hört's - sicher auch von uns - ja selten genug. Achten wir doch einmal darauf, wieviel wir bitten und wie wenig wir danken in unserem Gebet.

 

Wie beten wir richtig? - ich glaube, die Worte Jesu sagen dazu schon eine Menge: Nicht wie die Heuchler, sondern im Kämmerlein. Ohne Schau, aber durchaus nicht ohne Lohn. Nicht viel Gerede, sondern im Blick auf das Wesentliche: Daß der Wille Gottes geschieht. Unsere Wünsche getrost vortragen, aber dann Vertrauen haben, dass der Vater besser weiß, was ich wirklich brauche und es am besten mit mir meint. Und schließlich - nicht zuletzt! - bei all den Bitten und Wünschen auch einmal sagen: Habe Dank, mein Gott!

 

Mehr über das Beten erfährt der, der es täglich praktisch übt, indem er tut, wozu uns der Name dieses Sonntags auffordert: Rogate! Betet!

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 8.05.2019


Predigt zu Christi Himmelfahrt - 30.05.2019

Foto: Archiv
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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 8.05.2019