Predigt am Sonntag "Rogate" - 29.4.2018

Foto: Horst Guist
Foto: Horst Guist

 

 

Textlesung: Kol. 4, 2 - 4 (5 + 6)

 

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss. Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.

 

Liebe Gemeinde!

 

Gewiss, dieser Sonntag heißt "Rogate" - Betet! Und wir wollen heute auch über das Gebet nachdenken. Aber - wie so oft - hat mich etwas anderes mehr angesprochen, ja geradezu angesprungen: "Kauft die Zeit aus!" So ruft uns Paulus zu. Nutzt eure Jahre, eure Tage, eure Stunden! Lasst keine Minute verstreichen, die sinnlos oder vergeudet wäre! Macht etwas aus eurem Leben!

 

Er meint das nicht, wie wir es heute gern verstehen: Bringt es zu was! Seht zu, dass ihr Geld und Güter anhäuft! Im Gegenteil! "Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus." Um die Menschen "draußen" geht es, um die Randsiedler der Gemeinde, um Leute, die noch nicht zu Christus gehören. Wer sich mit denen abgibt, wird es nicht zu Vermögen bringen. Wer sich um die kümmert, kommt in den eigenen Dingen nicht weit. Wer für solche "die Zeit auskauft", wird für sich selbst keine mehr übrig haben! Trotzdem: Das empfiehlt uns der Apostel: Setzt eure Zeit für andere ein! Für eure Mitmenschen! Für die "draußen" vor der Kirchentür und die, denen Christus noch nicht aufgegangen ist.

 

Warum mich gerade dieser Gedanke so angeregt hat? In den letzten Jahren müssen wir Kirchenleute viele deprimierende Erfahrungen machen, etwa solche: Trotz besonderer Einladung zur "Vorstellung der Konfirmanden", macht sich die Gemeinde, der sie sich vorstellen (!), in diesen Gottesdiensten zunehmend rar. Es sind fast nur noch die Eltern und Paten dabei, denen sich die Jungen und Mädchen nicht vorstellen müssen!

 

Bei der Konfirmation ist es in jedem Jahr ganz ähnlich: Wir konfirmieren die jungen Leute in ihre Kirchengemeinde hinein. Sie versprechen, dass sie zu "ihrer Gemeinde gehören wollen, die aus Wort und Sakrament lebt", aber da sitzen auch wieder in der Mehrzahl ihre Verwandten. Da wird immer wieder gesagt: Man will doch niemandem den Platz wegnehmen! Das Ergebnis aber ist: Die Kirchen sind bei Vorstellung und Konfirmation immer weniger gefüllt, es ist längst nicht mehr so, wie in alten Zeiten. Schade - und traurig auch.

 

Sprechen wir noch über die (Trauung und) die Taufe. Auch da ist zunehmend - trotz Einladung! - die Meinung: Das ist ja nicht unsere Angelegenheit. Das betrifft ja nur (die jungen Eheleute,) die Eltern, die Familie... Warum aber halten wir die Feiern in unserer Kirche? (Weil die Trauung zweier Menschen aus unserer Gemeinde vor die Gemeinde gehört!) Weil die Taufe eines Kindes aus unserer Gemeinde unsere Sache als Gemeinde ist! Seltsam: Bei der Bestattung eines Menschen, der unter uns gelebt hat, ist die Teilnahme jedermann fast eine Pflicht...noch. Wird das am Ende auch einmal anders? Schlimm wäre das!

 

Aber auch vom Sonntagsgottesdienst müssen wir in diesem Zusammenhang reden: Neulich hat einer gesagt: "Mir war einmal nicht nach Gottesdienst." Klar: So etwas kommt vor. Nur klingt es für mich fatal nach: Der Kirchgang ist doch halt eine Sache der momentanen Stimmung. Wenn ich mich so fühle, dann gehe ich, wenn mir nicht so ist, bleibe ich zu Hause. Dass sich hier - in der Kirche - auch die christliche Gemeinde versammelt, sehen die Menschen immer weniger. Dass es hier - neben dem eigenen Gefühl und dem eigenen Hören und Befolgen - auch um eine gemeinsame Sache geht, wissen scheinbar nur noch wenige. Aber alles, was wir als Christen tun und lassen, hat mit den Mitchristen zu tun, unseren Brüdern und Schwestern, die mit uns zur Gemeinde zählen. Und das eben ist es, das erkenne ich im Hintergrund all der Erfahrungen, von denen ich berichtet habe: Wir machen das Christentum mehr und mehr zu einer Privatsache. Alles, was mit dem Glauben, mit Kirche und Verkündigung, mit christlicher Lebensführung und meiner Beziehung zu Jesus Christus zusammenhängt, geht niemanden an, außer mir selbst. Das ist meine Angelegenheit, da schaut mir keiner rein. - Aber es ist nicht so! Es soll so nicht sein!

 

"Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus." Es ist weder "weise" noch macht es einen guten Eindruck, wenn die Gäste einer Gemeinde bei Vorstellung und Konfirmation unter sich sind. Auf der anderen Seite: Da waren schon Randsiedler des Christentums zu Gast bei uns. Immer ist das ja so bei solchen Anlässen. Was hätten wir als Gemeinde hier ein kräftiges Zeugnis für unseren Herrn ablegen können! Die Kirche, besetzt bis zum letzten Platz... "Donnerwetter", hätten die Auswärtigen gesagt, "da ist aber noch eine aktive Gemeinde!"

 

Bitte denken sie jetzt nicht, es ginge ja doch nur um das persönliche Ansehen dessen, der den Gottesdienst hält, sei er oder sie PrädikantIn, LektorIn oder PfarrerIn: "Was kriegt der / die aber seine / ihre Kirche voll!" Fragen sie sich selbst vielmehr einmal ganz ehrlich: Kümmern uns Christen, die Menschen "draußen", denn gar nicht mehr? Ist der Gedanke der Mission unter uns schon gänzlich eingeschlafen? Liegt uns nicht mehr daran, mit einem guten Beispiel auf den rechten Weg zu helfen? - Es gab Zeiten, da war dieses Anliegen wichtig für gläubige Menschen!

 

Und bei (Trauung und) der Taufe... Überall dasselbe: Verpasste Chancen, wo wir werbend für die gute Sache eintreten könnten. Unbegreifliche Zurückhaltung, wo wir eingeladen sind, uns mit anderen zu freuen und zu danken. Keine Lust, kein Interesse, keine Zeit, wo unsere Teilnahme anderen zum Hinweis und zur Stütze werden könnte. Das Schlimmste dabei ist vielleicht: Das färbt alles ab, das zieht mehr und mehr Kreise und man kann dieser Entwicklung kaum entgegentreten.

 

(Zu jeder Trauung sind alle Gemeindeglieder in die Kirche eingeladen - es kommen allenfalls einmal drei oder vier, die nicht zur Verwandtschaft gehören. Zu den Taufgottesdiensten erscheinen ebenfalls merklich weniger Menschen als zu jedem anderen Gottesdienst - dabei müssten durch die Angehörigen von manchmal zwei oder drei Taufen in einem Gottesdienst ja wesentlich mehr als sonst kommen!)

 

Und schließlich (die trübste Erfahrung!): Wo der Kirchenbesuch erst einmal heruntergekommen ist (muss ich Beispiele nennen?), da führt kein Weg mehr zurück, eher wird der Mond eckig!

 

Aber sie fragen sich schon einige Zeit: Was hat das alles mit diesem Sonntag zu tun, der uns zuruft "Betet!" Und dann habe ich es doch auch anfänglich versprochen, mit ihnen über das Gebet nachzudenken.

 

"Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung", sagt Paulus zuvor. "Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue...", so fährt er fort. Jawohl, das wollen wir auch tun! Wir wollen beten für die, denen Christus unbekannt ist. Wir wollen beharrlich vor Gott bringen, was wir für uns und für sie erbitten! Wir wollen für das danken, was Gott dann mit seiner Kraft und seinem Geist ausrichtet. Es soll die Mitte unseres Gebets sein, dass Gott bei den Menschen "eine Tür für das Wort auftue"! Denn, wenn er sie nicht öffnet, kann seine frohe Botschaft nicht eintreten und nicht in den Herzen ankommen. Das alles wollen wir betend tun!

 

Aber: Wir wollen daneben nicht mehr länger die Macht des guten Beispiels verachten! Das spricht eine deutlichere Sprache, wenn ich dem Kirchenfremden zum Gottesdienst vorausgehe, als wenn ich ihm versichere: Du, ich bete für dich. - Für ihn beten kann ich nämlich außerdem noch!

 

Nein, ich will das Gebet nicht abwerten oder für kraftlos erklären. Nur: Das andächtigste Beten der acht oder 10 Gottesdienstbesucher einer Gemeinde kann nicht erreichen, was 50 oder gar 100 weitere Kirchgänger mit ihrer bloßen Anwesenheit erreichen könnten! Von dem Gewinn für diese 50 oder 100 Menschen selbst einmal abgesehen! All diese Dinge sind keine Privatsache! Schon gar nicht für Christen! "Verhaltet euch weise...kauft die Zeit aus, nutzt alle eure Möglichkeiten gegenüber denen, die draußen sind!"

 

Kürzlich hat eine Frau, die an einem fremden Ort im Gottesdienst zu Gast war, dem Pfarrer am Ausgang gesagt: "Gehen hier immer so viele Leute zur Kirche? Das ist ganz anders als da, wo ich herkomme. Was ist das so schön, eine richtige Gemeinde zu erleben!"

 

Das meine ich, liebe Gemeinde! Wie kann das Freude machen: Ich bin da, meine Nachbarin ist da, der Markus und Robert, die Herta und die Gabriele...ja, fast meine ganze Straße ist gekommen! Wir hören alle gemeinsam das gute Wort; wir singen zusammen, wir feiern, wir beten gemeinsam. Und wie kann das stützen, wenn einer vielleicht aus seiner Einsamkeit zu Hause hierherkam und hier eine Gemeinschaft findet, eine Schar von Menschen, die ihm das Gefühl geben: Ich bin nicht allein!

 

Oder Menschen in der Trauer, wie hilft das doch, wenn viele mitgehen und die Trauernden sich sagen können: "Auch andere fühlen wie ich. Auch anderen ist das nahe gegangen, dieser Verlust, der mich betroffen hat, dieser Abschied... Andere teilen meine Ängste, meine Fragen.

 

Und bei der (Trauung und) Taufe? Da dürfen Menschen wissen: So viele interessieren sich für uns, für unser Glück, unser Fest. Sie sind da, sie wünschen uns Segen und alles Gute für die Zukunft. Sie gehen mit uns, denken an uns, versprechen uns Begleitung und Hilfe. - Wir haben eine Gemeinde! Wir sind getragen!

 

So werden Türen zu den Herzen geöffnet! Unser Gebet mag hinzukommen, unsere Fürbitte wird diese Türen offenhalten. Aber unser gutes Beispiel ist das erste, unsere Teilnahme an den verschiedenen Versammlungen der Gemeinde.

 

Das alles ist nicht die Privatsache Einzelner. Wir sind Christen, dann sind wir auch Gemeinde. Oder wir sind es nicht. Darum: "Kauft die Zeit aus!" Die Menschen brauchen unser Beispiel - und unser Gebet! AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Horst Guist - 17.04.2018

     


Predigt an Christi Himmelfahrt - 10.5.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textlesung: Offb. 1, 4 - 8

 

Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen. Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wissen sie, was dieses „Amen" heißt, das wir hier gleich zweimal lesen? - „So soll es sein!" - Aber ist das denn die Wahrheit? Soll es so sein? Wünschen wir uns das wirklich: Dass er, Jesus Christus, kommt mit den Wolken und ihn alle Augen sehen?

 

Schon der Prophet Johannes weiß ja etwas davon, dass es nicht allen angenehm sein wird, wenn unser Herr wiederkommt: „...es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde." Wir denken dabei sicher an die Menschen, die schuld sind an Jesu Tod, eben die ihn „durchbohrt haben". Andererseits: Können wir uns da freisprechen? Ist Jesus Christus nicht für alle Menschen gestorben? Hat er sich nicht auch unsere Schuld auf den Rücken geladen und ans Kreuz getragen? Hat er nicht alle „erlöst von den Sünden"? Sicher werden wir dazu ja sagen. Doch, so ist es! Damals auf Golgatha starb er für alle Menschen. Alle haben wir ihn mit durchbohrt durch die Nägel unserer Bosheit, die Spieße unseres verkehrten Lebens. Keiner ist ja ohne Fehl. Alle hätten wir Grund zum „Wehklagen um seinetwillen"!

 

Nun wissen wir aber auch etwas von der Vergebung, die aus seinem Tod entsteht. So können wir uns sicher sagen: Wir müssen seine Wiederkunft nicht fürchten. Wer ihm vertraut, wer sein Opfer für die Sünde und Schuld seines Lebens annimmt, der darf ihn getrost erwarten. Er hat das Lösegeld bezahlt. Wir können ihm froh und voller Hoffnung entgegensehen. Wir könnten...

 

Aber ich frage mich da noch etwas anderes, wenn ich hier zweimal lese: Amen...so soll es sein! Ganz abgesehen von allen Gedanken um Schuld und Vergebung, um Opfer und Erlösung... Würden wir uns wirklich freuen, wenn er bald käme? Erwarten wir unseren Herrn tatsächlich so sehnsüchtig, wie es hier den Anschein hat: Amen, so soll es sein!

 

Das ist jetzt die Frage, wie gut, wie behaglich und komfortabel wir uns in dieser Welt eingerichtet haben. Und es ist die Frage, ob wir überhaupt noch glauben und damit rechnen, dass unser Herr wiederkommt und diese Welt ein Ende hat, das er uns setzt und nicht das Alter oder die Krankheit, und damit der persönliche Tod, der uns früher oder später einholt.

 

Und nicht zuletzt ist das die Frage danach, wie ernst wir eigentlich das Bekenntnis unseres Glaubens nehmen, ob wir das bewusst oder gedankenlos mitsprechen, wenn es darin heißt: „...aufgefahren in den Himmel, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten."

 

Nun könnten wir ja sagen: Wir sprechen so manches mit in unserem Glaubensbekenntnis, im Vaterunser und in den Liedern des Gesangbuchs, die wir in unseren Kirchen singen. Wer wird das alles so genau nehmen und auf die Goldwaage legen? Außerdem: Haben nicht schon die ersten Christen nach Ostern und der Himmelfahrt unseres Herrn darauf gewartet, dass er „wiederkommt"? Ja, war es ihnen nicht so verheißen: „Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen." (aus Schriftlesung: Apg. 1,3-4 (5-7) 8-11). Und ist er wiedergekommen? Hat er die Verheißung erfüllt? - Oder warten wir nicht immer noch - und das seit bald 2000 Jahren!? Sollen - und können - wir also an die Wiederkunft glauben? Hätten wir nicht mehr Grund zu sagen: Das wird nicht mehr geschehen?

 

Aber der Reihe nach: Haben wir uns nicht wirklich sehr gut – vielleicht zu gut! - eingerichtet in dieser Welt und unserem Leben? Wo soll er denn herkommen, der Wunsch, dass Jesus wiedererscheint auf den Wolken des Himmels? Das wäre ja das vorzeitige Ende eines Lebenslaufs, der doch noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte dauern könnte - nach unserem Willen. Es ist ja doch nicht gar so schlecht und unerträglich, unser Leben…mit all dem Luxus und den vielen Annehmlichkeiten, die es uns schenkt.

 

Ja, wenn einer von den Armen, den Hungernden gar, auf der anderen Seite des Globus, sich nach Christi Wiederkunft sehnte, das könnten wir verstehen. Aber bei uns, für uns?

 

Apropos „verstehen": Sicher kann man das gut verstehen, wenn wir nicht in dem Maß auf das Erscheinen Jesu Christi warten und hoffen, wie es andere tun, die doch ganz offensichtlich zu kurz gekommen sind, vom Schicksal nicht so begünstigt wie wir, die doch nur gewinnen könnten und nicht verlieren, wenn so plötzlich alle Geschichte an ihr Ende käme. -

 

Aber, liebe Gemeinde, offenbart unser „Verständnis" nicht auch eine falsche Sicht, die wir nicht „verstehen" können, ja, nicht „verstehen" dürfen!? Geht es denn bei Christi Wiederkunft nur um die weltlichen Güter, die wir dann „verlieren"? Ist das denn alles, dass wir vielleicht, wenn die Posaune erschallt, nackt und ohne unseren materiellen Besitz dastehen? War da nicht noch etwas anderes an unserem Christenglauben und in unseren Herzen, als unser Kreisen und Denken um Haus, Auto und Bankkonto? Haben wir es vergessen, dass wir an ein Leben nach dem Tod glauben? Haben wir vergessen, dass uns Christen etwa die Gerechtigkeit für alle Menschen immer ein wichtiges Anliegen war? Haben wir vergessen, dass uns die Werte Liebe, Glaube, Hoffnung, Treue, Geschwisterlichkeit als Christen in unser Stammbuch geschrieben sind von unserer Taufe an? Anders gesagt: Wir sprechen und singen doch im Glaubensbekenntnis, im Vaterunser und in den Liedern des Gesangbuchs nicht nur von Christi Wiederkunft, sondern auch vom „Ewigen Leben", auf das wir zugehen. Wir bitten, dass „sein Reich komme und sein Wille geschehe" und stimmen es aus voller Brust immer wieder gern an: „Er ist dein Licht, Seele, vergiss es ja nicht!" (Eingangslied: EG 317,1-5) Aber haben wir es nicht längst vergessen und sind wir nicht dabei, mit den Gedanken um Christi Wiederkunft auch manche anderen Werte und Ziele abzutun, ja, leichthin wegzuwerfen?

 

Aber jetzt zu der anderen Frage: Sollen - und können - wir nach bald 2000 Jahren - überhaupt noch an die Wiederkunft Christi glauben? Hätten wir nicht allen Grund zu sagen: Das wird wohl nicht mehr geschehen?

 

Liebe Gemeinde, teilt die Hoffnung auf Christi Wiederkunft das nicht mit anderen Hoffnungen, die wir uns machen, dass wir doch auch unsere Zweifel haben, ob sie je noch eintreten? Wenn ich etwa hoffe, dass ich irgendwann eine Million im Lotto gewinne, dann lasse ich mich auf eine Wahrscheinlichkeit von Eins zu -zig Millionen ein! Und doch hoffe ich! Oder wenn wir an einer unheilbaren Krankheit leiden und doch täglich beten, Gott möge uns gesundmachen - ist das nicht auch Ausdruck einer Hoffnung, deren Chance auf Erfüllung gleich null ist? Und doch beten wir so!

 

Außerdem - und das ist vielleicht das Wichtigste! - hat noch die geringste, unerfüllbarste Hoffnung eine Wirkung, die ganz entscheidend ist: Sie hält nämlich in uns den Gedanken wach, dass da noch etwas aussteht, dass wir mit diesem Leben in Luxus und Kurzweil, in dem wir an Dingen und Gütern weiß Gott keinen Mangel haben, doch noch auf etwas warten: Dass nämlich Christus wiederkommt, dass Gottes Reich anbricht, in dem Gerechtigkeit wohnt, dass all unsere Fragen beantwortet und unsere Zweifel dem Schauen weichen müssen. - Menschen die noch darauf hoffen, leben einfach anders als die, deren Wünsche und Erwartungen mit dem Bisschen Leben zwischen Geburt und Tod - in Saus und Braus und ohne ein Vergnügen auszulassen - schon erfüllt sind. Sie leben anders, sie handeln anders, sie beten anders und sie glauben anders.

 

Liebe Gemeinde, lassen wir uns die Erwartung und die Hoffnung nicht nehmen! Amen. Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen... Ja, Amen. Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt...

 

Es liegt viel daran, dass wir noch hoffen und darauf warten, dass Jesus Christus wiederkommt. Es ist damit verbunden, dass wir nicht zufrieden sind mit dem Leben, wie es ist - besonders wie es für Millionen anderer Menschen ist, die nicht einmal satt zu essen haben. Der Gedanke, dass noch etwas aussteht, noch nicht erfüllt ist, könnte uns anspornen, mehr als bisher auch deren Los und Schicksal vor Augen zu haben und mit denen unseren Überfluss zu teilen, die in dieser Welt wahrhaftig „zu kurz gekommen" sind.

 

Gottes Reich wird einmal beginnen - mitten in dieser Welt, für alle sichtbar und so, dass alle Gerechtigkeit und Liebe erfahren. Christus wird wiederkommen! Es wäre gut und stünde uns als seine Leute, die seinen Namen tragen, gut an, wenn er uns bei der Arbeit fände, seiner Sache schon hier und heute nach Kräften zu dienen. - AMEN! Ja, so soll es sein!  

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Archiv