Predigt am 3.12.2017 - 1. Sonntag im Advent

Foto: Thomas Philipp
Foto: Thomas Philipp

 

Textlesung: Offb. 5, 1 - 14

 

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Gestalten sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

 

Liebe Gemeinde,

 

wir müssen jetzt nichts vorgeben, was doch nicht so ist. Das sind ganz und gar fremde Bilder, geheimnisvolle Vorgänge, die uns ganz unwirklich vorkommen. Da gibt es einige seltsame Zahlen mit rätselhaftem Sinn, der uns verschlossen bleibt: Sieben Siegel, vier Gestalten, vierundzwanzig Älteste, vieltausendmal tausend Engel. Was soll das alles bedeuten? Ich musste diese prophetische Vision auch dreimal lesen, bis ich überhaupt einen Gedanken gefunden habe, über den ich sprechen könnte. Und ich gebe dabei offen zu: Ich weiß nicht, ob es der wichtigste, der entscheidende Gedanke in diesen Versen ist!

 

Für mich ist diese Vision eine Huldigung an Jesus Christus! Denn - das ist schon deutlich - von ihm ist die Rede in verschiedenen Bildern und Bezeichnungen: Der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, das Lamm, das geschlachtet ist... Und besonders am Ende dieser Verse verdichtet sich alles zu einem großen Lobpreis auf Gott und auf ihn, Jesus Christus: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.

 

Aber worüber ließe sich da jetzt sprechen?

 

Nun, mir hat das schon zu denken gegeben, wenn ich hier lese: Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Hier stimmen alle Menschen, alle Wesen im Himmel, auf und unter der Erde, ja, die gesamte Schöpfung ein in das große Rühmen. Man hört ja fast im Hintergrund den anderen bekannten Lobvers aus dem Philipperbrief (2,5-11): Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. Und - sie müssen schon entschuldigen - aber jetzt will ich den Gedanken sagen, der mir über diesen prophetischen Worten gekommen ist: Wie klein, ja, wie winzig und armselig ist doch dagegen unser Lob, unser Rühmen und Preisen Gottes und seines Sohnes Jesus Christus! Und selbst wenn wir all die Taten, die Werke unserer Hände, mit denen wir Gott in unserem Leben verherrlichen, bekennen und zeigen, dass wir zu ihm gehören noch zu den Worten unseres Lobpreises hinzufügen - wie bleibt das so gering gegen das Singen, Jubeln und Huldigen, das aus den Bildern dieser Vision zu Gott und dem Lamm Christus emporsteigt. - Man wird sehr still und demütig, wenn man einmal vergleicht. Meinen sie nicht auch, dass uns dieser Gedanke einmal beschäftigen sollte!?

 

Ich denke, keine und keiner von uns wird nun sagen: Aber wir loben Gott doch auch hier im Gottesdienst und seinen Sohn Jesus Christus verherrlichen wir im Glaubensbekenntnis etwa und in unseren Liedern. Wir spüren das: Das ist zu wenig! Es reicht ja nicht entfernt heran an das, was hier gemeint ist und an Lob und Preis geschieht: Das Lamm ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob...

 

Nein, wir bleiben hier weit zurück. Unser Rühmen ist arm. Unser Jubel sehr verhalten. Unser Dank findet selten Worte und zeigt schon gar keine Begeisterung. - Aber warum ist das so? Haben wir nichts zu preisen? Fehlt es an Gründen zum Loben und Danken? - Ich glaube nicht. Abgestumpft sind wir. Alles Schöne, Wertvolle unseres Lebens ist selbstverständlich geworden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es uns gut geht, Gott uns täglich unzählige Gaben schenkt und darunter manche, die wir vielleicht einmal ersehnt und flehentlich erbeten haben und doch nie, einmal zu besitzen glaubten.

 

Aber ganz konkret gesprochen: Die gesund geworden ist, hat vergessen, dass sie krank war. Wer heute sein Auskommen hat, weiß nichts mehr von der Zeit, in der es ihm schlechter ging. Dem heute leicht und froh zumute ist, erinnert sich nicht mehr an die Jahre der seelischen Not und Depression. Hier mag jede und jeder fortsetzen, was ihre, was seine Sache ist. Alle werden wir dem recht geben müssen, der sagt: Wir nehmen Gottes Güte viel zu selbstverständlich hin. Wir achten zu wenig, was uns durch Jesus Christus geschenkt ist. Lob und Dank, schon gar Jubel und Huldigung vernimmt man bei uns so gut wie gar nicht. - Was können wir tun?

 

Ich habe einmal gelesen: "Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung." Ich finde, das ist ein gutes, ein treffendes Wort. Vielleicht müssten wir es heute so umschreiben: "Wenn wir loskommen wollen von unserem in uns verschlossenen und undankbaren Wesen, das nicht mehr rühmen und loben kann, dann müssen wir uns erinnern!" Und warum? Weil wir das doch auch in uns als Mangel empfinden, weil wir doch schon lange ahnen, ja, vielleicht wissen, dass es so nicht sein soll, nicht sein darf...weil es einfach unangemessen ist! Es passt ewig nicht zu Gottes verschwenderischer Güte, und zu der Liebe Jesu Christi zu uns, passt es auch nicht.

 

Darum erinnern wir uns: Die Älteren unter uns mögen da vielleicht an die Jahre ihres Lebens denken, in denen sie sich niemals hätten vorstellen können, dass sie einmal in den späten Jahren so gut versorgt sein, so schön wohnen und noch so viele Möglichkeiten haben würden. Wie sind denn noch Ihre Eltern alt geworden? Wie mussten sie doch noch hart und lang arbeiten. Was hatten sie an Entspannung, Zerstreuung und Gelegenheiten, einmal aus dem Ort hinaus zu kommen?

 

Und die in den mittleren Jahren dürften sich jetzt einmal vor Augen stellen, welches Glück es doch bedeutet, keinen Krieg erlebt haben zu müssen, vielmehr nur Frieden und Wohlstand, Arbeit zu haben, die uns ernährt und selbst, wo wir nicht mehr arbeiten können oder dürfen, doch nichts entbehren zu müssen, was wirklich zum Leben nötig ist. Es gab bei uns und es gibt für viele Menschen auf der Welt andere Zeiten und schlechtere Bedingungen.

 

Und die Jungen könnten sich trotz mancher innerer Widerstände einmal dem Gedanken nähern, dass es auch nicht selbstverständlich ist, in die Schule oder die Lehre gehen zu können und bei allen Ängsten, die uns heute angesichts der Zukunft beschleichen, doch sicher sein zu dürfen, dass alle in unserem reichen Land ihr Auskommen und ihre Lebenschancen haben werden.

 

Aber es gibt auch manches, an das wir uns erinnern müssen, das betrifft uns alle - gerade uns Christinnen und Christen - gleichermaßen: Was wäre unser Leben denn, ohne dieses Wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen? Eine Irrfahrt wäre es! Eine Kette von Zufällen, in der wir stünden und uns ausrechnen könnten, wie unsere Chancen stehen: Noch erfülltes Leben zu haben oder nur noch Leid und Last und die Einsamkeit am Ende... Wir aber sind geborgen! Wir kennen Jesus Christus! Wir gehören zu den Erlösten, den Befreiten aus dem Verhängnis von Sünde und Strafe, von Schuld und Tod. Und erinnern wir uns auch an alle Erfahrungen, die wir schon mit diesem Glauben haben machen dürfen: Wie wir vor der Operation so gebangt und gebetet haben - wie wir dann erwachten und langsam die Hoffnung wieder wuchs und wie es wirklich jeden Tag aufwärts ging mit uns und wir wieder heimkehren konnten, um zu leben! Oder denken wir an die vielen Gelegenheiten, bei denen wir so genau wussten, da hat jetzt ein anderer seine Hand über mich gehalten, da hat Gott mich hindurchgeführt, da hat er mich beschützt und wieder zurechtgebracht.

 

Und schließlich wissen wir doch auch, wer Ursprung all der Liebe ist, die uns umgibt! Dass wir selbst lieben können. Dass wir Liebe empfangen dürfen und nicht nur Menschen sind, die gebraucht werden und ihre Aufgabe zu erfüllen haben. Dass wir auch Stunden kennen, in denen uns die Liebe das Herz warm macht und uns mit ihrer Freude einhüllt.

 

Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! - Hätten wir nicht wirklich viel Anlass einzustimmen?

 

Vielleicht denken wir ja immer noch in unserem Herzen: Aber ich empfinde doch so, ich weiß doch auch, dass alle guten Gaben von Gott kommen und ich glaube doch auch, dass ich Jesus Christus mein Leben hier und ewig verdanke! - Liebe Gemeinde, das muss hinaus! Davon müssen wir reden! Ich scheue mich nicht zu sagen: Gott will das hören! Unser Herr freut sich daran, wenn wir ihn loben und rühmen! Aber es ist auch schon beglückend, das Rechte, das Richtige und Angemessene zu tun - und eben nicht nur im Herzen zu haben.

 

Und - nicht zuletzt - verändert es auch unser Verhältnis zu unserem Gott und zu den Mitmenschen: Meine Freude über Gott macht auch Gott Freude! Wenn ich das weiß, dann kommt eben diese Freude auch wieder zu mir zurück! Und wenn mein Mitmensch an mir sieht und hört, dass ich Gott lobe und nicht alles mir selbst zuschreibe und damit eigentlich mich selbst rühme, dann wird sich sein Blick anders auf Gott richten und er wird auch mich anders ansehen. Von Gott wird er mehr erwarten, erhoffen - und erhalten. Und mich, der ich über mich selbst auf Gott hinweise, wird er gewiss mehr achten, mehr schätzen, mehr lieben...

 

Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

 

Möge von heute an auch unser Loben und Preisen, unser Rühmen und Danken dabei sein! AMEN


Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Thomas Philipp - 17.11.2017

     


Predigt am 10.12.2017 - 2. Sonntag im Advent

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

 

Textlesung: Jes. 63,15-16,17-19.64,1-3

 

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; "Unser Erlöser", das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

 

Liebe Gemeinde!

 

Nicht immer sind die Worte der Bibel in schöner, gesetzter Sprache abgefasst! Ja, manches, was wir da lesen, scheint ganz ungeschliffen, ja unbedacht und unvernünftig. So ist es auch hier, denn wie passt das zusammen: "Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich." Und das andere: "Du, Herr, bist unser Vater; ‚Unser Erlöser', das ist von alters her dein Name." Oder wie reimen sich diese beiden Sätze: "Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?" Und dieser: "Kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren."

 

Nein, hier wird nicht vernünftig gesprochen. Hier spüren wir Jammer und Klage. Hier ist ein Mensch außer sich vor Leid, Kummer und Verzweiflung. Wenn er sagt: "Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab...", dann hören wir, wie dieser Mensch selbst ist: "Zerrissen!" Und wir ahnen auch, warum: Er fühlt sich von Gott vergessen. Und er weiß doch, dass Gott seine Menschen nicht verlässt. Er weiß, dass Gott barmherzig ist und kann diese Barmherzigkeit doch nicht mehr glauben. Er ist gewiss, dass Gott ihn erlösen und retten wird, aber er mag nicht mehr länger darauf warten. Er weiß, dass Gott keinen Menschen verstockt und doch kommt es ihm so vor, als müsste es so sein, dass Gott die Herzen der Menschen verdunkelt und ihr Vertrauen und ihren Glauben allzu hart prüft. Er weiß - und er weiß nicht.

 

Wir aber wissen, dass der Mensch, der hier klagt und weint ein Gefangener ist. Eine fremde, heidnische Kriegsmacht hatte ihn und sein Volk hinweggeführt aus seinem Land. Der Tempel in Jerusalem war zerstört worden. Viele Jahre schon musste er in Babylon fern der Heimat als rechtloser Sklave leben. Viele seiner Volksgenossen waren schon an Herzeleid und Entkräftung gestorben. Er aber hat noch nicht aufgehört zu klagen und zu hoffen. Er erinnert seinen Gott an sein Versprechen, an seinen Bund mit seinem Volk: "'Unser Erlöser', das ist von alters her dein Name!" Und doch will auch ihn der Mut verlassen. Und doch steht auch er kurz vor der Verzweiflung. Verstehen wir jetzt, dass hier nichts zusammenpasst, die Sprache nicht glatt ist und sich die Gedanken nicht reimen?

 

Kennen wir das nicht auch?

 

Da ist eine Frau, die hat sich immer ganz nah zu Gott gehalten. Der Besuch des Gottesdienstes am Sonntag, das tägliche Gebet waren ihr immer selbstverständlich. Morgens ist sie schon mit dem Gefühl erwacht: Diesen Tag schenkt mir Gott und er wird mich überallhin begleiten und mir bei allem helfen, was ich zu tun habe. Abends hat sie sich niedergelegt und war sehr dankbar, dass sie zu allem, was sie getan hat, Gottes Kraft und Hilfe gehabt hatte. Eine schöne, gelungene Beziehung zu Gott voller Glauben und Vertrauen. - So ist es jetzt nicht mehr. Die Mutter der Frau ist vor einem guten halben Jahr bettlägerig und pflegebedürftig geworden. Als gute Tochter hat die Frau ihre Mutter zu sich genommen. Da gab es ja gar keine Frage! Aber was da auf sie zugekommen ist - so aufreibend hatte sie es sich nicht vorgestellt! Keine freie Stunde mehr am Tag. Und auch in der Nacht immer wieder aufstehen müssen, wenn die Mutter etwas braucht oder nicht schlafen kann. Die Frau ist eigentlich immer nur noch müde, angestrengt, ja verzweifelt und am Ende ihrer Kräfte. Ihre Familie leidet mit unter der Last, die diese Pflege bedeutet. Andere Beziehungen zu Nachbarn und Freunden können gar nicht mehr wahrgenommen werden. Und keine Aussicht, dass sich etwas bessert. Wie denn auch? Soll sie hoffen und wünschen, dass die Mutter bald stirbt? Schon den Gedanken daran mag sie sich gar nicht erlauben. Darüber reden kann sie auch nicht. Wer würde sie denn verstehen? Als gute Tochter ist das schließlich ihre "Pflicht und Schuldigkeit"! Und sie müht sich, dass die Mutter nicht merkt, was in ihr vorgeht. Die alte Frau kann ja auch nichts dafür. Aber andererseits: Lange hält sie das nicht mehr durch. Wo ist Gott bei alledem? Ja, sie betet noch - aber ihre Gebete sind anders geworden als früher, ganz anders. Sie haben eigentlich nur noch einen Gegenstand: Dass endlich vorbei ist, was sie nicht mehr lange bewältigen kann. - Ich denke mir, die Frau könnte heute diese Worte sprechen: "Gott, wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich."

 

Und der Mann fällt mir ein, der im Kirchenvorstand seiner Gemeinde schon viele Jahre engagierten Dienst tut. Für die Jugend hat er sich immer besonders eingesetzt. Als der Jugendraum seiner Gemeinde eingerichtet wurde, hat er selbst mit tapeziert und gestrichen. Und der Pfarrerin hilft er seit langem bei den Kranken- und Altenbesuchen. Viel Freude hat ihm das immer gemacht und das Gefühl gegeben, sich sein Christentum doch etwas mehr kosten zu lassen, als der Durchschnitt der Gemeinde. - Vor einem Monat hat der Mann seine Arbeitsstelle verloren. Von einem Tag auf den anderen wegen Konkurs der Firma "freigestellt", wie man das nannte. In finanzielle Nöte ist er zwar nicht gefallen, aber er kann damit nicht fertigwerden. Jetzt erst merkt er, wie wichtig für ihn auch sein Arbeitsplatz gewesen ist. Er spürt, dass sein Beruf so etwas war wie der Grund, auf dem sein Selbstvertrauen und die eigene Wertschätzung gewachsen ist. Weil er Arbeit hatte, die ihn ernährte und zufrieden machte, konnte er auch in der Gemeinde wirken. Jetzt fehlt die Arbeit im Beruf, jetzt fehlt die Bestätigung, dass er wichtig ist und seine Leistung gebraucht wird - da kann er auch in der Gemeinde nicht mehr mitarbeiten. Er weiß es ja - im Kopf - sein Dienst in der Kirche wäre jetzt umso bedeutsamer - auch für ihn selbst. Er kann ihn nicht mehr leisten. Und mit Gott hadert er auch. Warum, so fragt er sich immer wieder. Warum er? Hat er das, wenn er sich immer für andere eingebracht hat, nicht auch für Gott getan? - Wir können uns vorstellen, dass auch dieser Mann so beten könnte: "Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen? Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab."

 

Und sicher kennen das manche von uns auch: Zerrissen zu sein, nicht im Reinen mit Gott, einerseits glauben und vertrauen, andererseits so vieles, was man erleben und erleiden muss, nicht verstehen, nicht begreifen können: "Ich glaube doch und ich bete - warum schickt mir Gott jetzt dieses Unglück?" - "Ich habe mich doch mein ganzes Leben immer zu Gott gehalten - warum hat er mich jetzt krank werden lassen?" - "Warum hat mir Gott meinen Partner genommen, so früh und auf diese schreckliche Weise? - Habe ich mich denn nicht immer um ein christliches Leben bemüht?" "Gott, schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Kehre zurück um deiner Menschen willen!"

 

Liebe Gemeinde, nein, fremd ist uns das nicht! Auch wir können manches nicht mit Gott und mit unserem Glauben an ihn reimen! Auch für uns passt nicht alles glatt zusammen. Auch wir kennen gute, wunderbare Erfahrungen mit Gottes Macht und müssen auf der anderen Seite ärgstes Leid und Verzweiflung erleben. - Wie bringen wir das zusammen? Und noch mehr: Wie kommen wir darüber hinaus?

 

Machen wir es wie der Mensch, der hier klagt, wenn er dann doch auch so spricht: "Du, Herr, bist unser Vater; ‚unser Erlöser', das ist von alters her dein Name! Erinnern wir uns und erinnern wir Gott! Denken wir - besonders in den schweren Zeiten unseres Lebens - daran, wie oft Gott uns doch früher schon geholfen hat. Wie er unser Unglück gewendet, unser Leid in Freude verwandelt hat. Ja, haben wir nicht manchesmal im Rückblick gedacht: "Dass aus solchen dunklen Erfahrungen am Ende doch so viel Gutes werden konnte!" Und erinnern wir uns auch, wie viele Menschen uns in der schweren Zeit beigestanden und wieviel Kraft wir auch von oben bekommen haben, so dass wir wussten, dass es doch stimmt: "Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch." Und selbst wo wir so tief unten waren, dass wir fast daran verzweifelt sind - am Ende kamen doch auch wieder andere Tage! Und vielleicht ist in der schweren Zeit unser Vertrauen zu Gott trotz aller schlimmen Stunden nur umso größer und fester geworden!? Man sagt ja auch, dass erst das Feuer das Gold läutern und so recht zum Glänzen bringen kann.

 

Aber tun wir auch das andere: Erinnern wir Gott! Lassen wir nicht ab, im Gebet vor ihn zu kommen und ihm das zu sagen, wie es der Mensch tut, der Gott hier alle Wohltaten und die Güte früherer Jahre vorhält: Du, Herr, bist unser Vater; ‚Unser Erlöser', das ist von alters her dein Name. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren." Warum sollte sich Gott denn nicht erweichen lassen? Warum sollte der, den wir doch "Vater" nennen, nicht auch nachgeben, wie es ein menschlicher Vater tut, wenn wir ihn nur lange genug bitten und zu ihm flehen? Aber vergessen wir auch das nicht: Wie ein Vater weiß Gott wohl besser, was für uns gut, richtig und heilsam ist. Und als der Vater aller seiner Kinder hat Gott immer auch die anderen Menschen in meiner Umgebung unter seinen gütigen Augen und in seiner Fürsorge. Oft genug war doch auch, was uns schwer auflag, ein Segen für einen Mitmenschen, der unseren Beistand, unsere Pflege oder Hilfe brauchte. Und verlieren wir niemals die Hoffnung! Es muss alles, was uns widerfährt - und noch das schwerste und dunkelste - Gott dienen. Es ist alles, was uns zustößt und was wir tragen müssen in Gottes Plan. Die Zeit allerdings, wann wir sehen, was aus dem Bösen werden kann, die weiß Gott allein. Aber er weiß sie auch! Am Ende werden wir immer einstimmen können in den Lobpreis solcher Worte: "Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren."

 

Die Gefangenen von Babylon damals durften schließlich doch in ihr Land zurückkehren. Gott hatte sie nicht vergessen, keinen Augenblick. Aber er hat gewartet, bis die Zeit für die Hilfe, die Rettung und die Heimkehr gekommen war. Schenke uns Gott, dass wir auch geduldig und voll Hoffnung warten können, bis Gott unser Leid, unsere Not oder unsere Trauer wendet. AMEN  

 


Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle- 17.11.2017

 

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