Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis - 26.08.2018

Foto: Thomas Philipp
Foto: Thomas Philipp

Textlesung: 1. Mose 4, 1 - 16a

 

 

Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

welche Empfindungen weckt diese Geschichte bei Ihnen? - - -

 

Bei mir sind es sehr unterschiedliche Gefühle und überwiegend leider schlechte! Zuerst kann ich nicht verstehen, warum Gott das Opfer des Kain nicht auch gnädig ansehen kann; was hat Kain denn nur getan? Dass der nun seinen Bruder totschlägt, macht mich unendlich traurig, aber auch zornig! Das ist ungeheuerlich! Soweit kann und darf es niemals kommen - schon gar nicht zwischen Brüdern, den Kindern einer Mutter!

 

Wenn sich Kain nun aber auch noch dumm stellt, dann packt mich die Wut! Damit kann er doch vor Gott nicht durchkommen! Und darum empfinde ich Genugtuung, wenn Gott diesen Mörder nun verflucht und ihm ein schweres, arbeitsreiches Leben verheißt. Schließlich packt mich die Verachtung, dass Kain nun um Gnade winselt: "Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte." Das hätte er sich vorher überlegen müssen, nicht wahr!? Verwundert, ja empört bin ich am Ende, wenn Gott sich vor den Brudermörder stellt, ihn "siebenfältig rächen" will und ein Zeichen an ihm macht, dass ihm - der den eigenen Bruder nicht schonte! - keiner etwas zuleide tut.

 

Ich bin bei alledem ganz sicher, dass Sie das meiste von meinen Empfindungen nachfühlen können. Wie gehen wir aber damit um? Kann die Geschichte nicht auch etwas anderes auslösen als Ärger, Wut, Zorn und böse Gedanken?

 

Ich glaube, alles hängt daran, ob wir bereit sind, die Geschichte auch einmal von der anderen Seite her zu sehen. Denn was haben wir völlig selbstredend getan? Wir haben uns gegen Kain gestellt, haben vielleicht gedacht, wie dem Abel geht es in dieser Welt vielen, vielleicht haben wir sogar uns selbst in seiner Rolle gesehen? Und dann haben wir von Gott selbstverständlich Vergeltung gefordert und Strafe für den, der das Blut seines Bruders vergossen hat. - Aber dass wir vielleicht Ähnlichkeit mit Kain haben könnten, das haben wir nicht gedacht!

 

Aber könnten wir nicht auch ein wenig die Züge eines Kain tragen? - "Wir sind doch keine Mörder und Verbrecher!", meinen Sie? Andererseits wissen wir doch, dass die Bibel ein sehr drastisches Buch ist. Uns ist ja auch noch keine sprechende Schlange begegnet, die uns dazu bewegen wollte, gegen Gottes Gebot zu verstoßen. Deswegen sind wir aber doch verführbar und oft genug im Leben den Einflüsterungen des Bösen schon erlegen. Und keine und keiner von uns wird wohl je aus dem Trog der Schweine gegessen haben, und doch haben wir uns alle schon so weit weg von Gott gefühlt, wie der verlorene Sohn und doch ahnen wir, dass wir alle einmal so sprechen müssen wie er: "Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!"

 

Vielleicht - auch wenn wir gewiss keine Mörder sind - liegt unsere "Verwandtschaft" mit Kain darin: Dass wir schon gespürt haben, dass Gott unser "Opfer" auch nicht gnädig angesehen hat. Vielleicht haben auch wir schon sehr schmerzhaft empfunden, dass wir Gott gefallen wollten mit unserem Tun, unserer Leistung oder mit dem, worauf wir "für ihn" verzichtet haben - aber er hat es nicht gewollt und schon gar nicht angemessen gewürdigt! Er hat uns nach ganz anderen Dingen gefragt, etwa nach unserer Liebe zu ihm und den Menschen, unserer Treue zu dem, was wir versprochen haben, nach unserer Festigkeit im Glauben an seine Güte und der Wahrhaftigkeit dessen, was unsere Lippen bekennen.

 

Und vielleicht war dann auch das bei uns so, wie bei Kain, dass wir nämlich ergrimmt sind darüber, dass Gott einfach nicht haben will, was wir ihm doch geben möchten? Dass er sich unser nämlich erbarmen will, uns beschenken will und nicht darum gnädig ist, weil wir irgendetwas leisten und ihm Opfer darbringen?

 

Und ich will noch weiter gehen: War nicht auch das bei uns so, wie bei Kain, dass wir dann insgeheim oder ganz offen zornig geworden sind über unsere Brüder und Schwestern, die mit Gott mehr im Reinen, von ihm sichtlich begünstigt und wie wir glaubten, mehr geliebt sind? Wie gesagt, wir haben sie nicht totgeschlagen deshalb, aber mit Gott gehadert haben wir und uns abgewandt von den anderen. Lange Zeit oder bis heute geschwiegen haben wir und keinen Versuch mehr unternommen, den Kontakt wieder aufzunehmen und keine Gelegenheit gegeben, mit uns wieder in Beziehung zu kommen.

 

Aber mal ganz praktisch: Wer hat sich noch nicht darüber geärgert, dass der Nachbar, die Kollegin oder der Vereinskamerad immer solch ein Glück hat, dass ihm alles gerät und es das Schicksal mit ihnen so ganz offensichtlich viel besser meint als mit uns? Und wer könnte wirklich behaupten, dass er diesen Ärger dann noch nie an diesen Mitmenschen ausgelassen hat? Vielleicht hat man ihnen bei passender Gelegenheit einmal eine ausgewischt. Oder man hat schlecht über sie geredet oder sonst an ihrem Lack gekratzt. Sehr beliebt ist es auch, sie links liegen zu lassen, nicht oder nur das Nötigste mit ihnen zu reden, dass sie so richtig spüren müssen, wie schlimm wir sie finden... Aber was finden wir eigentlich schlimm an ihnen? Ist es nicht Gott, der sie - wenn es überhaupt stimmt! - gnädiger ansieht als uns? Ist es nicht sein Erbarmen, das sie - wie wir oft auch nur glauben! - besser wegkommen lässt als uns?

 

Liebe Gemeinde, vielleicht konnten Sie ja bis jetzt mitdenken und mitgehen? Von hierher jedenfalls ist es nun zu auch guten Gefühlen und Gedanken bei dieser Geschichte gar nicht mehr so weit:

 

Ist das nicht doch auch sehr tröstlich, wenn wir hören, dass Gott den Kain schützen will, dass niemand ihm das zurückzahlt, was er seinem Bruder angetan hat? Könnte uns das nicht Mut, ja Freude daran machen, nun endlich auch den anderen Menschen nicht mehr vorzuhalten, wenn sie ein besseres, glücklicheres Leben haben, als es uns beschert ist? Ob wir nicht auch von daher unser eigenes Tun und Denken durchschauen könnten, dass wir ja im Grunde nur neidisch sind auf die Gunst Gottes, die er anderen in reicherem Maße schenkt - wie wir meinen. Und ob wir nicht sogar wieder Schritte auf die Mitmenschen zugehen könnten, die uns doch eigentlich überhaupt nichts getan haben, ja, die doch für die Liebe Gottes und die Geschenke, die er ihnen gibt, gar nichts können. Und noch ein bisschen weiter kämen wir, wenn wir dann begreifen, dass wir einfach immer von einer falschen Vorstellung ausgegangen sind: So als müssten wir bei Gott um Anerkennung und Zuwendung buhlen, als ginge es um die Mühe, die wir uns machen, um die religiösen Leistungen, die wir erbringen und um die Werke oder die Zeit, die wir für Gott und seine Sache erübrigen.

 

Ganz sicher bin ich, dass wir über diesem Nachdenken und vielleicht Begreifen auch noch zu einer ganz unerwarteten Entdeckung kommen: Dass wir nämlich gar nicht so schlecht abschneiden, wenn wir uns und die Gaben, die Gott uns schenkt, an anderen messen. Oft - ich glaube, meistens! - entspringt es nur unserer (missgünstigen und falschen) Meinung, die anderen hätten so viel mehr, und wären so viel begnadeter und ihr Geschick so viel besser. Warum suchen wir uns nicht auch einmal solche Menschen aus, um uns mit ihnen zu vergleichen, die ganz offensichtlich weniger haben als wir, in deren Leben ein Schicksalsschlag den anderen jagt und die wirklich sehr viel Leid und Dunkel in ihren Tagen haben? Müssten wir da nicht zu einem anderen Urteil kommen, vielleicht zu diesem: Was haben diese Menschen eigentlich Böses getan oder was zeichnet mich ihnen gegenüber so aus, dass es mir so gut geht?

 

Am besten aber wäre es, wir würden endlich dieses Denken ganz ablegen: Als wollte Gott von uns Mühe, Werke, Leistung... Gott möchte sich aller Menschen erbarmen, eines Kain genauso wie eines Abel, derer, die wir für zu gut weggekommen halten und derer, die wir immer gern vergessen, weil sie vermeintlich von Gott vergessen sind - und uns gegenüber will Gott auch barmherzig sein!

 

Es bleibt ein Rätsel, warum Gott dem einen gnädig, dem anderen weniger gnädig erscheint. Es ist aber seit Kains und Abels Tagen kein Rätsel für uns, dass Gott sich nicht durch Taten und Mühe beeindrucken lässt, sondern sich aller Menschen erbarmen will.

 

Selbst bei einem Kain lässt Gott noch Gnade vor Recht ergehen. Selbst uns gegenüber, die doch immer wieder auf Werke und Leistung weisen und vertrauen wollen, erbarmt sich Gott.

 

Warum wollen wir nicht endlich dieses schon seit Kain überholte Denken ablegen? Warum freuen wir uns nicht, dass Gott nicht so ist, wie wir immer meinten, sondern gnädig, barmherzig, gütig...? Auch gegen uns! AMEN

 


Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Thomas Philipp -17.08.2018

     


Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis - 2.09.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Textlesung: 1. Thess. 1, 2 - 10

 

Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus. Liebe Brüder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid; denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem heiligen Geist und in großer Gewissheit. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen. Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im heiligen Geist, so dass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekanntgeworden, so dass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen. Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Wenn man das so hört, kommt man sich vor, als hätte man Worte belauscht, die doch gar nicht für uns bestimmt sind. Vielleicht haben sie das auch schon einmal erlebt - in einem Wartezimmer beim Arzt vielleicht - dass sich Menschen halblaut unterhalten und auch Dinge sagen, die vielleicht sehr persönlich sind oder gar intim? Oder denken wir an eine andere Situation räumlicher Enge - in einem voll besetzten Fahrstuhl etwa, wenn es in den 20. Stock hinaufgeht und einer dem anderen von seinen Erlebnissen am letzten Wochenende berichtet. - Ein bisschen ist das hier auch so! "Wir danken Gott allezeit für euch alle... Liebe Brüder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid...ihr seid ein Vorbild geworden für alle Gläubigen..." Man weiß eben auch hier nicht so recht, ob man das denn mithören darf? Denn ist das für unsere Ohren bestimmt?

 

Andererseits: Wenn Patienten im Wartezimmer über Beschwerden sprechen, die auch wir schon hatten, dann hören wir ja auch gerne hin, und es fällt vielleicht ein Hinweis für uns ab, mit welcher Medizin oder welchem Facharzt auch wir es einmal versuchen könnten?

 

Und selbst das Gespräch im Fahrstuhl mag ja auch für uns wieder einmal eine Anregung sein, unser Wochenende demnächst anders zu gestalten; wir kriegen eine Idee für eine Unternehmung oder erfahren von einem uns noch unbekannten Ziel für einen Ausflug?

 

Ob wir nicht auch in diesen Brief des Paulus noch einmal sozusagen mit solchen Ohren hineinhören, dass uns diese persönlichen Worte vielleicht einen guten Gedanken schenken, einen Tipp, den wir ausprobieren könnten, einen Fingerzeig, der uns weiterbringt?

 

"Wir danken Gott allezeit für euch alle..." - Da könnte uns die Frage in den Sinn kommen, wer wohl Gott für uns danken würde? Und vielleicht tun wir die Frage nicht vorschnell ab mit solchen Einwänden: Wer ist schon in meiner Umgebung so fromm oder religiös, dass er wirklich im Gebet für mich dankt? Oder dass wir sagen, wir wollten das doch gar nicht, dass jemand so etwas für uns tut? Die Frage hat nämlich auch eine andere Seite, an der ist uns schon gelegen! Und die heißt: Geben wir denn auch Grund dazu, dass einer oder eine für uns danken könnte, müsste...? Ich glaube, wenn wir uns wirklich mit unserem Leben bemühen, anderen Freude zu machen oder zu helfen, dann wünschten wir uns auch, dass sie dafür danken - wenn nicht uns, warum dann nicht Gott?
Aber machen wir anderen denn Freude? Helfen wir unseren Mitmenschen?

 

Sehen sie, auf einmal sind wir doch mit drin in diesen persönlichen Worten des Paulus an die Menschen von vor 2000 Jahren in einer Stadt in Kleinasien: Thessalonich! Und wie wäre denn das, wenn wir dem Anstoß dieser Worte ein wenig nachdenken würden, wenn wir uns von ihnen einen Hinweis, einen Tipp geben ließen, wie vielleicht bald auch von uns wieder mehr ausgehen könnte, wofür andere Menschen dann danken möchten? Vielleicht stimmt es ja, dass unsere Gaben in letzter Zeit ein wenig brach gelegen haben? Wer hat an uns z.B. den Menschen erfahren können, der Zeit hat und zuhören kann? Wem - wenn uns doch die Gabe des Tröstens eigen ist - haben wir in den vergangenen Tagen ein gutes Wort gesagt, dass er oder sie wieder lachen, wieder hoffen und mit einem zuversichtlichen Blick nach vorn schauen konnte? Wann zuletzt - wenn Gott uns einen geliebten Menschen an die Seite gestellt und ihn uns bis heute erhalten hat - haben wir diesem Menschen denn ohne einen Anlass im Kalender mit einem kleinen Geschenk oder auf andere Weise gezeigt oder gesagt, wie lieb wir ihn haben?

 

"Liebe Brüder, (liebe Schwestern,) von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid..."  Das soll die nächste Bemerkung des Paulus sein, die wir heute "mithören" und uns zu Herzen gehen lassen wollen. - Sind wir auch erwählt? Dass wir auch geliebt sind, daran würden wir gewiss nicht zweifeln. Aber erwählt? Wozu? Seit wann? Und was machen wir damit?

 

Mir ist dazu eingefallen, dass ich manchmal schon meine, viele Menschen unserer Tage lebten an einer ihrer Aufgaben, vielleicht sogar ihrer eigentlichen Bestimmung vorbei. Was unseren Beruf angeht oder die sozialen, familiären, gesellschaftlichen Bedingungen, in denen wir leben, lässt sich ja meist wenig ändern. Manches hätten wir uns sicher anders gewünscht: Eine Arbeit, die mit Menschen zu tun hat vielleicht - aber wir sitzen den ganzen Tag an einem Schreibtisch. Oder: wie gern hätten wir Kinder gehabt - aber es hat nicht sollen sein. - Ob uns Gott auf der anderen Seite aber nicht eigentlich für diese oder jene Aufgabe "erwählt" hat, oder besser: erwählen wollte? Wir aber haben uns nicht rufen lassen. Wir haben abgelehnt, uns zurückgezogen und uns damit herausgeredet, wir könnten das doch nicht, hätten keine Übung oder keine Zeit...

 

Das war vielleicht ein Amt in der Gemeinde? Wir wissen doch genau, wir hätten die richtigen Fähigkeiten dafür gehabt! Oder es war der Dienst für einen Nachbarn oder sonst einen Mitmenschen, in den wir nicht eintreten wollten. Vielleicht hin und wieder eine Fahrt für ihn, zum Arzt, zum Einkaufen oder zum Bahnhof. Wir haben gesagt, wir würden das zeitlich nicht schaffen, aber genau genommen war es uns einfach zu viel, hat uns zu sehr nach "angebunden" und nach "Verpflichtung" ausgesehen. Da haben wir lieber abgesagt.

 

Und denken wir auch noch an das Talent, das wir doch unbestritten besitzen. Immer wollten wir es doch ausbilden, oder wieder mehr entfalten und einsetzen und damit uns und anderen Freude machen und dienen. Kann die Krankenschwester denn überhaupt - auch wenn sie jahrelang aus dem Beruf ist - verlernen, dass sie einmal in der Pflege von Menschen tätig war? Wer Ahnung von Menschenführung hat, wird der nicht auch Verantwortung in einem Verein übernehmen können? Und wie viele handwerkliche, künstlerische Gaben, die wir doch haben, ließen sich in unserer Freizeit - vielleicht in Kursen oder im Selbststudium - zu einiger Reife und Vollendung bringen, wenn wir nur endlich anfingen damit!?

 

Wirklich: Wie viel "Erwählung" mag es geben - aber die Erwählten nehmen sie nicht wahr, versäumen und vertagen sie immer wieder und bringen sich damit um manche gute Erfahrung von Sinn, Freude, Erfüllung und Dankbarkeit der anderen Menschen.

 

Und auch das wollen wir uns noch zu Herzen gehen lassen: "...ihr seid ein Vorbild geworden für alle Gläubigen..." Sind wir das? - Aber wir könnten es sein! Denn beteuern wir es nicht gern vor den Leuten: "Aber ich habe doch meinen Glauben!" Oder: "Ich gehe gern am Sonntag zur Kirche!" Und das stimmt ja auch, denn sie sind ja jetzt hier. Aber sonst? Erkennt man, wenn man uns im Alltag sieht, auch, dass wir Christen sind? Lassen wir am Morgen Gottes Wort zu uns sprechen von einem Kalenderblatt oder aus dem Losungsbüchlein gelesen? Halten wir eine stille Zeit, in der wir Gott und der Zwiesprache mit ihm gehören? Üben wir persönlich oder in unserer Familie das Tischgebet?

 

Und das ist längst noch nicht alles: Lassen wir in unser Gespräch über Zeitfragen oder die politische Lage - ob am Stammtisch, im Verein oder auf der Straße - auch einmal einen Gedanken einfließen, der nicht unverbindlich ist, sondern von der Bibel oder von unserem Glauben her eine Meinung oder gar ein Bekenntnis hinzugibt? Prüfen wir unsere Ansichten über gesellschaftliche Themen auch vor dem Hintergrund dessen, dass Gott der Herr ist und einen klaren Willen hat und wir seine Gebote kennen? Schreiben wir auch einmal einen Leserbrief an die Zeitung, die einen unchristlichen oder fremdenfeindlichen Artikel gebracht hat, und schalten wir die Fernsehserie ab, die christliche Werte mit Füßen tritt und unsere oder die religiösen Gefühle anderer verletzt?

 

Liebe Gemeinde, noch manche anderen Fragen stellen uns die Worte, die wir heute "mitgehört haben. Und wenn wir sie noch einmal insgesamt lesen, dann werden sicher noch mehr Gedanken bei uns angestoßen. Andererseits genügt fürs erste schon das: "Wir danken Gott allezeit für euch alle... Liebe Brüder (und Schwestern), von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid...ihr seid ein Vorbild geworden für alle Gläubigen..."

 

Wollen wir heute nicht einmal diese drei Hinweise aus dem persönlichen Brief des Paulus an die Thessalonicher aufnehmen und uns von ihnen ins Nachdenken bringen lassen?

 

Wer hat Grund für uns zu danken? - Leben wir unsere Erwählung von Gott auch wirklich? - Sind wir ein Vorbild für andere Gläubige? - Ich wünsche ihnen ein gesegnetes Nachdenken! AMEN

 


Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle- 17.08.2018