Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis - 9.09.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Textlesung: Gal. 5, 25 - 26. 6, 1 - 3. 7 - 10

 

Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Neulich hat einer zu seinem Pfarrer gesagt: Bei dem und dem Pfarrer in der Umgebung, da wird immer nur geschimpft! Die Leute können es schon bald nicht mehr hören! Ein andermal musste derselbe Pfarrer hören: "Das waren jetzt aber wochenlang immer nur mahnende Predigten, sie sollten auch wieder einmal das Evangelium zur Sprache bringen!" Und wir alle wissen, dass allgemein so gedacht wird: Von der Kanzel herab, will man keine Gardinenpredigt hören, kein Geschimpfe, keine Standpauke in Glaubenssachen. Auf die Kanzel gehören erbauliche Worte, tröstliche Gedanken, ein fröhliches Gesicht und eine froh machende Ansprache. Gut, hin und wieder sind Ausnahmen gestattet. Aber überwiegend heiter, bitte! Wie gesagt: So ist es überall. So wird allenthalben gedacht. Auch bei uns.

 

Was soll man also machen, wenn der Predigttext, der uns verordnet ist, selbst eine solche Fülle von ernsten, mahnenden Worten enthält? "Gott lässt sich nicht spotten!" - "Was der Mensch sät, wird er ernten!" - "Irret euch nicht!" - "Wer auf sein Fleisch sät, wird das Verderben ernten"...
Drückt man sich da herum? Tue ich jetzt so, als stünde das nicht so ernst da? Soll ich über einen anderen Text predigen? Darf ich das? Dürfte ich dann für mich in Anspruch nehmen, ein Verkündiger des Wortes Gottes zu sein? Also!

 

Nun ist mir aber diesen harten Versen etwas aufgegangen, gerade bei der ärgsten Drohung, die sie enthalten: "Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann..." Das ist doch ganz deutlich der Wink mit dem Tod! "Solange wir noch Zeit haben..." Heißt das nicht: "Denkt daran: Ihr müsst sterben! Dann ist es zu spät, dass ihr euer Leben herumreißt, dann fahrt ihr in die Grube und könnt keine guten Taten mehr vollbringen!" - Wirklich: Das hört sich bedrohlich an!
Was mir aber aufgefallen ist: Das hat ja auch eine andere Seite! Da wird ja auch eine sehr positive Sache betont - wir hören sie nur nicht mehr vor lauter Gejammer über diese "ängstigenden, drohenden" Gedanken. Positiv heißt das doch: Ihr habt noch Zeit! Euch sind noch Jahre, Monate, Tage gegeben! Ihr dürft noch eine ganze Lebensspanne füllen, ausschöpfen, genießen und nutzen! Ihr habt noch Möglichkeiten, euch zu verändern, zu bessern, anderen Freude zu machen, Güte auszustreuen, das Glück zu sammeln, das darin liegt, für andere wichtig zu sein. Ihr seid eben - Gott sei Dank! - noch nicht tot, noch am Leben, habt noch Kraft, Geist, Liebe zu geben und zu empfangen!
Und die anderen "ernsten" Verse dieser Worte des Apostels? Haben die nicht genauso eine schöne, frohmachende Kehrseite? "Gott lässt sich nicht spotten" - heißt das nicht: Er hört und sieht alles, was ich sage und tue. Er nimmt wahr, was ich kleiner Mensch in meiner Lebenszeit treibe. Er achtet auf mich, der ich doch ein Wurm bin vor den Augen des großen Gottes! Ich bin ihm wichtig, alles was ich bin und was ich mache bedeutet etwas für ihn. - Darf man es nicht auch so sehen?

 

Oder das: "Was der Mensch sät, wird er ernten!" - Es ist offenbar gar nicht gleichgültig, wie ich lebe, was ich erreichen will, woran ich glaube und. worauf ich baue. Was ich einbringe in mein Leben und in die Beziehung zu Gott und den Menschen bestimmt mit, was dann herauskommt! Welche Verantwortung ist mir da doch übertragen! Wieviel Verständnis für die Mitmenschen und für mich selbst ist mir zugetraut!

 

Und noch das: "Irret euch nicht!" - liegt hier nicht auch die Sorge Gottes darin, dass ich meinen Weg verfehle, dass ich in die falsche Richtung gehe, dass ich mein Leben versäume und nicht dort ankomme, wohin er mich führen will? Sorgt sich hier nicht auch der gute Hirte um die Schafe, die ihm lieb sind? Können wir nicht hinter diesem harten Wort der Mahnung geradezu das Herz des Vaters schlagen hören, der sich um uns ängstigt: "Irret euch nicht!" Lauft doch - um Gottes willen - nicht dorthin, wo euch Gefahr droht, wo ihr verloren geht, wo der Tod auf euch lauert!

 

Doch: Das hat alles auch eine andere Seite! Da sind auch immer sehr gute Absichten im Hintergrund. Wir sollten uns auch die Mahnungen Gottes anhören - und sie beherzigen! Es ist seine Liebe, die uns auch ernste Worte sagt. Läge ihm nicht an uns, dann würde uns sein Evangelium immer nur bestätigen: Ihr seid recht so! Alles, was ihr tut, ist in Ordnung! Macht nur so weiter!

 

Nun aber liebt uns Gott, darum will er uns formen, seinem guten Willen über uns immer ähnlicher machen und am Ende ans Ziel bringen: Ins Leben. Darum warnt er uns. Darum hören wir seine mahnende Stimme. Darum wird die Verkündigung oft ernst und eindringlich. Wir sollten das recht verstehen: Als Zeichen der Liebe Gottes, als Siegel dafür, wie wichtig wir ihm sind!

 

Liebe Gemeinde, das ist mir deutlich geworden über diesen ernsten Versen aus dem Galaterbrief: Wir sind meist zu schnell mit unserer Ablehnung! Wir sagen: "Geschimpfe, Gardinenpredigt, keine frohmachende Verkündigung"! Dann hören wir dahinter nicht mehr die werbende Stimme Gottes, erkennen nicht seine gute Absicht, sehen auch nicht sein sorgendes Gesicht...

 

Übrigens: Untereinander halten wir's gar nicht anders: "Du willst mir immer jeden Spaß verderben", sagt der Jugendliche zu seinem Vater. Warum spürt er nicht, dass es darum geht, Schaden abzuwenden, ihn vor Unfall und Gefahr zu bewahren? "Du musst immer an mir herumkritisieren", nörgelt einer bei seinem Freund. Warum begreift er nicht, dass gerade die Kritik diesen Freund, ausmacht? Soll einer, der mich gern hat, mir immer nach dem Mund reden? "Von wem hast du das gehört; wer hat dir das erzählt", fragte neulich einer seinen Nachbarn. Warum hat er es nicht bekannt: "Ja, es stimmt, was da erzählt wird..." Warum hat er die Gelegenheit zur "Beichte" nicht ergriffen, sein Verhalten ist ja wirklich nicht in Ordnung gewesen! Warum hat er nicht bemerkt, dass ihm der Nachbar helfen wollte, als er die Sache angesprochen hat. Und warum wird eigentlich immer nur gefragt, wer etwas verbreitet, nicht aber, ob das, was erzählt wird, denn nicht stimmt und vielleicht wirklich falsch oder gemein war?

 

Doch, es ist unter uns genau dasselbe: Wir lehnen harte Worte vorschnell ab. Wir schauen nicht hinter das, was gesprochen wird. So sehen wir die Liebe nicht, die sich oft auch hinter Mahnung und harter Predigt verbirgt. - - -

 

Aber was wollen uns diese Worte positiv sagen? Wozu wollen sie uns helfen? Wohin wollen sie uns führen?: "Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch, sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann..." Was können diese Verse aus uns machen, wenn wir hinter ihnen einmal Gottes werbende Stimme hören und seine Liebe erkennen?

 

Es ist eigentlich so einfach: "Fleisch" und "Geist" heißen die Gegensätze. Aufs Fleisch säen, führt zum Tod. Der Geist leitet uns ins Leben. Aufs Fleisch bauen die Menschen, die in Geld und Gut, in Haben und Besitzen, in Arbeit und Verdienst den Mittelpunkt ihres Lebens sehen. Ihre Zeit geht auf im Raffen und Schaffen. Sie wollen immer noch mehr und merken dabei gar nicht, wie ihnen das Leben durch die Finger rinnt wie Sand. Am Ende war der Ertrag der Jahre eben nur das Haus, das Bankkonto und wozu man es sonst noch gebracht hat... Aber vor dem Tod kann nichts davon bestehen. Das Haus oder mein Geld werde ich nicht mitnehmen können. Darum die Warnung: "Irret euch nicht! Wer aufs Fleisch sät, wird Verderben ernten!"

 

Auf den Geist setzen dagegen alle, die materielle Güter als nebensächlich betrachten. Solche Menschen haben andere "Dinge" in die Mitte gerückt: Dass ich eine lebendige Gottesbeziehung habe zum Beispiel, dass ich täglich die Hände falte, um vor meinem Gott meinen Tag zu bedenken, dass ich Vertrauen und Güte in meiner Umgebung verbreite, dass sich andere an mir freuen und festhalten können, dass ich immer noch wachse an Erkenntnis Gottes und mein Glaube noch reicher und tiefer wird... Diese Haltung hat sogar vor dem Tod Bestand! Das Verhältnis zu meinem himmlischen Vater kann mir ja nichts und niemand nehmen! Sie wird im Sterben sogar noch inniger und wird dann kein Ende haben. Auch die Freude, die ich meinen Mitmenschen mache, wird mir ewig bleiben. Sie wird zu meinem Wesen gehören, wie sie hier schon zu mir gehört hat. Keine Tat der Güte wird je verloren sein. Alles ist bei Gott aufgehoben und behalten. Darum die Empfehlung: "Wer auf den Geist sät, wird ewiges Leben ernten! Darum, solange wir Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann!"

 

Liebe Gemeinde, ich wünsche uns heute, dass wir nicht mehr zu schnell ablehnen, was uns zu ernst, zu hart oder zu kritisch erscheint. Ich wünsche uns das im Blick auf Gottes Wort und auch im Verhältnis untereinander. Oft sind gut gemeinte Gedanken der Liebe hinter mahnenden und vielleicht gar schmerzhaften Worte verborgen!

 

Darum wünsche ich uns, dass wir hinter den ernsten Worten des Paulus heute die werbende Stimme Gottes vernehmen, der nicht will, dass wir ihm verlorengehen, sondern uns ins Leben führen möchte. AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 17.08.2018

     


Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis - 16.09.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Textlesung: Apg.12, 1-11

 

Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert. Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote. Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam herein, und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel. Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Wie hören wir solche Geschichten? Können sie das glauben, dass hier ein Engel auftritt und Petrus befreit? War das so, wie wir es hier lesen: "Der Engel kommt in das verschlossene Gefängnis, die Ketten fallen von Petrus ab, die Wachen halten den Fliehenden nicht auf, Tore öffnen sich von selber..." Kann das alles wirklich geschehen sein?

 

So ganz angenehm sind uns diese Fragen nicht. Wir meinen ja immer, biblische Geschichten wären etwas Besonderes, Außergewöhnliches und man dürfe da auch nicht so fragen, ob das genauso passiert ist...es ist ja immerhin die Heilige Schrift, in der wir das lesen!

 

Andererseits: Was nützen uns denn solche Geschichten, wenn wir sie eigentlich gar nicht glauben können? Dann halten wir ja auch nicht für möglich, dass uns ähnliches widerfährt! Aber warum sollen wir diese Geschichten dann überhaupt lesen oder hören, wenn sie doch eigentlich nur Märchen sind und wir so etwas nie erleben werden?

 

Und wenn wir hier noch einen Augenblick verweilen, dann erinnern wir uns gewiss auch alle, dass wir schon manches Mal von Menschen unserer Umgebung hören mussten: "Ich kann so manches, was uns die Bibel erzählt, nicht glauben!" - "Mit den Wundern, die berichtet werden, habe ich so meine Schwierigkeiten!" Und vielleicht hat man uns sogar gefragt: "Sag mal, meinst du wirklich, dass aus Wasser Wein geworden ist und dass Jesus auf dem Wasser laufen konnte?" - Wie verhalten wir uns, wenn so geredet und gefragt wird? Wie denken wir ehrlicherweise, wenn wir Geschichten mit solch wunderbarem Inhalt erzählt bekommen?

 

Vielleicht blenden wir bei solchen Gelegenheiten einfach für eine Weile unseren Verstand aus. Das geht so: Kann ich auch eigentlich nicht glauben, was ich da höre, so sind die Geschichten doch schön, machen Freude und sprechen das Gemüt an. Das ist dann etwa so, als würden wir Märchen lesen: Natürlich wissen wir, dass es keine Gespenster, keine echten Zauberer und Hexen gibt, aber es gruselt uns doch so angenehm, wenn sie in den Märchen auftreten! Und gute Feen und sprechende Kater gibt es im Leben auch nicht, trotzdem lassen wir uns gern von ihnen ins Land der Phantasie mitnehmen!

 

Oder wir mühen uns redlich, auch Dinge zu glauben, die wir eigentlich nicht wirklich glauben können! Das wird allerdings schwierig. Und gerade deshalb, weil uns das selbst so viel Energie kostet, sind wir auch sehr empfindlich, wenn uns jemand dann so anspricht: "Hältst du das denn ehrlich für wahr, dass einer mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Mann satt gemacht hat?"

 

Das bringt uns schnell in Rage und wir reagieren dann ärgerlich und unvernünftig, wenn wir sagen: "Das steht schließlich in der Bibel und auch du musst das glauben, wenn du ein Christ sein willst!" Aber muss man das wirklich glauben? Und muss man es so glauben, wie es dasteht?

 

Denn es gibt da noch eine Möglichkeit, wunderhafte Geschichten und wunderbare Taten zu verstehen, wie sie die Heilige Schrift doch an so vielen Stellen erzählt! Und ich bitte sie jetzt, mir erst eine Weile zuzuhören und nicht gleich zu denken, ich wollte die biblischen Wunder verkleinern oder gar sagen, sie gehörten wie Hexen und Zauberer oder sprechende Tiere ins Reich der Phantasie!

 

Aber gehen wir erst zurück in die Geschichte von der Befreiung des Petrus aus dem Kerker. Wie war das: "Der Engel kommt in das verschlossene Gefängnis, die Ketten fallen von Petrus ab, die Wachen halten den Fliehenden nicht auf, Tore öffnen sich von selber..."

 

Ich glaube, die Bibel erzählt so manches Wunder, das wir nur ein wenig in unsere Zeit und unser Leben übersetzen müssen, dann erkennen wir, dass dieses Wunder ja nicht nur damals geschehen ist, sondern auch heute bei uns, für uns und an uns geschieht! Es hat damals nur sozusagen das Kleid der Wirklichkeit von dem Erzähler angelegt bekommen, was für die Menschen seiner Zeit auch überhaupt kein Problem war. Wenn wir diese Wirklichkeit von damals in die Wahrheit unseres Lebens übertragen, dann werden wir sehen: Die Wunder geschehen auch heute! Aber wir wollen das ganz praktisch tun:

 

"Der Engel kommt in das verschlossene Gefängnis." Ich kenne viele Menschen, für die es in ihrem Leben eine Zeit gab, in der sie gefangen waren, verstrickt in Sucht oder Laster, gebunden durch Angst und Schuld. Aber sie sind durch die Botschaft von Gottes Liebe, von Jesus Christus und von seiner Vergebung befreit worden aus ihrem verkehrten Leben. Sie konnten mit Gottes Hilfe neu anfangen, umkehren und haben durch Jesus zu einem anderen Denken, zu Lebenssinn und Erfüllung gefunden. - Warum sollen wir das jetzt nicht so ausdrücken: Ein Engel Gottes ist zu ihnen gekommen und hat sie frei gemacht?

 

"Die Ketten fallen von Petrus ab." Die Menschen, die erfahren haben, dass sie frei und froh geworden sind durch das Evangelium, hätten gewiss keine Schwierigkeiten damit, wenn wir nun sagten: Die Ketten, die sie gebunden haben, wurden ihnen abgenommen. Sie waren gefesselt, jetzt aber konnten sie wieder tun, was gut ist und auf Wegen gehen, die recht sind und ein Ziel haben.

 

"Die Wachen halten den Fliehenden nicht auf." Wenn Menschen sich so ändern, wenn sie neu und anders werden, wie man sie nie gekannt hat, dann bekommen oft die anderen, die um sie herum sind, Probleme mit dieser Veränderung! Solche veränderten Menschen passen ja dann nicht mehr in das Bild, das wir uns von ihnen im Laufe vieler Jahre gemacht haben. Sie verlassen die Rolle, die wir ihnen doch zugewiesen haben, und es fällt uns nicht leicht, sie auch freizugeben. Wir sagen dann vielleicht: "Das ist nur ein Strohfeuer!" Oder wir kleben an dem, was war und können uns nicht daran freuen, was jetzt geworden ist. Manchmal kann man dann von uns sogar so etwas hören: "Die ist unter der Maske immer noch die Alte! Der wird sich schon noch entpuppen, so kann sich keiner verwandeln, eher wird der Mond eckig!"

 

Aber es gibt eben auch die unter uns, die mit ihrem Verhalten mithelfen, dass die Menschen wirklich so werden und bleiben können, wozu die frohe Botschaft von Jesus Christus sie machen will. Und ich finde, das ist schon ein Wunder! Das ist dann eben so, als würden wir die nicht aufhalten, die ihrem bisherigen Leben entkommen wollen. Dann gleichen wir vielleicht "Wachen", die eben niemanden bei dem verhaften, was er immer war, sondern ihn laufen lassen dorthin, wo Gott ihn haben und hinführen will.

 

"Tore öffnen sich von selber." Hier will ich ganz persönlich werden! Nicht nur einmal habe ich das erlebt! Wenn ich mich vor einem Dienst sehr gefürchtet habe und wenn der dann so gut ausgefallen und bei den Menschen angekommen ist. Oder wenn ich mir große Sorgen gemacht habe, wie dieses oder jenes wohl ausgehen wird? Am nächsten Morgen schon war alles geklärt, die Sorgen hatten sich in Freude und in Dankbarkeit aufgelöst. Ich bin ganz gewiss, sie kennen auch solche Erfahrungen! Ist das nicht wirklich genau so, als öffneten sich für uns Türen, die vorher verschlossen waren? Und war das nicht oft genug wirklich wie ein Wunder für uns, wenn es geschehen ist?

 

Und ich will mich nun gar nicht darum herumdrücken, auch noch die Wunder Jesu auf die gleiche Weise zu sehen und zu deuten - auch sie werden durch diese Sicht nicht kleiner, sie kommen uns nur näher, werden persönlich und lebendig!

 

"Bei Jesus wird aus Wasser Wein." Das kann sicher jeder Christ bestätigen, der durch Jesus von Sünde und Schuld frei geworden ist und durch ihn und sein Wort ein gutes, erfülltes und frohes Leben gefunden hat. Da hat man doch genau das erleben können: Aus dem schalen Wasser eines Lebens ohne Glauben, ohne Halt und Hoffnung ist eines geworden, das rund und voll ist wie ein guter Wein.

 

"Jesus konnte auf dem Wasser laufen." Wer die Macht Jesu über den Tod glauben kann, wer seine Vergebung aller Schulden empfangen hat und durch ihn froh geworden und erlöst ist, der hat doch genau dies erfahren: Jesus zieht uns herauf aus dem Wasser, in dem wir ohne ihn versinken müssen. Er ist über allen Mächten, Herr über alles und gibt uns teil daran, dass auch wir Herr über das werden können, was uns bedroht und unterkriegen will.

 

"Jesus macht mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Mann satt." Hier wird schließlich ein Wunder berichtet, das Christen aller Zeiten, in aller Welt immer wieder erleben durften: Bei Jesus Christus werden wir satt. Bei ihm kommt unsere Suche nach erfülltem Leben zum Ziel. Er stillt den Durst nach Lebenssinn. Er hilft, wenn wir den Hunger nach Geborgenheit und Frieden in unserer Seele spüren. Und er kann das sogar ganz ohne Brot und Fische zum Essen und ohne Wasser zum Trinken tun! Allein sein gutes Wort und dass wir darauf hören, ist genug!

 

Liebe Gemeinde, ich glaube nicht, dass wir mit einer solchen Deutung die Wunder der Geschichten der Bibel geringschätzen. Im Gegenteil! So gewinnen sie Kraft und Wirklichkeit - nicht damals, sondern heute! Und um was anderes als unser Leben heute, kann es denn in der Bibel gehen?

 

So wünsche ich Ihnen jetzt, nicht dass Sie die Wunder damals für wirklich halten, sondern, dass Sie die Wahrheit der Taten Gottes und der Wunder Jesus Christi heute erfahren und seine Macht heute glauben können.

 

Ich wünsche Ihnen, dass Gottes Engel sie aus dem Kerker befreit, in dem Sie gefangen liegen, dass alle Ketten, die Sie binden, abfallen, dass niemand von Ihren Mitmenschen Ihnen im Wege steht, wenn Sie sich so entwickeln und verändern, wie Gott Sie gemeint hat und dass die Tür in eine helle, hoffnungsvolle und gesegnete Zukunft für Sie aufspringt! AMEN  

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 14.06.2018