Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis - 28.10.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Textlesung: Mt. 18, 15 - 20

 

Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde.

 

Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.

 

Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein.

 

Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Als evangelischer Prediger möchte man schon gleich auf dieses Wort in der Mitte dieser Verse zusteuern: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein. Das ist nämlich das Gegenstück zum Wort Jesu, auf das sich die katholische Kirche beruft, wenn sie Petrus - und seine Nachfolger bis heute - als Stellvertreter Christi auf Erden sieht. Da - in Mt. 16,19 - wendet sich nämlich Jesus nur an Petrus und sagt: "Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein." - Wenn wir darüber sprechen wollten, würde das eine Betrachtung darüber ergeben, ob nur einer (- der Priester, sozusagen als Teilhaber des päpstlichen Auftrags), oder eben wie wir Evangelische es sehen, die Gemeinde (und jedes ihrer Glieder) die Macht hat, Menschen zu binden und zu lösen, ihnen also die Schuld zu behalten oder zu vergeben. Aber diese Diskussion pflegt sich immer wieder ziemlich fruchtlos zu entwickeln: Beide Seiten stehen am Ende immer noch genau da, wo sie am Anfang gestanden haben. Und das geht so seit bald 500 Jahren.

 

Darum wollen wir uns lieber dieser kleinen Ordnung zuwenden, wie wir als Christen damit umgehen sollen, wenn uns ein Mitchrist Unrecht getan hat. Damit können wir alle gewiss etwas anfangen und nehmen von heute eine Verhaltensregel mit nach Hause, die uns wirklich im praktischen Leben helfen kann.

 

Gehen wir den drei Punkten dieser Ordnung einmal entlang und prüfen wir an ihr, wie wir es bis heute gemacht haben, wenn ein Nächster uns Böses getan, uns beleidigt, erzürnt oder schlecht über uns geredet hat:

 

  1. Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein.
    Ich glaube, das müssen sie mit mir bekennen: Das war und ist bei uns meist ganz anders!
    Nehmen wir einmal an, einer hat uns verleumdet. Wir haben davon sicher meist nicht direkt, sondern über einen oder gar einige Zwischenträger erfahren. Vielleicht haben wir dann in unserem Ärger darüber gedacht: Warum nur hat er nicht wenigstens den Mut, uns seine Lügen und die Verdrehung der Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Dann hätten wir uns gleich an der richtigen Stelle beschweren können. So aber müssen wir damit rechnen, dass der Verleumder abstreitet, auch nur irgend etwas über uns geäußert zu haben. Und am Ende geht das Gerücht über uns weiter seine Wege und wir können nichts dagegen tun, müssen vielmehr ohnmächtig zusehen, wie unser Ruf beschädigt und unser Herz beschwert wird.
    Wir hätten also jetzt allen Grund, selbst nicht genau so zu verfahren, selbst nicht zu Dritten über den zu reden, der uns verleumdet, selbst nicht mit gleicher Münze, also mit übler Nachrede und bösen Gerüchten über ihn herzufallen. - Was aber tun wir?
    Zuerst fragen wir, wenn uns die Verleumdung zu Ohren kommt, meist: Wer hat das gesagt? Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir erfahren wirklich den Urheber (was sehr selten sein wird!), oder wir hören etwas in der Art: Das weiß ich auch nicht. Oder: Ich habe das nur so gehört. Oder auch: Ich weiß es, darf (will?) es dir aber nicht verraten. In jedem Fall aber - selbst wenn wir Glück hatten und den richtigen Namen genannt bekommen - werden wir unsererseits keinen Kontakt mit dem Verleumder aufzunehmen versuchen, sondern öffentlich unsere Gegendarstellung ausstreuen, was dann neuerlich eine Gerüchtekette in Gang setzt und eigentlich niemandem dient - der Wahrheit am wenigsten.
    Vielleicht ist das also ein guter Rat - namentlich für uns Christen, die doch der Wahrheit besonders verpflichtet sind: Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Wie gesagt: Vielleicht bekommen wir ja nicht heraus, wer dieser "Bruder" war, der gegen uns gesündigt hat. Dann aber wäre Schweigen immer noch besser, als dass wir zum Gerede beitragen, ja, es noch vermehren. Und wer weiß, irgendwann ergibt sich vielleicht doch eine Gelegenheit, mit dem wirklichen Urheber zu sprechen und wir erleben hinterher dies: Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.! - Aber die Verhaltensregeln gehen weiter:
  2. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Das kommt uns gewiss ein wenig fremd vor in dieser Zeit, in der doch das Motto gilt: Jeder für sich, Gott für uns alle.
    Andererseits: Die Bibel weiß es schon lange, die Eheberatung und die Politik z.B. wissen es auch, dass es zu ganz anderen Gesprächs- oder Verhandlungsergebnissen führen kann, wenn jemand dabei ist, wenn wir miteinander reden, der neutral, nicht verwickelt ist in die Sache oder die dazugehörigen Interessenskonflikte. Wie wäre das z.B. für die Ehebrecherin (Jh. 8,3-11) ausgegangen, wenn man nicht Jesus sozusagen als Zeugen ihrer Sünde angerufen hätte? Man hätte sie gewiss gesteinigt! Aber auch für die andere Seite war es gut, Jesus in die Angelegenheit einzubeziehen. Mit seinem Wort: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!", hat er ihnen eine neue, barmherzigere Sicht auf die Frau und ihre Tat eröffnet.
    Mancher Eheberater könnte uns davon erzählen, wie wichtig es war, dass die Eheleute einmal ihre Sache vor einen Dritten (und vielleicht eine Gruppe?) gebracht haben. Da überlegt man sich doch gleich besser, was man sagt und wie man es sagt. Außerdem hat das, was nicht nur einer meint, größeres Gewicht und je mehr Menschen mir deutlich machen, dass ich umdenken und mich ändern muss, um so besser. Die Ehen, die dadurch noch einmal eine Chance bekommen und die Liebe zueinander neu entdeckt haben, zählen - allein bei uns - nach Tausenden!
    Und schließlich kann man sich heute kaum noch vorstellen, dass ein großes, reiches Land mit einem kleinen, armen Land der Dritten Welt Verhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit führt. Da würde der schwächere "Partner" gewiss über den Tisch gezogen. Im Europäischen Parlament oder der UNO allerdings werden viele andere darauf achten, dass beide Seiten zu einem gerechten Ergebnis kommen. - Und hier ist noch der dritte Punkt:
  3. Hört er auf die (Zeugen) nicht, so sage es der Gemeinde. Vielleicht erscheint uns das ja jetzt so ein wenig wie "Petzen" in der Schule: "Herr Lehrer, ich weiß was!" Außerdem bewegt uns sicher die Frage, wie das denn heute praktisch gehen soll: Wer ist das denn, die "Gemeinde"? Der Kirchenvorstand, die Pfarrerin, der Pfarrer, die Menschen, die den Gottesdienst besuchen? Hier ist hilfreich, was Jesus am Ende dieser Verse sagt: ... wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Ich will es einmal so ausdrücken: Das kann jede Mitchristin, jeder Mitchrist aus der Gemeinde sein, an die wir uns wenden. Wichtigste Bedingung ist dabei, dass es "im Namen" Jesu Christi geschieht, also nicht weil wir uns rechtfertigen oder gar jemanden auf unsere Seite ziehen wollen. "Im Namen Jesu" heißt: Der Wahrheit verpflichtet! Alles so darstellen, wie es wirklich gewesen ist und auch davon nicht schweigen, was vielleicht an Ärger oder als Ursache des Verhaltens unseres "Bruders, der gegen uns gesündigt hat", von uns ausgegangen sein könnte. Vielleicht spricht der Mensch aus der Gemeinde dann mit dem "Bruder"? Vielleicht sagt er auch zu uns Worte, die unseren Anteil am Konflikt betreffen?
    Jedenfalls kommt hier die Verhaltensregel, die uns Jesus heute vorgelegt hat, an ihr Ende. Jetzt haben wir alles Nötige getan, dass die Sache wieder in Ordnung kommen kann. - Aber erst jetzt! Alles Weitere liegt in Gottes Hand und in der Hand dessen, den wir aus der Gemeinde ins Vertrauen gezogen haben.

 

Ob wir diese kleine Ordnung für das Verhalten bei Streit, Konflikten und übler Nachrede nicht wirklich von heute mit nach Hause nehmen sollten? Prüfen wir sie doch einmal, wenn uns demnächst wieder hinterbracht wird, was diese oder jener über uns gesagt haben soll. Ich bin davon überzeugt, dass es eine gute, hilfreiche Verhaltensregel ist! Wir werden das daran spüren, dass Segen von ihr ausgeht.

 

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 17.08.2018

     


Predigt am 23. Sonntag nach Trinitatis - 4.11.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Textlesung: Jh. 15, 18 - 21

 

Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat.

 

Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt.

 

Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten. Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Ist das eine Einladung zu einem Leben als Christin, als Christ?: Wir ziehen den Hass der Welt auf uns, wenn wir zu Jesus gehören? Man wird uns verfolgen um seinetwillen? Wir sind nur Knechte und Mägde unseres Herrn, darum kann es uns nicht besser ergehen als ihm?

 

Harte Worte. Düstere Aussichten. Da kann einem schon die Lust vergehen, IHM nachzufolgen. Aber hat Nachfolge etwas mit Lust zu tun?

 

Wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir immer gedacht, ein christliches Denken und ein entsprechendes Leben in der Spur Jesu wären doch Sachen, die sich - ja, nicht gerade auszahlen - aber doch irgendwie eine gute, eine schöne Zeit verheißen. Dabei wird uns doch sicher das Gefühl geschenkt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, dass wir es besser machen als so viele andere "aus der Welt" und dass am Ende das ewige Leben in der Nähe Gottes auf uns wartet.

 

Liebe Gemeinde, ich glaube, alles eben Gesagte ist richtig - bis auf eins: Eine im Sinne der Welt "schöne" Zeit wird es für Christen und Christinnen in diesem Leben eher selten geben. - Warum ist das so?

 

Für mich hat das zwei Gründe: Zum einen ist die Vorstellung von dem, was denn "schön" ist, bei den Menschen unserer Tage sehr unterschiedlich. Der eine findet schön, wenn er ein leichtes und eher oberflächliches Leben führen kann. Ein anderer sucht mehr nach Tiefe in seinen Tagen und freut sich daran, wenn es auch Probleme gibt, die gelöst werden müssen. Wieder andere gehen ganz in dem auf, was sie im Dienst für andere tun können. Und schließlich gibt es auch die ganz in sich Gekehrten, die sind am liebsten mit sich selbst und vielleicht einem guten Buch allein. Und daneben muss man auch noch sagen, dass "schön" zur Zeit Jesu gewiss etwas ganz anderes war als heute. Was hatten die einfachen Menschen in Palästina schon für Möglichkeiten, ihr Leben reicher oder kurzweiliger zu gestalten?

 

Der zweite Grund, warum das Leben von uns Christen oft nicht "schön" sein kann, hat damit zu tun, dass wir nicht die Herren unseres Lebens sind. Jedenfalls nicht, wenn wir den Namen "Christ", "Christin" mit Recht tragen wollen. Wir können eigentlich nie sagen: So und so richte ich mein Leben ein. Unser Herr will uns zeigen, wofür wir da sind und wo unsere Aufgaben liegen. Und es ist auch nicht angemessen, wenn wir umgekehrt im Rückblick davon sprechen, was wir in unserem Leben alles erreicht haben. Erstens haben nicht wir es erreicht - wenn es etwas Gutes ist. Und zweitens ist es oft gar nicht rühmlich, wenn es nämlich nicht das ist, wohin Jesus uns führen wollte.

 

In jedem Fall aber bleibt es dabei: Das Leben von Christen in der Nachfolge Jesu ist über weite Strecken nicht schön, nicht leicht und es bedeutet eher Arbeit und Mühsal, Leid und Verfolgung, Kummer und Sorge (und das auch noch um andere Menschen), als dass es unser Herz fröhlich und unsere Tage hell machte. Wir werden es merken, Jesu Verheißung stimmt: Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt.

 

Liebe Gemeinde, was sollte uns nun dazu bringen, dass wir uns doch in die Nachfolge unseres Herrn begeben - gegen den Hass der Welt, gegen unseren eigenen Wunsch, doch lieber selbst Herren und nicht Knecht und Mägde zu sein und gegen die Aussicht, von den Menschen angefeindet und verfolgt zu werden?

 

Für mich führt hier nur ein Gedanke heraus. Es gibt nur einen Weg, nur eine Entscheidung, nur ein Ziel. Aber ich will nicht in Rätseln sprechen. Der "Gedanke" heißt: Dieses Leben ist nicht alles. Der "Weg" heißt: Liebe zu Gott und den Menschen und ihnen helfen und dienen. Die "Entscheidung" ist die zur Nachfolge: Hinter Jesus hergehen, in alle Erfahrungen hinein, die auf uns warten und durch alles hindurch - mit unserem Herrn und in seiner Spur. Und das "Ziel" schließlich ist Gottes Ewigkeit, wo uns schon eine Wohnung bereitet ist.

 

Gerade von diesem letzten Satz her, werden manche uns, die es predigen, vorwerfen, wir vertrösten aufs Jenseits. Und denen, die sich auf die Ewigkeit freuen, wird man vorhalten, sie flüchten aus der Welt. - Wir können es nicht ändern. Immer war das so, seit Christen auf dieser Erde wohnen. Aber ich bin überzeugt, es gibt kein anderes Ziel für uns als diese Verheißung: Auferstehen wie unser Herr, die Ewigkeit Gottes, ein herrliches Leben in seiner Nähe ...

 

Und ich kann es nicht verstehen, dass dieses wunderbare Ziel unseres Lebens - auch in christlichen Kreisen - immer wieder und wie es scheint immer mehr verschwiegen wird. Wir sagen unseren Kindern und Enkeln nichts mehr davon, dass wir daran glauben, dass Gott mehr mit uns vor hat als dieses Bisschen Leben zwischen Wiege und Bahre. Das ist nicht mehr in unseren Gesprächen mit Freunden und Nachbarn oder gar mit den Kolleginnen und Kollegen, wenn es überhaupt einmal um tiefere Probleme geht als das Wetter und seine Kapriolen. Und das ist selbst bei "christlichen" Beerdigungen nicht mehr wie selbstverständlich das Thema der Trauerrede. Nein, da hören wir oft genug nur noch etwas vom Leiden des Verstorbenen zuletzt - und nicht, dass er jetzt alle Krankheit eingetauscht hat gegen eine unbeschreibliche ewige Freude. Wenn überhaupt noch von einem Leben nach dem Sterben gesprochen wird, dann von dem der Hinterbliebenen, in deren "Erinnerung der Verblichene nun für immer einen Platz haben wird". Wer aber bringt in die Erinnerung der Menschen unserer Tage (- wie sie an einem Grab doch meist recht zahlreich versammelt sind!), dass auf den Verstorbenen jetzt im Tod um Jesu Christi Willen ein Platz in Gottes ewigem Reich wartet?

 

Was steht dahinter, wenn die Mitte unserer christlichen Botschaft nicht mehr angesprochen und verkündigt wird? Ist das Scham - dass uns nur keiner über unseren Glauben befragt, weil wir doch auch nicht so fest und so sicher sind in dem, was wir erhoffen? Ist das der Ausdruck dessen, dass der Glaube an die Auferstehung und das Ewige Leben (- Dinge immerhin, zu denen wir uns bei jedem Sprechen des Glaubensbekenntnis' neu bekennen!) eigentlich doch nicht mehr in unserem Herzen wohnt? Oder zeigt sich da die Meinung, die ja heute viele Menschen (auch Christen!) haben, dass diese Dinge Privatsache sind und nicht in die Öffentlichkeit gehören? Ich glaube, dass alles dies - und wohl noch einige andere Gründe - daran beteiligt sind, wenn heute die wichtigste Botschaft unseres christlichen Glaubens aus der Mitte an den Rand gedrängt wird - und manchmal noch darüber hinaus.

 

Aber ich glaube eben, dass unser Herr uns "aus der Welt erwählt hat", wie wir vorhin gehört haben, und das im doppelten Sinn: Wir sollen nicht so denken, reden und handeln, wie es Menschen tun, die nichts von IHM wissen, und die nicht an IHN und seine Auferstehung glauben. Und wir sind auch so "aus der Welt" genommen, dass wir schon hier und heute unsere wahre Heimat in Gottes Ewigkeit haben. Paulus spricht vom Bürgerrecht im Himmel (Phil. 3,20) und davon, dass wir nicht nur Kinder Gottes sind, sondern einmal auch Erben seiner Herrlichkeit (Gal. 4,7/Kol. 3,24). Es ist kein Grund, das ängstlich oder schamhaft zu verschweigen. Wir glichen dann Menschen, die Nüsse mit hohlen Schalen ohne Kern sammeln und aufbewahren. Unser Glaube aber hat einen Kern und der ist unendlich wertvoll und er heißt: Jesus Christus ist für uns ans Kreuz gegangen; alle Schuld unseres Lebens, alles, was uns zu Kindern dieser Welt macht, ist vergeben. Wir gehen auf die Auferstehung zu, wie unser Herr auferstanden ist. Wir werden um seinetwillen erben und haben schon heute Heimatrecht in Gottes Reich.

 

Darum werden wir auch alles bestehen können, was in dieser Welt nicht schön, nicht gefällig, vielmehr ernst, schwer und oft auch leidvoll ist. Wir können es, weil uns die Kraft dazu immer wieder, täglich neu, von unserem Glauben an die herrliche Zukunft herkommt, die uns bereitet ist. Aber es bleibt dabei: Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten. Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat. Dem "Hass der Menschen aus der Welt", der "Verfolgung" um Christi willen, die uns nicht erspart bleiben werden, können wir nur damit begegnen, dass wir von dem reden und das bezeugen, was wir glauben: Dass Jesus Christus gelitten hat für unsere Schuld. Dass er gestorben ist und auferstanden am dritten Tag. Dass er uns das Leben in Gottes Ewigkeit verdient hat und wir nun nicht den Tod, sondern das Leben vor Augen haben.

 

Vor dieser Aussicht und mit dieser Hoffnung und einem solchen Glauben im Herzen wird nun doch jedes Leben "schön", so arm, so hart und so mühselig es auch immer sein mag. AMEN

 

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 3.10.2018