Predigt am 16.12.2018 - 3. Sonntag im Advent

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textlesung: Jes. 40, 1 - 11

 

Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden. Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet. Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

"Tröstet, tröstet mein Volk!" Was für eine Aufgabe! Da saßen die Verschleppten an den Wassern Babylons und weinten! Viele Jahre schon dauerte ihre Gefangenschaft. Fremde Menschen um sie herum, ein fremder Glaube, fern von ihrem Gott und dem Ort seiner Verehrung. Wer hoffte denn noch, einmal wieder die Heimat zu sehen? Wer konnte es denn glauben: Einmal werdet ihr zurückkehren? Bei wem war denn noch nicht die Zuversicht dumpfer Resignation gewichen? "Gott hat uns vergessen! Er hat uns fallen lassen! Wir sind nicht mehr sein Volk, seine Kinder, die er liebt!" - "Tröstet, tröstet mein Volk!?" Wie sollte das gehen?

 

Und wir? Wer erwartet denn noch mehr vom Leben, als dass es vielleicht noch ein bisschen so weitergeht, mehr oder weniger erträglich? Wem ist der Mut nach hundert Enttäuschungen noch nicht ausgegangen? Können wir uns den großen Aufbruch, die frohmachende Veränderung wirklich noch vorstellen ... in unserem, in diesem Leben? Hoffen wir wirklich noch auf Liebe, auf ein bisschen Sinn oder wenigstens den Halt, an dem wir uns festklammern können? Sind nicht die Wünsche, die wir einmal hatten, längst begraben? Reden wir uns nicht lange schon ein, wir wären aber ganz zufrieden, so wie es ist und 'Hauptsache gesund'!? - Sind wir noch zu trösten?

 

Ein Mann, den ich kenne, hat vor Jahren einmal vorgehabt, zu studieren und Arzt zu werden. Er war sehr versessen auf dieses Ziel. Sein Leben ist dann aber so verlaufen, dass ein Studium nicht möglich war. Zu viel kam dazwischen: Der Tod der Eltern, die Liebe zu einer Frau, die Kinder... Er musste in einem ganz anderen Beruf sein Geld verdienen. Nach und nach hat er seine Träume aufgegeben. Nach und nach hat er sich eingeredet: Aber, es ist ja auch so ganz gut! Mit den Jahren hat er sich getröstet. - Aber wirklich glücklich ist er nicht! Auch die Wunde, an die man nicht denken will, schmerzt von Zeit zu Zeit. Er hat sich zwar darein geschickt, aber sein Leben ist das immer noch nicht, das er führt. Er hat keinen wirklichen Trost gefunden.

 

Und eine Frau kenne ich, die wollte immer so gern einen Mann finden und Kinder haben, möglichst fünf oder sechs. Irgendwie hat sie nie den Richtigen getroffen. Inzwischen ist sie über dreißig; sie denkt nur noch manchmal an Familie. Im Gespräch mit ihr gewinnt man den Eindruck: Sie ist darüber weg. Sie sagt vielleicht: "Aber, ich könnte heute einen Mann und Kinder gar nicht mehr gebrauchen, bei meiner Stellung!" Nur in den Stunden allein kommt der ganze Jammer manchmal über sie. Dann weint sie und weiß: Wirklich getröstet ist sie nicht!

 

Dann gibt es da einen sehr alten Menschen in meiner Nähe: Er ist gute Wege gegangen und schlechte Wege. Wie andere auch. Nur: Ihm fällt es so schwer, das Böse seiner Jahre, "böse" zu nennen. Er kann nichts bereuen. Immer muss er nach Entschuldigungen suchen, selbst da, wo ihn keiner angeklagt hat. Ja, er ist wie besessen davon, Versäumtes zu verniedlichen und Begangenes zu bestreiten. Aber froh oder auch nur ruhig macht ihn das nicht. Immer wieder wird er davon anfangen, wie es gewesen sein soll, welche Rolle er dabei gespielt haben will. Wirklicher Trost liegt offenbar nicht in dem, was er sich einredet!

 

Und dann: Das Gottesvolk in Babel. Gefangen unter fremder Herrschaft. Gefangen zwischen Menschen, die eine andere Sprache hatten und andere Götter. Gefangen in einem Land, in das der Arm ihres Gottes nicht reichte, wie sie meinten. Gefangen in dunklen Aussichten und trostloser Zukunft.

 

Gewiss, manche in Babel führten kühne Reden: "Wir werden einmal zurückkehren!" Aber wodurch waren diese Worte schon gedeckt? Und bestimmt versuchten es andere auch damit: Aber wir haben unser Schicksal doch verdient! Nur: wem konnte das Mut schenken? Wirklicher Trost scheint mehr zu sein, als "sich trösten"!

 

"Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott." Hier ist mehr! Nicht: tröstet euch, wenn eure Lebenspläne scheitern, nicht: tröste dich, wenn du verstrickt bist in Schuld und die Last deiner Vergangenheit, nicht: tröstet euch, wenn eure Wünsche offen bleiben und eure Hoffnungen unerfüllt, nicht: tröste dich mein Volk, dass du's verdient hast oder weil du doch irgendwann wieder Freiheit atmen wirst... Nein! Ich will dich trösten, spricht dein Gott! Ich bin schon unterwegs! Horch! Hörst du nicht die Stimme des Rufers? Hörst du nicht ihr Predigen: Deine Schuld ist vergeben! Die Zeit deiner Schmach ist um! Die Strafe ist verbüßt! Hörst du's nicht, wie sie freundlich mit dir reden? Ich will zu dir kommen; ich will dich selbst trösten. Bereite mir den Weg! Lass mich zu dir gelangen! Räume beiseite, was mich hindert: Die Berge deiner Zweifel, den Wust all dessen, was du dir einredest und jedes Wort, mit dem du deine Schuld verharmlost. Das Tal deiner Ängste mag sich heben, deine Hoffnungslosigkeit soll der Zuversicht weichen, du sollst wirkliche Hilfe finden, "denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden". Ich bin auf dem Weg zu dir! Ich will dich trösten!

 

Wahrhaftig: Hier ist mehr als "sich trösten"! Hier ist der Trost, der uns zugesprochen wird. Hier ist Gottes Trost.

 

Der Mann, von dem ich erzählt habe, darf sich sagen: Das ist mein Leben, das ich lebe! Gott hat in ihm seine Aufträge an mich. Er hat es so gewollt und gerade mit dem Beruf, den ich habe, kann ich ihm dienen. Da, wo ich stehe, ist der Platz, an den er mich gestellt hat. Nichts daran war Zufall oder Pech oder gar böses Verhängnis. Und Gott kommt auch in diesem Leben auf mich zu: Bereite mir den Weg! Ich will dich besuchen, dir Trost und Fülle bringen!

 

Und die Frau darf wissen: Ich bin nicht erst in der Zukunft, die du dir erträumst! Ich bin jetzt bei dir. Dein Leben, so wie es ist, soll der Ort werden, an dem du mir dienst. Du bist reich an mir, gesegnet durch mich, erfüllt durch meine Aufgabe an dich. Hör' auf zu träumen, hör' auf zu ersehnen, was nicht sein kann... Hör' auf meine Stimme! Ich bin unterwegs zu dir. Ich habe den Trost für dich. Horch! Bald wirst du mir begegnen - und mit mir der Freude!

 

Und auch der Alte darf endlich freiwerden: Weg mit den Lügen und dem Selbstbetrug! Ja, die Vergangenheit hat viel Schuld gebracht; ja, auch ich trage an mancher Last; ja, auch meine Wege waren schlecht und unwahrhaftig; ja, ich habe Vergebung nötig und neuen Anfang! - Bereite meine Straße zu dir! Lass mich bei dir einziehen! Nimm dich an, wie du bist, schuldig und meinem Urteil verfallen - und nimm mich an: mein Ja zu dir, mein Verzeihen, das Geschenk des Beginns. So werde ich zu dir kommen. So empfängst du meinen Trost. Mach mir Platz bei dir!

 

Das Volk Gottes ist zurückgekehrt nach Jerusalem. Sie haben den Tempel wieder aufgebaut. Gott hat ihnen Zukunft eröffnet, alle seine Verheißungen wahr gemacht. Berge und Hügel wurden niedrig, Täler erhöht und Schiefes wurde eben. Die Herrlichkeit des Herrn ist offenbar geworden, wahrer Trost von Gott!

 

"Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott!" Wir mögen uns in Sorgen um unsere Zukunft verzehren - Gott hat sie in der Hand. Wir mögen vor den Trümmern unseres Lebens stehen - Gott kann daraus Freude und Fülle entstehen lassen. Wir mögen in Ängsten sein, uns in unbewältigten Krisen aufreiben, von Fragen gequält und von bösen Erwartungen bedroht werden... - Gott kommt zu uns und wird uns trösten!

 

"Bereitet dem Herrn den Weg! Die Herrlichkeit des Herrn soll offenbar werden und alle sollen es sehen, denn des Herrn Mund hat es geredet!"

 

Bereite auch du Gottes Weg zu dir! Er wird dich trösten! AMEN

 

 

 

********************

Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 11.12.2018

     


Predigt am 23.12.2018 - 4. Sonntag im Advent

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Stellen Sie sich vor, Sie sehen eine Talk-Show im Fernsehen. Einer nach dem anderen wird vorgestellt und sagt vielleicht auch selbst ein paar Worte zu seiner Person: Einer hat gerade ein Buch geschrieben. Ein anderer spielt in einem Film mit, der in diesen Wochen im Kino anläuft. Wieder eine andere ist vor Tagen aus Palästina zurückgekehrt und hat Schreckliches gesehen und zu berichten und noch einer hat mit dem Fahrrad die Welt umrundet... Schließlich, so stellen wir uns vor, ganz am Ende der Runde wird ein Mann gefragt, wer er denn wäre. Er ist äußerst einfach gekleidet, ja eigentlich elend und ärmlich. Und er sagt auch nicht: Ich bin der und der! Schon gar nicht kann er mit einer Sensation aufwarten oder mit einer großen oder ungewöhnlichen Tat oder einer beachtlichen Leistung. Nein, er nennt nicht einmal seinen Namen. Man muss ihn mehrfach fragen, bis er endlich eine Erklärung abgibt. Und dann sagt er vielleicht: Ich selbst bin ein Niemand. Ich möchte nur hinweisen auf einen, der kommt in nächster Zeit einmal in diesem Sender, in dieser Show. Empfangt ihn angemessen, wenn er kommt! Er ist ein wichtiger Mann. Ich bin gegen ihn nur ein völlig unbedeutender Mensch, ein ganz kleines Licht und gar nicht wert, dass wir von mir reden.

 

Stellen Sie sich das vor, liebe Gemeinde! - Sie können es nicht? So etwas wäre zu verrückt, zu ungewöhnlich? Sie könnten sich so etwas allenfalls als Scherz des Fernsehsenders denken?

 

Hören wir den Predigttext zu diesem Sonntag. Es ist genau diese Situation in der Zeit vor bald 2000 Jahren:

 

 

Textlesung: Jh. 1, 19 - 23 (24 - 28)

 

Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem, dass sie ihn fragten: Wer bist du? Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus. Und sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du dann? dass wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? Er sprach: »Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!«, wie der Prophet Jesaja gesagt hat (Jesaja 40,3).

 

Damals ist es geschehen, das Ungewöhnliche, das Verrückte! Und ein Scherz war es durchaus nicht. Diese Bescheidenheit hat den Johannes zuletzt ja seine Freiheit gekostet und sein Leben. Hätte er doch geantwortet: Ich bin der Elia! Wer hätte es denn nachprüfen können? Aber sie wären ihm wenigstens nicht ans Leben gegangen. Oder hätte er gesagt: Ich gehöre in das Gefolge des Christus! Auch davor hätten sie wohl einigen Respekt gehabt. Aber so. Nur ein Vorläufer. Einer, der nicht einmal weiß, wann der kommt, dessen Vorhut er sein soll. Ja, einer, der den nicht einmal kennt, den er doch ankündigt!

 

Was machen wir nun mit dieser Geschichte? Liegt irgendeine Hilfe darin? Gibt dieser Johannes ein Beispiel, das sich zur Nachahmung lohnt?

 

Ich sehe mindestens einen wichtigen Gedanken, der für uns Nachdenkens wert ist. Nämlich das: Wie tut das doch gut und wie tröstlich ist das doch, wenn wir noch einmal zu dem Beispiel aus unseren Tagen zurückkehren, dass hier einer öffentlich auftritt, der nicht großartig, besonders reich, mutig, sportlich oder klug, nicht gerade einen Film gemacht oder ein Buch geschrieben hat. Ich empfinde das immer wieder als fast peinlich, wenn beim Besuch eines Autors in der Fernsehshow wie zufällig der Titel des neuesten Werkes eingeblendet oder der Einband hergezeigt wird oder wenn eine Filmdiva gerade dann ihre Aufwartung in einer Show macht, wenn ihr neuester Streifen in den Kinos angelaufen ist. Ich selbst bin ein Niemand, ein Nichts, sagt Johannes. Und er nennt nicht einmal seinen Namen. Warum, und warum ist das tröstlich?

 

Ich glaube, hier ist ein Mann so ganz und gar in seiner Aufgabe drin, dass er einfach nicht auf den Gedanken kommt, seinen Namen zu nennen. Diese Aufgabe heißt: Jesus, den Christus vorbereiten! Ihm die Bahn zu den Herzen der Menschen ebnen. Taufen und zur Buße rufen, dass nur ja niemand versäumt, ihn bei sich einzulassen, ihm das Herz und das ganze Leben zu schenken. Wollte er sagen: Ich bin Johannes, dann würde das nur ablenken, dann würde man seine Person anschauen und befragen. Aber um ihn geht es doch gar nicht.

 

Und sein ganzes Äußeres unterstützt die eine Aufgabe, die er hat: Wir wissen, wie er herumlief, dieser Täufer: Einen schäbigen Mantel aus Kamelhaaren hatte er an. Ein Hanfstrick hielt dieses Kleidungsstück zusammen. Sein Haar war gewiss wirr und unfrisiert. Seine Füße werden bloß gewesen sein und seine Speise waren Heuschrecken und wilder Honig. Ein Einsiedler, ein Bettler also war er. Alles das wird dazu geholfen haben, dass nun keiner auf die Idee kam, er könnte irgendwie wichtig sein. Und wir kennen ja auch sein Wort, das er später zu Jesus sagt: "Ich bin nicht würdig auch nur deine Schuhriemen zu lösen."

 

Und mich tröstet daran, liebe Gemeinde, dass so ein Niemand, ein abgerissener Hungerleider, ein Mann ohne irgendeinen Ausweis von Größe oder Talent der Vorläufer dieses Herrn sein durfte! Was wir ja immer - schwer genug - erst an der Krippe Jesu begreifen, ist hier doch schon vorweggenommen: Dort sind es die Sterndeuter, die Armen von Bethlehem und das Lumpenpack der Hirten, die seine ersten Gäste in der Welt werden. Hier ist es dieser barfüßige Eremit, der sein Wegbereiter sein soll. Und beide, weder die Krippengäste noch dieser Vorläufer sind doch zufällig zu ihrem Auftritt in der Geschichte Jesu gekommen. Nein, dieser elende Mann aus der Wüste sollte es sein. Und diese elenden Figuren an der Futterkrippe wollte der Herr haben. Sowohl den Johannes als auch die Hirten hat er zu dieser Aufgabe ausgewählt. Von Johannes wurde Elisabeth vorhergesagt: "Er wird vor dem Herrn hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist." (Lk. 1,17) Und die Hirten waren schließlich die ersten, denen es der Engel verkündet hat, dass Jesus geboren war. Und ausdrücklich zu ihm gerufen hat er sie auch!

 

Ja, ich finde das tröstlich! Denn es sagt mir, dass wir uns nicht zu verstecken brauchen vor diesem Herrn, dass wir nicht länger denken müssen, er habe mit uns doch nichts vor und hätte doch wohl für uns keine Aufgaben in der Welt. Ja, es gibt wohl gar manche unter uns, die meinen, es wäre nun einmal so, dass die Geschichte Gottes mit seinen Menschen einfach keinen Platz für sie hätte. Allenfalls wie Statisten fühlen sie sich, wie Zuschauer, die irgendwo am Rande einer Szene stehen, in der sie keine Rolle spielen und die irgendwie an ihnen vorbei geht. Und was könnte Gott denn auch mit ihnen anfangen? Sie verstehen ja doch so wenig von seiner Sache. So gelehrt sind sie nicht, so fromm auch nicht, halt einfach nicht geeignet für religiöse Aufträge oder auch nur eine engere Beziehung zu Gott.

 

Schauen wir auf Johannes. Nehmen wir ihn wahr in seinem lumpigen Umhang mit dem Strick darum. Stellen wir uns sein hageres Gesicht vor, sein wirres Haar, seine ganze Ärmlichkeit... Und hören wir hin - seinen Namen sagt er nicht, aber das sagt er: "Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!"

 

Kann es eine größere Aufgabe für einen Menschen geben als das: Wegbereiter Jesu Christi zu sein? Kann es ein deutlicheres Beispiel dafür geben, dass keiner, wirklich keiner zu unbedeutend, unwichtig oder zu schlecht wäre, als dass er von diesem Jesus gebraucht wird? Es ist einfach nicht so, wie wir immer wieder und inzwischen - vielleicht ohne noch zu fragen - denken: Dass Jesus mit uns doch nichts zu tun haben möchte oder dass wir ihm doch nicht dienen oder irgendwie bedeutsam sein könnten. Gerade so kleine, einfache, vielleicht mit Zweifeln oder Schuld beladene Menschen wollte dieser Jesus vor sich her, um sich herum und an seiner Seite haben. Damals einen wie Johannes oder die Hirten oder den Zachäus oder die Ehebrecherin oder noch tausend andere ähnliche Leute, heute solche, die in keiner Talk-Show auftreten könnten, ja, die nichts, absolut nichts vorzuweisen haben, was irgendwie interessant oder bewundernswert wäre. Aber damals wie heute zeichnet die Menschen in seiner Nähe aus, dass sie ihn kennen, auf ihn hinweisen und von ihm sagen können: Der will mit mir zu tun haben, der liebt mich! AMEN

 

 

 

**************

Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 11.12.2018