Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias - 27.1.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Der Predigttext, den ich ihnen jetzt gleich lesen werde, würde besser in die Sommerzeit passen. Jetzt im Winter verliert er gewiss ein wenig und ist nicht so eindrücklich und verständlich. Aber er ist uns für heute verordnet. Und da wollen wir ihn auch anhören:

 

 

Textlesung: Jh. 4, 5 - 15

 

Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab. Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. - Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser. Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

 

 

+Sicher haben sie verstanden, warum ich sagte: Diese Geschichte passt besser in den Sommer. Wir würden uns dann leichter vorstellen können, was das heißt: "Jesus war müde von der Reise..." Staubtrockene Wüstenwege, nur Steine und Sand Stunde um Stunde, die Zunge klebt am Gaumen, die Kleider verschwitzt und der Kopf malt Trugbilder von klaren Bächen und sprudelnden Quellen... Jetzt etwas frisches Wasser! - Und da ist es: Ein Brunnen! Trinken können in vollen Zügen. Die Lebensgeister kehren zurück. Herrlich belebendes, frisches, kostbares Wasser...

 

Aber auch die Worte der Frau in der Geschichte würden wir im Sommer besser nachempfinden können: Jeden Tag am Morgen in großen Krügen Wasser holen müssen. Für das Waschen und Kochen. Zum Trinken und zur Reinigung. So war es die Aufgabe der Frauen. Manchmal kilometerweit laufen. Anstehen bis man an der Reihe ist. Oft in sengender Sonne warten. Dann schöpfen, sich den Krug aufladen und auf dem Kopf nach Hause tragen. Und am nächsten Morgen wieder das Gleiche! Gern wollen wir glauben, dass sich die Frau das wünscht: "Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!"

 

Wirklich: Die Geschichte ist winters schwerer zu verstehen, schwieriger nachzufühlen. Aber nicht nur weil Winter ist! Auch weil wir es doch heute viel leichter haben, frisches Wasser zu bekommen. Wir müssen nur wenige Schritte gehen. Wir öffnen den Wasserhahn und eine "Quelle" sprudelt direkt in unserem Haus, in unserer Wohnung.

 

Aber - und das haben sie jetzt gewiss auch gespürt - die Geschichte hat in ihrer Tiefe noch eine ganz andere Botschaft. Es ist ja gar nicht nur das Wasser gemeint, mit dem wir unsere Lippen benetzen und das wir mit dem Mund aufnehmen. Das "lebendige Wasser", von dem hier die Rede ist, meint etwas anderes, meint einen anderen! - Was können wir uns hierzu vorstellen? Wie können wir begreifen, was hier wohl gemeint ist?

 

Ich denke dabei zuerst an die Kinder dieser Zeit. Und mir kommen dazu ganz bestimmte Kinder in den Sinn. Eines zum Beispiel, das mit acht Jahren noch nie von Gott gehört hat und nicht weiß, warum wir die Hände falten, nicht weiß, was ein Gebet ist und seinen Religionslehrer neulich gefragt hat, mit wem wir denn beim Beten eigentlich sprechen. Ein anderes Kind kommt mir vor Augen, das - kaum siebenjährig - im Heim leben muss, wo es keine Elternliebe erfährt und schon früh lernt, dass es Ellenbogen braucht und nur anerkannt wird, wenn es etwas leistet und stärker oder rücksichtsloser ist als andere. Aber auch andere Kinder fallen mir ein, die haben wohl Eltern, denen fehlt aber genauso die Liebe von Vater und Mutter. Vielleicht waren sie nicht gewollt? Vielleicht haben die Eltern zu spät gemerkt, dass sie mit Kindern überhaupt oder mit diesem Kind überfordert sind? Jedenfalls erfährt da ein kleiner Mensch schon ganz früh, dass keiner Interesse an ihm hat, dass er kämpfen muss, dass er sich mit Schläue, mit Tricks oder gar mit Gewalt nehmen muss, was ihm das Leben sonst vorenthält. - Und dann denke ich an Jesus, der von sich sagt, dass er das lebendige Wasser ist und dass er uns dieses Wasser geben will...umsonst... Und ich frage mich, wie etwa diese Kinder dazu kommen sollen, dass sie sich das Wasser des Lebens schenken lassen. Sie kennen Jesus ja gar nicht. Sie haben vielleicht noch nie etwas geschenkt bekommen. Sie haben ja auch genug damit zu tun, sich mit dem Wasser und dem Brot des Überlebens in einer Welt zu versorgen, die ihnen bisher wenig oder nichts freiwillig, ohne Kampf und Anstrengung hat abtrotzen lassen.

 

Aber ich muss auch an Jugendliche unserer Tage denken. An unsere Konfirmanden und an die Konfirmierten unserer Gemeinde. Wie wichtig - oder besser: wie unwichtig - muss ihnen doch das "Lebenswasser" Jesus Christus erscheinen, wenn sie in (dem Jahr) den zwei Jahren, in denen/dem sie sich auf ihre Konfirmation vorbereiten, oft nicht ein einziges Mal von ihren Eltern zur Kirche begleitet werden. Wie unbedeutend und eigentlich überflüssig muss den jungen Leuten doch auch die Konfirmandenstunde selbst vorkommen, wenn niemand zu Hause sie je fragt, was sie dort denn so besprechen? Können wir uns wundern, wenn sie dann nach der Konfirmation der Kirche den Rücken kehren - bis vielleicht zur Trauung und dann wieder bis zur ersten Kindtaufe? Können wir erwarten, dass eine Stunde Konfirmandenunter- richt ankommen kann gegen eine unkirchliche und oft ganz antireligiöse Erziehung? (Nicht nur einmal habe ich erfahren müssen, dass sich Väter oder Mütter abfällig über das äußern, was ihre Kinder im Unterricht lernen und es als "Quatsch" oder "Humbug" bezeichnen und als "Pfaffengeschwätz" abtun.) Können wir wirklich ernsthaft fragen, warum Konfirmierte später dann kein Verhältnis mehr zu ihrer Gemeinde haben und zu Gott auch nicht?

 

Aber auch manche Erwachsene dieser Zeit kommen mir in den Sinn. Wie gehetzt sie sind von ihrer Begierde, aus diesem Leben mehr und immer mehr herauszuholen! Und irgendwie genügt es doch nie, was einer hat und ist. Wie wenig wird der Spruch doch im Leben beherzigt: "Hauptsache gesund und zufrieden." Wie viele sind doch gesund - aber sie machen sich selbst krank in der Hetze nach Geld und Gut. Wie viele könnten doch wirklich zufrieden sein, aber sie jagen noch größerem Erfolg nach, dem Nervenkitzel, dem Rausch und dem Erlebnis... Hier erkennen wir vielleicht am deutlichsten, wie treffend doch dieses Bild ist: Jesus - das "Wasser des Lebens". Sind nicht die Menschen unserer Tage wirklich durstig und hungrig und geradezu ausgezehrt nach etwas, das ihren Durst, ihr Verlangen, ihre Sehnsucht stillt?

 

Aber genug der Beispiele, genug der Klage. Was können wir tun? Für die Menschen? Und was können die tun, die selbst so durstig sind? - Schauen wir noch einmal in diese Geschichte:

 

Wir sollten nicht verachten, was wir doch auch an Hilfe in ihr lesen - so wenig es auch zu sein scheint! "Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt."

 

Das erste ist also dies: Bei Jesus finden wir lebendiges Wasser. Nicht in uns selbst werden wir Leben finden - wenn wir nur lang genug in uns hineinblicken und -horchen. Nicht in der Meditation - wenn wir uns nur gut genug konzentrieren. Nicht in der Natur - wenn wir sie, da wo sie noch schön ist und unberührt, auf uns wirken und unser Herz anrühren lassen. Schon gar nicht in Hab und Gut oder in dem, was wir schaffen, aus uns machen oder was die Leute von uns halten. Und am wenigsten im Konsumieren, dem Vergnügen, der Kurzweil, die doch oft genug nur "die Zeit totschlagen" ist. Bei Jesus Christus ist das Leben, jedenfalls eins, das wirklich Leben heißen kann. -

 

Wo wir ihn treffen? Nicht am Brunnen - dorthin ist er nur gegangen, um uns mit dem Wasser ein Zeichen zu geben. Aber im Wort begegnen wir ihm. Und in manchen Menschen, die sich bemühen, seinem Beispiel zu folgen. Und in der Gemeinde, der Gemeinschaft der Christen, auch wenn diese Menschen nicht gleich besser sind als andere. Aber sie haben die Verheißung von ihrem Herrn, dass er mitten unter ihnen ist. Und sie, die Menschen aus der Gemeinde Jesu, werden nie Durst leiden und am Ende das ewige Leben haben.

 

Und das zweite ist das: Wir müssen schon suchen und wir müssen es wollen und von diesem Jesus erbitten! - "Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht mehr dürstet!" Wem es gleichgültig ist, wer schon so stumpf geworden ist, dass ihm das bisschen "Leben" zwischen Wiege und Bahre, ausgefüllt mit Arbeit, Konsum, Freizeit und Fernsehen genügt, der wird nichts bekommen, der will ja auch nichts bekommen, der spürt ja auch keinen Durst mehr in sich, den nur Jesus stillen könnte!

 

Aber sehen wir noch nach den anderen, den Kindern, die Gott nicht kennen, den Jugendlichen, denen man Gott verdunkelt und die Freude an seiner Sache nimmt und den Erwachsenen, die sich ihre Sehnsucht nach dem vollen Leben bewahrt haben. Ich denke mir, die Frau aus unserer Geschichte wird nach der Begegnung mit Jesus heimgegangen sein und allen erzählt haben, was sie von ihm gehört und mit ihm erfahren hat. Machen wir's wie sie! Klagen wir nicht nur etwa über die Kinder, mit denen heute niemand mehr betet. Nehmen wir uns selbst der Kinder an, wo wir ihnen begegnen: In unserer Familie, in der Verwandtschaft, bei unseren Nachbarn. Mindestens da können wir sie doch erreichen. Und gar nicht selten wird sich eine Gelegenheit ergeben, Gott ins Gespräch zu bringen, von ihm zu erzählen und ihn den Kindern bekannt zu machen. Mehr braucht es ja gar nicht. Dann werden die Kinder schon selbst weiterfragen, suchen - und so Gott will - finden. Und vergessen wir bis dahin nicht, auch selbst für die Kinder zu beten!

 

Und es hilft doch gar nicht, wenn wir nun über die Jugend dieser Zeit den Kopf schütteln wollten oder über ihre Eltern, die ihnen keinen Glauben und keine Gottesfurcht mehr vermitteln können. (Zumal diese Eltern uns ja manchmal gar nicht so fern stehen!) Treten wir ein, wo der Mangel ist! Auch Jugendliche gibt es doch in unserer nächsten Umgebung. Sie sind uns verwandt, bekannt und vertraut, wir haben oft - manchmal täglich - mit ihnen zu tun. Sollte es nicht möglich sein, von Zeit zu Zeit auch einmal eine tiefere Frage zu stellen? Würde uns das schwerfallen, uns nach dem Konfirmandenunterricht zu erkundigen oder bei Konfirmierten danach, was denn eigentlich von dieser Zeit bei ihnen hängengeblieben ist? Vielleicht könnten wir so ein neues Fragen nach Gott und dem wirklichen Sinn des Lebens auslösen!

 

Und auch die Erwachsenen - selbst jene, die ihren Durst nach Leben gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie ihn betäubt haben - haben Anspruch auf mehr als unser resigniertes Schulterzucken! Sie sind unsere Schwestern, unsere Brüder - und nicht nur so, wie das der Pfarrer manchmal im Abendmahl sagt - sondern buchstäblich. Sie sind unsere Ehegatten, unsere Mütter, unser Väter und unsere Nächsten! - Wenn wir doch die Quelle kennen, wenn wir doch vom Wasser des Lebens wissen, wollen wir sie verdursten lassen? Dürfen wir das? AMEN

 

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 22.01.2019

     


Predigt zum 4. Sonntag nach Epiphanias - 3.2.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Hören sie einmal den Text, der uns zu diesem Sonntag verordnet ist:

 

 

Textlesung: Jes. 51, 9 - 16

 

Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat? Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meeres zum Wege machte, dass die Erlösten hindurchgingen? So werden die Erlösten des HERRN heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen. Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen, und hast des HERRN vergessen, der dich gemacht hat, der den Himmel ausgebreitet und die Erde gegründet hat, und hast dich ständig gefürchtet den ganzen Tag vor dem Grimm des Bedrängers, als er sich vornahm, dich zu verderben? Wo ist nun der Grimm des Bedrängers? Der Gefangene wird eilends losgegeben, dass er nicht sterbe und begraben werde und dass er keinen Mangel an Brot habe. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der das Meer erregt, dass seine Wellen wüten - sein Name heißt HERR Zebaoth - ; ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen, auf dass ich den Himmel von neuem ausbreite und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist mein Volk.

 

Zuerst sind uns diese Worte und Bilder sehr fern: "Ein durchbohrter Drachen", "ein Weg auf dem Grund des Meeres", "Grimm des Bedrängers und losgegebene Gefangene"... Aber es gibt auch Gedanken, die uns gleich nahekommen: "Ich bin euer Tröster!" - "Die Trauer wird fliehen", "unter dem Schatten von Gottes Händen geborgen", "Du bist mein Volk!"

 

Ganz offenbar halten hier Menschen ihrem Gott vor, dass er sich zurückgezogen hat von ihnen. Es sind die Verschleppten, die Gefangenen in Babylon, die sich danach sehnen, wieder heimzukehren in ihr Land, an den Berg Zion, zum Tempel Gottes in Jerusalem. Gott wird erinnert - und wir wissen woran: Hast du nicht einst das Meer trocken werden lassen, dass die Bedrängten hindurchziehen konnten? Hast du dein Volk nicht erlöst, als es von den ägyptischen Soldaten verfolgt wurde?

 

Und Gott gibt auch Antwort. Sein Prophet richtet sie aus: Die Erlösten des Herrn werden heimkehren. Sie werden zum Zion kommen mit Freude und Jauchzen, alle Trauer und alles Weinen wird vorbei sein. Die Gefangenen werden losgegeben und frei sein. Es wird kein Hunger und kein Mangel mehr herrschen. In meinen Händen wird mein Volk geborgen sein.

 

Wenn wir diese Worte so hören, sind die Verse nicht mehr so weit weg von uns. Das können wir nachfühlen! Ja, sie wecken auch in uns Sehnsucht und Hoffnung. Davon träumen auch wir: Frei sein, ohne Angst, nicht bedrängt von Sorge und Last, aufatmen ohne Schuld, neu anfangen... Aber gehen wir den Weg dorthin wie damals das Volk Gottes. Und gehen wir den Weg mit denselben Schritten.

 

In der Gefangenschaft gedenken sie der großen Taten Gottes. Zuerst also müssen auch wir uns erinnern: Hat Gott uns nicht auch geschaffen? Jede und jeden von uns ganz besonders, einmalig in seiner Art und mit ihren Gaben. Alle sind wir auf der reichen Seite des Globus geboren. Wir leben im Wohlstand, können ohne Furcht vor wirtschaftlicher Not in die Zukunft blicken. Aber noch mehr, viel mehr ist uns geschenkt: Wir haben Kinder, Enkel. Wir leben im Kreise einer Familie, in der wir geliebt und geachtet, ja vielleicht sogar der Mittelpunkt sind. Wir können unsere Hände und unsere Sinne gebrauchen. Das gibt uns viele Möglichkeiten, uns sinnvoll zu beschäftigen, anderen und uns selbst, Freude zu bereiten. Und wir dürfen die Menschen lieben und wir bekommen auch viel Liebe und Anerkennung von anderen zurück! Und das ist noch nicht alles: Gott hat sich in uns bekannt gemacht! Schon früh - vielleicht schon in unserer Kindheit - hat er sich als unser Vater im Himmel vorgestellt und uns seinen Segen geschenkt. Und wir habe viele Erfahrungen mit ihm gemacht, auch solche, die unser Leben bewahrt haben und uns sogar wie ein Wunder vorkamen. Wir konnten seine Kraft spüren, wenn wir gebetet haben. Er ist uns in seinem Wort nahe gewesen und hat uns gezeigt, wie wir gehen müssen. Immer wieder hat er uns die Schuld erlassen, die uns gequält hat. Und er hat uns eine Hoffnung gegeben, die weiterführt als der Tod. Eine Ewigkeit voller Freude wartet auf uns!

 

Aber wir wollen nicht nur Gott, wir wollen auch uns selbst erinnern - auch wenn das schmerzlich ist und wir uns schämen müssen: Denn wir haben nicht dafür gedankt, jedenfalls nicht so, wie es recht gewesen wäre. Wir haben vieles - manche von uns eigentlich alles - immer nur uns selbst zugeschrieben, der eigenen Kraft, der eigenen Arbeit und Leistung. Dabei haben wir die Gedanken, die in uns aufstiegen, immer wieder verdrängt und betäubt. Solche Gedanken: Was wäre eigentlich, wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere? Wie ginge das dann weiter, wenn ich krank würde? Wie könnte ich weiterleben, wenn sich meine liebsten Menschen von mir abkehren - unfreundlich, abweisend und wenig liebenswürdig bin ich ja schon oft genug zu ihnen gewesen! - Wie gesagt: Wir haben diese Fragen nicht allzu laut werden lassen in uns. Aber wenn wir heute einmal darüber nachdenken, dann kann es schon sein, dass wir uns auch hier wundern müssen und staunen: Selbst da, wo ich wirklich ganz undankbar war und böse, selbst da hat Gott noch zu mir gehalten!

 

Aber gehen wir den Weg weiter - wie damals schon das Volk, das sich besinnt und der Prophet, der sie zur Besinnung ruft: Sie waren in Gefangenschaft geraten. Sie mussten sehr harte Zeiten kennenlernen, Jahre des Leids und der Entbehrung, die sie auch als verdiente Strafe verstanden haben.

 

Und wir? Wenn wir uns der großen Taten Gottes in unserem persönlichen Leben erinnern, sehen wir dann nicht auch manches anders, was uns an Schwerem, an Leidvollem geschehen ist und geschieht? Da war ein Abschied... Wir meinten, wir müssten in Trauer vergehen, aber es kamen auch wieder Tage, an denen wir lachen konnten. Da waren Monate der Krankheit... Wir mochten zuerst kaum glauben, wieder gesund zu werden - und wir sind doch reifer und vielleicht nicht gesund an unserem Leib, aber doch heil an unserer Seele daraus hervorgegangen, gefestigter und stärker im Glauben. Seit längerem müssen wir mit einer Behinderung leben... Es war schlimm, besonders am Anfang, aber wir haben gelernt anzunehmen und haben eine Tiefe im Leben entdeckt, wo wir sie gar nicht vermutet und haben eine große Geborgenheit gefunden, wo wir sie nie gesucht hätten. Und noch manches andere haben wir erfahren, was wir selbst mit unserer verkehrten Art, unserem unangemessenen Umgang mit Gott, ja, mit unserem Undank ihm gegenüber verbunden haben. So waren auch wir in unserem Leben geschlagen, belastet, bedrückt und gefangen. So ahnen vielleicht jetzt auch wir, was hier gemeint ist: Grimm des Bedrängers, Mangel an Brot, Trauern und Seufzen...

 

Und heute sind wir nun hier und wir hören: Die Erlösten des HERRN werden heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein.

 

Die Gefangenen damals, der Rest des Volkes, das in die Verbannung geführt wurde, durfte wieder heimkehren. Sie haben auf dem Zion ihren Tempel wieder errichtet, Jerusalem wieder aufgebaut.

 

Das soll auch die Verheißung Gottes für uns sein! Wir werden unseren Weg zu Gott gehen. Unser Leben ist keine Irrfahrt, sondern eine Heimkehr. Alle Bosheit, alle Schuld, die wir im Laufe unserer Jahre auf uns geladen haben, sind uns vergeben. Aller Undank, alle Auflehnung und unser ganzes anmaßendes Wesen sollen uns nicht mehr belasten. Wir sind frei. Auch was wir an Schwerem in unserer Zeit bis heute erlebt haben, all die dunklen Stunden und Tage, die Trauer, die Krankheit, das Leid... Es sollte uns nicht von Gott trennen. Ja, vielleicht waren es gerade diese Erfahrungen, die uns nur noch näher an seine Hand oder zurück in seine Nähe gebracht haben? An allem sind wir nicht zerbrochen, sondern gewachsen. Alles Schwere hat uns nicht nur Angst und Sorge bereitet, es hat uns auch innerlich bereichert! So vieles, was wie ein Ende aussah, ist uns zu einem Anfang geworden.
Der Gefangene wird eilends losgegeben
! Unter dem Schatten von Gottes Händen sind wir geborgen. Gott wird den Himmel von neuem über uns ausbreiten und die Erde neu für uns gründen und zu uns sprechen: Du bist mein Volk!

 

Liebe Gemeinde! Nein, jetzt sind uns diese Worte nicht mehr fern! Sie sind für Israel wahr geworden, sie werden auch in unserem Leben wahr. Die Erlösten des HERRN werden heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. AMEN  

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle -22.01.2019