Predigt am Altjahresabend - 31.12.2018

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Die Ansprache kann von einem, zwei oder mehreren SprecherInnen gehalten werden!

 

Lassen wir uns einstimmen in die Gedanken dieser Predigt durch Verse aus dem Johannesevangelium:

Textlesung: Jh. 8, 31 - 36

 

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.

 

Liebe Gemeinde, "frei werden", das wollen wir auch. Frei wovon? Von allen Lasten, die uns auf der Schulter liegen und die wir heute an die Schwelle des kommenden Jahres tragen. Von der Sorge und Sorglichkeit, wenn wir an das morgen beginnende Jahr denken. Und von manchen Ängsten, die uns quälen: Vor dem, was geschehen kann, vor dem Leid, der Trauer oder der Krankheit, die auf uns warten.

 

(Bei nur einem Sprecher: Ichform wählen.)

 

Wir wollen heute etwas dazu helfen, dass wir vielleicht von alldem frei werden. Wir möchten helfen, dass wir fröhlich und mit festen Schritten hinübertreten können. Wir wollen etwas für unseren Glauben tun, das Vertrauen stärken und Ihnen und uns Hoffnung schenken.

 

Wir möchten ihnen heute Abend ein Bild vor Augen malen, das Bild eines Hauses mit vielen Türen und vielen Zimmern, die hinter diesen Türen liegen.

 

Es ist das Bild unseres Lebens, das wir Ihnen malen. Wir gehen durch dieses Haus mit den vielen Räumen, wir öffnen eine Tür nach der anderen, 60-, 70-, 80- oder gar 90mal tut sich eine neue Tür auf für uns...wenn Gott will.

 

Wir durchschreiten die unbekannten Zimmer dahinter. Wir nehmen in uns auf, was jeder Raum an Schönem und Schwerem für uns bereithält. Wir halten uns ein ganzes Jahr in ihm auf und stehen dann, wenn wir alles im Zimmer kennengelernt und erfahren haben, an einer weiteren Tür.

 

Heute Nacht soll sie sich öffnen, die Tür zum neuen Jahr. Aber wir zögern noch. Was werden wir sehen, wenn sich der Türspalt weitet? Wird der neue Raum Glück und Freude bereithalten? Wird Trauer und Schmerz auf uns warten? Wem werden wir begegnen? Von wem werden wir Abschied nehmen müssen? Und die bedrängendste Frage: Wird auf der anderen Seite des Zimmers für uns noch eine weitere Tür sein?

 

Schauen wir uns, bevor wir die nächste Tür öffnen und über die Schwelle gehen, noch einmal in dem Zimmer um, das wir bald verlassen werden. Es ist gut, wenn man den Blick noch einmal schweifen lässt und noch dies und das der Erinnerung einprägt und vielleicht in Gedanken mitnimmt oder geordnet zurücklässt, bevor man das Neue betritt.

 

Ganz hinten, auf der anderen Seite des Raums, den wir verlassen wollen, stehen all die guten Vorsätze, die wir vor 12 Monaten gefasst haben. Dies und das wollten wir lassen. Diesen oder jenen wollten wir besuchen. Ja - so war es unser wichtigster Vorsatz - unser ganzes Leben sollte mehr Tiefe bekommen. - Was ist wahr geworden davon?

 

Wir hatten vor, mehr aus dem Wort Gottes heraus zu leben, zu denken, zu arbeiten, zu entscheiden... Wir wollten ihm, unserem Gott, endlich bei uns mehr Platz und mehr Bedeutung einräumen. So wie es ihm ja auch zusteht. Das wirklich Wesentliche sollte uns groß werden und nicht so sehr die eigenen Interessen, die äußerlichen Dinge, der Kram dieser Welt...

 

Unseren Eigensinn wollten wir zurückdrängen, unsere ewige Ichsucht... Ein bisschen mehr für andere leben wollten wir, Frucht tragen für die Nächsten, die Menschen in unserer Nähe und in der Ferne auch. Was hat sich davon erfüllt? Was hat uns wirklich von diesen Vorsätzen durch die vergangenen 365 Tage bestimmt und begleitet?

 

Dort drüben, mitten im Licht des Raumes, erkennen wir auch all die frohen Erlebnisse des vergangenen Jahres; die hat es ja auch gegeben. Die gelungenen Stunden, die Freude, das Glück: Die Erfahrungen der Liebe zu einem Menschen, die guten Worte, die wir gewechselt haben, die Hilfe, die uns zuteilwurde, der überraschend gute Ausgang einer Sache, die uns erst so viel Sorgen gemacht hat. Die Zusage, die unsere berufliche Zukunft öffnete, das gesunde Kind, der Enkel, der uns geschenkt wurde...

 

Dorthin, wo all diese schönen Dinge stehen, schauen wir gern. Das hat uns froh gestimmt, unser Herz leicht und frei gemacht. Tage waren das, an denen wir gern lebten und glücklich waren. - Haben wir eigentlich immer für alles gedankt, was wir da empfangen durften? War uns das ein Lob des Gebers aller guten Gaben wert, oder ist uns vieles davon nicht als unser eigenes Verdienst erschienen?: Erfolge, die uns doch zustanden, unsere Arbeit, unsere Leistung!

 

Und wenn es doch anders war bei uns, wo hat uns die Dankbarkeit so bewegt, dass wir dann weitergeschenkt haben, was wir erhalten hatten? Aber hat der Geber aller guten Gaben nicht vielleicht gerade das bei uns erreichen wollen: Dass wir weiterschenken, was er uns gibt? Ja, waren wir ihm das nicht eigentlich schuldig, dem Gott aller Güte, dem Herrn unseres Lebenshauses, dem Herrn jedes Raumes darin, den wir durchschreiten, dem Herrn unserer Jahre?

 

Da drüben, an diese düstere Wand, haben wir all die schlimmen, belastenden Erlebnisse des vergehenden Jahres gestellt. Dorthin zu blicken fällt uns nicht leicht. Das war die schwere Zeit, in der es uns so schlecht ging, wo wir nicht wussten, wie es weitergehen soll, wo es uns fast die Luft abgedrückt hat und unser Glaube bald dem Zweifel gewichen wäre. Dort sind auch all die bösen Momente des vergangenen Jahres: Die Minuten der Angst, die Stunden der Schwermut, die Augenblicke des Ärgers, des Zorns, der Wut...

 

In jedem Raum, den wir bis heute durchmessen haben, blieb auch Schlimmes und Dunkles zurück. Immer war das so. Aber: Wollten wir nicht auch das Schwere aus der Hand Gottes nehmen? Wollten wir nicht alles, was uns widerfährt, vor ihm bedenken, seine Stimme darin hören, die Winke seiner Hand erkennen? Und wollten wir nicht alles, was wir erleben, auch im Gebet vor ihm ausbreiten, vor seinem Wort prüfen und darin Hilfe und Weisung empfangen? - Wieviel von alledem, was wir vorhatten im vergangenen Jahr, ist wahr geworden? Oder - wie wenig?

 

"Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." - Wieder stehen wir an einer neuen Tür. Bald soll sie sich auftun. Was werden wir hinter ihr erblicken?

 

Es wird auch von uns selbst abhängen, was uns der neue Raum bringt. Immer war es ja unsere Trägheit, unser rasches Vergessen, wenn Vorsätze, die wir doch hatten, nicht Wirklichkeit wurden. Immer ist es ja unser Undank, unser Stolz gewesen, wenn wir kein Lob des gütigen Gebers über die Lippen brachten. Und immer war es unser starres Beharren: "Ich lebe von dem, was ich selbst leiste!", wenn wir nicht auf Gottes Stimme geachtet und die Hände nicht gefaltet haben.

 

Ja, wir haben den Raum, den wir jetzt verlassen, mitgestaltet. Was jetzt zurückbleibt - viel, ja, das meiste daran, ist unser Werk und Wollen gewesen. Auch unsere Schuld, die uns jetzt so anhängt, dass wir sie kaum zurücklassen können - durch uns gemacht, von uns begangen! Gewiss, viel tritt uns entgegen in so einem "Lebens-raum", viel ist Geschick, viel kommt aus Gottes Hand und aus seinem Plan. Aber es trifft auf unser Wollen, unsere Freiheit, die wir ja auch sehr wohl behaupten! Und dabei entsteht dann das Böse, das gottlose Tun, die Schuld...

 

Und so wird es hinter der nächsten Tür wieder sein: Wir werden Dinge, Erfahrungen und Erlebnisse vorfinden - aber wir werden es sein, die mit ihnen umgehen, ihnen begegnen und mit ihnen fertigwerden müssen. Und wir können das im Glauben, im gehorsamen Vertrauen zu Gott - oder wir werden es selbst machen wollen, aus eigener Kraft, ohne nach Gott zu fragen.

 

Alles ist noch unbestimmt und offen hinter der Schwelle zum Neuen. Nichts ist schon festgelegt. Wir werden mitspielen, mitarbeiten, mitwirken... Nur das eine ist fest: "Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." Der Herr des Hauses, der uns in seiner Güte heute Nacht einen neuen Lebens-raum öffnet, will bei allem mit dabei sein! Er bietet uns heute seine Hand zur Begleitung an. Er schenkt uns heute die Möglichkeit, seine Jünger und Jüngerinnen zu werden, schenkt uns neue Chancen, seine Wahrheit zu begreifen, gibt unserem Leben einen neuen Anfang.

 

Das kann nun das Jahr sein, in dem Vorsätze wahr und wirklich werden: Heute können wir den ersten Schritt in eine Zukunft tun, in der wir in Dank und Bitte des täglichen Gebets vor ihm leben. Das kann das Zimmer unseres Hauses werden, in dem wir die tiefsten Erfahrungen machen, die wesentlichen Entscheidungen treffen, die beglückendsten Erlebnisse haben. Alles ist noch offen hinter der Tür. Es kommt so viel darauf an, was wir mit dem, was wir vorfinden, tun, mit welcher Haltung wir ihm begegnen. Die Güte unseres Herrn, seine Gnade und Geduld werden uns helfen!

 

Wir haben die Klinke schon in der Hand. Bald - nur noch Stunden - werden wir sie herunterdrücken. Lasst uns jetzt alles, was uns so befangen und ängstlich macht, an der Schwelle ablegen: die Zweifel, ob es wohl im kommenden Jahr besser werden kann mit uns und unserem Leben. Die furchtsamen Erwartungen, was der neue Raum wohl an Schwerem und Bedrängendem bereithalten mag. Auch das Urteil über uns selbst: Ich kann mich doch nicht mehr ändern. Auch die Schuld, die wir im vergangen Jahr aufgehäuft haben. Gott vergibt sie uns.

 

Lassen wir das alles jetzt an der Schwelle abfallen von uns. Es soll uns nicht mehr belasten. Wir sind frei! Wir treten ein in den neuen Raum unseres Lebens und danken Gott: 365 Tage misst das Zimmer. An jedem Tag will unser Herr bei uns sein vom Morgen bis zum Abend. Mit ihm können wir den neuen Raum ganz getrost betreten und durchschreiten. Ihm gehört das ganze Haus. Aber er hat es uns überlassen für die Jahre unseres Lebens. Es wird an uns liegen, ob wir ihm den Platz darin geben, der ihm zusteht! Wo er mit uns lebt und arbeitet, da weicht alle Furcht. Es ist ein sicheres Gehen an seiner Seite. Auch unsere Schuld, die wir uns immer wieder aufladen, schleppen wir nicht allein. Er nimmt sie uns ab, wenn wir ihn bitten.

 

Auch wenn wir im kommenden Jahr wieder dunkle Stunden erfahren müssen, werden wir nicht allein sein. Mit der Hilfe Gottes können wir alles bestehen, was uns erwartet. Und selbst wenn wir aus diesem Haus in ein anderes gehen müssen, verlässt er uns nicht. Er begleitet uns und hat das neue Haus schon bereitet - durch Jesus Christus, unseren Herrn, der uns heute zusagt:

 

"Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." AMEN

 

 

 

Predigt an Neujahr - 1.01.2019

Foto: Archiv
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Liebe Gemeinde!

 

Ich will von einer Frau erzählen. Von einer Mutter. Ich sage noch einmal: Ich will erzählen. Nicht berichten. Denn wir wissen nicht viel von ihr. In der Bibel wird sie an vielleicht 10 Stellen genannt. Nicht, weil sie so unbedeutend wäre - nein, sie steht im Schatten ihres Sohnes, und der hat überragende Bedeutung - für diese Welt, für unsere Zukunft, für dein und mein persönliches Leben...und auch für die Sache des Friedens.

 

Das ist ja oft so: Mütter treten hinter ihren Kindern zurück. Die Töchter geraten, finden ihren Platz im Leben, in der Gesellschaft. Die Söhne erreichen viel, gewinnen Ansehen und Einfluss. Wer fragt nach den Müttern? - Wer aber hat die Kinder lange Jahre geführt. Wer hat ihnen die Richtung gewiesen, wer hat sie erzogen? Wer hat ihnen viel, viel Zeit und Kraft geopfert? Wenn die Kinder Gutes von Bösem unterscheiden können - wer hat sie's gelehrt? Wenn sie darauf verzichten können, das letzte Wort oder Recht zu behalten - wem haben sie's abgesehen? Wenn sie ihre Mitmenschen lieben lernen, wenn sie sich selbst und die eigenen Interessen um anderer Willen vergessen können, wenn sie friedfertig, fähig zu Mitleid und Verzeihen werden - wessen Vorbild folgen sie dann? Und schließlich: Wenn sie an Gott glauben können, wenn sie auf seine Kraft zur Veränderung dieser Welt vertrauen, wenn sie Hoffnung auf eine Zukunft über den Tod hinaus bewegt - wer ging mit ihnen die ersten entscheidenden Schritte auf diesem Weg? War das nicht die Mutter, meist, in erster Linie - zuzeiten der Bibel und noch heute - sie: die Mutter. Sie betreut das Spiel der Kinder. Sie begleitet die ersten Erfahrungen der Kleinen. Ihre Mahnung bewahrt. Ihre Warnung behütet. Ihr Gebet eröffnet uns das Wissen von einer Macht über allen Menschen. Viel von dem, was wir sind, sind wir durch sie: Die Mutter.

 

Die eine, von der ich erzählen will, war kaum zwanzig, als sie ihren ersten Sohn bekam. Er war ihr verheißen, angekündigt mit Worten, die bei ihr gleichermaßen Freude wie Angst auslösten: Sei gegrüßt, du Begnadete. Der Herr ist mit dir. Du wirst einen Sohn gebären, der wird groß sein, ein König, dessen Herrschaft kein Ende hat... Nun war die Stunde der Geburt da. Der Ort, wohin sie Zufall oder Geschick für die Niederkunft verschlagen hatte, war alles andere, als die Geburtsstätte für Könige. Ein Stall für das Vieh. Ein zugiger Verschlag am Rande des kleinsten Städtchens in Juda. Und den mussten sie noch mit Rind und Esel teilen. Zweifel kamen ihr: Kommt so ein König auf die Welt? Und wenn - was für ein König soll das sein? Es war eine Geburt wie andere auch. Verbunden mit Schmerzen, mit Anstrengung und großer Erschöpfung hinterher. Ja, es war ein Sohn geworden, ein Knabe, der aussah wie andere Neugeborene auch, der schrie, der gestillt und gewiegt sein wollte. Was sollte sie als Bett nehmen...für den König? Da war nur ein Viehtrog, gerade hatte der Esel noch sein Futter daraus gefressen. Dahinein legte sie das Kind. Ein Bettchen für einen zukünftigen Herrscher? Aber was war das für eine Herrschaft, die er antreten sollte? Draußen hörte sie Gesang: Von Freude war da die Rede. Von "Heiland" und immer wieder von "Friede"...Frieden auf Erden... Sie behielt alles in ihrem Gedächtnis, besonders dieses eine Wort, von dem in dieser Nacht so viel gesungen und gesprochen worden war: Frieden. Und gehört das nicht immer zu den Gedanken der Mütter, wenn sie ein Kind geboren haben und es nun zum ersten Mal in ihrem Arm liegt: Es soll in friedvoller Zeit aufwachsen und groß werden können. Es soll Krieg und Gewalt nicht kennen lernen müssen. Sein Leben soll behütet sein vor Kriegswirren, vor Not, Hunger und Leid. - Frieden soll unser Kind haben, es soll selbst ein Friede sein und Friede soll von ihm ausgehen.

 

Jahre sind vergangen. Die Mutter, über die ich erzähle ist mit ihrem Mann nach Nazareth zurückgekehrt. Hier hat der Vater seine Werkstatt, seinen Beruf. Eines Tages - so denke ich mir - beobachtet die Mutter ihren Jungen beim Spiel. fünf oder sechs Jahre alt ist er vielleicht. Nachbarskinder sind da. Es wird getollt, geschrien und gelacht. Ein kleines Holzspielzeug geht entzwei - einer ist mit dem Stiefel darauf getreten. Der Vater hat es für seinen Jungen gemacht. Dem Kleinen schießen die Tränen in die Augen: Sein Spielzeug, von seinem Vater geschnitzt, für ihn... Und schon ballt er die Fäustchen und will sie gegen den anderen erheben, der das Spielzeug zertrat... Da ist die Mutter neben ihm. Sie hat alles mitangesehen. Sie ergreift seine Fäuste, öffnet sie, hebt ihn hinauf zu sich, herzt ihn und küsst ihn - den Kleinen, der sich langsam wieder beruhigt unter ihren freundlichen Worten: "Er hat es doch nicht gewollt. Papa wird dir ein neues machen. Es tut ihm auch sicher leid." - Warum spricht sie so auf den Jungen ein? Warum lässt sie die Kinder nicht mit Fäusten austragen, was zwischen ihnen ist? Weil sie eine Mutter ist?! Weil sie Angst um ihren Kleinen hat, er könne zu Schaden kommen? Weil ihr Gewalt das falsche Mittel scheint? Weil da - ganz tief in ihrer Erinnerung - noch dieser Gesang nachklingt, diese Worte aus der Nacht vor sechs Jahren: ...und Friede auf Erden unter den Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat? Ja, es ist vielleicht das: Es ist Gottes Wille, dass wir Frieden halten. Deshalb soll ihr Kind nicht die Hände erheben - nicht zum Schlagen, nicht zum Abwehren.

 

Erinnern wir uns an Szenen am Rande der Sandkästen: Unsere Kinder spielten. Manchmal miteinander - manchmal jeder für sich. Wenn einer dann in den Bereich des anderen kam, wenn er die Schaufel oder das Förmchen nahm, das nicht ihm gehörte - haben wir immer geschlichtet? Meinten wir manchmal nicht, raten zu müssen: Du musst dich wehren! Lass' dir nicht alles gefallen! Was werden die Kinder tun, wenn sie groß sind, wenn es um andere Dinge geht als eine Schaufel oder eine Sandform? Werden sie dann wissen, dass Friede Verzicht heißt, Verzicht auf Gewalt, auf das letzte Wort, auf den Einsatz der Stärke, die ich eigentlich hätte?

 

Hören wir weiter von der Mutter, über die ich heute spreche: Wieder sind vier Jahre vorüber. Der Knabe ist zehn. Immer noch ein Kind wie andere. Einmal marschiert eine römische Legion durch Nazareth. Die Uniformen leuchten in ihren Farben. Die Rüstungen und Schwerter blitzen in der Sonne. Die Augen des Jungen - als er es sieht - leuchten auch: Der geordnete Marsch, die kühnen Gesichter, die bunten Fahnen und Standarten... Die Mutter hat Mühe, den Knaben abzulenken. Er blickt gebannt. Er ist fasziniert. Vielleicht sagt sie dem Jungen: Die Schwerter der Männer sind dazu da, zu verletzen und zu töten. Sie sagt das wohl nicht gern, aber wahr ist es nun mal. Die Züge des Knaben trüben sich: Töten...davon hat er gehört, scharfer Stahl, wie ihn die Männer tragen, verletzt, auch das weiß er... Und das bringt er nun nicht mehr zusammen mit dem bunten fröhlichen Bild der Marschierenden... Nun folgt er der Mutter, die ihn wegzieht, fort von der Straße, auf der sie in den Krieg ziehen. Immer noch klingen in ihr die Worte - sie wird sie nie vergessen - Friede auf Erden...so ist es Gottes Wille!

 

Darf ich uns die Manöver ins Gedächtnis rufen, wie sie früher häufig waren? Die Tage der offenen Tür bei der Bundeswehr. Welche Faszination, welcher Bann für unsere Kinder, unsere Jugend - und für uns selbst oft auch? Mütter habe ich gesehen, auch die zogen ihre Kinder hinter sich her, aber dorthin wo in langer Reihe Panzer standen oder vorbeifuhren. Mütter habe ich gesehen, die ihre Kleinen - die Angst stand den Kindern im Gesicht - dazu brachten mit Fähnchen zu winken, als begrüße man gute Freunde. Es mag wohl auch Mütter gegeben haben, die ihren Kleinen vom vielfachen Tod erzählten, den die lachenden Männer dort vorbeifahren. Es gab vielleicht auch Mütter, die ihren Kindern die Angst ließen, die verständliche Angst vor Kriegsgerät, geeignet ganze Städte in Schutt und Asche zu legen. Solche aber standen nicht am Rande der Manöverstraßen. Was werden die Kinder tun, wenn sie groß sind. Werden sie nicht gelernt haben, den Wahnsinn von Tötungsmaschinen, von Panzern, Raketen, Drohnen und Neutronenwaffen als eine Wirklichkeit anzusehen, die in unsere Zeit gehört wie die Friedensbeteuerungen der Großmächte. Ich frage mich aber, ist es normal, Waffen anzuhäufen, die in der Lage sind, die Welt zu vernichten und diese Waffen auch noch unter fähnchenschwingendem Jubel der Bevölkerung vorstellen zu dürfen.

 

Die Mutter aus meiner Erzählung hat mit dazu geholfen, dass aus ihrem Sohn werden konnte, was ihm verheißen war: Ein König, ein Herrscher. Auch ihr Verdienst war es, wenn man ihn später den "Sanftmütigen", den Friedefürsten nannte. Mütter prägen ihre Kinder. Mütter zeigen die Richtung. Mütter haben von daher große Verantwortung.

 

Gewiss, der große Sohn dieser Mutter, von der ich rede, starb gerade an seinem Verzicht auf Macht, an seinem Willen zum Frieden. Aber das spricht nicht gegen seine Sache und auch nicht gegen die Erziehung durch die Mutter: Wie anders soll denn Frieden werden, als dass einer auf den Streit verzichtet, den er gewinnen könnte, die Stärke, die ihn überlegen machen würde, die Ausübung der Macht, die den andern in die Knie zwänge? Er - der Sohn dieser Mutter - ist dafür am Kreuz gestorben. Die Mutter musste es mit ansehen. Ausgerechnet römische Soldaten nagelten ihn an das Holz. Ob diese Mutter angesichts des sterbenden Sohnes immer noch verstand, was die Worte über dem Geburtsgeschehen meinten: Friede auf Erden... Ob ihr vielleicht dieser Gedanke ein Trost war: Er ist unser Friede. Er starb für uns, damit wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.

 

Wann wird dieser Friede auf Erden? Es wird an uns allen liegen, wie sehr wir ihn suchen und ihm nachjagen. Und an den Müttern liegt es ganz besonders, denn ihr Vorbild lehrt den zukünftigen Generationen, was das heißt: Friede. So war es wohl auch bei der Frau, von der ich erzählt habe, bei "Maria", der Mutter des Herrn Jesus Christus. AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 27.12.2018