Predigt zum Sonntag "Kantate" - 14.5.2017

Foto: Thomas Philipp
Foto: Thomas Philipp

Textlesung: Mt. 21,14 - 22

Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet"? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht. Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn. Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich. Und als das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und fragten: Wie ist der Feigenbaum so rasch verdorrt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein Taten wie die mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird's geschehen. Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen.

 

Liebe Gemeinde!

Ist das nicht seltsam? Was hat denn das "Lob, aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge" mit einem Feigenbaum zu tun, der keine Frucht bringt? Wo ist denn die Beziehung zwischen dem "Hosianna", das die Kinder schreien und dem Fluch Jesu, der einen Baum verdorren lässt? - Seltsam, wirklich!

 

Nun könnte man denken, es gibt da keine Beziehung! Das ist nur zufällig hintereinander geschehen und vom Evangelisten Matthäus darum hintereinander berichtet: Erst das Lob der Kinder und am nächsten Morgen dann die Sache mit dem Feigenbaum. Zu tun hat das miteinander weiter nichts. - Ja, so könnte man denken. Ich denke anders und ich will erklären wie und warum:

Ich meine, Matthäus hat diese beiden Ereignisse sehr wohl zusammengesehen und entsprechend zusammengestellt. Er hat sein Evangelium ja auch - was andere Geschichte angeht - so "komponiert", dass uns Hörern und Lesern vielleicht aufgeht, was er dazu gedacht hat. - Aber was hat er hier gedacht?

 

Jesus hatte Blinde und Lahme geheilt, wie wir hören. Ob diese ihm angemessen dafür danken, erfahren wir nicht. Aber die Kinder danken's ihm und loben ihn: "Hosianna, dem Sohn Davids!" Sie sagen damit - und das gefällt den Hohepriestern und Schriftgelehrten ganz und gar nicht - Jesus ist der Messias, der Sohn Gottes! Und sie tun damit, was Recht ist und angemessen, nämlich den rühmen und ihm danken, der Menschen gesund und heil macht.

 

Und am nächsten Morgen erregt sich Jesus über einen Feigenbaum, der keine Früchte trägt. Wie sollte er aber auch? "Es war nämlich nicht die Zeit der Früchte", wie wir beim Evangelisten Markus erfahren - davon aber schweigt Matthäus! Für ihn also war sehr wohl die "Zeit der Frucht"!

 

Und das ist die Beziehung zum Hosianna der Kinder im Tempel und zu Jesu Wort an die Hohenpriester: "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet"! Das Lob Gottes ist die Frucht, die wir Menschen treiben sollen. Seinen Ruhm hervorzubringen, sind wir da. Wie am Feigenbaum die Feigen, so will Gott aus unserem Mund den Dank und den Lobpreis ernten. Und wahrhaftig: Es kann keine Zeit unseres Lebens geben, die so gesehen keine "Zeit der Früchte" wäre.

 

Nun sind das Heilen und Gesund-Machen, das Loben und Ernten, aber auch das Fluchen und das Verdorren ganz praktische Dinge. Das wird erfahren und gelebt, das kann man spüren und sehen. Darum wollen wir hier jetzt auch ganz praktisch danach fragen, was die Geschichten vom Lob der Kinder und vom verdorrenden Feigenbaum mit unserem Leben zu tun haben könnten.

Mir fiel dazu eine Frau ein, die vor vielen Jahren einen sehr schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Das war sehr schlimm für sie damals. Sie hat geweint und gehadert. Und sie hat seitdem für sich einen Strich gezogen: Mit Gott will ich nichts mehr zu tun haben! Mit dem bin ich fertig!

 

Meine Geschichte ist hier allerdings noch nicht "fertig"! So geht sie weiter: Heute sieht es im Leben derselben Frau ganz anders aus. Sie hat allen Grund, glücklich zu sein. Das "Schicksal", wie sie das ausdrücken würde, hat es in den letzten Jahren sehr gut mit ihr gemeint. Wir würden sagen: Gott hat ihr eine Fülle von Gaben geschenkt, sie wieder froh gemacht, sie nach ein paar dunklen Tagen damals wieder durch lange, helle Zeiten geführt. Sie müsste Gott loben, ihn preisen und ihm danken. Sie aber tut es nicht. Sie kann das so nicht sehen. Ich glaube, sie will es nicht! Sie ist "verdorrt", bringt keine "Früchte" mehr für Gott hervor.

 

Und an den alten Mann musste ich denken, der in all seinen Gedanken nur um die Erlebnisse und Erfahrungen kreist, die dagegen sprechen, dass ein gütiger Gott, ein Vater im Himmel wohnt. Wenn er ins Erzählen kommt, werden wir vom Krieg hören und von seinen schrecklichen Erlebnissen als Kind in den Bombennächten. Dann geht er seinem Leben entlang, spricht vom frühen Tod der Frau, von der schlimmen Operation vor 30 Jahren, dass er Jahre später seinen Arbeitsplatz verloren hat und endet beim Flüchtlingselend derzeit in den Lagern auf den griechischen Inseln. Und alles das soll es beweisen: Da ist kein guter Gott, der über uns wacht, ja, da ist überhaupt kein Gott! Und - ich sage das ausdrücklich! - das sind auch schlimme, teils schrecklich Dinge und auch wir würden sie nicht verstehen und man kann darüber ins Grübeln kommen, zu zweifeln beginnen und in seinem Glauben erschüttert werden! Aber das alles...ist doch nicht alles! Warum hören wir so gar nichts vom Glück seines Lebens? Warum erzählt der alte Mann nicht, wie schön die Beziehung mit der Frau war, die er geliebt hat? Dass sie drei Kinder haben durften, die ihm heute, wie auch die Enkel, herzlich zugetan sind? Dass er nachdem er schon so früh in Rente gehen musste, immer doch sein Auskommen hatte, seine Aufgaben und das Wissen, wofür er da war und noch da sein konnte? Warum nimmt er jetzt nicht auch die selbstlose Hilfe wahr, wie sie den Flüchtlingen in Griechenland widerfährt? Warum kann er sich nicht daran freuen, dass er heute Morgen hat aufstehen können, dass er für sein Alter doch recht gesund ist und seine fünf Sinne gut beisammen hat? Warum sieht er nicht, dass er mit der Familie des Sohnes in so schöner Gemeinschaft leben darf, dass er nicht einsam ist in seinen alten Tagen, vielmehr geliebt und geachtet von allen im Haus?

 

Nein, das Lob Gottes ist ihm einmal fremd geworden und immer fremd geblieben. Der Ruhm, der Lobpreis und das Danken sind keine Früchte, die er Gott zurückgibt. Er ist "verdorrt", sein Leben treibt nur Hader, Feindschaft und Anklage gegenüber Gott.

Und so viele andere fallen mir jetzt ein: Die Menschen, die immer nur das Schlechte erwarten und sehen, die immer noch mehr haben wollen und darüber gar nicht mehr erkennen, wie reich, wie gesegnet sie sind. Die Menschen, die stets nur jammern und klagen und noch in der wunderbarsten Fügung das entdecken, was noch besser hätte sein dürfen! Und schließlich gibt es da noch jene, die ihr Leben laufen lassen, wohl wissend, sie müssten umkehren, einen neuen Anfang machen und wahrnehmen, wie begabt, gesegnet und begnadet sie doch sind, um Gott auch endlich die Früchte abzuliefern, die er doch schon so lange von ihnen haben will: Lob, Preis und Dank! Aber sie tun es nicht. Ihr Lebensbaum ist dürre. Gott kann nichts ernten bei ihnen.

 

Liebe Gemeinde, wie sieht das bei uns aus? Sind wir wie die Kinder, die hier "Hosianna" rufen? Geben wir Gott die Ehre, die er über all seinem Schenken an uns verdient hat? Oder wachsen unsere Früchte spärlich oder sind wir schon ganz unfruchtbar geworden?

Vielleicht gleichen wir ja auch den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, die sich darüber entrüsten, wie andere ihre Freude, ihr Loben und Danken vor Gott bringen? Vielleicht meinen wir ja, das müsse auf diese oder jene Weise geschehen: Im Gebet - und natürlich im Verborgenen unseres Kämmerleins! Und in Worte gesetzt und mit Anrede am Anfang und am Ende ein Amen. "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet"! Warum soll das fröhliche Lallen eines kleinen Kindes Gott nicht erfreuen? Warum soll das glückliche Lachen eines Verliebten, Gott nicht Freude bereiten? Ja, selbst die Tiere, die Blumen, die Bäume und die ganze Natur - sollte Gott nicht seine Ehre und sein Wohlgefallen daraus ziehen? Ist da nicht reiche Frucht für Gott!?

 

Müssen wir dagegen nicht bekennen, dass unser Leben kaum noch Früchte treibt, jedenfalls keine, die angemessen wären. Weil wir oft nichts mehr wahrnehmen von Gottes Güte, nicht mehr sehen, wie gut es uns geht, nicht mehr begreifen, dass es auch ganz anders sein könnte?

 

Wollen wir uns heute nicht einmal fragen lassen, wann wir eigentlich zuletzt so recht von Herzen Gott gelobt haben? Wann ging uns das Herz auf und über, dass wir ihm gesagt hätten, wie sehr wir uns an ihm freuen und daran, dass er so gütig ist? Wann hat uns das Glück zuletzt ein Lächeln auf unser Gesicht gezaubert, dass es Gott erfreut hätte, uns anzuschauen? Und nicht zuletzt: Wann ist das gewesen in der letzten Zeit, dass wir aus unserer Freude über Gott heraus, auch nur einen anderen Menschen froh gemacht haben?

 

Liebe Gemeinde, diese beiden Geschichten gehören zusammen: Das Lob der Kinder und die Sache mit dem Feigenbaum! Da ist wahrhaftig die engste Beziehung zwischen dem "Hosianna", das die unmündigen Kleinen hier rufen und dem verdorrten, toten Baum. Es geht um die Frucht des Lebens, Gottes Lob, seine Ehre, den Dank, den wir ihm erstatten oder vorenthalten.

 

Frage sich ein jeder und eine jede: Stehen wir im Saft und treiben Blüten und Früchte? Oder sucht Gott an uns vergeblich, was ihn erfreut? AMEN

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Autor: Pfarrer  Manfred Günther; Foto: Archiv - 20.04.2017

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Predigt zum Sonntag "Rogate" - 21.5.2017

Foto: Thomas Philipp
Foto: Thomas Philipp

Textlesung: Lk. 11, 5 - 13

Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

 

Liebe Gemeinde!

In diesem Text ist ein Wort enthalten, das ist wie ein Sog. Es reißt alles an sich: unsere Aufmerksamkeit, unser Hören und unser Denken. Alles, was sonst noch interessant sein könnte und beherzigenswert in diesen Versen, findet so nicht mehr unser Ohr und unser Herz. Sie werden sicher wissen, welches Wort ich meine: "Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan." Gesteigert wird dieser "Sog" auch noch dadurch, dass dieser Vers in den meisten Bibeln fett oder kursiv gedruckt ist.

 

Dabei gibt es in der Umgebung dieses Wortes noch andere sehr gute und vor allem im wahrsten Sinn anstößige Gedanken! Mir ist heute besonders einer davon wichtig geworden, der sich in diesem Vers ausdrückt: "Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf." Und in diesem Vers ist es noch einmal das, worüber ich sprechen möchte: "unverschämtes Drängen".

 

Sagen sie, hätten sie das mit dem Gebet in Verbindung gebracht? Soll denn Beten unverschämt sein? Sollen wir Gott bedrängen, dass er uns gibt, was wir ihn bitten? - Seltsam, nicht wahr! Und doch: Es geht hier um das Gebet! Und diese Verse sind uns für diesen Sonntag verordnet, der uns ja schon in seinem Namen zuruft: "Rogate" - Betet!

 

Wenn wir nun noch einmal einen Schritt zurück tun, wenn wir uns also noch einen Augenblick auf dieses andere Wort einlassen: Bittet...suchet...klopfet an..., dann spüren wir jetzt vielleicht, dass wir sonst eigentlich immer bei den viel harmloseren Worten hängengeblieben sind! "Bitten, suchen, anklopfen", ei, das wollen wir doch gern tun, aber Gott "unverschämt bedrängen", fiele uns gewiss nicht so leicht! - Aber das führt uns in die gelebte Praxis des Betens:

 

Wie ist das denn, wenn wir beten? Wir falten unsere Hände, wir sprechen unseren Gott mit "Vater" oder vielleicht auch "Herr" an, wir nennen ihm, was uns beschäftigt, sagen unsere Wünsche, bringen auch die Anliegen unserer Lieben und mancher Mitmenschen vor und - hoffentlich! - danken wir ihm auch für alle guten Gaben seiner Liebe! Dann beenden wir unser Gebet mit einem "Amen". So oder ähnlich sieht es doch aus, unser Beten! Wem wäre denn je in den Sinn gekommen, Gott hart anzugehen, ihn zu bedrängen, ihm gar Folgen anzudrohen, wenn er nicht geben will, was wir von ihm haben wollen? Gut, vielleicht ist es uns ja schon einmal herausgerutscht, dass wir vielleicht zu Gott gesagt haben: "Wenn du mir das nicht erfüllst, dann glaube ich nicht mehr an dich!" Aber war das denn mehr, als eine leere Drohung? Können wir denn den Glauben an Gott ablegen wie ein altes Hemd, wenn uns dieser Glaube doch vielleicht von Kindheit an trägt und bewegt?

 

Hier jedenfalls - in der Bibel! - wird es uns sogar empfohlen: Unverschämtes Drängen! - beim Beten, beim Suchen, beim Anklopfen! Der "Freund", zu dem einer in der Nacht geht, um von ihm Brot zu erbitten, wird doch ganz klar mit Gott verglichen. So sollen wir uns also Gott gegenüber verhalten. Wie dieser unverschämte Drängler sollen auch wir bei Gott dranbleiben und nicht locker lassen! - Wie könnte das aussehen im praktischen Leben, in unserem Suchen, Wollen und Beten?

 

Ich denke da an die Mutter, die so gerne hätte, dass ihr Sohn doch noch eine liebe, eine passende Frau findet, auch wenn er selbst sich schon damit abgefunden hat, unverheiratet zu bleiben. Vor Jahren noch hat sie Gott in ihrem Gebet täglich diesen Wunsch genannt. Inzwischen kommt dieses Gebetsanliegen bei ihr eher selten vor. Vielleicht wird sie sich bald schon damit abgefunden haben, dass ihr Gott diese Bitte halt nicht erfüllen will, dass es also nicht sein soll.

 

Wie sähe für sie "unverschämtes Drängen" aus? Sie müsste wieder anfangen, jeden Tag - vielleicht mehrfach! - davon zu sprechen: "Gott, ich möchte das so gern haben! Du weißt doch, ich bitte nicht für mich! Mein Sohn ist mir so wichtig! Ich möchte, dass er glücklich ist. Du kannst das für ihn tun, dass ihm doch noch die Frau begegnet, die er lieben kann und die ihn liebt! Herr, ich will das haben! Und ich werde jeden Tag wieder mit dieser Bitte vor dich kommen, bis...bis du mir sie erfüllst!"

 

Und an den schon so lange arbeitslosen Mann muss ich denken, der inzwischen alle Hoffnung aufgegeben hat, je wieder Arbeit zu bekommen. Ja, er hat gesucht, er hat sich bemüht! Was ihm vom Arbeitsamt angeboten wurde, war ihm nicht genug. Überall herumgefahren ist er. Bei einigen Dutzend Firmen aus seiner Sparte hat er angeklopft und vorgesprochen. Alles vergeblich! Und gebetet hat er! Aber vielleicht nicht deutlich genug, nicht so, dass klar geworden ist, wie viel ihm daran liegt und dass er es unbedingt erreichen will?

 

Vielleicht hätte sich sein Gebet eher so anhören müssen: "Gott, ich habe jetzt schon so lange keinen Arbeitsplatz mehr! Gewiss, du ernährst mich und meine Familie auch so, aber ich bin seelisch bald am Ende! Meine Tage sind leer, die vielen Stunden, in denen ich nicht tun kann, was ich gelernt und immer gern getan habe, ich kann es bald nicht mehr ertragen! Ich bin so unerfüllt. Ich fühle mich unwert und übrig! Gott, hilf mir! Ich will wieder Arbeit haben! Ich will wieder wissen, wofür du mir die Kraft in meinen Armen gegeben hast und wozu das Geschick in meinen Händen! Hilf mir, Gott! Ich will, dass du mir hilfst!" - Und vielleicht sollte dieser Mann so an jedem neuen Tag beten!

 

Liebe Gemeinde, die eine oder der andere von uns hat sich jetzt gewiss gefragt: "Aber darf man in dieser Art mit Gott reden?" Dabei war das, was ich hier an Beten vorgeführt habe, noch gar nicht so unverschämt und drängend! Da gibt und gab es Beter, die haben noch ganz andere Anliegen vor Gott gebracht und das auf eine Weise, die wirklich hart an die Grenze des angemessenen Umgangstons mit unserem Gott geht! Von Martin Luther ist uns ein solches Gebet überliefert.

 

In seinen Lebenserinnerungen schreibt er einmal: "Als mein lieber Freund Philipp Melanchthon krank darniederlag, da habe ich zu Gott so gebetet: Wenn du meinen kranken Kameraden nicht gesund machst, dann schmeiß' ich dir den Sack vor die Füße!" Das ist unverschämtes Beten! - Und Melanchthon ist gesund geworden, liebe Gemeinde!

 

Überdies hat unser Reformator der Empfehlung zum unverschämten Beten und Drängen gegenüber Gott noch einen weiteren unvergleichlich deutlichen und einprägsamen Rat hinzugefügt. Er empfiehlt den Betern mit folgenden Worten Beharrlichkeit und Ausdauer: "Du musst Gott im Gebet die Ohren reiben, bis sie heiß werden!"

 

Liebe Gemeinde, wir wollen uns vom Sog dieses Wortes: "Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan", nicht mitreißen lassen. Der Hinweis darauf, dass wir beharrlich und sogar einmal unverschämt beten sollen und dürfen, ist viel zu wichtig, als dass wir ihn nicht hören und beachten. Lasst uns Gott im Gebet immer wieder unsere Bitten vortragen! Lasst uns seine Hilfe beharrlich suchen. Lasst uns nicht aufgeben, wenn wir meinen, wir hätten doch schon genug an seine Tür geklopft!

Gott ist unser "Vater"! Und das wissen wir doch von unseren menschlichen Vätern und Müttern: Manchmal müssen wir mit dreistem Fordern nachhelfen, dass sie uns endlich hören! Manchmal braucht es auch den Hinweis darauf, dass wir es nicht hinnehmen werden, wenn sie uns nicht geben, was wir haben wollen. Manchmal ist es nötig, dass wir ganz unverschämt deutlich machen, wieviel uns daran liegt, dass sie uns die Bitten erfüllen, die uns so beschäftigen! - Wenn Gott unser Vater ist, dann hat er auch ein Herz für uns. Dieses Herz können wir erweichen - und wenn es mit unverschämtem Drängen wäre! AMEN


Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Thomas Philipp - 20.04.2017

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