Predigt zum Sonntag "Judika" - 7.4.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textverlesung: Jh. 11, 47 - 53

 

Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute. Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.

 

Liebe Gemeinde!

 

Was soll man hier predigen? Welcher Gedanke aus diesen Versen hat mit uns zu tun, so dass wir spüren, hier sind wir gemeint, da liegt eine Anregung für unser Denken und Handeln darin?

 

Sicher: Das Sterben Jesu "für das Volk" ist auch für uns geschehen! Gewiss: Sein Opfer am Kreuz hat er auch für uns gebracht. Und trotzdem, irgendwo fehlt hier der klare Hinweis: Dies oder das sollt ihr tun. So verhalten sich Nachfolger Jesu. Dieses Handeln, solches Reden zeichnet Menschen aus, die nach diesem Christus heißen. Wir hören hier so gar nichts davon, wie wir selbst sein oder werden sollen, wie uns diese Verse haben und verändern wollen. Oder doch?

 

Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben... So sagen die Männer vom Hohen Rat. Mir ging dabei durch den Kopf, ob die frommen Männer, die Hohenpriester und Pharisäer, Jesus hier wohl richtig verstanden haben? Hat er denn wirklich "Zeichen" getan...die sie für Zeichen ansehen? Sie haben doch an Taten gedacht, die den ins Rampenlicht rücken, der sie tut! Sie fürchten Jesus, den Wundermann! Aber das war er doch gar nicht.

 

Da können wir alle "Wunder"-geschichten durchgehen, die von ihm erzählt werden. Immer lesen wir oder spüren wir: Er hat seine Macht über Krankheit und Tod nicht gebraucht, um sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Es lag ihm nichts an den aufgerissenen Augen und aufgesperrten Mündern der Leute. Schon gar nicht wollte er ihre Huldigung dafür oder ihre Anbetung.

 

Wie sagt Jesus zu der Frau, die seit 12 Jahren am Blutfluss litt: "Dein Glaube hat dir geholfen!" Und dasselbe hört auch der eine von den zehn Aussätzigen, der - nachdem er gesund geworden ist - zu Jesus zurückkehrt, um ihm zu danken. Und immer wieder spricht Jesus so zu denen, die er geheilt hat: "Sage niemandem davon, sondern geh hin, zeige dich den Priestern und opfere Gott, was Recht ist." Hätten die Leute vom Hohen Rat Jesus also richtig gekannt, dann müsste ihnen eins klar geworden sein: Er hat keine Zeichen getan um mit ihnen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er tat seine Wunder aus Liebe zu den Menschen, aus Erbarmen, weil ihn das Leid, die Not, das Gebrechen und die Krankheit der Menschen dauerte.

 

Aber noch einmal; das sagen die frommen Juden: Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben. Die anderen, so wird uns hier deutlich, die anderen scheinen auch nicht begriffen zu haben, warum Jesus auch Wunder getan hat. Sicher wollte Jesus nicht, dass sie um seiner Taten willen an ihn glaubten! Auch das einfache Volk aber hat bei ihm die Zeichen gesucht, die Sensation, das Zauberkunststück. Denn nicht alle, die zu ihm kamen, waren ja selbst seiner Wunder bedürftig. Ich denke, man ging auch zu ihm, um seine Macht über die Krankheit zu sehen. Viele wollten sicher nur in seiner Nähe sein, damit ein wenig vom Glanz seiner außerordentlichen Fähigkeiten in ihren sonst langweiligen Tag fiel.

 

Und hier finden wir nun doch eine Antwort auf die Frage, wo diese Verse auch uns ansprechen und anregen und vielleicht auch uns verändern wollen. Denn sind wir nicht genau so? Suchen wir nicht auch die Sensation, die Nähe der Stars und der Prominenten, auf die sich die Kameras und die Mikrofone der Presse- und Fernsehleute richten? Hinterher erzählen wir dann unseren Freunden: "Stell dir vor, ich habe den Filmschauspieler soundso gesehen!" Oder: "Gestern habe ich doch wirklich neben diesem berühmten Modell am selben Tisch gesessen!"

 

Ein Unterschied ist allerdings, ein sehr bedeutender: Der Filmschauspieler, das Modell, die bekannte Fernsehmoderatorin, der Fußball- oder der Tennisstar haben alles, was sie je getan haben, wirklich nur für sich, ihr Ansehen, ihre Popularität, ihre Karriere - und nicht zuletzt für ihr Bankkonto getan! Seltene, ganz seltene Ausnahmen bestätigen diese Regel. Was sie tun, sind also wirklich "Zeichen", Taten, die nur auf sie selbst deuten und sie selbst verherrlichen sollen. Aber - und hier rede ich jetzt einmal ganz hart - was ist besonderes an dem Filmschauspieler, der - im günstigsten Fall - durch sein Talent eine gute Rolle bekommen hat in einem Film, der dann die Massen fasziniert und Millionen einspielt? Und verdankt das Modell seine gute Figur sich selbst oder hat es sich seine schönen Züge selbst geschenkt? Die Fernsehmoderatorin macht auch nur - wie viele andere - ihre Arbeit. Und sie macht dabei Fehler wie andere oder eine Sendung gelingt ihr. Was also ist es, was uns an ihr so fasziniert? Und schließlich die Fußballer und Tennisspieler - ich gebe zu, da bin ich voreingenommen! Aber warum huldigen wir solchen, weiß Gott!, nicht irgendwie verehrungswürdigen Menschen? Warum heben wir einen Mann wer weiß wie hoch, nur weil er hin und wieder den Fuß an der rechten Stelle gehabt und in den paar Jahren seiner "wunderbaren Wirksamkeit" ein paar Millionen scheffelt? Und warum interessiert uns ein ehemaliger Tennisprofi überhaupt noch, der dem aktiven Sport längst verloren ist und nur eine Blitzscheidung, einige Affären und ein uneheliches Kind vorzuweisen hat?

 

Wahrhaftig, alles Ansehen, alle Wertschätzung hat sich heute verschoben. Wir haben sie von den wirklich wichtigen, wesentlichen Menschen und Dingen abgezogen und bringen sie nun denen entgegen, die nichts davon wirklich verdient haben, ja, die oft von uns und unserer Verehrung in ihrem fragwürdigen Verhalten und Charakter auch noch bestätigt werden.

 

Und ich muss hier an die ganz einfachen Menschen denken, die wirklich entscheidende Taten für ihre Mitmenschen tun. Besonders kommt mir hier die Frau in den Sinn, die seit vielen Jahren ohne Bezahlung und ohne Dankeschön ihre alte verwirrte Nachbarin, mit der sie nicht verwandt ist, pflegt, ihr aufwartet und oft stundenlang an ihrem Bett sitzt. Bei ihr hat sich noch nie ein Fernsehteam angemeldet und auch sonst will niemand etwas davon hören oder wissen, was sie dabei so erlebt und fühlt. Und an den alten Mann muss ich denken, der im Laufe seines Lebens weit über 100.000 DM für Brot für die Welt und für Kinder in Not gespendet hat. Allerdings von einem bescheidenen Lohn und heute von einer noch bescheideneren Rente. Aber auch ihn rückt nie jemand ins Scheinwerferlicht. Seine vom Mund abgesparten Spenden verblassen gegenüber der Gage des Popstars, der mit einem einzigen Auftritt das Doppelte und dreifache "verdient".

 

Aber zurück zu diesen Versen - wir haben sie eigentlich keinen Augenblick verlassen: Auch Jesus, so glaubten die Hohenpriester und das Volk, tat Zeichen, nur um die Blicke und die Herzen zu fangen. Ein anderer Gedanke konnte und wollte den Menschen - schon damals - nicht einfallen. Jesus aber war für ein anderes Zeichen in die Welt gekommen: Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.

 

Liebe Gemeinde, das könnte wohl die Anregung, der Anstoß dieser Verse sein: Dass wir begreifen, wo auch wir Menschen huldigen und verherrlichen, die nichts davon verdienen und rechtfertigen können. Dass wir erkennen, wo wir auf Zeichen hereinfallen, die im Grunde doch nichts, aber auch gar nichts Besonderes darstellen. Dass wir vielmehr zu fragen lernen, wo denn die Taten der Großen, der Reichen und Berühmten den Mitmenschen dienen, ihre Not lindern und ihren Mangel ausfüllen. Ich fürchte, da werden wir nicht viel finden, was irgendeiner Beachtung wert ist.

 

Und dann wollen wir auf Jesus sehen, wollen seine Zeichen und Wunder verstehen als Beistand, als Erbarmen und als Hilfe für die Leidenden, die Armen und die Kranken. Und wir wollen die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu in unserer Zeit entdecken, wollen über ihre selbstlose Liebe staunen, ihre Beharrlichkeit im Tun des Guten, ihr treues Aushalten bei denen, die sonst einsam, hilflos und unversorgt wären. Und vielleicht danken wenigstens wir ihnen einmal mit einem ermutigenden Wort oder einem anerkennenden Blick.

 

Am tiefsten hätten wir diese Verse wohl dann verstanden, wenn wir schließlich noch das größte Zeichen und Wunder sehen und begreifen, wie es der Hohepriester selbst, nicht aus sich, sondern aus Gott, weissagen muss: Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Dies ist ein für alle Mal das größte, das bedeutendste Zeichen Jesu, schon damals und für heute und für alle Zeit, die noch Menschen auf Erden wohnen.

 

Und zumal für uns Christen ist es das Wunder Gottes, das zuerst und allein anbetungswürdig ist und vor allen anderen Zeichen - selbst denen, die Jesus getan hat! - unser Erstaunen, unsere Huldigung und unserer Dankbarkeit wert ist. AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 19.03.2019

     


Predigt zum Palmsonntag - 14.4.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute ist einiges anders als sonst. In den Versen, die wir heute bedenken wollen, werden wir nicht Zeuge eines Geschehens oder einer Geschichte, sondern eines Gebets Jesu. Gehen wir sonst schon mit einiger Hochachtung an biblische Texte heran, so kommt heute fast eine gewisse Befangenheit hinzu. Sehr persönlich sind diese Worte. Fast intim diese Szene, die wir miterleben. Aber wir wollen uns dieses Gebet Jesu erst einmal anhören:

 

Textverlesung: Jh. 17,1 + 6 - 8

 

So redete Jesus, und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.  

 

Liebe Gemeinde, fragt man sich nicht fast, ob es schicklich ist, dieses Gebet des Herrn sozusagen "mitzuhören"? Ist es denn wirklich für unsere Ohren bestimmt, so persönlich, wie es ist? Es handelt sich ja immerhin um ein vertrautes Gespräch Jesu mit seinem himmlischen Vater! "Die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche!" - Aber wenn wir sie nun schon mit angehört haben, was könnten wir uns aus diesen Versen nehmen? Was sagt uns Jesu Gebet, was fällt für uns ab, dass wir es beherzigen?

 

Vielleicht sollte uns heute eben dies beschäftigen, dass wir die Worte Jesu hören dürfen, ja hören sollen!? Vielleicht müsste heute einmal der Inhalt dieser Worte im Hintergrund bleiben und wir sollten mehr auf die äußeren Umstände dieses Gebets achten?

 

Tatsache ist: Jesus spricht hier noch mit seinem Vater! Kurz bevor er sterben muss - sucht er den Kontakt mit dem, der ihn auf diesen Weg geschickt hat. Ist das nicht erstaunlich? Jesus weiß: Mein Weg ist mir von meinem Vater gewiesen, aber er kann das bejahen!

 

Und wir erfahren hier noch etwas über das Beten: Was Jesus mit seinem Gott zu reden hat, ist kein Geheimnis! Wir dürfen mithören, ja wir sollen es! - In diesen Gedanken ist nun doch eine Menge drin, finde ich!

 

Der erste Gedanke: "Jesus spricht mit seinem Vater." - War uns das bis heute eigentlich immer so ganz klar, dass wir denselben Vater haben wie dieser Jesus? Sind wir also nicht Jesu Schwestern und Brüder durch diesen einen himmlischen Vater?

 

Daran liegt mir persönlich viel, dass ich sagen kann: Jesus ist mein Bruder! Denn dann bin ich doch in allem, was mir im Leben begegnet, nicht allein! Wenn ich in schwere Stunden komme, darf ich wissen: Jesus hat auch schwere Stunden gehabt, und er ist jetzt bei mir! Wenn ich einmal leiden muss, kann ich mir sagen: Mein Bruder lässt mich jetzt nicht im Stich, denn er kennt das Leid und hat es sich nicht erspart. Ja, sogar im Tod wird er neben mir bleiben, ganz gewiss; er hat dem Tod ins Auge gesehen und ist mit Gottes Kraft weitergegangen. Das kann auch ich mit diesem Bruder neben mir und dem Vater über mir und seiner Hilfe bei mir...

 

Der zweite Gedanke: "Kurz vor seinem Tod am Kreuz betet Jesus noch zu Gott!" Deutlicher: Er weiß, dass Schmerzen, Leiden und schändliches Sterben auf ihn warten, und er kann doch vertrauensvoll mit dem reden, der ihm das auferlegt!

 

Neulich hat mir eine Frau bei einem Gespräch folgendes gesagt: "Ich habe längst mit dem Beten aufgehört, Gott hat ja doch nie getan, was ich wollte!" Ich habe erst auch gedacht, ich höre nicht recht! Ist Beten denn nur Bitten für diese Frau? Und hat es denn "seinen Zweck verfehlt", wenn ich dann nicht bekomme, was ich möchte? - Soweit zu dieser Frau. Jetzt zu uns: Vielleicht würden wir es nicht so ausdrücken, aber ich glaube, so allein steht die Frau gar nicht da mit ihrer Ansicht! Wollen wir nicht auch meist etwas, wenn wir zu Gott gehen? Soll es nicht nach unserem Kopf gehen, wenn wir die Hände falten? Würden wir noch lange das Gebet üben, wenn wir immer wieder spüren müssten: Es geschieht ja doch nie mein Wille? Bei Jesus sehen wir ein ganz anderes Beten: Er weiß ganz genau, dass geschehen wird, was er nicht will, und er bleibt doch an seinem Gott! Er kennt seinen Weg und das schreckliche Schicksal, das vor ihm liegt, und er hält sich doch an seinen Vater, der es ihm verhängt hat. Ja, er weiß, dass alles Bitten keinen Sinn mehr haben kann und sucht doch das Gebet. Er gibt uns damit ein für alle Mal ein Beispiel, was Beten ist und was nicht: Beten ist, vertrauensvoll den Willen Gottes suchen und nicht das eigene Wollen durchsetzen! Es hat durchaus einen Sinn, nein, es ist der vornehmste Sinn des Gebets, dass wir uns dem Willen Gottes anvertrauen. Und das zeigt uns Jesu Gebet ja auch: Es ist der gute Wille des Vaters, der eine viel weitere Sicht hat als wir, dem es um mein Glück in einem viel tieferen Sinn geht und der mich viel mehr liebt, als ich ahne! Denn es ist seine Liebe, wenn er mir verweigert, was ich will! Es ist seine Liebe, die mich vor den Folgen meines kurzen Willens schützt. Und ich bin gewiss: Auch bei der Frau, von der ich sprach, ist es Gottes Liebe, die ihr nicht gibt, was sie sich wünscht! Das ist sicher schwer zu verstehen. Aber man kann darauf vertrauen, wenn man den Gott Jesu "Vater" nennt. Vielleicht wird auch die Frau einmal begreifen, dass Beten heißt, nach dem Willen Gottes fragen? Ich wünsche es ihr! Dafür wollte uns Jesus ein Vorbild geben: "Vater, wie du willst!"

 

Und dann der dritte Gedanke: "Dass Jesus mit seinem Gott redet, ist kein Geheimnis und was er redet auch nicht!" Mir ist das gerade in unserer Zeit das wichtigste! Immer wieder ärgere ich mich oder bin doch traurig über die oft so verschämte Art vieler Christen heutzutage. Manchmal kommt es mir so vor, als hätten die Menschen Angst: Es könnte jemand merken, dass sie Christen sind! Es könnte einer fragen: Du betest? Ja, vielleicht will einer von uns wissen, was wir vom Leben nach dem Tod halten, oder was "Schuld" ist oder vielleicht sogar, wie wir zu Jesus Christus stehen? Das scheint für viele heute direkt peinlich zu sein!

 

Einmal sind heute die meisten Christen, die sich so nennen, gar nicht mehr informiert über die Inhalte ihres Glaubens. (Das kommt einem so vor, als wenn einer sagt: Ich bin Automechaniker, aber er kann keine Lichtmaschine vom Reserverad unterscheiden.) Aber das nur am Rande. Es gibt nämlich noch die andere Gruppe der wirklich verschämten "Christen". Bei denen geht es nicht darum, dass sie auf bestimmte Fragen keine Antwort wüssten, nein, sie wollen, bitteschön, überhaupt nicht gefragt werden! "Der Christenname ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt!", denken sie. Das braucht niemand zu wissen, ob ich noch in der Kirche bin oder nicht, meinen sie. "Das ist doch meine ganz persönliche Sache, die hat doch mit keinem anderen zu tun, sagen sie. Für diese Leute ist man Christ, wie man "männlich" oder "weiblich" ist. Das ist halt so, aber darüber wird nicht gesprochen - nur hat es, "ein Christ zu heißen", noch weniger Konsequenzen für das Leben als die Tatsache, Mann oder Frau zu sein! Für solche Menschen ist es undenkbar, in der Kirche gesehen zu werden, ohne dass ein Anlass besteht, der sie sozusagen entschuldigt. Wenn der Nachbar gestorben ist, dann kann man einmal den schwarzen Anzug anziehen und "in die Trauer" (zur Beerdigung) gehen! Wenn halt der Enkel getauft wird...nun, dann ist es ja nicht zu vermeiden. Aber von selbst! Man stelle sich vor, ein solcher "heimlicher Christ" hätte heute Morgen sein Gesangbuch ergriffen und hätte sich auf den Weg gemacht...hierher! Das kann er gar nicht! Das heißt, er könnte es schon, aber die Überwindung! Und sicher auch: das Aufsehen! Denn das steht ja fest: Wir anderen machen es diesen Menschen auch nicht leicht. Wir legen sie mit der Zeit mehr und mehr fest auf ihre Rolle: "Die sind halt so Leute...so seltsam, verschroben, unkirchlich..."

 

Ich finde hier das Beispiel Jesu sehr wichtig - und zwar für beide Seiten! Er faltet seine Hände, spricht mit seinem himmlischen Vater und sagt ihm alles, was ihn jetzt beschäftigt. Und wir dürfen das wissen und dabei sein und zuhören! Es ist offenbar das selbstverständlichste von der Welt, wenn ein Christ mit seinem Gott redet. Davon lebt sein Glaube und sein christliches Handeln. - Sie glauben mir das jetzt gewiss auch! Aber wie können das denn die verschämten, heimlichen Christen erfahren? Die sind ja jetzt sicher nicht hier!

 

Ich glaube, wir können mithelfen, dass christliche Praxis und Frömmigkeit wieder mehr in das tägliche Leben einziehen! Wir könnten z.B. davon reden, dass wir heute Morgen um Gottes Segen für den Tag gebetet haben und für die kommende Woche. Wir können erzählen, wie wir neulich Gottes gute Führung erlebt haben, was uns der Gottesdienst bedeutet, dass wir jeden Abend den 23. Psalm sprechen, das Vaterunser oder wie wir es sonst damit halten in unserer persönlichen Praxis: Warum sagen wir nicht, dass wir ein Losungsbüchlein zu Hause haben? Werben wir doch auch hie und da für die Macht der Fürbitte! Wir haben sie doch gespürt! Noch viele Möglichkeiten haben wir, dass die Atmosphäre in der Gesellschaft oder wenigstens in unserem Dorf (unserer Gemeinde) "christlicher" wird. Dann werden sich auch die heimlichen "Christen" wagen, einmal wenigstens einen Kirchgang zu tun - außer an Weihnachten! Wir könnten wirklich ein wenig un-verschämter sein!

 

Doch, ich glaube in diesen Versen heute, bei denen wir erst fragen, ob sie denn überhaupt für uns bestimmt sind, liegen mindestens drei wichtige Gedanken:

 

Jesus nennt unseren Gott seinen "Vater", wir sind also seine Geschwister!

 

Er kann diesem Vater vertrauen, auch wenn er ihn ins Dunkel führt: Sein Wille geschehe!

 

Und was er Gott zu sagen hat, darf jeder wissen! Zu Zurückhaltung und falscher Scham als Christen ist wirklich kein Grund. AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 19.03.2019