Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis - 29.9.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle


 

Textlesung: Lk . 17, 5 - 6

 

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer, und er würde euch gehorchen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Das waren nur zwei Verse! Für solch ein Thema: Der Glaube! Und vor allem: Was hat die Bitte der Jünger eigentlich mit der Antwort Jesu zu tun? "Stärke uns den Glauben!" Was gibt dazu dieses "Bild vom Senfkorn" her? Sie möchten doch Hilfe von ihrem Meister. Er scheint gar nicht auf sie einzugehen: "Wenn ihr Glauben hättet..." Ei, sie haben doch keinen! Jedenfalls nicht genug; das geben sie ja zu. Haben hier Jesus und die Jünger aneinander vorbeigeredet?

 

Ich denke mir, das ist auch oft unsere Bitte: "Herr, stärke meinen Glauben! Ich weiß nicht mehr weiter. Ich bringe mein schweres Geschick nicht mehr mit deiner Liebe zusammen. Du bist mir dunkel geworden. Gott, hilf mir doch, dass ich wieder an dich glauben kann, dir wieder vertrauen kann..." Und da hören jetzt auch wir dieses Wort: "Wenn ihr Glauben hättet, bloß wie ein Senfkorn groß...", es wäre genug! - Hilft uns das? Ja, ist das überhaupt eine Antwort auf unsere Frage?

 

"Senfkorn"... vielleicht fällt uns da die Geschichte ein, die Jesus ein andermal erzählt hat: Von dem kleinen Senfkorn, kleiner als alle anderen Samenarten...und doch wird aus ihm ein mächtiger Baum, in dessen Zweigen die Vögel ihre Nester bauen (Mt. 13, 31f).

 

Genauso ist es mit dem Reich Gottes, sagt Jesus. Etwas zuerst ganz Kleines wird groß. Etwas Winziges wächst und bekommt Kraft. Unscheinbares bildet sich aus und kriegt Gewicht. Und noch etwas anderes liegt in diesem Bild vom Senfkorn: Es wird nur gesät, dass es groß und stark wird geschieht von selbst! Der Sämann legt nur das Körnchen in den Boden - die Wurzeln und den Stamm, die Zweige, Äste und Blätter, die Blüten und die Früchte kommen von allein!

 

Ob hier vielleicht die Antwort liegt? Ob uns das hilft, wenn wir wie die Jünger bitten: "Herr, stärke unseren Glauben?"

 

Es gibt da eine Geschichte, die passt ganz wunderbar zu diesem Wort vom Senfkorn. Ich will sie ihnen einmal erzählen:

 

Ein hoher Beamter fiel bei seinem König in Ungnade. Der ließ ihn im obersten Raum eines Turmes einkerkern. In einer mondhellen Nacht aber stand der Gefangene oben auf der Zinne und schaute hinab. Da sah er seine Frau. Sie machte ihm ein Zeichen und berührte die Mauer des Turmes. Gespannt blickte der Mann hinunter, aber er konnte nicht erkennen, was seine Frau tat. So wartete er geduldig.

 

Die Frau hatte ein honigliebendes Insekt gefangen, sie bestrich die Fühler des Käfers mit Honig. Dann befestigte sie das Ende eines Seidenfadens am Körper des Käfers und setzte das Tierchen mit dem Kopf nach oben an die Turmmauer. Der Käfer kroch langsam dem Geruch des Honigs nach, immer nach oben, bis er schließlich dort ankam, wo der gefangene Ehemann stand.

 

Der gefangene Mann lauschte in die Nacht hinein, und sein Blick ging nach unten. Da sah er das kleine Tier über die Rampe klettern. Er griff behutsam nach ihm, löste den Seidenfaden und zog ihn langsam und vorsichtig zu sich empor. Der Faden aber wurde immer schwerer. Und als der Ehemann den Seidenfaden ganz bei sich hatte, sah er, dass am Ende des turmlangen Fadens ein Zwirnfaden befestigt war. Der Mann oben zog nun auch diesen Faden zu sich empor. Der Faden wurde immer schwerer, und siehe, an seinem Ende war ein kräftiger Bindfaden festgemacht. Langsam und vorsichtig zog der Mann den Bindfaden zu sich empor.

 

Auch dieser Faden wurde immer schwerer. Und an seinem Ende war eine starke Schnur. Der Mann zog die Schnur zu sich heran und hatte schließlich ein starkes Seil, in seiner Hand. Das Seil machte der Mann an einer Turmzinne fest. Das Weitere war einfach. Der Gefangene ließ sich am Seil hinab und war frei. Er ging mit seiner Frau schweigend in die stille Nacht hinaus und verließ das Land des ungerechten Königs.

 

Zugegeben: Das ist ursprünglich keine Geschichte vom "Glauben". Die Überschrift heißt vielmehr: "Liebe macht erfinderisch" - und das stimmt ja sicher auch. Aber mir scheint die Erzählung ein Bild vom Glauben zu malen. Und ich denke, hier wird deutlich, dass Jesus mit seinem Wort vom Senfkorn eben doch helfen wollte! Führen wir uns ein paar wichtige Einzelheiten aus dieser Geschichte vor Augen:

 

Das "honigliebende Insekt" bringt den Seidenfaden nach oben! Der Gefangene im Turm muss nur warten und ins Dunkel hinausschauen, bis der Käfer über die Turmbrüstung klettert. Ist das nicht wie bei einem "Senfkorn"? Legt den "Samen unseres Glaubens" nicht auch ein anderer in unser Herz? Wir müssen nur warten und beten vielleicht - aber gewiss auch geduldig sein.

 

Aber was geschieht dann, oben auf dem Turm? Der gefangene Mann ergreift den Faden und zieht ihn vorsichtig zu sich heran und heran... Und wieder muss er Geduld haben und warten, bis er am turmlangen Seidenfaden den Zwirn zu sich emporgezogen hat und dann den Bindfaden, die Schnur und endlich - das Seil! Ob das nicht auch die Deutung für das "Senfkorn" ist? Dass es einfach Zeit braucht, bis aus ihm der starke Baum gewachsen ist, der Schatten spendet und den Vögeln zum Nestbau dient? Alles war schon vorbereitet und auf dem Weg, als der Käfer über die Rampe kriecht und der Mann den Seidenfaden fasst - es braucht nur noch Zeit und Geduld! Alles ist schon angelegt und im Keim vorhanden, wenn das Senfkorn des Glaubens in uns fällt - wir müssen nur warten können und geduldig sein.

 

Und auch das dritte wollen wir sehen und deuten: Das "starke Seil", das schließlich aus dem Seidenfaden wird, schenkt dem Gefangenen die Freiheit und das Leben! Er klettert daran herab und kann das Land des ungerechten Königs mit seiner Frau verlassen. Genauso das Senfkorn: Der Baum, der am Ende aus dem kleinen Samen wächst, ist auch ein Symbol für Freiheit, Stärke und Leben. In seinem Schatten findet der Mensch Zuflucht. In seinen Zweigen können die Vögel des Himmels wohnen. Mit seinen mächtigen Wurzeln speichert er das Wasser und hält seinen gewaltigen Stamm. So ist das auch mit dem Glauben: Am Anfang klein und winzig, von fremder Hand in uns gelegt; aber wenn wir Geduld haben und warten können, wird er Leben und Freiheit, Kraft und Hilfe für uns werden!

 

"Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn...", dann müsst ihr nur Zeit haben und geduldig warten können, dann werdet ihr erfahren, wie stark der Glaube ist!

 

Passt das also nicht doch gut zusammen? Die Frage der Jünger: "Herr, stärke unseren Glauben!" und Jesu Antwort: "Ihr braucht nur Glauben wie ein Senfkorn"? Sagt er ihnen nicht eigentlich: "Ei, ihr habt doch schon Glauben, wenigstens so groß wie die Senfsaat! Ihr seid doch bei mir, ihr habt euch mit mir aufgemacht und seid wie Bettler mit mir durchs Land gezogen. Ich konnte euch nichts bieten als zusammengebettelte Nahrung und das freie Feld für die Nacht. Trotzdem wart ihr mir treu, seid bei mir geblieben, habt mein hartes Leben mit mir geteilt. Zeigt das nicht, dass euch mein himmlischer Vater "Glauben" geschenkt hat, Vertrauen auf mich und meine Sache? Wer nimmt denn alles das auf sich, wenn er nicht glaubt, wenigstens so viel, wie ein Senfkorn wiegt?"

 

Und wenn wir nun mit unserer Bitte an Jesus herantreten: Herr, stärke uns den Glauben, dann wird er zu uns vielleicht so sprechen: Habt ihr nicht längst Glauben empfangen? Ihr musstet durch viel Schweres hindurch und seid doch nicht zerbrochen. Ihr hattet manche dunkle Stunde und habt doch immer wieder zum Gebet und zum Trost meines Wortes gefunden. Ist das nicht das sicherste Zeichen, dass euch mein Vater im Himmel den Samen des Glaubens eingepflanzt hat? Und seht auch das: Wieviel Freude hattet ihr schon dadurch, dass ihr von Gott wisst und vertrauen könnt, dass ich für euch in die Welt gekommen bin, ans Kreuz gegangen bin und durch den Tod ins Leben!? Welchen Frieden hat euch das nicht schon ins Herz gesenkt, das zu wissen, darauf sich verlassen zu können, hoffen dürfen. Vergleicht euch ruhig mit anderen Menschen, die keinen Glauben haben: Wie gut, wie unendlich gut ist das, "Gott" sagen zu dürfen, "Vater" sagen und glauben können! Und mag dieser Glaube auch nur so groß sein wie ein Senfkorn - er ist genug und er wird wachsen!

 

Ja, ich glaube, das ist es: Jesus sagt den Jüngern und er sagt uns auf unsere Bitte: Ihr habt diesen Glauben - so klein nur wie ein Senfkorn vielleicht - aber ihr habt ihn! Nehmt ihn doch wahr und freut euch dran und dann: Habt Geduld und wartet! Er wird wachsen und gedeihen, wird blühen und Früchte treiben, wird für euch Freiheit und Leben bedeuten. Ihr seid beschenkt! Ihr könnt glauben! Ihr seid zum Vertrauen fähig! Wie reich seid ihr! Was kann daraus - wenn ihr nur warten könnt - noch alles werden!

 

Liebe Gemeinde!

 

Ich wünsche uns heute, dass wir unseren Glauben entdecken und wahrnehmen - und wäre er nur das kleine Senfkorn. Ich wünsche uns die Freude daran, dass Gott uns seines Geschenkes für würdig gehalten hat. Ich wünsche uns, dass wir geduldig sein können und unserem Glauben die Zeit geben, die er zum Wachsen braucht. - Er wird uns im Leben froh machen und am Ende frei vom Tod - zum ewigen Leben. - Nur der Glaube kann das! AMEN

 

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 23.09.2019


Predigt zum Erntedankfest - 6.10.2019

Foto: Archiv
Foto: Archiv

 

 

Liebe Gemeinde,
ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Es ist genaugenommen ein Märchen. Es heißt: "Hans im Unglück", und ich denke, die meisten hier kennen es schon.

 

Es war einmal..., so beginnt es, es war einmal ein junger Mann, der hatte einem Scherenschleifer sieben Jahre lang gedient. Als er sich nun verändern wollte, hoffte er, vom Meister das nötige Startkapital für ein eigenes Geschäft zu erhalten, denn er hatte in der Vergangenheit immer seine Pflicht getan. Der Meister aber, der seinen Gesellen gern hatte, sprach zu ihm: "Ich habe dir immer deinen Lohn ausgezahlt, wie es recht war, ich habe dich immer gut behandelt. Ich will dir kein Geld geben, denn mit Geld wirst du dein Glück nicht machen. Auch ich habe ganz klein angefangen, und was du heute siehst, ist meiner Hände Arbeit gewesen. Alles, was ich dir geben will, ist hier dieser Schleifstein. Auch ich habe allein mit ihm angefangen. Nimm ihn, er soll dir Glück bringen und Grundstein für deine Zukunft werden." Keiner malt sich die Enttäuschung des Gesellen aus. Als er sein Bündel schnürt, um den Meister zu verlassen, legt er den Schleifstein ganz zuoberst. Wenn er erst außer Sichtweite wäre, dann will er ihn von sich in den Fluss werfen. Doch er ist kaum hundert Meter gegangen, da trifft er einen Burschen, der unterm Arm eine Gans trägt, die er eben zum Schlachten bringen will. Hans gelingt es, dem Burschen den Schleifstein gegen die Gans aufzuschwatzen. Eine Strecke Wegs weiter, begegnet ihm ein Bauer, der ein Schwein vor sich her treibt. Kurz und gut, Hans tauscht vorteilhaft seine Gans gegen das Schwein. Wenig später kreuzt ein Metzger mit einer Kuh seinen Weg. Schnell sind die beiden handelseinig: Der Metzger nimmt das Schwein, Hans die Kuh. Und schließlich, ein paar Meilen später, gesellt sich ein Reiter zu Hans, den Hans bald davon überzeugt, wie gut es wäre, wenn er die Kuh für das Pferd nähme. Hoch zu Ross trabt der Hans nun auf sein Heimatdorf zu und dort bezahlt ihm ein Händler sein Pferd mit einem Klumpen von Gold, so groß wie Hansens Kopf. Und Hans kauft sein Schleifergeschäft. Er stellt Leute ein. Er kommt zu Reichtum und Ansehen. Aber auch mit ihm selbst geht eine Veränderung vor: War er früher sorglos und unbekümmert, so reibt ihn nun die Angst auf. Hatte er früher nichts zu verlieren, so steht für ihn jetzt die ganze Existenz auf dem Spiel. War er früher mit dem Wenigen zufrieden, was er verdiente, so will er jetzt mehr und immer mehr, um das was er hat besser abzusichern. Und noch etwas geht mit Hans vor, er merkt es selbst gar nicht mehr, aber er ist nicht mehr glücklich wie ehedem bei seinem Meister, er ist vielmehr todunglücklich. Er versucht das mit Arbeit zu verdrängen. Er schafft und schafft, damit ihm nur ja nicht zu Bewusstsein kommt, wie leer es in ihm selbst trotz all seiner Güter ist. Er streckt sich nach Posten in den örtlichen Vereinen, damit er auch die letzten freien Stunden, die er in der Woche noch hat, ausfüllt. Er vergrößert sein Geschäft, dann baut er an, dann eröffnet er Filialen in den Nachbardörfern. Alles das tut er eigentlich nicht mehr, um reicher oder angesehener zu werden - er ist ja auch längst der Reichste im Ort - er tut es, um den einen Gedanken in seinem Herzen zu betäuben und zum Schweigen zu bringen: Wie leer sein Leben eigentlich ist, wie wenig Freude er daran hat und wie sehr er in ihm Sinn und Fülle vermisst.

 

Soweit meine Geschichte. Sie haben gemerkt, was ich mit dem "Hans im Glück" der Gebrüder Grimm gemacht habe. Aber mich hat dieses Märchen schon immer geärgert. Einen solchen Hans gibt es ja nicht: Am Anfang einen Klumpen von Gold und am Ende - nach diversen Tauschgeschäften - einen alten Schleifstein und der fällt ihm dann noch in den Brunnen - und trotzdem heißt es zuletzt: "So glücklich wie ich", rief Hans aus, "gibt es keinen Menschen unter der Sonne"!

 

Ist das denn realistisch? Ist da mein Hans nicht näher an der Wirklichkeit? Und kennen wir nicht einige solcher Menschen? Ja, sind wir nicht selbst gar solche Menschen wie der unglückliche Hans?: Zwar reich an allem Äußerlichen, zwar gesegnet mit Wohlstand, satt und umgeben von Kram und Luxus - doch im Inneren arm, ohne rechte Lebensfreude, ohne Ziel, ohne Erfüllung, ohne Sinn. Und befällt uns denn nicht wirklich oft die Angst, wir könnten verlieren, was wir uns erworben und aufgebaut haben? Und haben nicht auch wir unsere eigenen Methoden entwickelt, uns von der Angst und den Fragen abzulenken? Der eine, indem er atemlos von Termin zu Termin hetzt, die andere in ihrem Bemühen, immer noch mehr Geld und Gut aufzuhäufen, das man eigentlich gar nicht mehr zum Leben braucht, ja, das zum wirklichen Leben eher hinderlich ist und im Wege steht?

 

Liebe Gemeinde, ich sehe da jetzt bei einigen die Frage ins Gesicht geschrieben, warum ich darüber am Erntedanksonntag spreche. Hier ist die Erklärung. Das ist der Predigttext für heute:

 

Textlesung: Mt. 6, 19 - 23

 

Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!

 

Bei diesen Versen habe ich mich gefragt, passt das denn zum Dankfest? "Sammelt euch nicht Schätze auf Erden." Dürfen wir uns denn nicht daran freuen, dass wir wieder haben ernten können, wenn auch nicht so viel wie in feuchteren Jahren, dass es aber auch diesmal wieder reichen wird zum Leben, dass keiner wird hungern müssen? Erst einmal: Gewiss dürfen wir uns darüber freuen! Aber "Schätze", von denen hier gesprochen wird, sind das doch wohl nicht. Seien wir doch einmal ehrlich: Dass wir auf dieser Seite des Globus wohnen und selbst in mageren Jahren ausreichend zu essen haben, ist uns doch eigentlich überhaupt keine Frage mehr, das ist uns selbstverständlich. Es mag angesichts des Hungers in der Welt kurzsichtig, gedankenlos und vielleicht undankbar sein - aber so ist es doch, oder? Aber ich will auf etwas anderes hinaus: Spricht der Predigttext heute nicht vielleicht von all den anderen Dingen - außer der Nahrung - die uns da in den letzten 12 Monaten oder schon seit Jahren zugewachsen sind. "Schätze auf Erden", könnte da nicht unser ganzer Besitz gemeint sein, all unsere Habe, unser Haus, unser Gut, an dem oft unsere ganze Seele hängt?

 

Zwar leben wir letzten Endes von dem Brot, das auf unseren Feldern reift, von all den Nahrungsmitteln, die unseren Leib erhalten - aber haben wir nicht selbst unser Leben, unsere ganze Existenz viel mehr mit den Dingen, den anderen Gütern um uns herum verbunden? Wir sprechen doch auch nicht von "Meier" oder "Schmidt", der da und da Gemüse oder Korn anbaut, der Schweine oder Kühe hält, sondern wir sagen, der dort und dort das neue Haus gebaut hat, der bei dem und dem in leitender Stellung ist oder diesen oder jenen dicken Wagen fährt. Das bestimmt für uns den Menschen näher. Das sind heute die "Schätze auf Erden" - aber doch nicht zuerst, dass wir satt zu essen haben! Darum möchte ich dieses Erntedankfest einmal auf mehr beziehen, als auf das, was wir draußen auf den Äckern geerntet haben. Ich möchte all unser Hab und Gut einbeziehen in den Dank. - Wie geht das?

 

Denken wir noch einmal an das Brot. Wenn ich dankbar bin dafür, dass ich Brot zu essen habe, während mein Mitmensch in der dritten Welt hungert, dann wird mein Dank mich das Teilen lehren. Ich werde von dem Meinen abgeben, damit auch der andere leben kann. Sollte das mit den "Schätzen auf Erden" nicht auch gehen, das Teilen? - Ei freilich, geht das: Teilen wir zum Beispiel unser Haus. Ob hier nicht Gastfreundschaft angesprochen ist? Ob mein Haus nicht ein Ort der Gemeinschaft mit anderen Menschen sein soll, ein Stück Heimat für die, die nicht wissen, wohin sie gehören, denen es an Geborgenheit im Leben fehlt? Was aber sind uns die Vierwände: Oft ein Symbol dafür, dass "wir es geschafft haben". Oft unser Hoheits- und Rückzugsgebiet und damit gerade kein gastlicher Ort. Oft Palast oder Burg, hinter deren Mauern wir uns vor den Mitmenschen abschirmen, womit wir die Gemeinschaft schwächen und zerstören.

 

Und teilen wir einmal unser Einkommen und unsere gute Stellung, auch das geht: Geld, das zum Überleben nicht nötig ist, kann ich herschenken - das ist zwar schwer genug, aber eine klare Sache. Schwieriger noch, scheint das Teilen der beruflichen Position. Aber auch das ist möglich. Vielleicht so: Dass ich mir wirklich einmal klarmache und begreife, was das heißt, ohne Arbeit zu sein, während ich als Beamter oder in unkündbarer Stellung auf krisenfestem Posten sitze. Dann könnte mir aufgehen, was das wohl für ein furchtbares Los sein muss, seine Arbeitskraft nicht einbringen zu dürfen, immer wieder die vielsagenden Blicke der Nachbarn ertragen zu müssen und doch nichts tun zu können, um die eigene Lage zu verändern. Teilen könnte hier auch heißen: Um der vielen Menschen ohne Arbeit willen, eigene Möglichkeiten zur Hilfe ausschöpfen und auch politische Lösungen des Problems fördern und mittragen. Wie ich alle anderen Dinge, all meine Habe, meinen Besitz, eben all meine persönlichen "Schätze" mit meinen Nächsten teilen kann, das sei jetzt der Phantasie und dem Einfallsreichtum von uns allen überlassen. Ich wollte nur zeigen, dass es möglich ist.

 

In jedem Fall aber wird das Teilen auch ein Stück "Frei-werden" für uns bedeuten, ein Stück Freiheit von den Sachen, von den "Schätzen auf Erden". Und da bin ich wieder zurück bei meiner Geschichte vom "unglücklichen Hans". Der ist eben nicht frei von seiner Habe. Er ist schnell in den gefährlichen Sog des Besitzes geraten: Ein Pferd, ein Klumpen Gold, ein Geschäft, ein größeres Geschäft, ein paar Filialen, Ansehen bei den Leuten, mehr Ansehen, mehr Macht...

 

Was uns bei diesem Hans ganz klar und deutlich wird - bei uns selbst erkennen wir's nur schwer oder gar nicht: Aber wir stecken auch schon drin in diesem Sog, einer mehr, ein anderer weniger, aber alle irgendwie! Wir haben auch schon viel von unserer Freiheit verloren an die Faszination des Besitzes mit seinem trügerischen Versprechen von Sicherheit. Aber was wird es dem unglücklichen Hans am Ende helfen, wenn er aus dieser Welt muss? Was wird er mitnehmen? Ja, wird ihm der Abschied nicht umso schwerer fallen, je mehr er an seiner Habe hing? Und bedeutet bei diesem Hans nicht schon das Leben mit all seinen Gütern eigentlich eine Qual, eine Last und wirkliches Unglück? Wann kommt er denn noch einmal zu sich selbst? Wann kann er sich an irgendetwas freuen, was er sich aufgebaut hat? Immer jagt ihn die Angst, immer muss er fürchten, sein ein und alles zu verlieren, immer muss er dem Mehr an Sicherheit und dem noch größeren Besitz nachhetzen. Nie kann er einmal Luft holen, sich besinnen, umkehren...

 

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: "Man darf besitzen, aber man darf nicht davon abhängen". Ob das nicht gemeint ist mit dem Wort: "Sammelt euch nicht Schätze auf Erden...?" Und das geht ja dann weiter: "Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel!" Ob nicht eben das "Teilen" hier auf Erden das "Sammeln" himmlischer Schätze bedeutet? Sind das nicht die Güter, die einmal vor Gott zählen sollen: Die Menschlichkeit, wenn ich vom Meinen abgebe. Die Liebe, aus der heraus ich den Mitmenschen mit meiner Habe helfe. Die Gemeinschaft, die da entsteht, wo ich andere an all meinem Gut teilhaben lasse.
Ich sagte vorhin: "Der unglückliche Hans kann nicht umkehren." - Wenn er es doch einmal versuchte? Gegen alle inneren und äußeren Widerstände? Mit der Geschichte gesprochen, ginge das so: Er tauscht seine Güter und sein Geschäft gegen den Goldklumpen, den gegen das Pferd, das gegen die Kuh, die gegen das Schwein, das gegen die Gans und die gegen den Schleifstein...und der fällt ihm dann auch noch in den Brunnen... Sie denken, das ist nun wirklich ein Märchen. Und sie haben ja Recht. Das ist unrealistisch und sowas gibt's nicht in der Wirklichkeit. Aber das Märchen ist in tiefstem Sinne wahr, das müssen wir zugeben: Dieser Hans ist wirklich frei geworden von allem, was ihm zuvor eine Last war. Dieser Hans hat all das Seine geteilt. Diesen Hans hält auf der Erde nichts mehr fest. Seine Schätze, sind...im Himmel. Dieser Hans hat sein Glück gemacht.

 

Wie weit können wir ihm folgen? Wie weit können wir es ihm nachtun? Wo sind unsere Schätze? Wird ein wenig von diesem Märchen bei uns wahr an diesem Dankfest? AMEN  

 

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 23.09.2019