Predigt zum Gründonnerstag - 18.4.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

(Hier gibt es eine zweite erzählende Predigt zum Gründonnerstag!)

 

Liebe Gemeinde am Gründonnerstagabend!

 

Wenn ich ihnen jetzt gleich den Predigttext für diesen Gottesdienst vorlese, werden sie sich fragen, was das denn wohl mit diesem Tag und seiner Geschichte, mit dem letzten Abendmahl Jesu, mit seiner Not in Gethsemane, mit Brot und Wein, mit der Verleugnung des Petrus, der Gefangennahme unseres Herrn und mit dem Verrat des Judas zu tun haben soll. Ich lese aber wirklich den vorgeschlagenen Text für diesen Abend.

 

Textlesung: 2. Mos.12,1.3-4.6-7.11-14

 

Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können, und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen.

 

So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

 

Es ist wohl besonders das Blut, das diese Verse mit der Geschichte dieses Abends verbindet. Wie die Israeliten durch das Blut eines Lamms geschützt waren vor dem Verderben, so sind wir geschützt und bewahrt durch das Blut Jesu Christi. Damals hieß es: Bestreicht die Türpfosten eurer Häuser mit dem Blut eines Lamms, dass ihr dem Strafgericht entgeht. Heute heißt es für uns: Haltet das Mahl meines Sohnes Jesus Christus, genießt die Frucht seines Todes, seinen Leib, sein Blut - so habt ihr Vergebung und volles Leben.

 

Und damals wie heute geht die Geschichte Gottes mit seinen Menschen so weiter, dass Gott zu seinem Versprechen steht, dass er tut, was er verheißen hat, dass er vergibt, verschont und einen neuen Anfang schenkt. Die Menschen aber verlassen ihn, verlieren schnell aus ihrer Erinnerung, wem sie Heil und Rettung verdanken. Damals haben die Israeliten nur Tage später mit ihrem Murren begonnen: "Ach, wären wir doch in Ägypten geblieben! Jetzt müssen wir hier in der Wüste Hungers sterben!" Und nur Wochen werden vergehen, bis sie um das Goldene Kalb tanzen, ihren Gott kränken und verlassen.

 

Und heute? Auch die Menschen unserer Tage verlassen Gott, suchen ihr Heil ohne Christus. Im Besitz zum Beispiel, in dem was sie selbst können und vermögen, in Werten und Zielen, die sie sich selbst setzen oder von der Werbung, der Konsumgesellschaft, den Massenmedien oder ihren tausend Bedürfnissen setzen lassen. Und damals wie heute bringt es den Tod, sein Heil ohne Gott machen zu wollen: Keiner, der um das Kalb getanzt hat, wird das schöne Land sehen, das Gott verheißen hat. Keiner der heute Gott verlässt, wird das Leben gewinnen - es sei denn, er lässt sich durch Christus frei machen von seiner Schuld und fängt mit ihm neu an.

 

Denn eines ist heute ganz anders als damals: Die Israeliten haben das Blut eines Lamms an die Türpfosten gestrichen. Für uns aber ging Jesus Christus ans Kreuz, der geliebte, einzige Sohn Gottes. Im Glauben an ihn liegt die Vergebung. Im Hoffen auf ihn kommen wir mit Gott in Beziehung. Durch sein Blut werden wir rein von aller Schuld.

 

Liebe Gemeinde, bis hierhin konnten sie das ja sicher ganz gut anhören. Das ging zwar nicht unter die Haut. Aber es waren doch verständliche, einleuchtende Gedanken. Nur fragen wir uns sicher jetzt: Was gehen sie uns an? Was haben sie zu tun mit uns an diesem Abend, mit Verrat und Gethsemane, Verleugnung und Gefangennahme und mit dem Tisch Jesu, an den wir nachher treten wollen?

 

Da muss ich jetzt gar nicht zu weit ausholen: Sind wir nicht auch mit dem Blut des Lamms besprengt? Hat Jesus nicht auch für uns den Tod erlitten? Ist es nicht auch das Kreuz unserer Schuld, an das sie ihn geschlagen haben? Und haben wir Gott nicht auch verlassen, mit unserem Eigensinn wieder und wieder gekränkt und beleidigt? Haben wir uns nicht auch - oft genug und immer wieder - von Gott abgewendet, seinen Willen missachtet und so Schuld auf uns geladen? Und fühlen wir diese Schuld nicht auch, ja wissen wir es nicht in unserem Kopf, in unserem Herzen, dass wir nicht im Reinen sind mit unserem Gott? Ich glaube fest, dass uns dieses Wissen heute Abend hierher geführt und hierher begleitet hat. - Aber ich glaube auch, dass wir hier frei werden können von Schuld und allen belastenden Gefühlen und wieder neu anfangen können.

 

Hier will ich jetzt die alten Geschichten verlassen und etwas aus unserem Leben erzählen, unsere Geschichten, deine und meine und die anderer Menschen unserer Tage.

 

Ich denke an eine noch junge Frau, die auch einmal als Jugendliche zu Jesus gehören wollte. Ihr Leben ist dann aber so ganz anders verlaufen, als sie sich das vorgestellt hat. In den Lebenskreisen, in die sie hineingewachsen ist, galt der Name Christus nicht sehr viel. Von ihm zu reden, zu ihm zu beten, sich im Glauben und Vertrauen auf ihn zu berufen, wurde bloß mitleidig belächelt. Da hat die junge Frau, von der ich erzähle, ihn nach und nach verloren. Oder sagen wir es deutlicher: Sie hat ihn verlassen, aufgegeben wie eine Meinung, die sie einmal geteilt hat, die aber heute bei den Leuten nicht mehr so gut ankommt. Jesus hatte in der Welt, in der sie lebte, einfach keinen Platz mehr. - So ein wenig war das wie in einer der Geschichten dieses Abends, die wir ja alle kennen, wie bei Petrus, der seinen Herrn verleugnet: "Nein, ich kenne diesen Menschen nicht."

 

Und an einen Mann denke ich heute Abend, der einmal auch ganz in Jesu Nähe gelebt hat. Es ist ein Mann, der einmal genau wusste, von wem die Kraft seines Lebens herkommt, wer ihm all die guten Gaben schenkt, die er genießen darf, wer seinen Verstand so scharf und seine Hände so geschickt gemacht hat. Es gab Zeiten im Leben dieses Mannes, die waren recht einfach, da hatte er nichts weiter vorzuzeigen. Es gab an ihm nichts zu rühmen oder zu bewundern. Das waren auch Zeiten, in denen er dankbar war und auch noch die Adresse für seinen Dank kannte. Heute allerdings ist er reich! Er hat es zu etwas gebracht in dieser Welt, wie man so sagt. Und heute glaubt er eben auch, dass er das war, der das alles gemacht, geschafft und sich hart erarbeitet hat. So ist die frühere Verbindung zu Jesus abgebrochen. Es geht kein Dank mehr zu ihm. Auch kein Gebet. - Es ist bei ihm ähnlich wie bei einer anderen Geschichte dieses Abends: Judas verrät seinen Herrn. Einer lässt seinen Freund, den er geliebt hat und dem er doch alles verdankt, schmählich fallen.

 

Und ich denke an andere Menschen unserer Tage, die uns mehr oder weniger gleichen mögen: An die Lauen, denen nur von Zeit zu Zeit einfällt, dass sie einen Gott haben und Christen heißen. An die Äußerlichen, die gar nicht mehr merken, wie restlos ihr Leben in Arbeit, Freizeit und Konsumieren aufgeht. An die Blender, denen es genug ist, wenn nur alle anderen glauben, sie hätten noch ein religiöses Leben in ihrem Innern. An die Gleichgültigen, die vielleicht wieder einmal einen Wink des Schicksals bekommen müssten, dass sie die Welt des Glaubens neu entdecken, die Sache Gottes in der Welt neu erfahren und auch wirklich für sie eintreten. Und schließlich denke ich an die vielen Menschen, die sich ja ehrlich bemühen, dass sie christlich leben, dass sie in der Spur Jesu bleiben und sich nicht dem anpassen, wie heute doch alle leben und dem nicht nachgeben, was heute doch alle tun. Aber auch sie fallen in Sünde. Auch sie erliegen der Lust am Bösen, auch sie versäumen, was wesentlich und gut wäre, auch sie fördern das schlechte Geschwätz und werden ihren Mitmenschen zur Last. Auch sie sind nur Menschen und bleiben angewiesen auf Gottes Erbarmen und darauf, dass Schuld auch vergeben werden kann. - Und bei allen, an die ich denke, ist es so wie in den Geschichten dieses Abends: Sie verlassen Jesus, sie halten nicht aus bei ihm, sie verleugnen und verraten, sie beschweren ihn, lassen ihn im Stich und wollen nichts mit ihm zu schaffen haben.

 

Aber - und da kehre ich zurück zu diesen alten Versen und zum Bild, das sie uns malen: Sie alle sind besprengt mit dem Blut des Lammes! Für alle ist Jesus Christus ans Kreuz gegangen. Für alle ist er zum Opfer für die Sünde und Schuld geworden. Alle können also heute getröstet, befreit und mit guten Gedanken zu seinem Tisch gehen. Dort wird es uns ganz deutlich - in den Zeichen des Weines und des Brotes: Sein Blut ist für uns vergossen. Sein Leib ist für uns gebrochen und in den Tod gegeben. Damit wir Frieden hätten. Dass wir neu beginnen können.

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder, heute ist unserem Leben ein neuer Anfang geschenkt! Der jungen Frau, die Christus verlassen, dem Mann, der ihn verraten hat, den Lauen, den Äußerlichen, den Blendern, den Gleichgültigen und allen anderen, die wir so sehr den Personen dieses Abends gleichen, dem Petrus, den schlafenden Jüngern, dem Judas...

 

Wir alle sind besprengt mit dem Blut des Lamms. Gottes Engel, der Unheil bringt, wird an uns vorübergehen! Christus ist für uns gestorben. Uns sind alle Schulden vergeben. - Denken wir daran, wenn wir nachher zu Jesu Tisch gehen und seinen Leib und sein Blut empfangen. AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 19.03.2019


Predigt am Karfreitag - 19.4.2019

Foto: Archiv
Foto: Archiv

 

 

(Eine Predigt für einen oder mehrere Sprecher/innen:)

 

Textlesung (zur Einstimmung): Mt. 27, 33 - 50

 

Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren. Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied. Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

 

Liebe Gemeinde!

 

Dieser Tag und auch schon die ganze Woche sollten uns dazu dienen, das Leiden Jesu Christi zu bedenken, seinen Weg in Gebet und Andacht mitzugehen und zu verstehen, was es für uns heute bedeutet. Das gelingt nicht leicht! "Für uns heute..." Was sich da zwischen Palmsonntag und Karfreitag ereignet hat, liegt in ferner Vergangenheit. Bald 2000 Jahre ist das her, seit es geschah. Eine andere Zeit war das. Eine völlig andere Welt. Kann uns das überhaupt noch ansprechen?

 

Ja, wenn wir nun einmal versuchten, das Geschehen zwischen Palmsonntag und Karfreitag in unsere Zeit zu übertragen? Dann vielleicht. Geht nicht, meinen Sie? Dürfen wir auch gar nicht, denken einige? Lassen Sie's uns doch einmal probieren. Was uns hilft, die Bedeutung des Leidens Jesu für uns zu verstehen, kann nicht schlecht sein!Dass uns die Sache nun nicht zu nahe kommt, so dass sich jemand gekränkt fühlt, lassen wir die Ereignisse nicht in unserem Dorf (unserer Stadt) spielen. Wir verlegen sie an einen erfundenen Ort. Er heißt: "Überall". Ganz kurz müssen wir uns natürlich noch vergegen- wärtigen, was da vor 2000 Jahren zwischen Palmsonntag und Karfreitag alles vorgefallen ist, wir haben eben ja nur über die allerletzte Station, die Kreuzigung, gehört:

 

Die erste Station der Ereignisse heißt: Einzug in Jerusalem. Jesus reitet auf einem Esel. Das Volk jubelt und ruft Hosianna. Es sind dieselben Leute, die wenig später schreien werden: Ans Kreuz mit ihm!

 

Dann die zweite Station: Gethsemane. Jesus betet im Garten. Er hat furchtbare Angst vor dem Leiden. Seine Jünger aber lassen ihn allein. Sie schlafen.

 

Die dritte Station: Die Verhaftung durch den Verrat eines Freundes. Alle Jünger machen sich davon. Jetzt steht keiner mehr zu Jesus. Wenigstens Petrus folgt in einigem Abstand.Die vierte Station: Im Hof vor dem Haus des Hohepriesters. Petrus wärmt sich am Feuer. Sie sprechen ihn an: Du warst doch auch bei diesem Jesus? Er leugnet. Dreimal fragen sie. Dreimal lügt er. Dann kräht der Hahn.

 

Die fünfte Station: Jesus trägt sein Kreuz. Niemand packt zu. Keiner hilft. Er bricht zusammen. Es ist zu schwer für ihn.

 

Und schließlich die sechste Station, die schrecklichen Ereignisse dieses Karfreitags: Jesus wird gekreuzigt. Sie schauen von ferne. Selbst die Vertrauten sind nur Zuschauer. So einsam war Jesus nie. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen."

 

(Ansage:) Gemeinsame Liedstrophe: EG 88,1

 

Die sechs Stationen des Leidens Jesu sollen nun in Überall spielen?! In unserer Zeit? Heute? Wie soll das gehen?

 

Beginnen wir mit der ersten Station: Einzug in Jerusalem. Palmsonntag in Überall. Die Konfirmanden werden eingesegnet. Sehr feierlich. Schöne Kleider, Blumenschmuck auf dem Altar, Schleifen und Maiglöckchen unter den Kragen. Laut tönen die Lieder: Jesu geh voran, auf der Lebensbahn... Der Pfarrer fragt die Jungen und Mädchen: "Wollt ihr euch zur Gemeinde halten, die aus Wort und Sakrament lebt? Möchtet ihr nun selbst bei Jesus Christus bleiben, wie es eure Eltern bei eurer Taufe versprochen haben?" Alle rufen im Chor: Ja, mit Gottes Hilfe! Hosianna! - Wird es dabei bleiben? Was werden dieselben Jungen und Mädchen nach ein paar Wochen oder Monaten rufen? Hosianna oder...

 

Die zweite Station: Gethsemane. Irgendein Sonntagmorgen in Überall. Gottesdienst um ……… Uhr. Die Glocken rufen zur Kirche. Aber nur ein Häuflein sitzt da. Nur wenige nehmen sich die Zeit zum Hören auf das Wort, zum Loben, zum Beten. Die wichtigste Stunde der Woche - die meisten Bänke sind leer. Die wichtigste Sache für die Christen - sie scheinen es vergessen zu haben. Doch wo sind sie, die Christen? Viele schlafen noch. Einige sitzen schon vor den Fernseher. Eine hängt Wäsche auf, einer wäscht den Wagen, kaum einen Steinwurf vom Kirchturm entfernt.

 

Die dritte Station: Der Verrat. Vor einem Lokal in Überall. Ein junger Mann hat sich geärgert. Er hat getrunken. Nun will er sich Luft machen. Er pöbelt einen Gast an, der gerade nach Hause gehen will. Ein Handgemenge entsteht, schließlich eine Schlägerei, an der sich noch andere beteiligen. Einer der vorübergeht beobachtet das Ganze. Er sieht, wie einer schwerverletzt zu Boden geht. Er alarmiert die Polizei. Als die Beamten eintreffen, liegt nur noch der Verletzte da. Der Passant kann den Täter beschreiben. Der wird auch gefunden, hat aber ein Alibi, wie sich herausstellt. Überhaupt hat nie eine Schlägerei stattgefunden. Die Leute von Überall halten zusammen. Der Passant nämlich ist nicht von hier, und er wohnt im Neubaugebiet. Dort soll er bleiben. Was mischt er sich ein. Er sagte zwar die Wahrheit, aber alle machen Lüge daraus. Keiner wird je wieder ein Wort mit ihm wechseln.

 

Die vierte Station: Die Verleugnung. Ein Abend in Überall. Ein junger Mann will in den Bibelkreis seiner Gemeinde. Er muss am Jugendclub vorüber, wenn er zum Gemeindehaus will. Dort stehen Jugendliche, eine ganze Gruppe. Wie kommt er da vorbei, ohne dass sie dumme Fragen stellen? Erst einmal lässt er die Bibel unter der Jacke verschwinden. Trotzdem: Einer spricht ihn an: "Na, wo geht's hin, in der schicken Kluft?" Er murmelt etwas von einem Besuch bei der Tante. Fast ist er vorbei, da meint ein anderer: "Sag mal, stimmt das, du gehst jetzt auch in die Bibelstunde?" Der Junge fühlt, wie ihm das Blut in die Wangen schießt, als er jetzt sagt: "Ich doch nicht, was soll ich denn da?!" Irgendwo in der Nähe kräht ein Hahn.

 

Die fünfte Station: Jesus trägt sein Kreuz. Alltagsszene in Überall. In einem Hof spielen Kinder. Eine Frau kehrt die Gasse. Auf der Straße fahren Autos. Überall Leben. Zwei Männer sind sich gerade begegnet und stehengeblieben. Sie sprechen miteinander. Ganz nah bei ihnen hinter einer Fensterscheibe ein Gesicht. Eine alte Frau, stark gehbehindert. Heraus kommt sie nicht mehr. So sitzt sie tagein tagaus an diesem Fenster, blickt hinaus und wartet, wartet...worauf eigentlich? Auf die Nachbarsfrau, die einmal am Tag nach ihr sieht? Auf einen, der ihre scheußliche Einsamkeit durchbricht? Auf eine, die Zeit hat für ihre Not? Sie wartet umsonst. Es wird keiner kommen der mitträgt.

 

Und die sechste Station: Jesus wird gekreuzigt. An jedem Tag in Überall. Worum dreht sich das Leben im Ort? Da werden schmucke Häuser gebaut, mit schicken Marmortreppen und gefälligem Grün davor. Da spart man sich das eichene Wohnzimmer vom Mund ab, sehr nobel und sehr teuer. Da ist äußerlich alles schön anzusehen und in Ordnung. - Und worüber spricht man im Ort? Über die Preise beim Heizöl und den Baustoffen. Über die letzte Schlappe des Vereins. Über die Leute. Und über's Fernsehen und das miese Programm. Wenn einer fragte: Wo sprecht ihr eigentlich mal über Jesus Christus? Über seine Sache? Verlegenheit würde sich breit machen in Überall. Es ist, als wäre er nicht für uns gestorben, als hätte er nie für uns gelitten, als wäre seine Auferstehung ganz ohne Bedeutung für uns - in Überall!

 

Oder wo wird das gelebt? Weitergesagt und bekannt? Ach ja, in der Kirche am Sonntag und bei der Beerdigung.... Und sonst? In den sieben Tagen der Woche? In den 12 Monaten des Jahres? In den 70 oder 80 Jahren deines Lebens?

 

(Ansage:) Gemeinsame Liedstrophen: EG 88, 2 + 3

 

Passion in Überall. So wie eben gehört, könnte das heute auch bei uns aussehen. Ich glaube: So sieht es aus. - Ziemlich deprimierend das alles. Wenig hoffnungsvoll. Und so bliebe es, wenn es da nicht noch die 7. Station gäbe: Ostern, das neue Leben, die Auferstehung! Heute wie damals will sie uns gewiss machen: Alle Stationen des Leids, alle Ereignisse und Lebensumstände, die uns unterkriegen wollen und zu schaffen machen, sind nicht das letzte. Wir können darüber hinaus gelangen durch Jesus Christus. - Für heute aber wollen wir beim Karfreitag bleiben. Vor das neue Leben hat Gott uns die Reue und seine Vergebung gesetzt. Wenn uns die Stationen seines Leidens, die wir heute mitgegangen sind, dazu anspornten, in uns zu gehen, uns zu besinnen und uns zu ändern, dann wäre sein Leiden nicht sinnlos gewesen - in Überall und anderswo! AMEN

 

 

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 19.03.2019