Predigt zum letzten Sonntag nach Epiphanias - 10.2.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textlesung: Jh. 12, 34 - 41

 

Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen. Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn, damit erfüllt werde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte (Jesaja 53,1): "Herr, wer glaubt unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart?" Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja hat wiederum gesagt (Jesaja 6,9-10): "Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe." Das hat Jesaja gesagt, weil er seine Herrlichkeit sah und redete von ihm.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

"Ich glaube nicht an Gott", so hat es einmal ein junger Mensch im Konfirmandenunterricht ganz deutlich ausgesprochen. Und mehr oder weniger offen sagen das viele Menschen unserer Zeit - auch hier in unserer Gemeinde. Sie sollen sich jetzt darüber auch nicht empören. Mir geht es darum, dass wir das einfach einmal wahrnehmen - und stehenlassen: Es gibt Menschen, die nicht an Gott glauben. Das sind Jugendliche, das sind Erwachsene, das sind Menschen an der Schwelle des Todes. Das hat wohl gar nicht viel damit zu tun, ob einer der Kirche angehört: Es sind sicher einige, die nicht an Gott glauben, deren Karteikarte auch in ihrem Pfarramt steht. Und umgekehrt gibt es auch viele Menschen, die von sich sagen: "Ich bin nicht gläubig!", und trotzdem gehen sie zur Kirche! Aber das nur nebenbei, dass sie nicht denken, "an Gott glauben" und "zum Gottesdienst gehen" wäre ein und dasselbe, oder dass sie meinen, eine "Karteileiche" müsste immer "ungläubig" sein. Das nicht! Einsatz in der Kirche und Glaube an Gott, das sind zwei Paar Schuhe! -

 

Worum es mir geht: Bei mir wecken die klaren Worte über den Glauben oder Unglauben immer wieder dieselbe Frage. Ich bin ganz sicher, es ist auch Ihre Frage, in dieser oder ähnlicher Form: Ist ein Mensch selbst verantwortlich dafür, wenn er glaubt oder nicht glaubt? Davon hängt ja sehr viel ab: "Muss ich den bloßen Namenschristen schelten, wenn er keinen Glauben hat? Soll ich den Frommen loben, weil er seinen Herrn Jesus kennt? Darf ich als Mann/Frau der Kirche, dürfen wir als Christinnen und Christen von den Menschen erwarten, dass sie sich um den Glauben mühen?", um nur einige der damit verbundenen Fragen zu stellen.

 

Für Sie, liebe Gemeinde, stellen sich diese Fragen vielleicht so: Hat sich mein Sohn zu wenig angestrengt, dass er nicht glauben kann? Ist meine Mutter selber schuld, wenn sie jetzt keinen Halt an Gott hat? Will meine Enkelin nicht glauben oder kann sie's nicht? Und bei diesen Gedanken kommt die Frage hinter allen Fragen ja wie von selbst: Ist es vielleicht Gottes Wille, dass manche Menschen glauben können und andere nicht? Ja, verstockt Gott wirklich einige, während er die Herzen anderer für sich auftut?

 

Manches spricht dafür, dass es so ist. Wie viele Menschen in der Gemeinde haben mir das schon versichert: "Ich will ja glauben, aber ich kann es nicht!" Und auch das gibt es: Da ist ein Schicksalsschlag einfach zu hart - da geht einem der Glaube einfach aus oder einer wendet sich ab, noch bevor er Gott gefunden hat. Können wir's nicht nachfühlen?

 

Auf der anderen Seite: Darf das denn sein? Wie verträgt sich das denn mit unserem Bild von Gott? Ist er nicht gerecht und gut? Liebt er seine Menschenkinder nicht? Wie soll er dann einigen den Glauben so schwer machen oder gar unmöglich??? Es heißt ja auch - gerade in unserer evangelischen Kirche -, dass der Glaube ein Geschenk sei. Darf man dann einem Menschen vorwerfen, wenn er's nicht erhält? Oder kann ich einen wirklich loben, weil Gott ihm die Gabe des Glaubens gegeben hat?

 

Auch die Worte des Johannes machen die Sache nicht klarer: "Gott hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren..." Liegt es also doch an Gott selbst, wenn er Menschen den Glauben verweigert? Das kann doch aber nicht sein! Gott ist doch Liebe! Er ist doch gütig und gerecht! Das darf er doch nicht: Die Augen und die Herzen verstocken! -

 

Wie kommen wir hier heraus? Wie lösen sich diese Fragen?

 

Bisher sind wir nur mit unserem Kopf herangegangen: Wie ist das? Wie soll man das verstehen? Wer kann das begreifen? Machen wir's jetzt einmal anders: Benutzen wir unser Herz und vor allem - unsere Augen! Die Bibel ist ja voller Bilder, um uns begreiflich zu machen, was unser Kopf nicht begreifen kann. Sie malt uns das vor Augen, was wir nicht verstehen können. So auch hier: "Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet."

 

Hier ist nichts unklar. Alles ist hell und deutlich: Jawohl: Wer im Dunkeln ist, der weiß nicht, wo er am Ende ankommt. Jawohl: Wir können das Licht nur ergreifen, solange es scheint. Und ja: Kinder des Lichts können nur die sein, die im Licht sind. So ist es. Da gibt's keine Fragen. Also: Wer im Dunkel ist, wende sich zum Licht! Wer das Licht sieht, der glaube an das Licht! Wer Kind Gottes sein möchte, der bleibe im Licht! So einfach ist das! - Ist es so einfach? Für unsere Augen, ja! Für unser Herz auch. Aber eben nicht für unseren Verstand!

 

Ich glaube halt, dass es falsch ist, wie wir immer und immer wieder an diese Dinge herangehen: "Wenn der Glaube ein Geschenk ist, dann kann er nicht einigen vorenthalten werden. Wenn Gott das aber tut, dann kann er nicht die Liebe sein. Gott ist doch die Liebe, also muss er auch jedem den Glauben schenken. Wenn er also jedem den Glauben schenkt, dann kann es keine Ungläubigen geben. Wenn es aber doch Ungläubige gibt...", ja, was dann? Wir merken jetzt vielleicht, das ist alles falsch gefragt. - Das ist Klügelei. Da ist nur der Kopf in Gebrauch. Die Bibel will unser Auge und unser Herz! "Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet!"

 

Wir können also glauben! Jeder Mensch kann zum Glauben finden, wenn er es will! Wer sein Gesicht dem Licht zuwendet, wird hell! Wer es aber dem Dunkel zukehrt, wird dunkel sein. So ist das. So einfach, so klar. - Und das ist ja nicht nur hier so! Nehmen wir jede Geschichte Jesu, jedes Gleichnis, in dem er davon spricht, wie einer zum Glauben kommt. Immer sind die Bilder ganz klar und eindeutig; immer lassen sie keinen Zweifel daran, dass der Mensch - wenn er nur will - gläubig sein kann: Was hätte den Verlorenen Sohn denn daran hindern können, sich zum Vater aufzumachen? Doch nur sein Stolz oder seine Scham. Doch nur die eigene Meinung vom Vater, doch nur seine ängstliche Erwartung, der Vater könnte ihn nicht mehr bei sich aufnehmen! Es liegt doch nur an ihm selbst, wenn er zu sich spricht: "Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!" Es ist doch allein seine Sache, diesen Entschluss zu fassen! Er kann doch wohl nicht denken: Soll doch mein Vater zu mir kommen! Oder: Mein Vater hat doch Schuld, wenn er mich hier nicht herausholt! Wenigstens das muss der Sohn doch selbst aufbringen, dass er "sich aufmacht"! Wenigstens das! Aber - das müssen wir nun beachten! - dann nimmt der Vater ihn auch auf! Als er ihn von weitem kommen sieht, läuft er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen! Das tut der Vater schon! Aber "aufmachen" müssen wir uns! Aufmachen können wir uns!

 

Oder nehmen wir die Heilung des epileptischen Knaben: Der Vater des Jungen hat sich zu Jesus führen lassen. Die Jünger hatten nichts ausrichten können. Der Knabe wird immer wieder hin- und hergerissen vom Geist, der von ihm Besitz ergriffen hat. Jesus fragt den Vater des Jungen: Wie lange geht das schon so? Der Vater antwortet: Von Kindheit an, aber wenn du etwas vermagst, dann hilf uns! "Wenn du etwas vermagst..." Das ist ja nun wirklich nicht "Glaube" zu nennen, was der Vater hier herausbringt. Und das nimmt Jesus auch auf, wenn er sagt: "Wenn du etwas vermagst? Alles ist möglich dem, der glaubt!" Aber der Mann bleibt ehrlich: "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" Wichtig ist: Er bekommt geholfen! Schon dieses Fünklein Vertrauen hat ausgereicht; Jesus macht den Jungen gesund. Mir sagt das zweierlei: Einmal genügt offenbar schon der Versuch, in die Nähe Gottes und zum Glauben zu finden. Und dann: Auch hier hat sich der Vater des Jungen entschlossen, zu diesem Jesus zu gehen. Sei es, weil er sonst nichts mehr wusste, sei es, weil er gedacht hat, nützt es nichts, so schadet es doch auch nichts... Es ist gleich: Er kommt zu Jesus und gewinnt die Gesundheit seines Kindes - und den Glauben! Soviel wird auch von uns verlangt: Hingehen zu Jesus, von dem wir gehört haben, um Hilfe bitten und um den Glauben. Wir haben keinen Grund zu denken, dass er uns abweist. Hingehen müssen wir. Hingehen können wir! Und genauso ist es eben auch hier: "Glaubt an das Licht, solange ihr es habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet!"

 

Wenden wir unser Gesicht dem Licht zu und nicht dem Dunkel. So werden wir Kinder Gottes. So finden wir zum Glauben. So einfach ist das! Glaubt an das Licht! Wir können es! AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 22.01.2019

     


Predigt zum Sonntag "Septuagesimä" - 17.2.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Textlesung: Mt. 9, 9 - 13

 

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): "Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer." Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Stellen Sie sich doch einmal vor - nur einen Augenblick - dieser Wanderprediger Jesus käme heute bei Ihnen vorbei und verhielte sich wie damals. Wohlgemerkt: Nicht Jesus, der Christus, der Sohn Gottes, den wir als unseren Herrn und Erlöser bekennen stünde vor Ihnen! (Die Geschichte um Kreuz und Auferstehung lag ja noch vor ihm!) Nein, es erschiene heute bei Ihnen ein heimatloser Prediger, der überall herumzieht, der nirgends ein Dach über dem Kopf hat, der nicht mehr als sein Wort anzubieten hätte. Und er spräche so: "Folge mir!"

 

Aber ich glaube, wir müssen diesem Bild, diesem Vergleich noch deutlichere Züge geben: Sie säßen vielleicht gerade beim Frühstück und wollten jetzt zu Ihrer Arbeitsstelle aufbrechen. Oder - wenn Sie schon älter sind - Sie hätten eben vor, Ihr Mittagsschläfchen zu halten. Oder denken wir noch an die ganz jungen Leute: Ihr wolltet im Augenblick los, um mit ein paar Freunden oder Freundinnen durchs Dorf zu ziehen oder er erwischte euch gerade an der Bushaltestelle oder sonst einem Treffpunkt, wo ihr gemeinsam mit anderen überlegt, was ihr denn einmal anstellen könntet heute Nachmittag.

 

Und er sagte nichts als dies: "Folge mir!" - Ich gebe zu, es ist viel verlangt, sich das vorzustellen. Darum ergänze ich jetzt noch dies: Alle, die er anspricht, wüssten schon, dass dieser Mann nicht irgendein hergelaufener Spinner ist. Wir würden vielleicht an seinem Blick oder dem Nachdruck, mit dem er spräche, erkennen, hier ist mehr als irgendein Wort, hier geht es um etwas sehr Wichtiges, hier steht etwas auf dem Spiel. Um es nun aber ganz vergleichbar zu damals zu machen, müssten wir auch das noch sagen: Wir hätten auch schon von ihm gehört, diesem Mann Gottes, der Kranke geheilt und sogar schon Tote auferweckt haben soll. Aber gesehen haben wir das nicht. Es wäre bloßes Hörensagen und nicht unsere eigene Erfahrung.

 

Trotzdem, wir sind uns gewiss einig: Wir würden seinem "folge mir" höflich aber bestimmt unser "leider verhindert" oder "heute nicht" oder "habe anderes vor" entgegensetzen. -

 

Und da spätestens - wenn wir bisher mitgedacht haben - entsteht doch jetzt auch in uns die Frage: Warum folgt ihm denn dieser Zöllner Matthäus, von dem uns hier erzählt wird. Warum lässt dieser Mensch so Hals über Kopf seine Zollstation im Stich, um mit Jesus zu gehen. Ja, es scheint dem Erzähler dieser Geschichte nicht einmal wert zu erwähnen, ob dieser Mann Familie hatte, ob er jetzt nicht erst einmal seinen Koffer gepackt und sich von seinen Leuten verabschiedet hat. Noch einmal: Dieser Matthäus am Zoll wusste nichts anderes von Jesus, als das, was ich gerade geschildert habe: "Wanderprediger, Heiler, Mann Gottes" - mehr aber nicht! - Warum folgt er?

 

Nähern wir uns einer Antwort, indem wir noch einmal in unsere Zeit zurückkehren: Denken wir uns, der Mensch, der sich da gerade zu seiner Arbeitsstelle auf den Weg macht, hätte sich in seiner Firma schlimme Unterschlagungen zuschulden kommen lassen. Und er wüsste, das ist dem Chef auch bekannt. Er wäre also davon bedroht, seine Arbeit zu verlieren oder - günstigstenfalls - ohne Aufstiegschancen bis zur Rente nur noch in derselben Position seine Schulden abzuarbeiten. Ein solcher Mann würde dieses "Folge mir" gewiss anders hören. Für ihn läge darin ein großes Geschenk! Die letzte Chance! Der berühmte "Strohhalm" an dem sich ein Ertrinkender festhält.

 

Und der ältere Mensch, der gerade seinen Mittagsschlaf machen will? Lassen wir ihn gerade darüber nachdenken, was er nüchtern betrachtet noch erwarten kann vom Leben? Wie lange werde ich wohl noch ohne die Pflege anderer auskommen? Wie viele Jahre werden mir noch - einigermaßen gesund - geschenkt sein? Und dann? Wen habe ich eigentlich für die dunklen Zeiten, die vielleicht noch auf mich warten? Bin ich nicht jetzt schon so oft allein? Und wie soll das dann erst werden? In diese Gedanken hinein spräche nun Jesus sein: "Folge mir!" - Jetzt hört sich das anders an, nicht wahr? In diesen zwei Wörtchen läge jetzt eine große Aussicht, eine Hoffnung: "Bei diesem Menschen hätte ich vielleicht, was ich brauche, der wäre für mich da in meinen schwersten Stunden, der hielte bei mir aus und hätte am Ende gar die Macht über den Tod?"

 

Und bei den Jungen, die eben darüber beraten, was sie am Nachmittag treiben könnten? Die kämen vielleicht ins Gespräch über den Sinn und ihre Erwartungen im Leben. Vielleicht würden sie über ihre Berufswünsche und Zukunftschancen reden und nachdenken. Vielleicht käme zur Sprache, dass ja auch der beste Verdienst im tollsten Job eigentlich nicht glücklich machen kann. Es könnte wohl auch sein, dass einer davon spricht, dass doch alle Angebote für Freizeit und Unterhaltung irgendwann langweilig werden. Ja, wir denken uns, eine oder einer behauptete eine ganz schockierende Ansicht: "Eigentlich ist doch all der äußere Kram, die Dinge zum Kaufen, der Luxus und das Vergnügen irgendwann uninteressant und blöd!" Stellen wir uns überdies noch vor, die anderen würden einen Moment schweigen und sie empfänden tief in sich drin, dass der oder die das gesagt hat, wohl irgendwie richtig liegt damit. Und jetzt - genau in die Gesprächspause hinein - sagte Jesus: "Folge mir!" Und er böte damit ein Leben an, das sich lohnt, das Verheißung hat, in dem einer immer weiß, wofür er da ist, das auch an ein gutes Ziel führt...das - mit einem Satz gesagt - ein volles, rundes, sinnerfülltes Leben wäre. - Würde da die Antwort nicht vielleicht anders ausfallen, wenn dieser Mann Gottes uns ruft?

 

Liebe Gemeinde! Wir wissen, dass bei Matthäus, dem Zöllner, alles das zugetroffen hat: Er war ein schuldbeladener Mann. Zolleinnehmer waren notorische Betrüger. Sein Ansehen bei den Leuten war das eines Verbrechers. Sein Leben lang wäre er seinen schlechten Ruf, den Makel, der an ihm klebte, niemals losgeworden. Und er war einsam! Vielleicht hat er ja noch eine Frau gehabt, aber gewiss keine Freunde. Jeder rechtschaffene Jude hat einen Bogen um ihn gemacht. Für spätere Jahre hätte er nur die totale Isolation vor Augen gehabt und den Tod. Und Sinn? Den wird er nicht in seiner Arbeit empfunden haben und in seinem übrigen Leben auch nicht. Denn es kann wohl nicht sinnvoll sein, dadurch, andere übers Ohr zu hauen, zwar gut zu verdienen, aber wie ein Aussätziger zu gelten und ausgestoßen aus jeder menschlichen Gesellschaft und Beziehung seine Tage zu fristen. - Für ihn ist Jesu Ruf die Chance! Er muss keinen Augenblick überlegen, bevor er sie ergreift!

 

Und wir? - Das ist sicher hart jetzt, das zu hören, aber ich glaube, wir sind in genau derselben Lage! Wir mögen nun wissentlich niemanden betrogen haben, aber die Schuld unseres Lebens ist auch groß: All die Taten, die wir besser nicht getan hätten. All die Stunden, die wir ohne das rechte Tun haben verstreichen lassen. Die Worte, die wir gesagt und mit denen wir verletzt haben wie mit einem Messer. Aber auch die Worte, die ungesagt geblieben sind, mit denen wir doch hätten klären, vielleicht retten können. Dann unser Denken und Dünken, mit dem wir anderen zur Last gefallen sind, mit dem wir Gottes weite Liebe in uns eng gemacht haben und das anderen Gott selbst verdunkelt und vielleicht ihren keimenden Glauben zerstört hat. Und dazu noch all die Schuld, die nur wir selbst kennen und unser Gott. - Und die Einsamkeit und die Angst vor ungewisser Zukunft? Haben wir die nicht auch vor Augen? Steht das nicht groß vor uns, wenn wir es einmal nicht verdrängen und leugnen wollen? Und schließlich: Fehlt uns nicht auch ein letzter Sinn all der Jahre unseres Lebens? Sehnen wir uns nicht nach der Fülle...dass wir sagen können: "Ich weiß, wofür ich da bin. Ich habe erfahren, wofür all meine Jahre gut waren. Ich bin gewiss, wohin ich gehe."

 

Liebe Schwestern und Brüder! "Folge mir", sagt Jesus heute zu dir und mir. Wir wissen nicht, warum er gerade mit uns zu tun haben will, aber er will es. Wenn wir ja sagen und mit ihm gehen und bei ihm bleiben, wird er uns alles geben, was ein Mensch wirklich braucht: Vergebung der Schuld, Begleitung durch alle Tage des Lebens und Sinn, erfüllte Zeit und ein ewiges Ziel. - Zögern wir nicht länger. Sagen wir ja! AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 22.01.2019