Ich habe Zeit

 
 
Monatelang hatten wir uns nicht mehr zum Kartenspielabend getroffen. Stets war etwas bei den anderen oder bei mir dazwischen gekommen. Doch jetzt sollte es wieder so weit sein. Den ganzen Tag war ich schon aufgekratzt, die Vorfreude auf ein paar ausgelassene Stunden stieg von Minute zu Minute. Und den anderen ging es sicherlich ähnlich. Ich saß am Schreibtisch, um die letzten Eintragungen in den Terminkalender vorzunehmen, bevor ich mich auf den Weg machen wollte. „Ist es tatsächlich schon so lange her?“, ging es mir durch den Kopf. Und während ich versuchte, mich an das letzte Mal zu erinnern, fiel mein Blick auf einen Gegenstand, den mir ein Arbeitskollege vor ein paar Jahren geschenkt hatte und der seitdem unbeachtet im Regal stand.


.

Es handelte sich um eine Drehscheibe ähnlich einer Parkuhr. „Ich habe Zeit!“ stand darauf in großen Buchstaben zu lesen. Klang das nicht wie ein Bekenntnis, das ich seit Ewigkeiten nicht mehr ausgesprochen hatte? Ich nahm die Scheibe in die Hand und entdeckte in einem Fenster die Aufschrift: „für Sternstunden“. „Ich habe Zeit für Sternstunden!“ – Wie gut fühlte sich das an. – Ich hatte vor, mir die Zeit zu nehmen und bestimmt würde ich diesen lang ersehnten Kartenabend als Sternstunde erleben. Neugierig drehte ich die Scheibe weiter. „Für Erinnerungen“, konnte ich nun lesen. Ja, auch das stimmte. Ich nahm mir gerade Zeit für Erinnerungen. „Zeit für andere“ und „Zeit für Freunde“ tauchten als nächstes auf. Ja, genau, auch diese Zeit wollte ich mir nehmen. Ich schweifte mit meinen Gedanken und fragte mich, wie viel Zeit mir eigentlich im Leben zur Verfügung steht für Sternstunden, für Erinnerungen, für andere und für Freunde? Wie kann ich meine Zeit sinnvoll nutzen? Was wird die Zeit für mich noch alles bringen?

Unsanft riss mich das schrille Klingeln des Telefons aus meinen Gedanken. „Du, ich kann leider heute Abend nicht kommen. Ich habe keine Zeit! Ich wurde soeben zu einem Trauerfall gerufen! Es tut mir leid“. Wie durch ein Sieb verrinnt die Zeit, was gerade noch war ist jetzt nicht mehr, schoss es mir durch den Kopf. Die Kartenrunde war geplatzt! Zum wiederholten Mal. Geradeaus, beständig ohne Halt, machtvoll getrieben fährt die Zeit durchs Leben, erobert Augenblicke, greift nach Sekunden, vereint sie zu Minuten, bewirkt die Stunde, formt den Tag, die Woche, den Monat das Jahr, berührt mein Leben. Dem Moment der Enttäuschung folgte das Verständnis: „Na, das ist wirklich schade, aber vielleicht klappt es ja ein anderes Mal!“ hörte ich mich mit leicht zittriger Stimme sagen und legte auf. Wie oft hatte ich diesen Satz in der Vergangenheit schon gesagt – und irgendwie klappte es nie!

Ich blickte wieder auf die Scheibe: „Ich habe Zeit!“. Schön, das mag so sein. Aber wenn die anderen keine Zeit haben, macht mich das doch auch nicht glücklich! Ich drehte und im Fenster erschien: „…zu leben“. „Ich habe Zeit zu leben!“ Welch Erkenntnis! Obwohl meine Zeit begrenzt erscheint, wie mir mein voller Terminkalender stets unbarmherzig vor Augen führt, wird mir doch immer noch genug Zeit geschenkt, die ich nutzen kann. Gerade wurde mir ein ganzer Abend geschenkt. „Und statt Karten zu spielen, kann ich doch auch etwas anderes machen“, ermutigte ich mich. Und drehte weiter. „Ich habe Zeit für Gott!“. Ich griff nach der Bibel, die längere Zeit unangetastet unter einem Stapel Zeitungen gelegen hatte. Wie oft war die Bibel für mich schon der Schlüssel zum Verständnis unseres Lebens, ein Wegweiser, mit Maßstäben, an denen ich mich ausrichten konnte. Ich schlug auf und las die Geschichte von Jesus und dem sinkenden Petrus auf dem See, die auch die Predigtgrundlage in vielen Gottesdiensten an diesem Wochenende sein wird. Es handelt sich um die Szene, in der Jesus auf dem Wasser wandelt, Petrus aus einem Boot zu ihm kommen will und, als er schon auf dem Wasser ist, sich durch einen Windzug in seinem Vertrauen erschüttern lässt. Als er unterzugehen droht, wird er von Jesus gerettet. Für mich ein wunderbares Bild für unsere Kirche, für jede Kirchengemeinde und ihr Verhältnis zu Gott.

Ein letztes Mal drehte ich an der Scheibe: „Ich habe Zeit für Gespräche“. Ja, auch die werde ich mir nehmen, einen Gottesdienst am Sonntag besuchen und sicher Gelegenheit haben, mit dem einen oder anderen über die wunderbare Geschichte von Jesus und Petrus zu reden.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie an diesem Wochenende auch sagen können: „Ich habe Zeit!“ – Für was auch immer!