Sahne oder geschäumte Milch

„Ich hätte gerne einen Cappuccino mit Sahne!“ Kurze Zeit später bringt die freundliche Bedienung in meinem Lieblingscafe das Tablett: „So, hier bitte!“. Ich freue mich. Zumindest für einen klitzekleinen Moment. Mein Blick fällt auf die aufgeschäumte Milch in der Tasse. Entsetzen. Was tun? „Hallo, Sie haben mir …!“ Ach nee, was soll ich mich jetzt rumärgern. –

Wie oft ist mir das schon passiert: Ich sage klar und deutlich, was ich will, und dann kommt es ganz anders. Und meine Reaktion? Ich nehme hin, was zu ändern wäre. Finde Gründe wie: Ach, die arme überlastete Frau; Cappuccino mit geschäumter Milch schmeckt ja auch; vielleicht habe ich mich nicht klar ausgedrückt. Gründe werden zu Ausreden. Ausreden dafür, einer möglichen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Ich trinke den Milchschaum-Cappuccino. Ausreden werden zu Ärger -– über mich selbst. Weil ich nicht in der Lage war, einfach bestimmt und freundlich zu sagen: „Ich hatte einen Cappuccino mit Sahne bestellt!“ –

„Oh, Entschuldigung – ich bringe ihn sofort!“, hätte die junge Frau gesagt, mir vielleicht noch ein Lächeln geschenkt. Von Auseinandersetzung keine Spur. Die findet nur in meinem Kopf statt. Weil ich von Natur aus Auseinandersetzungen und Streit mit Anderen lieber aus dem Weg gehe. Natürlich weiß ich, dass es gut ist, ja geradezu notwendig, sich zu streiten. Einfach um Dampf abzulassen oder Grenzen zu setzen. In der Familie, in Freundschaften muss es möglich sein, sich auseinanderzusetzen, ohne dass die Beziehung darunter leidet. Aber Streiten will auch gelernt sein – zu Hause, in der Kirche, in der Politik.

Warum das oft nicht passiert? Weil es meist schon an der Grundlage mangelt: Wir lassen es an Aufmerksamkeit vermissen und hören nicht zu. Unsere Devise ist allzu häufig: „Zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus!“ Das ist eine unsere leichtesten Übungen: Wir werden ja auch ständig genervt. Wollen endlich mal unsere Ruhe haben. Einfach abschalten. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Manchmal ist das wirklich nur Selbstschutz – und der muss auch sein.

Aber wir dürfen uns nicht wundern, wenn die Anderen das genauso machen wie wir. Wenn mein Herz voll ist und überläuft. Wenn ich nur darauf warte, dass jemand mit mir weint oder sich freut. Und ich spüre: Man hört mir nicht richtig zu. Hinhören und zuhören wollen ebenso gelernt sein. Nicht auf die Menge von Worten kommt es an, auch nicht auf die Lautstärke. Sondern auf die Aufmerksamkeit.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre“, sagt die Bibel. Und Goethe: „Eine gute Unterhaltung besteht nicht darin, dass man etwas Gescheites sagt, sondern dass man etwas Dummes anhören kann.“ Das ist manchmal nicht ganz leicht, aber es ist die Basis für mitmenschliche Auseinandersetzungen. Wir können das ja mal versuchen. Vielleicht beim nächsten Cappuccino – ob mit Sahne oder geschäumter Milch.

 

4.08.2012
Gert Holle