Predigt zum Reformationstag - 31.10.2017

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Textlesung: Mt. 10, 26 - 33

 

Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

 


Liebe Gemeinde!

 

Wir feiern den 500. Gedenktag der Reformation. Wir feiern, dass wir evangelische Christinnen und Christen sind, dass uns Martin Luther das „Evangelium“ in der Heiligen Schrift wiederentdeckt hat, die „frohe“ Botschaft... Was könnte denn in den Worten, die wir eben gehört haben, diese „frohe“ Botschaft sein?

 

Ist es dies: ...fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; „fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“ Zuerst hört es sich ja noch ganz ermutigend an, aber dann: „Leib und Seele verderben in der Hölle“... Besonders „evangelisch“ ist das wohl nicht.

 

Wie wäre es damit: „Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“ Also wenn wir ganz ehrlich sind, dann waren wir schon immer davon ausgegangen, dass wir mehr wert sind als ein paar Spatzen!

 

Ist es vielleicht das: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Ja, ich glaube, das ist die frohmachende Botschaft für heute! Und das gilt, auch wenn gleich danach wieder diese harten Worte folgen: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“

 

Wenn wir Jesus vor den Menschen bekennen, dann bekennt er uns vor Gott, unserem Vater! Was macht daran froh? Und wo oder wann kommen wir überhaupt in die Lage, ihn zu bekennen oder zu verleugnen?

 

Ich könnte jetzt von dem Konfirmanden erzählen, der noch weit über seine Konfirmation hinaus, am regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes festgehalten hat. Vielleicht haben ihn die Fragen seiner Altersgenossen und ehemaligen Mitkonfirmanden ja wirklich kalt gelassen: „Was, du gehst jetzt noch in die Kirche, nachdem du doch schon konfirmiert bist?“ Vielleicht aber war er ja auch nur ein Außenseiter, den keiner so etwas gefragt hätte. Oder er hat doch solche Fragen gehört und es hat ihm schon etwas ausgemacht und er hat sich wirklich - gegen die Widerstände seiner Umgebung und gegen das dumme Geschwätz seiner Kameraden für Jesus Christus entschieden, ihn also „bekannt vor den Menschen“?

 

Und ich könnte über die Frau sprechen, die sich seit bald 30 Jahren gegen die abfälligen Bemerkungen ihrer ganzen Familie zur Kirche hält und zum Frauenabend ihrer Gemeinde. Immer wieder musste sie sich gegen die Angriffe ihrer eigenen Leute verteidigen: „Was musst du zum Pfarrer rennen? Gäbe es nicht zu Hause Wichtigeres für dich zu tun?“ Und auch hier ist es besonders der Gottesdienst am Sonntagmorgen, den man ihr oft genug auszureden versucht hat: „Wegen der Kirche können wir immer erst so spät essen!“ Die Frau selbst ist überzeugt davon, dass sie ihren Herrn „vor den Menschen verleugnete“, wenn sie sich so verhalten würde, wie man es von ihr verlangt.

 

Und ich könnte das Beispiel des Arbeitnehmers anführen, der sich neulich gewagt hat, seinen Chef darauf hinzuweisen, dass sein Geschäftsgebaren, das er in letzter Zeit an den Tag gelegt hat, den Boden des Anstands und der guten Sitten verlassen hat und mit seiner Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche unvereinbar wäre. - Dieser Arbeitnehmer hat auf diese Weise auch Jesus Christus bekannt vor den Menschen.

 

Noch viel könnte ich von anderen erzählen, berichten, anführen... Aber ich will von uns sprechen, von dir und mir und den anderen Menschen in unserer Gemeinde. Denn auch wir sind täglich in einige Situationen, in denen es darum geht, unseren Herrn zu bekennen oder zu verleugnen, uns als Christinnen und Christen zu erweisen, oder so zu tun, als gehörten wir nicht zu dem, dessen Namen wir doch tragen. Und ich glaube und fürchte, wir merken es oft gar nicht mehr, welches Zeugnis für oder gegen ihn wir ablegen!

 

Ich denke da an die vielen Menschen bei uns, deren Karteikarte zwar auch im Pfarrbüro steht, die doch aber seit Jahr und Tag nicht mehr gezeigt haben, dass ihnen das wirklich irgendetwas bedeutet. Das klingt vielleicht hart jetzt, aber sie könnten genauso gut Buddhisten oder Hindus sein oder gar keiner Religion angehören - man würde es daran, wie sie leben und sich geben, gewiss nicht merken!

 

Aber ich will auch wirklich über uns reden, die wir doch meinen, wir strahlten das doch aus, dass wir Menschen sind, die Jesus angerührt hat und die vom Glauben an ihn beseelt sind: Neulich auf der Straße, als wir im Gespräch mit der Nachbarin über den hergefallen sind, über den bei uns im Ort die Gerüchte gehen, da haben wir's nicht ausgestrahlt! Denn wir haben uns nicht bemüht, alles zum Besten zu kehren und über unsere Nächsten Gutes zu reden und von dem zu schweigen, was wir doch gar nicht so genau wissen. Und gestern, bei dem Streit in unserer Familie, da war auch nichts davon zu spüren, dass wir von Jesus wissen und von seiner Güte und Liebe zu allen Menschen. Da haben wir nur noch Zorn empfunden und sind so laut geworden, dass uns niemand mehr den Christen abgenommen hätte! Ach, und der Glaube! Wie oft lassen unsere Worte oder unser Verhalten nun ganz und gar nicht darauf schließen, dass wir an die Versöhnung glauben, die Vergebung aller Schuld, die Auferstehung und die Erlösung in Gottes ewiger Welt. Könnten wir sonst immer wieder die Hand ausschlagen, die uns von anderen entgegengestreckt wird? Könnten wir immer wieder vor der Macht des Todes resignieren und beim Abschied von einem Menschen nur den Verlust sehen? Und könnten wir schließlich, wenn wir doch auf Gottes Herrlichkeit zugehen, der hiesigen Welt so viel Bedeutung beimessen und ihr jede Zerstreuung und jedes Vergnügen abzuringen versuchen?

 

Ich glaube, wir spüren das jetzt alle: Wir sind weit davon entfernt, in all unserem Tun und Reden Jesus Christus als unseren Herrn zu bekennen! Im Gegenteil: Oft genug verleugnen wir ihn, sagen nicht Worte, die er gesagt, lieben nicht, wie er es getan und handeln nicht, wie er gehandelt hätte. Und auch wo wir nichts tun, wo er sich einsetzen würde, da ist unser Zeugnis für ihn schlecht. Und auch da, wo wir schweigen, wenn er Partei ergriffen und klare Worte gesprochen hätte, versagen wir als seine Nachfolger kläglich.

 

Nun heißt es aber: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Und wir wollen jetzt auch über das Evangelium, die frohe Botschaft in diesen Worten sprechen: Wir fühlen das doch immer wieder, wenn wir unseren Herrn nicht bekennen, wir empfinden es, wenn wir ihn verleugnen, dass es nicht gut ist, nicht richtig ist so... Vielleicht müssen wir es so ausdrücken: Da liegt kein Segen darauf! Und umgekehrt gilt es eben auch: Es liegt ein Segen darin, das Richtige, das Gute zu tun, mich zu bewähren, wenn ich in die Lage komme, mich als Christin / als Christ zu erweisen. Es macht Freude, dann zu bestehen. Es schenkt eine tiefe Zufriedenheit, mich seines Namens würdig zu erweisen. Ja, es macht eben „froh“ dieses Handeln nach dem Evangelium!

 

Aber wir wollen jetzt auch noch einmal ganz tapfer diese anderen, weniger frohen Worte hören: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ Und ich frage mich und uns alle, ob wir denn etwas anderes erwarten dürfen? Ja, ist das nicht eigentlich eine ganz klare Sache? Soll uns unser Herr auch noch loben, wenn wir als seine Leute jämmerlich versagen? Soll er uns seinem himmlischen Vater empfehlen und sprechen: Die sind immer besonders nah bei mir, bei meinem Wort und Willen gewesen? Wollten wir, dass er so für uns eintritt, wenn es doch nicht so wäre!?

 

Warum wollen wir uns nicht mit all unseren Kräften - und mehr als bisher - bemühen, dass wir uns seiner und der Erwartung, die er in uns setzt, würdig erweisen? Gerade heute, an diesem Reformationsjubiläum, sind sie doch alle vor unseren Herzen und unserer Seele, all die wunderbaren Geschenke, die uns Gott macht, die Güte, die unserem Verdienst zuvorkommt, die Gnade, die all unsere Schuld bedeckt und uns heute und jeden Tag neu beginnen lässt. Kann uns das und die Aussicht eines ewigen Lebens in Gottes neuer Welt denn nicht froh und mutig genug machen, dass wir unseren Herrn nun wirklich vor den Menschen bekennen? Was ist denn alles, womit Menschen auf unser Eintreten für den Glauben reagieren können, ihre dummen Fragen, ihre hochmütigen Blicke, ihre lästernden Reden und selbst, wenn sie uns ihre Macht über uns zeigen, was ist denn das alles gegen das Wort unseres Herrn, mit dem er uns einmal bekennt vor seinem himmlischen Vater? AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 17.10.2017

 

 

 


Predigt zum Erntedankfest - 1.10.2017

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

 

Textlesung: Jes. 58, 7 - 12

 

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: "Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne".

 

Liebe Gemeinde!

 

"Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!"

 

Geht es ihnen nicht auch so? Diese Aufforderungen rufen das schlechte Gewissen in mir wach. Sicher, wir tun ja etwas: Die Spende für 'Brot für die Welt' zu Weihnachten, 50,- € für ein Patenkind in Indien, nachher der Geldschein auf dem Kollektenteller... Aber viel ist es nicht, gemessen an dem, was wir tun könnten. "Brich dem Hungrigen dein Brot, die im Elend und ohne Obdach sind, führe in dein Haus..." Das ist wohl auch etwas anderes, was hier von uns verlangt wird, irgendwie konkreter: Brot brechen, Obdach gewähren, Nackte kleiden... Da wird ja so getan, als lägen sie vor unserer Tür, die Notleidenden, die Hilfsbedürftigen - dort steht doch aber nur unser Auto. - Die schreiende Not kennen wir doch nur vom Fernsehen, wenn unser Blick einmal den entsetzlichen Bildern nicht ausweicht, den aufgequollenen Kinderbäuchen, dem Elend der Flüchtlinge in den überfüllten Lagern, den verkrüppelten Opfern in den Kriegsgebieten der Erde...

 

Manchmal denke ich, das ist uns vielleicht auch ganz recht so, dass das alles so weit weg ist und nur im Fernsehen spielt und wir den Kasten ja auch ausmachen können, wenn's gar zu arg wird. Und so ein bisschen Geld - das beruhigt, da kann man besser vergessen, was da überall auf diesem Globus los ist. Glauben sie mir, ich will unsere Spende gar nicht schlechtmachen. Auch wenn sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist - aus vielen Tropfen wird ein Regen - und der hilft dann auch. Mich ärgert aber, wenn ich vor lauter Elend in der Ferne, nicht mehr sehen kann, was sich nur ein Haus weiter zuträgt - und das ist ganz buchstäblich gemeint! Da gibt es Leute in unserer Gemeinde, die vor Einsamkeit, vor "Hunger" nach einem Menschen schier vergehen. Es gibt aber keinen Nachbarn, der einmal nach ihnen sieht, ein Wort mit ihnen wechselt, einmal fragt: "Wie geht es dir?". Wohl aber spendet der Nachbar ein paar Euro für ein Waisenheim in Indien und eine Blindenanstalt in Ghana... Da gibt es Leute in unserer Nähe, die haben für ihren äußeren Menschen zwar einen Ort, eine Wohnung, ein Haus - innerlich aber haben sie kein Dach, unter dem sie leben können, kein Zuhause, keinen Halt, der ihnen Mut und Kraft gibt. Die Menschen in ihrer Umgebung spüren es wohl: Man müsste etwas tun! Der braucht einen, sonst geht er vor die Hunde! "Man müsste...man sollte..." Aber dabei bleibt's meistens. Allerdings geben wir ein paar Cent fürs Diakonische Werk und für Bethel. -

 

Ich könnte das noch weiterführen. Aber sie verstehen, was ich meine: Oft wollen wir uns mit unseren - sowieso vergleichsweise geringen - Spenden loskaufen von der Verpflichtung, dort zu helfen, wo uns die Not ganz nah kommt: Im nächsten Haus, nur schräg über die Straße... Und wir haben noch mehr gute Gründe, um uns vor der Hilfe an den 'Nächsten' zu drücken: "Was wird der sagen, wenn ausgerechnet ich zu ihm komme?" - "Die hat doch auch Verwandtschaft, sollen die doch erst einmal!" - "Ob der überhaupt Hilfe annimmt, wenn ich sie anbiete?" Da ist es vielleicht wirklich besser, sich für Hungernde auf der anderen Seite der Erdkugel einzusetzen, etwas für Flüchtlinge aus Eritrea zu tun. Da weiß ich doch, dass mein Euro wirklich Not lindert. Kontonummer notieren und eine Summe Geldes überweisen. Es wird schon ankommen. Andere werden mein Geld in echte Hilfe verwandeln, in Brot, in Obdach, in Kleidung... - Ja, ist das nicht einfach gut und wichtig? Ist das nicht einfach gut? Ist das nicht einfach...? Seien sie mir jetzt nicht böse, ich finde, es ist zu einfach! Einen Besuch bei einem Mitmenschen machen, der in Not geraten ist, wäre schwieriger, aber er wäre auch mehr. Einem Mitmenschen in meiner Nähe einen Halt und ein Zuhause geben, wäre schwieriger und mehr. Meine Zeit und meine Kraft für einen Mitmenschen drangeben, der es in den Augen der Leute gar nicht verdient hat, wäre schwieriger und mehr. "Brot brechen, Obdach gewähren, Nackte kleiden" - so konkret soll unsere Hilfe sein und wir können sie tun - kaum ein paar Schritte von unserer Haustür entfernt. Das andere müssen wir deshalb nicht lassen: Warum denn nicht: auch für die Hungernden in der Dritten Welt spenden - und noch viel mehr als bisher. Warum nicht auch etwas für die Erdbebenopfer in Italien tun - und noch viel großzügiger als bisher. Warum nicht auch einen Scheck an Bethel oder Hefata senden - und noch viel öfter als bisher. Aber darüber nicht das furchtbare Leid des Nachbarn vergessen und nicht an der Einsamkeit eines alten Menschen vorbeigehen und nicht den stummen Schrei eines in seelische Not Geratenen überhören. Und vor allem nicht fragen: "Wer denn? Wo denn?" Ich bin sicher, es gibt keinen in dieser Kirche, der bei ein paar Augenblicken - ehrlicher - Besinnung, nicht wenigstens einen Menschen in unserer Gemeinde nennen könnte, der ihn bitter nötig braucht! Und schließlich, bitte nicht fragen und sagen: "Ja, warum denn gerade ich? Soll doch die Regierung etwas tun, die Kommunalverwaltung, die Kirche..."

 

Ich gebe zurück: Wer denn sonst, als du? Du weißt um die Not deines Nächsten. Du hast die Mittel ihm zu helfen. Was fragst du noch?

 

Und vielleicht ist gerade an diesem Tag heute einmal Gelegenheit, sich darauf zu besinnen, was wir alles für Mittel haben, um zu helfen. Wir danken heute für die Ernte. Wir danken für alles, was uns auf den Feldern und in den Gärten gewachsen ist. Die Scheunen sind voll. Das meiste ist eingebracht. Wir werden unser Auskommen haben. Sicher Grund genug, heute einmal die Hand und das Herz ganz besonders weit aufzutun, wenn wir nachher für die sammeln, die auf unserer Erde hungern müssen.

 

Aber was ist mit all den anderen Gaben Gottes? Die Liebe, die uns von unserer Familie und unseren Freunden entgegenkommt? Die Freude und der Erfolg, die sich im vergangenen Jahr im Beruf und privat eingestellt haben? Die Erfahrung eines sinnvollen und ausgefüllten Lebens, die wir täglich neu machen dürfen? Sollten wir dafür nicht auch einmal danken? Sie fragen: Wie? - Warum nicht so: Dem Menschen, mit dem ich Tür an Tür wohne und der so gar nichts Gutes erfährt, ein wenig von der Liebe bringen, die mir geschenkt wurde. Dem Menschen, der so freudlos und ohne irgendwelche Anerkennung ist, ein gutes Wort sagen, ein wenig Zeit und Freude mit ihm teilen. Dem Menschen, dem da im vergangenen Jahr so viel kaputtging, mal wieder von Sinn reden und ihm vielleicht für eine Zeit zum Halt werden. - Setzen Sie hier bitte selbst fort. Und denken Sie dabei doch auch an solche, die ganz nah bei Ihnen wohnen...vielleicht gar Haus an Haus mit ihnen!

 

Eine Frage, die sonst immer so hässlich klingt, ist heute ausnahmsweise erlaubt: "Was hab' ich davon, wenn ich anderer Leute Not lindere, anderen helfe, in der Welt draußen und hier bei uns?"

 

Gott lässt uns durch den Propheten Jesaja ausrichten: "Das hast du davon!" (Wir hören noch einmal auf die Verheißung des Jesaja für diesen Erntedanktag:)

 

"...dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt." AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Archiv - 19.09.2017

 


Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis - 1.10.2017

Foto: Archiv
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Textlesung: Klgl. 3,22-26.31.32

 

Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

 

Liebe Gemeinde,

 

mindestens an einer Stelle waren Sie - wie ich auch! - mit diesen Worten nicht einverstanden! Das ist doch kein "köstlich Ding", wenn man sich gedulden muss, wenn Gottes Hilfe auf sich warten lässt, ja, wenn man sich ganz und gar verlassen fühlt und niemand mehr sich für einen zu interessieren scheint!

 

Aber warum stehen diese Worte hier? Wie kommt ein Mensch dazu, so etwas zu schreiben? Und wir haben gar keinen Grund zu denken, dass er es nicht wirklich so meint, wie es hier steht: "...ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen..."

 

Mich hat das nicht losgelassen! Ich wollte herausfinden, warum man solche Gedanken haben und äußern kann. Dabei habe ich zuerst gefragt, was das wohl für ein Mensch ist, der so etwas sagt? Was wissen wir von ihm?

 

"Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende..." Dieser Mensch scheint Schuld auf sich geladen zu haben, jedenfalls gäbe es wohl Gründe, dass Gott ihn bestraft oder ihm gar den Tod schickt. Vielleicht hat er Gott erzürnt oder einem Mitmenschen etwas angetan, so dass der Grund gehabt hat, ihn zu hassen? Jedenfalls scheint dieser Mensch erlebt zu haben, dass Gott ihm dennoch barmherzig ist, ihm das Leben schenkt, wo er es eigentlich verspielt hatte.

 

"...sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß." Ich höre da, wie dieser Mensch staunt! Trotz allem, was gegen mich spricht, hält Gott zu mir. Er schenkt mir immer wieder einen neuen Tag und einen neuen Anfang. Auch wenn ich nicht treu war, so bleibt Gott doch treu!

 

"Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen." Dieser Mensch hat erfahren, dass Gott ihn nicht fallen lässt. Er hat in Gott den Grund seiner Hoffnung gefunden. Er zweifelt nicht daran, dass dieser Gott ihn rettet, ihn herausreißt, ihm hindurchhilft... Da mag es bis dahin auch ein wenig dauern! Er weiß es: "...der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt...der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte."

 

Liebe Gemeinde, ich glaube, darum kann dieser Mensch so sprechen: "Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen..." Wenn einer so viel Gutes von Gott erfahren hat, das er doch nicht erwarten konnte, dann ist es vielleicht ja ein Kleines, ein wenig Geduld aufzubringen, Gott ein bisschen Zeit zu geben, bis er meint, der Tag wäre gekommen, mir zu helfen! Und selbst, dass es "köstlich" ist, zu warten, zu hoffen, erklärt sich so vielleicht... Wenn einer doch ganz genau weiß, Gott wird ihm am Ende zu Hilfe kommen! Was sind denn da ein paar Tage, ein paar Monate oder auch Jahre? Die Vorfreude kann mir keiner nehmen! Und von ihr sagt man ja, sie sei "süß"... Warum sollen wir sie nicht "köstlich" nennen?

 

Zugegeben, das bleibt uns alles ein wenig fremd. Das hat nichts mit unserem Leben und unseren Erfahrungen zu tun. - Oder doch?

 

Wir sprechen im Allgemeinen nicht gern darüber, darum will ich zuerst von mir reden: Es gab in meinem Leben Zeiten, da war ich so, dass es Gott sicher nicht gefallen hat. Da habe ich an seinem Wort, seinem Gebot und Willen vorbeigelebt, seine Aufgaben an den Menschen nicht gehört und gesehen und bin an dem vorbeigegangen, was er mir doch so ganz deutlich an den Weg gelegt hatte. Da habe ich Schuld auf mich geladen. Ich habe doch gewusst, was Gott von mir wollte - aber ich habe ihm nicht gehorcht! Ich habe die Hilferufe meiner Mitmenschen gehört, aber ich bin nicht hingegangen, dass ich wirklich etwas für sie getan hätte. Das war Schuld! Da hatte ich Strafe verdient. Wir sind ja nicht nur zum Kreisen um uns selbst und einem Leben in Kurzweil und Zerstreuung bestimmt. Wenn wir Gott unseren Vater nennen, dann kennen wir auch unseren Auftrag an unseren Geschwistern!

 

Und es ist durchaus nicht so, dass mein Leben sich irgendwann so ganz und gar zum Guten gewandelt hätte! An jedem Abend neu muss ich doch bekennen, dass ich wieder viel versäumt, viel Zeit vertan und meine Kraft und meine Wünsche an Dinge gehängt habe, die niemandem - oft nicht einmal mir selbst - gedient haben! Darum kann ich das nachfühlen und nachsprechen: "Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß."

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn Sie das jetzt so hören, spricht das nicht auch Ihnen aus dem Herzen? Und geht unser aller Erfahrung eben nicht so weiter: "Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt..."?

 

Haben wir das denn verdient? Müssen wir nicht auch staunen, dass Gott uns immer wieder einen neuen Morgen schenkt, einen neuen Tag, an dem wir wieder anfangen und es besser machen können?

 

Jetzt, da ich darüber rede und nachdenke, spüre ich: Uns ist etwas abhandengekommen in dieser Zeit! Wir können uns nicht mehr so wundern, nicht mehr so staunen, wie es die Menschen der Bibel noch konnten: "Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!" - "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" - "Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Uns ist so manches selbstverständlich geworden. Wir meinen, wir hätten Gottes Güte verdient. Wir denken, er müsse sich uns doch zuwenden, uns hören und helfen. Unser Gedächtnis ist kurz! Wem steht vor Augen, wie er früher einmal war, was er getan und wie er gedacht hat, ja, wer erinnert sich auch nur an das, was er vor Tagen versäumt oder erst gestern auf sich geladen hat?

 

Kein Mensch - und Gott schon gar nicht! - will, dass wir immer zerknirscht und mit gesenktem Kopf herumlaufen. Gewiss hat Gott uns in Jesus Christus alle Schuld unseres Lebens vergeben. Aber so ein wenig von dem, was die Alten Ehrfurcht genannt haben, stünde uns doch wohl an! Ein bisschen Staunen, etwas Verwunderung darüber, wie gütig Gott ist, wäre gewiss kein Verlust. Im Gegenteil. Ich meine, das täte uns und anderen gut! Wer sieht, wie groß Gottes Barmherzigkeit über ihm ist, der gewinnt viel Freude und den Mut, nun auch dankbar davon an die Mitmenschen weiterzuschenken! Wenn ich darüber staunen kann, wie freundlich Gott zu mir ist, dann werde ich auch anderen Gründe zum Staunen geben!

 

Aber Staunen und Wundern führen auch zur Hoffnung und können unsere Zuversicht stärken! Wenn mir unerwartet immer wieder von Gott geholfen wird, wenn ich immer wieder erleichtert sein kann, weil er mir vergibt, wenn ich seine Führung über meinem Leben nicht als verdient und darum selbstverständlich achte, dann werde ich auch mit Hoffnung und Zuversicht erfüllt: Gewiss wird sich Gott auch in Zukunft immer wieder als Helfer und Retter erweisen, wie er das schon so oft in meinem Leben getan hat!

 

Mit solchen Gedanken im Kopf und solchen Gefühlen im Herzen, sind wir nun doch gar nicht mehr so weit von solchen Worten entfernt: "Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen." Wo wir so reich beschenkt sind, da wollen wir wenigstens Geduld haben und dabei schon die "süße" Vorfreude empfinden: Gott wird uns nicht fallen lassen, "er hilft, wie er geholfen"! (EG 329,3) Der große Gott will mit uns zu tun haben, trotz aller Schuld, trotz unserer oft auflehnenden Art, trotz aller Selbstverständlichkeit, mit der wir sein Erbarmen hinnehmen. - Womit haben wir das nur verdient!?

 

Ich wünsche uns, dass wir darüber neu ins Staunen geraten, dass wir dankbar werden und dessen immer gewisser: "Der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte." AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Archiv