Predigt zum Sonntag "Sexagesimä" - 24.2.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Textlesung: Jes. 55, 6 - 12

 

Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Ein Pfarrer hat mir einmal erzählt, diese Verse wären der Grabtext gewesen, über den er bei seiner allerersten Beerdigung hätte sprechen sollen. Er hatte auch noch den ehemaligen Bürgermeister des Ortes zu beerdigen, in dem er erst seit einigen Wochen Pfarrer war. So viele Menschen in der Kirche waren, so viele standen auch noch einmal davor. Aber der Grund seiner Befangenheit damals wäre nicht so sehr die neue, noch ungewohnten Aufgabe oder die Größe der Gemeinde bei der Beerdigung gewesen, sondern eben dieses Wort: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR.

 

Wir können das sicher nachfühlen: Da soll einer den Menschen die Worte Gottes auslegen und er will das ja auch. Er hat dazu viele Jahre studiert und sich ausgebildet. Sicher hat er auch oft schon mit dem Wort Gottes gekämpft und gerungen, wenn er etwas nicht gleich verstehen konnte oder seinem innersten Glauben große Mühe machte. Aber er wollte doch predigen, wollte doch von Gott reden und zeugen und den Menschen die gute Sache nahebringen... Und dann so etwas: So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

 

Da fragt man sich doch wirklich: Was kann ein Mensch eigentlich verbindlich und gültig von Gott reden? Was verstehen du und ich denn schon von Gottes Gedanken? Ja, wie kommt einer dazu, sich anzumaßen, er wüsste irgendetwas von den Wegen Gottes oder auch nur irgendetwas mehr, als jeder andere? Warum soll denn ein Mensch, und hätte er Theologie studiert, hinaufreichen an das, was Gott uns sagen will? Wer ist denn so verständig oder auch nur verständiger als irgendein anderer?

 

Liebe Gemeinde, diese Fragen und Bedenken haben mich damals sehr beschäftigt. Und sie beschäftigen mich noch heute - immer wieder und gerade jetzt, da ich Ihnen diese Worte nahebringen soll: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken... Ja, und ich glaube, ich werde diese Fragen niemals los, solange ich predigen und anderen von Gottes Sache erzählen und verkündigen soll. Und ich denke fast, dass es gut so ist. Dann werde ich mich auch nicht überheben und nicht meinen, ich wüsste irgendetwas mehr oder besser als andere.

 

Aber auch schon der Anfang dieser Verse ist ja gewaltig: Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN... Wer gibt mir denn das Recht, Sie heute so anzusprechen? Und wer könnte denn einem Menschenwort - und das ist es ja zunächst, wenn es aus meinem Mund kommt - die Bedeutung und Verbindlichkeit geben, dass Sie oder irgendjemand darauf hören möchten?

 

Bevor ich sie nun ganz und gar verwirre, worauf will ich hinaus? Ich habe ja anscheinend doch einen Grund gefunden, der mich berechtigt, zu predigen, zu verkündigen, von Gott zu reden...auch wenn das nach diesem Prophetenwort ja eigentlich kein Mensch kann.

 

Liebe Gemeinde, es ist nicht nur ein Grund! Es sind einige! Vielleicht der erste und wichtigste ist dabei dies - und schon das gilt nicht nur für mich: Wir müssen ja davon reden, was Gott sagt und in dieser Welt tut! Nicht weil ich mit Predigen "meine Brötchen verdiene", und nicht weil Sie doch KirchgängerIn sind oder sich zur Gemeinde halten, sondern weil wir einfach von dem weitersagen müssen, was wir selbst mit Gott erlebt haben und täglich erleben. Vielleicht reicht es auch, wenn ich es so ausdrücke: Von Gott zu reden und von dem, was wir mit ihm erfahren haben, macht doch ganz große Freude und schenkt das unbeschreibliche Gefühl, wirklich wesentliche Gedanken mitzuteilen und zu den Menschen zu bringen, dazu Trost, Kraft, Erkenntnis, Wahrheit und Hilfe...

 

Und dass ich heute und immer wieder predige und verkündige und Sie zuhören, erhebt mich nicht über Sie. Ich glaube vielmehr, Sie verkündigen auch ihre Erfahrungen mit Gott. Sie stehen dazu nicht auf der Kanzel. Aber Sie sprechen doch auch von dem, was Sie mit ihrem Glauben erleben. Sie erzählen vielleicht Ihren Kindern oder Enkeln von der Hilfe, die für Sie immer wieder in Ihrem Leben darin lag, dass Sie Ihre Sorgen und Nöte im Gebet vor Gott gebracht haben. Vielleicht haben Sie ja auch schon manchmal - auch vor denen, die in Ihrer Nähe nicht in die Kirche gehen - vom Trost gesprochen, der für sie in einem Gottesdienst gelegen hat? Oder - das muss ja auch immer wieder einmal sein - Sie haben einem Menschen Ihrer Umgebung darüber die Meinung gesagt, warum Sie Ihrer Kirche angehören und in ihr bleiben, auch wenn das Kirchensteuer kostet.

 

Und Sie predigen auch ohne Worte! Ich meine übrigens, dass eine solche wortlose Verkündigung mindestens ebenso wichtig ist, wie die mit den Lippen! Dabei denke ich an das, was Sie tun: Ja, zum Beispiel der Kirchgang. Wenn Sie heute Morgen den Weg in Richtung Gotteshaus gegangen sind, dann sagt das doch denen, die Sie gesehen haben: Der oder die geht auch heute zur Kirche. Der oder dem muss das doch wichtig sein, diese Stunde am Sonntag! Und wenn Sie gar ein treuer Kirchgänger sind, den es nicht nur alle Jahre einmal umstände- oder gewissenshalber in seine Kirche verschlägt, dann ist Ihre Verkündigung der Taten noch viel wirksamer! Und sie stellt auch - genau wie jede rechte Verkündigung - immer wieder Fragen an alle, die es sehen. Solche Fragen: Warum gehe ich da nur so selten hin? Warum ist mir eigentlich Gott abhandengekommen? Und: Sollte ich vielleicht nicht auch wieder einmal...

 

Und wenn Sie Ihrem Nachbarn diesen oder jenen Dienst tun, ihn pflegen, für ihn waschen, ihm vielleicht putzen oder einkaufen, dann gibt das auch jedem, der es sieht und davon weiß ein Zeugnis ab, dass für Sie, christlich gesinnt sein, mehr ist, als eine Karteikarte im Pfarramt stehen zu haben. Davon mag auch schon manches Mal ein Anstoß ausgegangen sein, sich selbst auch ein wenig mehr im tätigen Christentum zu üben. - Sie sehen, wie wichtig auch die wortlose Predigt ist!

 

Aber ich will einen zweiten Grund nennen, warum ich meine, dass wir doch auch dieses gewaltige Wort Gottes, an das wir nicht mit unserem ganzen Herzen und Verstand heranreichen, in den Mund nehmen und aussprechen dürfen: "...das Wort, das aus meinem Munde geht, wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende." In Gottes Wort selbst liegt die Verheißung, dass es tut, wozu Gott es gesandt hat! Es soll gesagt werden! Es muss unter die Menschen! Gott aber will sein Wort selbst stark machen, dass es ausrichtet, wozu er es schickt.

 

Das kann uns nun ein wenig entlasten von dem bangen Gedanken, ob wir denn würdig und geeignet sind, von Gottes Sache zu sprechen, zu zeugen und zu predigen. Das Wort Gottes wird schon selbst tun, was es tun soll - wenn wir es nur aussprechen, wenn wir nur bereit sind, Bote, Botin dieses Wortes zu sein. Und darin - eben Bote zu sein, das Wort nicht zu verschweigen, sondern es in dieser Zeit und an die Menschen zu richten und so weiterzugeben, was ich von Gott weiß - darin liegt unsere Aufgabe und unsere Verantwortung!

 

Ein dritter Grund - und sicher noch nicht der letzte - dafür, beherzt und mutig das alles überragende Wort Gottes zu predigen, ist für mich die eigene Demut. Ich will erklären, was ich meine: Ich muss immer davon ausgehen, wenn ich Gottes Wort in dieser Welt zur Sprache bringe, dass auch ich selbst gemeint bin mit dem, was es sagt. Noch deutlicher: Ich soll das zuerst so hören und verstehen, als wäre das nur und gerade mir gesagt! Da ist ja gar nicht dieser oder jene gemeint, dem oder der Gott genau dieses oder jenes Wort zugedacht hat, für die das "passt", deren "Predigt das doch wieder einmal war", die "der Pfarrer heute aufs Korn genommen hat"... Nein: Ich bin angesprochen! Gott spricht mit mir nicht über andere. Er spricht zu mir, über mich - sehr persönlich! Und dann - erst dann! - wenn ich gehört und beherzigt habe, dann darf ich auch anderen das Gehörte weitersagen. Aber immer so, dass sie das spüren können, dass ich das Wort zuerst gehört und als Gottes Wort an mich verstanden habe.

 

Liebe Gemeinde, aus diesen Gründen und aus diesem Geist darf ich und dürfen Sie das große Wort Gottes aussprechen und zu den Menschen bringen:

 

Weil wir ja gar nicht schweigen können, wenn wir so viel Gutes mit diesem Gott erfahren haben und täglich neu erfahren.

 

Weil, wenn unser Herz voll ist, unser Mund einfach übergehen wird!

 

Weil Gottes Wort ja eigentlich nicht uns braucht und nicht fragt, ob wir würdig oder fähig sind, es weiterzusagen. Es wird vielmehr selbst tun, wozu Gott es sendet!

 

Und schließlich darum: Weil wir in rechter Demut zuerst hören und beherzigen, was Gott doch an uns persönlich gerichtet hat, bevor wir es anderen weitersagen. Aus solchen Herzen und aus solchem Geist dürfen wir sogar solche Worte Gottes sprechen: Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN... AMEN  

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 19.02.2019

     


Predigt zum Sonntag "Estomihi" - 3.3.2019

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

Textlesung: Lk. 18, 31 - 43

 

Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte.

 

Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

 

Liebe Gemeinde!

 

Es scheint so einfach mit dem Glauben dieses Menschen: Der Bettler schreit. Jesus bleibt stehen und lässt sich zu ihm führen. Jesus fragt: Was willst du? Der Bettler antwortet: Dass ich sehen kann. Und Jesus: Sei sehend! Und der Bettler sieht. -

 

Es scheint so einfach mit dem Glauben dieses Menschen - und es ist doch so schwer! Nicht allein, dass sie ihn anfahren: Halte den Mund! Nicht nur, dass er blind war und erst erfragen musste, wer da vorbeigeht. Aber dieses Vertrauen! "Ja, ich glaube, dass du mich sehend machen kannst! Ich will, dass du mir die Augen öffnest, denn du hast die Macht dazu! Ich weiß, du kannst Blinde heilen, du bist die Chance meines Lebens, du bist mir von Gott gesandt, mach' mich gesund!" Und Jesus tut es, kann es tun - weil der Blinde ihm diese Kraft zutraut: "Dein Glaube hat dir geholfen." Es scheint so leicht mit dem Glauben, mit dem Vertrauen, dass Jesus und seine Macht in ein Leben kommt...aber es ist so schwer!

 

Da ist ein anderer Mensch, in unserer Zeit. Ein Mann in den mittleren Jahren. Er hat eine gute Stellung. Jeden Morgen um acht fängt er an. Um halb fünf fährt er wieder nach Hause. 13. Monatsgehalt und zweimal im Jahr Urlaub - selbstverständlich! Aber Sinn empfindet er nicht dabei. So wie es jetzt geht in seinem Leben, ging es schon vor 20 Jahren. Und so wird es weitergehen bis zum Rentenalter. War das dann das Leben? Er müsste etwas finden, bei dem er spürt: Ich bin unentbehrlich! Das müsste mit Menschen zu tun haben. Jemand, der ihn braucht, einer, dem er leben hilft, einer, der ihm sagt: Wenn ich dich nicht hätte! Ganz in seinem Innern fühlt der Mann: Das ist genau, was Jesus von seinen Leuten verlangt. "Für andere Menschen da sein!" Aber dieser Auftrag ist so unbestimmt. Und außerdem hat er so gar keine rechte Verbindung mehr zu diesem Jesus und dem Glauben. Damals, in der Konfirmandenzeit, da hat ihn die Sache der Christen sehr begeistert. Wie lang ist das her! Wie soll man daran anknüpfen? Andererseits: So kann es auch nicht weitergehen! Dieses öde Leben! Die Tage, die so lang und leer sind. - Gestern hat er von dem alten Mann in seiner Straße gehört: Da wäre einer nötig, der hie und da einen Besuch macht oder eine Besorgung oder ihn einmal zum Arzt fährt. Der Alte ist viel allein, einsam und hilflos. Da wäre die Aufgabe. Wie macht man den Anfang? Soll man überhaupt? -

 

Liebe Gemeinde, ich glaube, hier geht Jesus in unserer Zeit bei diesem Mann vorbei. Er hat die Kraft, gesund und heil zu machen. Der Mann müsste nur rufen und Jesus würde antworten: "Was willst du, dass ich für dich tun soll?" Und dann könnte der Mann sagen: "Herr, ich bitte dich um Mut, die Aufgabe zu erfüllen, die du für mich hast. So - wie es ist - kann es nicht weitergehen. Ich bitte um Sinn, dass ich weiß, wofür ich da bin!" - Es scheint so einfach...

 

Da ist eine alte Frau. Sie wird bald am Ende ihrer Lebensreise sein. Es gab viel in ihren Jahren, das sie jetzt bedrückt. Ungeklärte Beziehungen, offene Schulden, Menschen, die sie verletzt hat und bei denen sie um Vergebung bitten müsste. Noch könnte sie manches tun: Einen Anruf am Telefon, ein Besuch, eine Einladung, einen Brief schreiben... Wo fängt sie an? Und dann: Manche leben gar nicht mehr, denen sie einmal Unrecht getan hat, andere sind ihr unerreichbar; sie hat sie aus den Augen verloren. Doch: Sie glaubt an Vergebung der Schuld! Sie weiß, sie kann davon frei werden, wenn sie nur das ihre dazu tut: Hingehen, sprechen, bitten... Ich glaube, auch bei ihr geht Jesus vorbei. Er könnte ihr helfen: "Was willst du, dass ich dir tue?" - So könnte sie antworten: "Herr, dass ich die Kraft kriege, meine Verhältnisse zu klären, alte Schulden zu begleichen, soweit das möglich ist, und, Herr, steh' du mir dann für den Rest ein, der bleibt!" - Es scheint so einfach...

 

Und da ist auch noch ein Jugendlicher, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt: Diese Zeit will ihn abspeisen mit Sachen. Der Computer und das Smartphone, die teuren Klamotten, die angesagten Turnschuhe sind die Dinge, von denen er glaubt, dass man sie haben muss. Die Jugendlichen und die Erwachsenen in seiner Umgebung leben ihm vor, worauf es - scheinbar - ankommt: Es zu etwas bringen, etwas aufbauen, etwas vorzeigen können an Geld und Gut. Selbst die Eltern kennen keine anderen Werte. Die Arbeit und der Verdienst waren immer wichtiger als das Spiel und das Gespräch mit den Kindern. Nur zu oft wurde er alleingelassen. Nur zu oft musste er hören: "Dazu habe ich jetzt keine Zeit!" Aus der Konfirmandenstunde hat er noch im Ohr: Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und eine Ahnung hat er auch, dass sein Weg nicht das Leben ist, jedenfalls keines, das zufrieden oder satt macht... Er will raus aus der Bahn, die ihm vorgezeichnet scheint. Seine Wahrheit aber ist, dass er keine Kameraden hat, die ihn hier verstehen, keine Eltern, die ihn dabei unterstützen, keinen Menschen in seiner Nähe, der begreifen wird, was er meint, wenn er sagt: "Das Mofa, die Lehrstelle, das Auto später und der Arbeitsplatz, das Geldverdienen und das Weiterkommen kann doch nicht alles sein, das kann doch nicht das wirkliche, das volle Leben und das wahre und ganze Glück bedeuten!

 

Ich glaube, auch bei diesem Jugendlichen geht Jesus vorbei. Er würde hören, wenn der Junge schreit: "Hilf mir! Mach' mich stark, dass ich nicht in die falsche Richtung gehe! Zeig' mir den Weg, schenk' mir die Wahrheit, gib mir ein Leben, das satt macht und zufrieden, und vor allem, geh' mit mir, dass ich standhaft bleibe und den Versuchungen unterwegs widerstehen kann!" - Er müsste nur schreien! Es scheint so einfach...

 

Liebe Gemeinde, ...und es ist doch so schwer! Dem Bettler damals wollten sie den Mund stopfen: "Sei still! Schrei' nicht so!" Dem Mann, von dem ich sprach, steht im Weg, dass er den Abstand zum Glauben und zu Jesus hat so groß werden lassen. Die alte Frau zögert, ihre Vergangenheit zu bereinigen, weil sie ja doch "nicht mehr alle erreichen kann", die sie um Vergebung bitten müsste. Der Junge hält sich für zu schwach, den rechten Weg zu gehen, und er sieht keine Hilfe. - Es ist so schwer!

 

Aber dennoch: Sie müssen nur schreien! Der blinde Bettler damals, als der Herr vorbeikam: "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" Der Mann, die alte Frau und der Junge im Gebet: "Hilf mir bei dem, was ich tun muss. Gib mir die Kraft, die ich brauche, Jesus!" Der Herr geht vorbei. Aber er muss hören und sehen, wo wir sind. Wir müssen schreien, wenigstes rufen, wenn er zu uns kommen soll. Dann wird er fragen: "Was willst du, was ich für dich tun soll?" Und dann können wir ihm unsere Not schildern. Ich bin sicher, dann hilft er: "Sei sehend! Hier, nimm die Kraft, die du für den Anfang brauchst. Da, empfange die Vergebung der Menschen und von mir. Ich will mit dir gehen, sei stark genug, in meiner Spur zu bleiben!" - "Dein Glaube hat dir geholfen!" Ja, ich denke, es ist der Glaube, der Jesus anruft und von ihm Hilfe erbittet. Es ist nicht erst ein Glaube, der zählt, wenn ich hinterher sagen kann, Jesus hat mir geholfen.

 

Als ich über diese Dinge länger nachgedacht habe, ist mir aufgegangen: Dieser Herr hat noch so viele Möglichkeiten, an uns und unserem Leben "vorüberzugehen". Und das geschieht auch immer wieder: Der Wandspruch im Krankenzimmer, auf den neulich mein Auge gefallen ist. Das gute Wort bei der Beerdigung vor Wochen, das ich nicht mehr vergessen konnte. Der Unglücksfall in meiner Familie, der mich so erschüttert hat. Die plötzliche Erkenntnis gestern, dass in meinem Leben viel nicht in Ordnung ist. Die unerwartete Freude vor ein paar Tagen, die mir gezeigt hat, dass es noch mehr in meinem Leben geben kann, als ich dachte. Mein Versagen in dem, was ich mir zum Jahreswechsel vorgenommen hatte, das mich jetzt so quält. Die Erfahrung von Einsamkeit und Angst, die mich nach neuen Beziehungen und Gemeinschaft suchen lässt. Die offene Äußerung meines Nachbarn kürzlich, die mich so verletzt hat, die aber doch ehrlich und zutreffend war.

 

Jeder von uns mag hier noch hinzufügen, wo Jesus zuletzt an ihm und seinem Leben vorbeigekommen ist. - Haben wir dann auch gerufen: "Jesus, erbarme dich meiner?" Haben wir die Gelegenheit genutzt oder fürchteten wir die Folgen, wenn er dann wirklich hört und vor uns hintritt und sagt: "Was willst du, das ich dir tun soll?"

 

Wir dürfen das nicht verharmlosen! Es ist schwer nach ihm zu rufen! Vielleicht sagen sie uns auch: "Sei doch still!" Vielleicht sind wir von uns aus zu ängstlich oder machen uns schwere Gedanken, was ein Leben mit diesem Herrn kosten könnte. Vielleicht denken wir ja auch, wir wären doch gar nicht würdig genug, dass er zu uns kommt und nach uns fragt.

 

Zu dem blinden Bettler ist Jesus damals hingegangen. Er musste nur schreien - schon hat Jesus gehört. Er war nicht zu wenig, dass der Herr ihn nicht gefragt hätte: "Was willst du, dass ich dir tun soll."

 

Ich wünsche uns den Mut, Jesus zu rufen, wenn er das nächste Mal bei uns vorbeigeht. Das kann morgen sein. Das kann in einer Woche sein. Das kann jetzt sein - in diesem Gottesdienst. Zu dem Bettler hat Jesus gesagt: "Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen." Unser Glaube ist der Mut, Jesus in unser Leben zu rufen. Er wird stehenbleiben und uns hören, zu uns kommen und uns helfen. AMEN

 

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Autor: Pfarrer Manfred Günther; Foto: Gert Holle - 19.02.2019